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14.
Auf der Folter

Als sein Schwiegervater sich vor dem Vorsitzenden verbeugte und hinausging, hatte Michael den heftigen Wunsch unterdrückt, bravo zu schreien. Wer hätte geglaubt, daß sich der alte Herr so ins Zeug legen würde? Er hatte sie gründlich in Harnisch gebracht. Eine längere Pause folgte, während der sie alle weidlich durcheinander schimpften, bis schließlich sein Nachbar, Mr. Sawdry, sich Gehör verschaffte.

»Nachdem der in dieser Sache verwickelte Aufsichtsrat zurückgetreten ist, habe ich die Ehre, ein Vertrauensvotum für die übrigen Herren des Aufsichtsrates vorzuschlagen.«

Michael sah, wie sich sein Vater erhob, lächelnd und ein wenig affektiert, und sich vor dem Vorsitzenden verbeugte. »Ich betrachte auch meinen Rücktritt als angenommen; wenn Sie gestatten, ziehe auch ich mich zurück und werde Mr. Forsyte Gesellschaft leisten.«

Irgend jemand sagte: »Ich werde mich freuen, das Vertrauensvotum zu unterstützen.«

Michael drückte sich an Mr. Sawdrys Knien vorbei und gewann den Ausgang. Von dort konnte er sehen, daß fast jede Hand sich zu Gunsten des Vertrauensvotums erhoben hatte, und mit dem Gedanken, ›den Aktionären zum Fraß vorgeworfen‹, verließ er das Haus. Sein Taktgefühl verbot es ihm, jene beiden aufzusuchen. Sie hatten ihre Würde gerettet, aber alles übrige war beim Teufel.

Während er westwärts eilte, dachte er über die ungeschlachten Methoden der Justiz nach. Gewiß hatten die Aktionäre einen Grund zur Klage, und irgend jemand mußte das schwarze Schaf sein, um ihrem Gefühl für Billigkeit Genüge zu leisten. Sie hatten sich in den alten Forsyte verbissen, der doch von allen am wenigsten zu tadeln war; wenn nur Bart seinen Mund gehalten hätte, hätten sie ihn sicher in das Vertrauensvotum eingeschlossen. Alles ganz natürlich und unlogisch; – und schon vier Uhr!

›Falsches Spiel‹! An diesem Tag der Veröffentlichung des Buches war sein Gefühl für Wilfrid in alter Stärke erwacht. Der arme liebe Wilfrid! – alles, was nur möglich war, sollte für sein Buch geschehen. Es mußte durchgesetzt werden!

Nachdem er bei zwei großen Buchhändlern vorgesprochen hatte, ging er in seinen Klub und schloß sich in die Telephonzelle ein. Früher war man in der Droschke von einem zum andern gefahren. Anklingeln ging jedoch rascher. Nach endlosen Verdrießlichkeiten spürte er Sibley, Nazing, Upshire, Master und ein halbes Dutzend anderer Erlesener auf. Er schlug eine wohlüberlegte Note an, die geeignet war, sie zu rühren. Das Buch, sagte er, würde ganz gewiß die alte Garde ärgern und den Pöbel im allgemeinen; die Kenner müßten ein wenig die Werbetrommel rühren. Zu jedem von ihnen sprach er so, als wäre gerade dessen Lob allein ausschlaggebend. »Lieber Junge, wenn du das Buch noch nicht besprochen hast, tu es doch bitte! Natürlich kommt es in erster Linie auf dich an.« Und bei jedem fügte er hinzu: »Es liegt mir absolut nichts daran, ein Geschäft zu machen, aber Wilfrid muß unbedingt die ihm gebührende Anerkennung finden.« Und es war ihm Ernst damit. Während dieser Stunde in der Telephonzelle war der Verleger tot in Michael, nur der Freund war lebendig und enthusiastisch. Als er total erschöpft herauskam, rann ihm der Schweiß von der Stirn; es war halb sechs.

