Jeremias Gotthelf
Wie Uli der Knecht glücklich wird
Jeremias Gotthelf

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Neuntes Kapitel

Uli steigt im Ansehen und kommt Mädchen in den Kopf

Und Uli tat so. Er blieb sparsam, ward immer anschlägiger und emsiger und wuchs zugleich an Weisheit und Verstand und an Gnade bei Gott und den Menschen. Es war recht merkwürdig, auch äußerlich die Veränderung wahrzunehmen, die mit ihm vorgegangen. Er ging eigentlich erst jetzt recht aufrecht wie ein Mensch, man sah es ihm von weitem an, daß das kein Sauniggel sei; man nahm ihn sehr oft für einen Baurensohn und nicht für einen Baurenknecht, und zwar nicht bloß wegen der Kleidung und weil er eine silberne Uhrenkette hatte, sondern wegen seiner guten Haltung, seinem anständigen Betragen. Es redete jeder Bauer gerne mit ihm, fragte ihn: «Uli, was meinst?» Und seine Worte hatten eine Bedeutung. Er fühlte auch, daß sie eine Art von Gewicht erhielten; darum laferte er nicht mehr in den Tag hinein, sondern besann sich, was er sagte, wog seine Worte ab, so daß es schon hie und da hieß: «Ds Bodebure Ueli het gseit, er hets o gmeint.»

Er fühlte, daß er nicht mehr nur so ein arm Knechtlein sei, der nirgends sein sollte, sondern daß er in der Welt sich auf einen Platz gestellt, wo man ihn gerne sah, wo er etwas zu bedeuten hatte. Wie das alles so nach und nach kam und bei welchen einzelnen Anlässen, indem er dem Meister vor Schaden zum Nutzen war, Mängel an Rossen entdeckte, die der Meister kaufen wollte, günstige Witterung benutzte in seiner Abwesenheit usw., kann ich nicht erzählen, es wäre zu weitläufig. Er begann auch zu fühlen, daß man ganz anders auf die Erde trappe, auch sie mit andern Augen ansehe, wenn man ein Besitzer ist, als wenn man ein Habenichts ist. Es kömmt so eine Art ruhige Sicherheit, die bei Vielen in dummen Stolz ausartet, über den Menschen, wenn er angehängt hat an der Welt, das heißt wenn er Früchte seiner Arbeit, Ertrag seiner Kräfte vorgespart, Vorrat gewonnen hat auf künftige Jahre. Er fühlt: er ist nicht mehr ganz allen Winden, fremder Willkür preisgegeben, er ist schon selbständiger, mehr Herr seiner selbst. Er kann schon einige Krankheitswochen unbesorgt ertragen, kann einige Wochen ohne Meister sein, das macht ihn zufriedener, gelassener; er schießt auch nicht mehr herum, wie wenn er in einer Wesperen wäre, denn mit der innern Ruhe nimmt auch die äußere zu, und in dem Maße, als er wirklich zufrieden in seinem Inwendigen wird, wird er auch zufriedener mit seinen Meisterleuten. Und je mehr er zu etwas kömmt, um so mehr erkennt er den Wert der Dinge, huset nicht nur für sich, sondern es reut ihn überhaupt, etwas zu vergeuden, er huset also auch den Meisterleuten, um so zufriedener werden diese auch mit ihm. Es stellt sich sein Name fest: er ist ein hauslicher (sparsamer), arbeitsamer Bursche.

Was dieser Name bedeute und wie jeder Name auch seine Versuchungen herbeilocke, so wie jede Blume ein Insekt, jede Frucht einen Esser, das sollte er bald erfahren. Der Titel «Es ist ein huslicher Bursche» ist ein Lockvogel, und auf der Stelle finden sich, freilich nicht Insekten, sondern Mädchen ein, die den Vogel locken möchten.

Bei ihnen waren zwei Mägde, die Meisterjumpfere und die Untermagd. Die Erstere war griesgrämlich, gab nicht drei gute Worte im ganzen Jahr, häßlich, sie hatte haarichte Warzen im Gesicht und Blattergruben und rote Augen und weiße Lefzgen (Lippen) und eine blaue Nase; daneben war sie arbeitsam, sparsam und hätte für ihr Leben gerne einen Mann gehabt; aber ihre Liebe konnte sie nicht anders zeigen als durch Rauen und Knurren (so ein Gemisch von Hunde- und Katzengeschrei), und jedesmal rauete und knurrte sie mit dem am meisten, den sie am liebsten gehabt hätte. Es schien, als ob sie alle Augenblicke auf ihn schießen, ihn kneipen, kratzen oder beißen wollte. Die sagte: Erst wenn sie einen Mann hätte, sei es sich recht der wert, zu arbeiten und zu sparen; dann wolle sie zeigen, daß mit Husen sie Keine möge.

