Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Als sie am Nachtessen saßen, knallte es unerwartet auf dem Hügel neben dem Hause, daß alle hoch auffuhren. Es waren die Knechte und einige Tagelöhner, die die Ehre der neuen Meisterleute der Welt verkünden wollten. Es liegt in diesem Schießen und Knallen bei Hochzeiten ein tiefer Sinn, schade nur, daß so manches Menschenleben dabei gefährdet wird. Kein widriges Horngeheul klang dazwischen, keine gräßliche Trosselfuhr, wie Neid oder Feindschaft sie Brautleuten bringen, störte den friedlichen Abend. Die Base gab allerlei Ermahnungen, hatte mitunter auch allerlei Späße, brachte Finkenschuhe, Handschuhe und was sie auftreiben konnte, um am frostigen Morgen vor Kälte sie zu schützen. Früh wollten sie fort. Uli wollte in seiner Heimat Hochzeit halten, wo Vetter Johannes wohnte. Er sagte, es koste dort weniger. Aber inwendig in ihm war etwas anderes, das ihn heimtrieb. Seine schöne Braut, das stattliche Fuhrwerk zeigte er gerne daheim. Man sollte daheim doch auch wissen, daß er aus einem Hudelbub ein Mann geworden, und er wollte es gerne erzählen zu Nutz und Frommen von Vielen, wer ihn dazu gemacht und wie.

Unerwartet rief Joggeli ihn noch ins Stübchen und sagte ihm: Rühmen und Flattieren sei nicht seine Art, so lange er dagewesen, habe er ihm nicht viel gesagt; aber daß er zufrieden sei mit ihm, das hätte er sehen und daraus abnehmen können, daß er ihm das Gut so gegeben, ein Fremder hätte es nicht so erhalten. Der Tochtermann habe ihm noch gestern geschrieben, er solle, statt so viel in die Schatzung zu geben, eine Steigerung darüber halten; er löse ein großes Kapital, das er ihm zu fünf oder sechs verzinsen wolle. Aber er wolle seine Sachen nicht versteigern, und was er geschrieben habe, das habe er geschrieben. Zum Zeichen der Zufriedenheit wolle er ihm aber noch etwas tun. Er solle das Päckchen nehmen, es sei etwas an die Kosten des morndrigen Tages. Er wisse, Uli sei huslich und halte jetzt besonders sein Geld zusammen, aber morgen solle er nicht sparen und sich gehen lassen. Huslichkeit sei eine schöne Sache, aber am Hochzeittage dürfe man nicht auf den Kreuzer sehen; wo es geschehe, sei es meist eine böse Vorbedeutung; wenn die junge Frau halb hungrig heimkomme und pläre, so komme das selten gut. Uli weigerte sich erst, dankte vielmals für alle schon erhaltenen Vergünstigungen, versprach noch einmal alles Gute und nahm es endlich doch, obgleich er es nicht bedürfe und dafür Geld gerüstet hätte. Da lachte die Mutter: Das werde ein Haufen sein, sie könne es sich schon denken; sie wisse, wie er es habe. Was er Ungerades zu einem Neutaler habe, das werde gerüstet sein, aber wechseln werde er kaum etwas lassen wollen. Ei, sagte Uli, wenn man das Geld genug verdienen müsse, so zähle man die Batzen, ehe man sie ausgebe, und jetzt könne er gar nicht begreifen, wie man an einem Tage so mir nichts dir nichts verhudeln könne, was man mit saurer Mühe während sechs Tagen an Wind und Wetter verdient habe. Ehedem hätte er es auch nicht so gehabt. Aber für morgen hätte er nicht sparen wollen und möchte gerne noch seinen alten Meister und dessen Frau einladen. Zwei Kronen oder sechzig Batzen sollten ihn nicht reuen. Da lachte das alte Ehepaar gar herzlich, selbst Joggeli, der es sonst selten tat. «Nu nu,» sagte er, «es ist nicht Gefahr, daß du um deine Sache kömmst, wenn du nie mehr brauchst und noch Leute zu Gast haben willst. Es ist gut, daß ich noch etwas nachgebessert, sonst hätte Kohli Hunger haben müssen, und du hättest noch manchen Tag ein saures Gesicht gemacht über das zu viel gebrauchte Geld, und ds Vreni, weil du ihm Hunger und Durst gelassen. Gute Nacht!»

