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9.
Soames pfeift auf alles

Während des Monats nach dem Empfang von Eldersons Brief alterte Soames um mehr als dreißig Tage. Er hatte seine Politik der Enthüllung einem zweifelnden Aufsichtsrat aufgezwungen, die außerordentliche Generalversammlung war einberufen worden, und genau wie vor dreiundzwanzig Jahren, als er die Scheidung von Irene betrieben und sich der Kritik des Publikums hatte aussetzen müssen, so litt er jetzt Tag und Nacht aus Furcht vor dieser Kritik, die nie scharfsinnig oder gerecht war. Die Franzosen hatten, ein Sprichwort: ›Les absents ont toujours tort‹, aber Soames zweifelte ernstlich daran. Elderson würde bei dieser Versammlung der Aktionäre nicht anwesend sein, aber wenn ihn nicht alles trog, würde er, der anwesend sein würde, allen Tadel einstecken müssen. Auf die Franzosen war kein Verlaß. Infolge seiner Sorge um Fleur und seiner Befürchtungen wegen des Publikums schlief er schlecht, aß wenig und fühlte sich nicht auf der Höhe. Annette hatte ihm geraten, einen Arzt aufzusuchen. Wahrscheinlich tat er es deshalb nicht. Soames glaubte an die Kunst der Ärzte bei andern, pflegte jedoch zu sagen, daß sie ihn niemals geheilt hätten, vielleicht, weil es bisher noch nicht nötig gewesen war.

Da ihre Anregung nicht befolgt und Soames jeden Tag unzugänglicher wurde, gab ihm Annette ein Buch über Coué. Nachdem er es durchflogen hatte, wollte er es im Zug liegen lassen, aber die Theorie, so verrückt sie ihm auch vorkam, ließ ihn nicht mehr los. Schließlich, Fleur übte es ja auch; und die Sache kostete nichts; vielleicht war doch etwas dran! Und so war es auch. Nachdem er sich in jener Nacht fünfundzwanzigmal vorgesagt hatte, daß es ihm besser und besser ginge, schlief er so gut, daß Annette im Nebenzimmer fast überhaupt nicht schlafen konnte.

»Weißt du, mein Freund«, sagte sie beim Frühstück, »gestern nacht hast du so geschnarcht, daß ich den Hahn nicht krähen hörte.«

»Wozu brauchst du den Hahn zu hören?« fragte Soames.

»Na, nichts für ungut – wenn du nur gut geschlafen hast. War es mein kleiner Coué, der dir so einen schönen Traum beschert hat?«

Soames vermied eine Antwort, weil er weder Coué noch sie ermutigen wollte; aber er fühlte sich so merkwürdig sicher, als ob es ihm ganz einerlei wäre, was die Leute über ihn sagten. ›Heute nacht werd ich es wieder tun!‹ dachte er.

»Weißt du«, fuhr Annette fort, »daß du gerade das rechte Temperament für Coué hast, Soames? Wenn du dich davon befreien kannst, dir Sorgen zu machen, wirst du sogar dick werden.«

»Dick!« sagte Soames und blickte auf ihre rundlichen Formen. »Eher lasse ich mir noch einen Bart wachsen.«

Bärte und Fett ansetzen war für ihn mit dem Begriff Franzose verknüpft. Er würde gut auf sich selbst aufpassen müssen, wenn er fortführe mit dieser – eh – wie sollte man's nur nennen? – Narretei war kaum das rechte Wort, wenn man sich mit der Sache befreunden wollte, trotzdem man – kaum glaublich! – fünfundzwanzig Knoten in ein Stückchen Bindfaden machen mußte. Das war ganz französisch, wie Rosenkranzbeten! Er selber hatte nur an seinen Fingern abgezählt. Das Gefühl der Sicherheit hielt während der ganzen Fahrt nach London an; er war fest überzeugt davon, daß er im Zugwind sitzen könne, ohne daß es ihm schade, und daß Fleur unbedingt einen Sohn bekommen werde; und was die P. P. R.G. beträfe, so war zehn zu eins zu wetten, daß sein Name in keinem Rechenschaftsbericht genannt werden würde.

Nach einem zeitigen Lunch und weiteren fünfundzwanzig Beschwörungen, während er seinen Kaffee trank, machte er sich auf den Weg nach der City.