Die Andere aber war ein leichtfertig Ding mit leichtfertigem Gemüt, leichtfertigem Gesicht, leichtfertigem Leibe: alles schön rot und weiß angestrichen, glatt gerieben, und die Augen wußte sie so süß zu stützen und den Mund so süß zu spitzen, daß es jeden dünkte, er müßte daran kleben bleiben. Sie putzte sich gerne, arbeitete um so ungerner, wußte nichts von Sparen; gut Leben war ihr um so lieber, aber am allerliebsten wäre ihr ein Mann gewesen. In einem Mann dachte sie sich Heil, Glück, Seligkeit, kurz alles beieinander. Die knurrte nicht und biß nicht, die wußte sich anlässig zu machen und strich an einem herum wie eine Katze, wenn sie bei guter Laune ist. Die meinte, wenn sie einmal einen Mann hätte, so wollte sie ihn lieb haben wie Keine, und dann wollten sie es sich recht wohl sein lassen. Es zwings kei Tüfel länger zu dienen, bis es einen Mann hätte; dann wolle es kochen, was ihm gschmöcke, und aufstehen, wenn es ihm gefalle.

Beide richteten ihre Augen auf Uli und wollten ihn glücklich machen, Beiden gefiel er. Die Erste meinte, der werde ihr husen helfen, die Zweite, der werde husen, daß sie mit ihm glücklich sein könne, das heißt daß sie nichts zu tun brauche und doch alles habe, nach was es sie gelüste.

Beide warfen ungefähr zu gleicher Zeit nach dem Glücklichen ihre Netze aus.

Stini (Christine) zankte allemal mit ihm, wenn er in der Küche mit einem Schwefelholz oder auch mit einem Span die Tabakpfeife anzünden wollte: Seine Finger wären nicht zu vornehm, ein Köhli zu nehmen, er werde sie einmal nicht verbrennen darob. Es schnauzte ihn allemal an, wenn er Öl in die Laterne wollte; bald füllte er das Ampeli zu sehr, bald kam ein Tropfen daneben. Er werde noch anders müssen husen lernen, sagte Stini. Seine Lederschuhe stunden oft eine Woche lang zum Salben in der Küche, Stini rührte sie nicht an. Es tue ihm sauft, die Holzböden zu tragen; was mangle er, um das Haus herumzustopfen, Lederschuhe? Das sei ihm eine neue Mode! Stini hoffte, wenn Uli keine Lederschuhe habe, so müsse er daheim bleiben. Wenn zuweilen nach dem Feierabend die Knechte noch auf den Bänken vor dem Hause saßen, so jagte Stini sie ins Bett. «Kein Wunder,» sagte es Uli, «daß du am Morgen so dr Faulhung machst, wennd am Abe nie is Nest wottst; aus dir gibts dir Lebetag nüt.» Der Meisterfrau redete Stini beständig von Uli, aber unter lauter Schimpfen und Schelten; es war nichts recht, was er machte, so daß die Meisterin manchmal sagte: «Aber Stini, ich weiß gar nicht, was du über Uli hast; er tut doch niemand etwas zuleid und ist einer von den brävsten Bursche, wo es gibt, einen tölleren sieht man nicht.»

Ürsi (Ursula) machte es ganz anders. Ürsi flattierte, machte süße Büschelimüli, stund ganz nahe unter die Augen, hatte immer bei Uli was zu tun: entweder mußte es ihm helfen oder er ihm, es neckte ihn, bis er ihns anrühren, mit ihm ringen mußte. Bald wollte es ihm das Nastuch stehlen, bald eine Blume ab dem Hut, wollte ihm süße Äpfel zustecken oder teigge Biren. Beim Kornmähen wollte es ihm nachlegen und hatte immer ein gutes Wort für ihn auf der Zunge und eine Liebeserklärung in den Augen. Es wolle einen Mann, sagte Ürsi oft, und der solle es gut haben bei ihm; man lebe ja nur einmal, und da wäre man ja einfalt, wenn man miteinander bös haben nicht miteinander glücklich sein wollte.