›Eine Tasse Tee und nach Hause! dachte er. Um sechs stand er vor seiner Tür. In der jenseitigen Ecke kauerte Ting-a-ling, vollkommen unbeachtet

»Was ist denn los, Alterchen?«

Als Antwort kam ein Laut von oben, ein langgezogenes, leises Stöhnen, das ihm das Blut gefrieren machte.

»O Gott!« keuchte er und rannte hinauf.

Annette trat ihm in der Tür entgegen. Er begriff unklar, daß sie französisch sprach, ihn ›mon cher‹ nannte und vernahm die Worte: ›vers trois heures …Der Arzt sagt, es sei kein Grund zur Aufregung – alles geht gut‹ Wieder jenes Stöhnen, die Tür wurde ihm vor der Nase zugemacht; sie war fort Michael blieb auf der Türmatte stehen und grub die Nägel tief in die Handflächen, während ihm der kalte Angstschweiß herunterrann.

›So wird man Vater!‹ dachte er, ›so wurde auch ich geboren!‹ Dieses Stöhnen! Er konnte es nicht ertragen, dort zu bleiben, und er getraute sich auch nicht fortzugehen. Es konnte ja noch Stunden dauern! Fortwährend wiederholte er sich: ›Kein Grund zur Aufregung – kein Grund zur Aufregung!‹ Wie leicht gesagt! Und wie bedeutungslos! Auf der Suche nach einem Trost für seine Gedanken und sein Gemüt verfiel er auf den sonderbarsten Trost, der ihm nur einfallen konnte. Angenommen, dieses Kind wäre nicht seines gewesen – wäre – wäre Wilfrids gewesen; was hätte er wohl dann empfunden, hier draußen vor der Tür? Es hätte – es hätte ja so leicht sein können – da heutzutage nichts mehr heilig war! Nichts als – jawohl, nur das, was einem teurer war als das eigene Selbst – nur das, was dort drinnen lag und stöhnte. Er konnte es vor der Tür nicht mehr ertragen und ging hinunter. Eine Zigarre im Munde, wanderte er immer wieder quer über den kupfernen Fußboden, sich in ungewisser, rebellischer Angst verzehrend. Warum mußte das Gebären so schwierig sein? Und die Antwort lautete: Aber in China ist es ja anders! Den Glauben haben, daß nichts von Bedeutung sei – und dann mußte man so etwas erleben! Etwas, das um solchen Preis geboren wurde, mußte, sollte von Bedeutung sein. Darauf mußte man halten! In Michaels Hirn erstarb jede Überlegung, er stand nur da und lauschte, aufs äußerste angespannt. Nichts! Er konnte es dort unten nicht ertragen und ging wieder hinauf. Zuerst kein Laut, und dann wieder das Stöhnen! Diesmal floh er in sein Arbeitszimmer und wanderte umher, wobei er Aubrey Greenes Karikaturen betrachtete. Er tat es in völliger Geistesabwesenheit, bis ihm plötzlich der alte Forsyte einfiel. Man mußte es ihm mitteilen!

Er läutete die ›Connoisseurs‹, den ›Remove‹ und die Klubs seines Vaters an, falls sie beide nach der Versammlung dorthin gegangen sein sollten. Er erreichte ihn nirgends. Es war halb acht. Wie lange sollte das noch dauern? Er ging zur Schlafzimmertür zurück, konnte nichts hören. Dann wieder in die Halle zurück. Ting-a-ling lag jetzt bei der Haustür. ›Beleidigt!‹ dachte Michael, strich ihm über den Rücken und leerte mechanisch den Briefkasten. Nur ein Brief – Wilfrids Schrift! Er ging damit zum Fußende der Treppe und las, nur halb bei der Sache, während er gleichzeitig mit seinen Gedanken oben war.

 

›Lieber Mont! – Ich beginne morgen mit dem Versuch, Arabien zu durchqueren. Vielleicht freust Du Dich, eine Zeile von mir zu erhalten für den Fall, daß Arabien mir einen Strich durch die Rechnung macht. Ich bin wieder bei Sinnen. Die Luft hier ist zu klar, um irgendein Gefühl aufkommen zu lassen, und im Exil stirbt die Leidenschaft bald ab. Ich bedaure, Dich so sehr beunruhigt zu haben. Es war ein Fehler von mir, nach dem Krieg nach England zurückzukehren, mich dort herumzutreiben und ein Gefasel zu produzieren, das eleganten jungen Frauen und Tintenklecksern imponierte. Armes altes England – es steht ihm eine schlimme Zeit bevor. Ich schicke ihm meine Grüße, wie auch euch beiden.

