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Zweiter Teil


1.
Marksturz

Seit der Generalversammlung der P. P. R. G. ging der Zustand der Welt Soames mehr und mehr auf die Nerven. Die Versammlung hatte sich mit jener Einfältigkeit abgewickelt, die er schon lange an derartigen Veranstaltungen gewöhnt war – ein langweiliges Geschwätz des Vorsitzenden, Komplimente von zwei zuverlässigen Aktionären, kritisierende Einwände von Aktionären, die nicht so zuverlässig waren, und das übliche Gewäsch über die Dividende. Mißmutig war er hingegangen und noch mißmutiger weggegangen. Soames trennte sich von einem Zweifel, den er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, noch schwerer als die Maden vom Käse. Zwei Siebentel ausländische Verpflichtungen, und fast lauter deutsche! Dabei fiel die Mark! Sie hatte in dem Augenblick zu fallen begonnen, als er sich entschlossen hatte, der Dividende zuzustimmen. Und warum fiel sie? Was ging eigentlich vor? Ganz gegen seine sonstige Art hatte er sich angewöhnt, die politischen Artikel seiner Zeitung argwöhnisch zu studieren. Die Franzosen – er hatte ihnen immer mißtraut, besonders seit seiner zweiten Heirat – die Franzosen würden einen heillosen Schaden anrichten, wenn er nicht gründlich irrte! Er bemerkte, daß ihre Zeitungen nie eine Gelegenheit vorübergehen ließen, ohne der englischen Politik eins auszuwischen; sie schienen zu glauben, daß England immer nach ihrer Pfeife tanzen müsse! Und die Mark und der Franc und alles andere Geld fiel. Aber obgleich etwas in Soames war, das sich freute bei dem Gedanken, daß man für einen der Papierfetzen seines Landes eine ganze Menge Papierfetzen anderer Länder kaufen konnte, so empfand er doch gleichzeitig das Ganze als albern und unwirklich, wobei ihm stets mehr zur Gewißheit wurde, daß die P. P. R. G. nächstes Jahr keine Dividende zahlen würde. Die P. P. R. G. war ein großer Konzern; keine Dividende würde ein Zeichen schlechter Geschäftsführung sein, und kein kleines. Das Versicherungsgeschäft war eines der wenigen auf Gottes Erde, das man ohne wirkliches Risiko führen konnte und sollte. Andernfalls hätte Soames die Aufsichtsratsstelle wohl nie angenommen. Und zu wissen, daß das Versicherungsgeschäft nicht so geführt worden war, und noch dazu von ihm selbst, das war einfach –! Auf jeden Fall hatte er Winifred veranlaßt zu verkaufen, obgleich die Aktien schon leicht gefallen waren. »Ich hatte geglaubt, daß es eine so gute Anlage sei, Soames«, hatte sie klagend gesagt. »Es ist wirklich zu dumm, an den Aktien Geld zu verlieren.« Ganz rücksichtslos hatte er entgegnet: »Wenn du nicht verkaufst, wirst du noch mehr verlieren.« Und sie hatte ihm gefolgt. Wenn die Rogers und Nicholase, die ihm einfach nachgeahmt, nicht auch verkauft hatten, na, dann war's ihre eigene Schuld! Er hatte Winifred ersucht, die Familie zu warnen. Er selbst hatte nur seine Syndikatsstücke, und der Ausfall von ein oder zwei Dividenden würde ihn nicht schwer treffen, da ja sein Gehalt als Aufsichtsrat dies mehr als wettmachte. Es war deshalb nicht so sehr persönliche Besorgnis, als der Groll über den Stand der Geschäfte mit dem Ausland und das Fiasko, das seine Unfehlbarkeit erlitten hatte.