Die heutige Aufsichtsratssitzung, gerade eine Woche vor der außerordentlichen Versammlung der Aktionäre, kam ihm wie eine Generalprobe vor. Die Einzelheiten einer Konfrontation mußten arrangiert werden, und Soames war es in der Hauptsache darum zu tun, die Sache nicht ins Persönliche entarten zu lassen. Er war unbedingt gegen die Enthüllung der Tatsache, daß die Geschichte des jungen Butterfield und Eldersons Brief ihm anvertraut worden waren. Die zu gebrauchende Phrase sollte sein: ›Ein Mitglied des Aufsichtsrates.‹ Weiter brauchte man seiner Meinung nach nicht zu gehen. Eventuelle Erklärungen würden natürlich Sache des Vorsitzenden und des ältesten Aufsichtsrates, Lord Fontenoy, sein. Es stellte sich indessen heraus, daß die Aufsichtsräte ihn für die richtige Person hielten, die Sache ins Rollen zu bringen. Kein anderer, behaupteten sie, könnte der Sache so viel persönlichen Nachdruck und die nötige Glaubwürdigkeit verleihen; der Vorsitzende sollte den Fall kurz erklären und dann Soames das Wort erteilen, alles, was er wußte, zu sagen. Lord Fontenoy betonte das besonders.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen, Mr. Forsyte. Wenn Sie nicht so vorgegangen wären, würde Elderson heute noch dasitzen. Von allem Anfang an haben Sie ihn in Schrecken versetzt und bei Gott! ich wollte, Sie hätten es unterlassen. Das ganze ist eine fatale Geschichte! Er war ein tüchtiger Mensch, und er wird uns fehlen. Unser neuer Mann ist nichts im Vergleich zu ihm. Und wenn Elderson sich auch mit ein paar Tausend hat schmieren lassen, so hat er es ja von den Deutschen genommen.«

Altes Paradestück! Soames erwiderte säuerlich: »Und die Viertelmillion, die die Aktionäre durch ihn verloren haben wegen dieser paar Tausend? Bagatelle, nicht wahr?«

»Na, es hätte ebenso gut ein Treffer sein können; im ersten Jahre war es ja so. Wir alle ziehen manchmal eine Niete.«

Soames blickte von einem Gesicht zum andern. Sie unterstützten diese herausfordernde Haltung nicht, aber er spürte in allen, den alten Mont vielleicht ausgenommen, einen dumpfen Groll gegen sich. Ihre Mienen schienen zu sagen: ›Nichts dergleichen ist je geschehen, ehe Sie Aufsichtsrat wurden.‹ Er hatte ihre Bequemlichkeit gestört, und darum mochten sie ihn auch nicht leiden. Sie waren ein ungerechtes Pack! Er sagte trotzig: »Sie überlassen es also mir, nicht wahr? Auch gut!«

Was er damit sagen wollte oder ob er überhaupt etwas damit sagen wollte, wußte er nicht, aber sogar das ›alte Paradestück‹ war danach höflicher. Als er jedoch die Sitzung verließ, hatte er jedes Gefühl der Sicherheit verloren. Und ebenso würde er am nächsten Dienstag dastehen, dem Gegaffe des Publikums preisgegeben.

Nachdem er sich nach Fleurs Befinden erkundigt hatte, die ziemlich elend zu Bett lag, kehrte er nach Hause zurück mit dem Gefühl, verraten worden zu sein. Es schien ihm nunmehr, daß er sich denn doch nicht auf den Kerl mit den fünfundzwanzig Knoten verlassen konnte. Wenn auch er für sich viel fester werden könnte, so stand es offenbar nicht in der Macht seines unterbewußten Selbst, seine Tochter, seinen Ruf und möglicherweise auch sein Vermögen zu beeinflussen. Beim Dinner war er schweigsam und ging danach in seine Bildergalerie hinauf, um nachzudenken. Eine halbe Stunde lang stand er am offenen Fenster, allein mit dem Sommerabend. Und je länger er dort stand, um so klarer wurde es ihm, daß die drei ja eigentlich eines waren. Wenn es nicht um seiner Tochter willen war, was lag ihm sonst an seinem Ruf und seinem Geld? Sein Ruf! Diese Narren – wenn sie nicht einsehen konnten, daß er, soweit es ihm nur möglich gewesen, ehrlich und vorsichtig gehandelt hatte – um so schlimmer für sie! Sein Vermögen – na, er würde wohl am besten sofort eine weitere Verfügung zu Gunsten Fleurs und ihres Kindes treffen, für den Fall eines Unglücks – weitere fünfzigtausend. Ah! Hätte sie doch nur ihre schwere Stunde schon hinter sich! Es war Zeit, daß Annette ganz zu ihr übersiedelte; und es gab doch so etwas wie Dämmerschlaf. Daß sie leiden sollte, konnte er nicht ertragen!