Natürlich sagte es Beiden der weibliche Instinkt bald, daß sie Nebenbuhlerinnen seien, und jede suchte die Andere auszustechen.

Stini schimpfte über die Mannevölcher, welche einem jeden Schlärpli nachliefen und beim Weiben nur auf das Gfräß (Gesicht) sähen, und sagte Uli, er sei gerade einer von den Dümmsten und Nichtsnutzigsten, er sei eigentlich gar nicht wert, daß ein braves Mönsch sich mit ihm abgebe. So einer, der so eim wie dem Ürsi, dem liederlichsten Uflat, nachsehe und sich mit ihm abgebe, dem sött me dHose achela. Mit so eim zähl es sich dann notti nicht zusammen. Wenn es schon kein solch Gesichtli hätte, das man nicht an der Sonne brauchen könne, wenn es nicht abschießen solle, so hätte es doch zwei Dutzend Hemder und sieben Paar Sommerstrümpfe und fünf Winterstrümpfe (einer sei ihm verloren gegangen), vier Kittle, zwe verfluecht brav und zwe minger, und dann Geld hätte es auch noch, es sage nicht wieviel. Aber wenn es mit eim anfinge zu husen, so für zwei Bett und zwei Kühe und vielleicht für ein Schaf auch noch brauchte der keinen Kummer zu haben. Das wär doch dann öppis angers als son es Plätterfüdle, wo nit emal Geld hätte für Stroh z'kaufe, wenn es es einmal wischen möchte. Es könnte viel noch sagen, aber es sei kein so Anlässiges, das meine, es müsse einmal mannen; es hätte zu leben, und sein lediger Leib sei ihm auch noch etwas wert. Allbets hätte es schon lange einen Mann gehabt, und vor zwanzig Jahren hätte es mehr als einmal mannen können, aber jetzt sei nichts mehr zu machen, unter Hunderten gäbe es keinen vernünftigen Bursch mehr; son e Mistmore sei heutzutage allen lieber als es bravs Mönsch mit einer guten Hinterlag. Zu einer solchen Rede machte es gewöhnlich ein Gesicht, daß man junge Katzen hätte erstecken können, und ließ Kräuel hervor, daß ein Lämmergeier schalus geworden wäre.

Ürsi war nicht halb so böse über Stini, sondern lachte und spottete über dasselbe, führte es aus, wie gerne es mannen möchte, aber gäb wie es seine Augzähne hervorstrecke einem Eber zTrotz, wolle ihm Keiner daran bhangen. Es schnürfle zNacht, daß es Späne absprenge an der Wand, und brülle manchmal geradeaus mitts in der Nacht. Und wenn es dann frage, was es so brülle, so schreie es: «Es het mr ertraumt, es heyg mih eine la hocke, u ih ha scho gmeint, ih heyg ne.» Hemder habe es in der Nacht an, wo siebni keinen Ofenwüsch gäbten; anstatt Gloschleni ziehe es Hudlen an einen Faden wie Bohnen, binde sie dann um den Leib und rühme, wie die grusam warm gäbten. Wenn es an einem Morgen Stinis Strümpfe anziehen sollte, so könnte es die ganze Nacht aus Angst nicht schlafen, ob es je zum Fürfuß kommen könnte, denn an manchem Ort seien sie fast zringsum abenandere und hingen nur an einzelnen Fäden, daß es das größte Wunder sei, wie es sie noch an die Beine bringen könne. Es nähme es nur wunder, wo es mit dem Geld hinkomme; es schaffe nichts an und hätte doch nie fünf Kreuzer beieinander. Es wollte nur, es ließe sich einer anschmieren durch Stini und nähmte es, in der Hoffnung, er kriege eine reiche Frau; der könnte ihns lächern, wenn er Hudlen zu erlesen bekäme statt Geld zu zählen. «Uli, das wäre eine für dich,» sagte dann Ürsi, «da könntest du eine Nase voll usenäh, daß du den Säumist nicht mehr riechen würdest, nicht einmal den Kuhdreck; du hättest sie dein Lebtag voll genug von der Frau. Ich rühme mich nicht halb so als das Stinkloch; aber es wäre mir doch noch ein himmelweiter Unterschied, eine süferliche Frau zu bekommen, als so ein Mistloch, so ein ungewaschenes Tier; es gruset mich alle Nächt, wenn ich zu ihm ins Bett muß, und es kötzeret mich allemal, wenn es kochet und nicht die Meisterfrau.»


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