Stets Dein
Wilfrid Desert.

PS. Wenn Du das Manuskript, das ich zurückließ, veröffentlichst, so sende etwaige Tantiemen an die Adresse meines Vaters. – W. D.‹

 

Nur halb bei der Sache, dachte Michael: ›Also das wär erledigt! Und gerade heut kommt das Buch heraus!‹ Seltsam! Hatte Wilfrid recht – war eine arge Geschmacklosigkeit – die ganze Tintenkleckserei? Verschlimmerte man nicht dadurch nur Englands Krankheit? Sollten sie nicht alle Kamele besteigen und reiten bis zum Sonnenuntergang? Und dennoch spendeten die Bücher Trost und Ablenkung, und die hatte man nötig! England mußte weiterleben – weiterleben! ›Kein Zurück, kein Zurück, siegen oder sterben, denn es gibt kein Zurück!‹ … Gott! Da war es schon wieder! Er floh wieder die Treppe hinauf, mit wildem Blick und sich die Ohren zuhaltend. Die Laute verstummten. Annette kam zu ihm heraus.

»Ihr Vater, mon cher, versuche ihren Vater zu finden!«

»Ich hab schon – unmöglich!« keuchte Michael.

»Versuch doch Green Street – Mrs. Dartie. Courage! Alles geht normal – jetzt wird es sehr bald zu Ende sein.«

Nachdem er Green Street angeläutet und zuletzt Antwort erhalten hatte, saß er in seinem Arbeitszimmer bei geöffneter Tür und erwartete den alten Forsyte. Halb geistesabwesend nahm er wahr, daß er ein rundes Loch in seine Hose gebrannt hatte – er hatte nicht einmal den Geruch bemerkt, ja nicht einmal gewußt, daß er geraucht hatte. Für den alten Herrn mußte er sich zusammenraffen. Er hörte die Klingel und lief hinunter, um zu öffnen.

»Nun?« fragte Soames.

»Noch nicht, Sir. Kommen Sie in mein Zimmer hinauf. Es ist näher.«

Sie gingen nebeneinander hinauf. Dieser tadellose graue Kopf, mit der tiefen Furche zwischen den Augen, und diese starrblickenden Augen, die einen Schmerz zu verhüllen schienen, beruhigten Michael. Armer alter Kerl! Es war auch schwer für ihn! Sie waren beide vollkommen hilflos!

»Möchten Sie einen Kognak, Sir?«

»Ja«, sagte Soames, »irgend etwas.«

Sie horchten, die Gläser in den halberhobenen Händen – führten sie mit einem Ruck zum Mund, tranken. Sie machten den Eindruck von Automaten, von zwei Puppen, die an denselben Drähten hingen.

»Eine Zigarette, Sir?« fragte Michael.«

Soames nickte.

Die angezündeten Zigaretten knapp vor dem Mund, horchten beide, steckten sie zwischen die Lippen, nahmen sie wieder heraus, bliesen den Rauch vor sich hin. Michael preßte den rechten Arm quer über die Brust. Soames den linken. Wie sie so nebeneinander saßen, wirkten sie ornamental.

»Schwer zu ertragen, Sir. Tut mir leid!«

Soames nickte. Er biß die Zähne zusammen. Plötzlich wurde seine Hand locker.

»Hör nur!« sagte er. Geräusche – verschiedene – durcheinander!

Michaels Hand faßte etwas, packte es fest; es war kalt, mager – die Hand von Soames. So saßen sie Hand in Hand und starrten nach der Tür, wie lange, wußte keiner von beiden.

Plötzlich verdunkelte sich der Türeingang; eine Gestalt in Grau stand dort – Annette!

»Alles gut überstanden! Ein Sohn!«


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