Der Abend ging langsam zur Neige; die Sonne verschwand hinter den vertrauten Bäumen, Soames' Hände, die sich auf das Fensterbrett stützten, wurden feucht von Tau; ein süßer Duft von Gras und Wasser stahl sich bis herauf zu ihm. Der Himmel war blaß geworden und fing jetzt an zu dunkeln; verstreute Sterne kamen zum Vorschein. Sehr lange hatte er hier gewohnt, während der ganzen Kindheit Fleurs, die besten Jahre seines Lebens, dennoch würde es ihm nicht das Herz brechen, wenn er verkaufen müßte. Sein Herz war in London. Verkaufen? Das hieße den Kopf verlieren und gerade vor die Hunde laufen. Nein – nein! So weit würde es ja gar nicht kommen! Er trat vom Fenster weg, drehte das Licht auf und begann zum tausendundersten Mal seine Bilder zu mustern. Seit Fleurs Heirat hatte er einige gute Käufe gemacht, ohne sein Geld für Modelieblinge hinauszuwerfen. Er hatte auch ein paarmal gut verkauft. Wenn er nicht sehr irrte, waren die Bilder seiner Sammlung siebzig- bis hunderttausend Pfund wert; und mit dem Profit, den er von Zeit zu Zeit durch Verkäufe erzielt hatte, waren sie ihm auf nicht mehr als fünfundzwanzigtausend gekommen – gar kein schlechtes Resultat einer lebenslangen Lieblingsbeschäftigung, ganz abgesehen von dem Vergnügen! Natürlich hätte er sich ja auch auf etwas anderes verlegen können – Schmetterlinge, Photographieren, Archäologie oder Erstausgaben, auf irgend einen andern Sport, der ebenfalls ein selbständiges Urteil erfordert und dessen Resultat man sammeln konnte; aber niemals hatte er bedauert, Bilder gewählt zu haben, o nein! Man hatte etwas zu zeigen für sein Geld, mehr Ruhm, mehr Profit und mehr Risiko! Der Gedanke erschreckte ihn ein wenig. Hatte er sich wirklich auf Bilder geworfen wegen des Risikos? Ein Risiko auf sich zu nehmen, war niemals seine Sache gewesen, wenigstens war es ihm bis jetzt nicht zum Bewußtsein gekommen. Ob ihn da das ›Unterbewußte‹ beeinflußt hatte? Er setzte sich plötzlich nieder und schloß die Augen. Er wollte es noch einmal versuchen; es war ein so angenehmes Gefühl heute morgen gewesen, auf alles pfeifen zu können; er erinnerte sich nicht, je vorher so empfunden zu haben! Immer hatte er sich sorgen müssen, als hätte er sich dadurch gegen das Schlimmste versichern können. Aber Sorgen zehrten am Menschen – daran war kein Zweifel, sie zehrten ihn auf. Das Licht abdrehen! Es hieß in dem Buch, man müsse sich entspannen. Soames saß jetzt ganz still in seinem Lehnsessel in dem nun düstern Zimmer mit seinen Schatten, und das Sternenlicht, das durch viele Fenster drang, legte sich wie ein Schleier auf die Wirklichkeit. Einförmige und leise summende Worte wurden hörbar: ›Dicker, immer dicker‹, kam es von seinen Lippen. ›Nein, nein‹, dachte er, ›das ist ja verkehrt!‹ Und wieder begann er zu summen. An den Fingerspitzen zählte er ab; weiter, immer weiter – er wollte dem System Gelegenheit geben, sich zu bewähren. Wenn man sich nur nicht mehr zu sorgen brauchte! Weiter, immer weiter – ›besser, immer besser!‹ Wenn nur – –! Seine Lippen bewegten sich nicht mehr; sein grauer Kopf fiel nach vorn, ins Unterbewußte. Und das eindringende Sternenlicht goß auch über ihn ein wenig Unwirklichkeit aus.


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