Auch nach Mapledurham war Weihnachten gekommen, und obwohl Soames das Fest verabscheute, feierte er es nur, weil seine Frau Französin und der Neujahrstag ihr Nationalfest war. Man konnte doch nicht so weit gehen, Neujahr zu feiern und einem fremden Brauch Zugeständnisse zu machen. Aber Weihnachten ohne ein Kind – er erinnerte sich noch an seine eigene Kindheit in Park Lane, an die Familiengesellschaften, an die Misteln und Snapdragons (das Weihnachtsspiel, bei dem Rosinen aus dem brennenden Branntwein herausgelangt werden mußten); und wie empört er gewesen war, wenn er in seinem Stück Plumpudding etwas Symbolisches gefunden hatte, etwa den Fingerhut oder den Ring anstatt des Shillings. Der heilige Nikolaus war niemals nach Park Lane gekommen, zum Teil, weil die Kinder den alten Herrn durchschaut hatten, und zum Teil auch, weil er durchaus nicht mehr modern war. Das war zumindest die Ansicht seiner Mutter Emily gewesen. Ja, und nebenbei fiel ihm ein, daß William Gouldyng, Ingerer, jene Gesellen vom Wappenamt so in Verlegenheit gebracht hatte, daß Soames die ganze Nachforschung aufgegeben – es hätte jene nur ermutigt, mit seinem Geld herumzuschmeißen für eine sentimentale Befriedigung, die zu keinem Resultat führte. Dieser beschränkte Kerl, der alte Mont, bildete sich Gott weiß was auf seine Vorfahren ein; um so mehr Grund, keine Vorfahren zu haben, auf die man sich was einbilden konnte. Die Forsytes und die Gouldyngs waren gute englische Rasse vom Lande und darauf kam's an. Und wenn Fleur und ihr Kind, wenn sie eines bekam, französisches Blut in den Adern hatten – na ja, jetzt konnte er es nicht mehr ändern.

Was das Enkelkind anbetraf, so wußte Soames nicht mehr als im Oktober. Fleur hatte Weihnachten bei den Monts verbracht. Er sollte sie in kurzer Zeit wieder haben, und ihre Mutter mußte sie dann das eine oder andere fragen!

Das Wetter war außerordentlich mild; Soames war sogar in einem kleinen Boot hinausgefahren fischen. In einen dicken Mantel gehüllt, zog er eine Angelschnur hinter sich her, um Barsche und Weißfische zu fangen, und fing hie und da ein Rotauge; taugten fast gar nichts, selbst die Dienerschaft wollte sie heutzutage nicht mehr anrühren! Seine grauen Augen starrten regungslos über das graue Wasser unter dem grauen Himmel; und in seinem Geiste fiel die Mark. Sie fiel mit einem Krach an jenem elften Januar, als die Franzosen die Ruhr besetzten. Beim Frühstück sagte er zu Annette: »Deine Landsleute sind verrückt geworden! Schau dir die Mark an!«

»Was geht mich die Mark an?« hatte sie über ihren Kaffee hin erwidert.

»Mich interessiert nur, daß die Deutschen nicht wieder in mein Land einfallen. Ich hoffe, daß sie ein wenig zu spüren kriegen, was wir gelitten haben.«

»Du!« sagte Soames, »du hast doch nie etwas gelitten.«

Annette legte ihre Hand auf die Stelle, wo Soames manchmal das Vorhandensein eines Herzens bezweifelte.

» Hier hab ich gelitten!« sagte sie.

»Ich hab nichts davon bemerkt. Dir hat nie die Butter auf deinem Brot gefehlt. Was glaubst du wohl, wie Europa nun in den nächsten dreißig Jahren aussehen wird? Was soll aus dem britischen Handel werden?«

»Wir Franzosen sehen weit in die Zukunft«, sagte Annette mit Emphase. »Wir sehen, daß man den Besiegten auch weiterhin als Besiegten behandeln muß, weil er sich sonst rächen wird. Ihr Engländer seid so schlampig!«

»Schlampig, so?« sagte Soames. »Du redest ja wie ein Kind. Hätte ein schlampiges Volk jemals unsere Position in der Welt erreichen können?«