Uli aber hatte keine gute Nacht. Früh um drei wollten sie fort. Der Stunden waren also wenige bis dahin, aber sie wollten nicht vorbei. Er konnte nicht schlafen, gar vieles bewegte ihn, warf ihn unruhig hin und her, und alle halbe Minuten griff er nach der Uhr. Die ganze Bedeutung, in die er treten sollte, wälzte sich in ihrer ganzen Schwere auf seine Seele. Dazwischen gaukelten liebliche Bilder, und Vreneli in seiner ganzen Holdseligkeit tanzte vor seinen geschlossenen Augen. Noch nicht lange war die Geisterstunde vorüber, als er das Bett verließ, um dem Pferde sein Futter zu geben und es gehörig zu putzen und zu striegeln. Als er mit dieser Arbeit fertig war, ging er zum Brunnen und begann das Werk auch an sich. Da umfingen ihn wieder schalkhafte Hände, und Vreneli brachte ihm den holden Morgengruß. Ein Vorgefühl hatte es zum Brunnen geführt, und sie kosten in kalter Morgenluft, als ob laue Abendwinde säuselten. Das Beängstigende, Drückende schwand ihm nun, und rasch förderte er die Vorbereitungen zur Abfahrt. Bald konnte er in die Stube zum warmen Kaffee, den Vreneli gekocht und zu dem die Base weißes Brot und Käse gerüstet hatte. Wenig Ruhe hatte das Meitschi am Tische, der Kummer, etwas zu vergessen, ließ es nicht rasten; das Zusammengelegte wurde immer wieder besehen, ob nichts fehle, und doch wären die Finkenschuhe der Base bald zurückgeblieben. Endlich stund es fix und fertig da, holdselig und schön. Die beiden Mägde, die der Gwunder aus dem Bette getrieben, umleuchteten es mit ihren Lampen und waren so in Bewunderung vertieft, daß sie vergaßen, daß das Öl Flecken mache, daß das Feuer zünde; bald wäre Vreneli in Öl getränkt im Feuer aufgegangen. Ach, in der armen Mägde fleischichten Herzen wogte das Verlangen: ach, wenn sie doch einmal so schöne Kleider hätten, so würden sie auch so schön sein wie Vreneli, dann könnten sie auch einmal mit einem so schönen Mann zHochzyt ryten!