»Die habt ihr nur eurem Egoismus zu verdanken. Ihr seid kalt und egoistisch.«

»Kalt, egoistisch und schlampig – das paßt nicht recht zusammen. Erfind etwas Besseres!«

»Die Schlamperei liegt in euren Gedanken und in euren Reden. Euch hat nur euer Instinkt zum Erfolg verholfen, und der Instinkt der Engländer ist kalt und egoistisch, Soames. Ihr seid alle miteinander eine Mischung von Heuchelei, Dummheit und Egoismus.«

Soames nahm sich ein wenig Orangenmarmelade.

»Nun«, sagte er, »und was sind die Franzosen? Zynisch, geizig und rachsüchtig. Und die Deutschen sind sentimental, eigensinnig und brutal. Wir können uns alle gegenseitig beschimpfen. Da bleibt nichts anderes übrig, als sich gegenseitig zu ignorieren. Und das ist es, was ihr Franzosen nicht fertigbringt.«

Annettes schöne Gestalt straffte sich.

»Wenn man an einen Menschen gebunden ist, wie ich an dich gebunden bin, Soames, oder wie die Franzosen an die Deutschen gebunden sind, kann man nur entweder die erste Geige spielen oder der liebe Niemand sein.«

Soames, der gerade ein Stück Toast in den Mund stecken wollte, hielt damit inne.

»Glaubst du, daß du in diesem Hause die erste Geige spielst?«

»Jawohl, Soames.«

»So! Na, dann kannst du morgen nach Frankreich zurückfahren.«

Annette zog spöttisch die Augenbrauen in die Höhe. »Ich möchte noch ein wenig warten, mein Freund, du bist noch zu jung.«

Soames jedoch bedauerte schon seine Bemerkung; eine solche Störung wäre ihm in seinem Alter unerwünscht gewesen, und er sagte ruhiger: »Kompromisse zwischen Individuen und zwischen Nationen sind die Essenz einer jeden vernünftigen Lebensart. Man kann nicht alle paar Jahre einmal Öl aufs Feuer gießen.«

»Das ist echt englisch«, murmelte Annette. »Wir andern wissen niemals, was ihr Engländer im Schilde führt. Ihr wartet immer ab, wie der Hase läuft.«

Wie sehr er auch mit solch einer vernünftigen Charakteristik sympathisierte, so hätte Soames dies doch in jedem gewöhnlichen Augenblick geleugnet – zuzugeben, daß man seinen Mantel nach dem Wind hängte, das ging doch nicht an. Aber daß die Mark nunmehr ins Bodenlose stürzte, erregte ihn derart, daß seine wahre Natur zum Durchbruch kam.

»Und warum sollten wir das nicht tun? Sich in Unternehmungen stürzen, ohne zu bedenken, wie man sich dann wieder aus der Affäre zieht! Ich mag nicht argumentieren. Franzosen und Engländer haben sich niemals vertragen und werden sich niemals vertragen.«

Annette erhob sich. »Du sprichst die Wahrheit, mein Freund! Entente, mais pas cordiale. Was hast du heute vor?«

»Ich fahre in die Stadt«, sagte Soames mürrisch. »Eure saubere Regierung hat den geschäftlichen Karren gründlich in den Dreck gefahren.«

»Bleibst du über Nacht aus?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Adieu, also, jusqu'au revoir!« Und sie erhob sich.

Soames saß noch eine Zeitlang brütend über seiner Marmelade (in seinem Geiste fiel die Mark), froh darüber, daß er Annettes schöne Gestalt an diesem Tag nicht mehr zu sehen brauchte; im Augenblick hatte er keine Geduld für französische Launen. Er war wie besessen von dem Verlangen, irgend jemandem zu erklären: ›Ich hab es dir doch gesagt!‹ Er würde sich indessen gedulden müssen, bis er jemanden finden würde, zu dem er es sagen könnte.