Lange vor drei Uhr fuhren sie in den kalten, bereiften Morgen hinaus. Es ist seltsam, wie froh und frei es einem im Gemüte wird, wenn man des Hauses beengende Schranken verläßt, von den allenthalben einem entgegentretenden Geschäften sich wendet und hinaustritt in einen hellen Morgen Gottes. Da geht es einem weit vor den Augen auf, weit wird das Herz, und kühnen Mutes schlägt es dem Leben entgegen, dem Leben, rosenrot gefärbt durch das junge Morgenlicht. Wenn der Abend wiederkömmt, dann kehrt in die müden Glieder das Sehnen ein nach des engen Hauses Ruhe, jede kleine Mühe wird zum Berge, der seufzend bezwungen wird, und erst leuchtet das matt gewordene Auge wieder auf, wenn das düstere Häuschen sichtbar wird, wenn das dunkle Kämmerlein sich zeigt, wo Ruhe ist für die müden Glieder, wo das an Heimweh kranke Herz heilende Schranken findet. Fröhlichen Gemütes fuhren sie der Stunde entgegen, in der ihr Bund fürs Leben geheiligt werden sollte; ein fröhliches Vertrauen zu sich und Gott hatte sich auferbaut in ihren Herzen, sie zweifelten nicht an ihrem Glücke. Fröhlich küßte Uli sein Mädchen, er wußte, die verschwiegenen Sterne plauderten es nicht aus. Er hatte seine Freude an Vrenelis kalt angehauchten Wangen, die, sobald er sie berührte, zu schwellen und zu glühen begannen, als ob sie nur die Wölbung wären des geheimen Feuerherdes, der bei jedem männlichen Hauche zu flammen und zu sprühen beginnt. Er hatte den Mut, zu sagen: Das sei doch ein ander Küssen als auf Elisis kalte Backen, die ihm immer vorgekommen wären wie eine weseme Rübe, und es sei ihm immer gewesen, als müßte er den Pfnüsel bekommen, wenn er ihm ein Müntschi habe geben müssen. Vreneli nahm diese Rede nicht übel, fügte nur bei: Was dahinten sei, das sei gemäht, es wolle es vergessen. Aber für die Zukunft verbitte es sich das Untersuchen, ob andere Backen heiß oder kalt seien. Wenn er ihm ds Herrgetts wäre, so etwas zu machen, es wüßte nicht, was es anfinge, aber gut ginge es nicht. Unter solcher Rede und Gegenrede erbleichten die flimmernden Sterne und suchten ihre himmelblauen Bettlein, und die gute Mutter Sonne begann ihnen den goldenen Umhang darum aus funkelnden Lichtesstrahlen zu weben, damit ihr keusches Niedergehn, ihren unschuldigen Schlaf neugieriger Sünder Augen nicht beflecken möchten. Der Reif schüttelte seine Locken mächtiger; durch die Sonne von den Sternlein weg, dem dunkeln Schoß der Erde zu getrieben und von den himmlischen Liebchen verjagt, versuchte er mit irdischen zu kosen, wollte um Vreneli sich legen, seine kalten Arme schlingen um das warme Mädchen, sein weißer Hauch spielte schon in den Spitzen von Vrenelis Kappe. Das Mädchen schauderte zusammen und bat Uli, sich flüchten zu dürfen in ein warmes Stübchen nur einen Augenblick; es schüttle ihns durch und durch, sie kämen immer noch früh genug.

Uli lenkte alsobald unter einen Herberge darbietenden Schild, und Vreneli suchte Schutz vor dem kalten Liebhaber in einer Gaststube. Dort ist des Morgens gewöhnlich ein wüstes Sein, sie mahnt an eines Trunkenen Erwachen und Katzenjammer; indessen wenn es draußen kalt ist, so nimmt man vorlieb, auch wenn der Ofen nur verglimmende Wärme hat. Das Pferd war bald eingestallet, desto schwerer aber das Stubenmädchen zu wecken, welches das Aufstehen vor hellem Tage nicht liebte, nicht gerne sein abgeschossenes Angesicht zeigte, ehe die Sonne darauf scheinen konnte. Endlich kam es verstrupft dahergeschlarpet. Es war, als ob es bei jedem Schritt ein Bein oder gar beide verlieren müßte, und vor Gähnen konnte es lange, lange nicht fragen, was ihnen lieb wäre. Lange, lange gings, bis endlich der bestellte warme Wein kam, den man fast siedend trinken mußte, wenn man sich nicht verspäten wollte. Schon acht Batzen, dachte Uli, als er die Ürti hörte, und ein Batzen dem Stallknecht, macht neun. Es ist gut, daß mir Joggeli etwas beigeschossen, ich käme sonst mit fünfzig Batzen nicht aus! Somit zog er das Päckchen, das er für ein neutaleriges Münzpäckchen eingesteckt, hervor, klaubte es auf und wollte abschaffen. Als er es endlich offen hatte, waren lauter Fünfbätzler darin und fünfzig an der Zahl. Er war eigentlich erschrocken, als sie ihm so unverhüllt auf der Hand lagen, und sagte immer: «Lue doch, Vreneli, lue doch, was mir Joggeli gegeben! Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte ihm nötlicher gedankt.» «Das kannst du ja immer noch», sagte Vreneli, «das Beste ist, daß du es hast. Ich hätte das aber von Joggeli nicht erwartet. Mir hätte er auch etwas geben können. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich einen Kreuzer Geld habe, und doch weiß er wohl, wie bös das Zeichen ist, wenn eine Hochzeiterin kein Geld im Sack hat. Aber ich glaube, er möchte mir es gönnen, wenn ich mein Lebtag keinen Heller zum Brauchen hätte.» «Da,» sagte Uli, «nimm die Hälfte, es gehört dir wie mir.» «Nein, Uli,» sagte Vreneli, «was sinnest doch? Ich habe Geld genug, und wenn ich keines hätte heute, so wollte ich doch, Zeichen hin, Zeichen her, Geld haben, so lange als du welches hast. Zähle darauf, ich will ein freines Fraueli werden, wenn du ein Mann bist, wie es sich gehört; aber wenn du mich unterntun wolltest und vogten, daß ich nichts sagen, nichts haben sollte, so will ichs mit dir probieren, wer Meister werden soll. Du weißt nicht, wie bös ich sein kann. Ich habe mich mein Lebtag wehren müssen, es hat mich immer alles unterntun wollen, und niemand hat es gekonnt. Da kann ich das Wehren, und ich glaube immer, du brächtest so wenig ab als die Andern, ds Cunträri.» «Aber wir wollen nicht probieren», sagte Uli, «ich glaubs, ich käme zu kurz mit dir. Du kannst ja alle um einen Finger wickeln und sie merkens nicht einmal. Ja nicht einmal spaßen wollen wir darüber, liebs Meitschi, sonst hörts der Böse und sucht beim Einen oder beim Andern aus dem Spaße Ernst zu machen. Ich habe einmal meine Großmutter sagen hören, es sei von gar schwerer Bedeutung, was man am Hochzeitmorgen rede, und je näher man der Kirche komme, um so schwerer werde die Bedeutung. Da sollte man eigentlich an nichts anderes denken als an den lieben Gott und seine Engelein, wie die in Friede und Freude mit einander lebten und den Menschen alles Gute brächten und gönnten, und sollte nichts anderes reden als mit dem lieben Gott, daß er bei einem bleiben möchte am Abend und am Morgen, im Hause und auf dem Felde, im Herzen und im Wandel, und daß seine Engelein über einem wachen möchten jahraus jahrein, damit kein böser Geist Gewalt über einem bekäme und keiner zwischen Beide hineinkäme. Sie hat manchmal gesagt, wie es ihr angst geworden sei, als mein Vater und meine Mutter mit einander gelacht und im Spaß gestritten und viel Weltliches geredet. Da sei es nicht lange gegangen, so seien die bösen Geister gekommen, Beide seien früh in der Welt untergegangen, und wir seien arme Kinder geworden, allen Leuten im Weg und zweg zum Verderben, wenn sich nicht Gott ganz apart unserer erbarme. Gottlob, er hat es getan, aber der Großmutter Wort kann ich nicht vergessen, und je näher wir jetzt kommen, desto ernsthafter wird es mir im Herzen. Es ist mir fast und doch nicht ganz wie beim Sterben: da geht man auch so einem Tor entgegen und weiß nicht, was dahinter ist, und dahinter kann die Seligkeit sein oder die Hölle. Und wenn man schon mehr oder minder glaubt, es sei die Hölle oder die Seligkeit, die einem wartet, so weiß man doch nicht, wie die Seligkeit ist und wie die Hölle ist, und beide sind sicher viel anders, als man glaubt, die Seligkeit viel süßer, die Hölle viel bitterer. Da klopft mir das Herz immer mehr, ich muß mich fast schämen, und doch kann ich es nicht verbergen.»


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