Es war ein schöner Tag und ganz warm; er nahm seinen Regenschirm, um gegen einen eventuellen Wechsel gerüstet zu sein, und fuhr zur Station.

In dem nach London fahrenden Zuge sprach man über die Ruhrinvasion. Obwohl ihm für gewöhnlich öffentliche Diskussionen zuwider waren, horchte er doch hinter seiner Zeitung hervor. Es war erstaunlich, daß das allgemeine Gefühl dem seinen so ähnlich war. Wenn die Besetzung unangenehm für die Deutschen war, so war das ganz in Ordnung; wenn die Sache aber unangenehm für den britischen Handel wurde, so war das durchaus nicht in Ordnung. Und da die Liebe zum britischen Handel sehr lebendig war, der Haß gegen die Deutschen aber nur mehr ein mattes Gefühl, so spürte man das Unrecht stärker als das Recht. Eine frankophile Bemerkung, daß die Franzosen berechtigt wären, sich um jeden Preis zu sichern, wurde kühl aufgenommen. In Maidenhead stieg ein Mann ein, mit dem Soames instinktiv die Vorstellung einer Störung verband. Er hatte viel graues Haar, ein rötliches Gesicht, lebhafte Augen, bewegliche Brauen, und kaum waren fünf Minuten vergangen, als er auch bereits mit munterer Stimme fragte, ob jemand schon vom Völkerbund gehört habe. In seiner Annahme bestätigt, blickte Soames um den Rand seiner Zeitung herum. Ja, dieser Kerl da ritt sicher irgendein Steckenpferd! Da ging's auch schon los! Das Problem, sagte der Neuankömmling, sei nicht, ob die Deutschen eins aufs Auge, ins Gesicht, die Briten eins in den Geldsack und die Franzosen eins ins Herz erhielten, sondern ob die Welt zu Frieden und Versöhnlichkeit gelangen könne. Soames ließ seine Zeitung ein wenig sinken. Wenn man Frieden wolle, fuhr der Kerl fort, so müsse man alle individuellen Interessen fallen lassen und nur noch aus dem Geist der Gemeinschaft heraus denken. Das Glück aller bedeute auch das Glück des einzelnen! Soames erkannte sofort den Fehler in dieser Behauptung; das war ja möglich, aber das Glück des einzelnen bedeute nicht das Glück aller. Er fühlte, daß er sich sehr zusammennehmen müsse, um das nicht klarzustellen. Der Mann war ihm vollkommen fremd, und das Argumentieren führte nie zu etwas. Unglücklicherweise schien der Neuankömmling Soames' Schweigen inmitten der allgemeinen Meinung, daß der Völkerbund keinen Pfifferling wert sei, für Sympathie zu halten. Der Kerl zückte unaufhörlich seine Augenbrauen nach ihm. Seine Zeitung wieder aufzunehmen, schien Soames zu ostentativ und seine Lage wurde immer zweideutiger, als der Zug in Paddington einfuhr. Er eilte zu einer Autodroschke. Eine Stimme hinter ihm sagte: »Nichts mit den Leuten zu machen, Sir! Freut mich, daß Sie wenigstens meinen Standpunkt begriffen haben.«

»Stimmt!« sagte Soames. »Taxi!«

»Wenn der Völkerbund nicht funktioniert, dann können wir uns alle begraben lassen.«

Soames drehte den Türgriff der Droschke um. »Stimmt!« sagte er noch einmal, rief »Poultry!« und stieg ein. Er würde sich nicht drankriegen lassen. Es war klar, daß der Kerl ein Rebell war!

Erst in der Droschke wurde er sich bewußt, wie sehr er aus dem Gleichgewicht geraten war. Er hatte dem Chauffeur ›Poultry‹ zugerufen, eine Adresse, die ›Forsyte, Bustard & Forsyte‹ vor zweiundzwanzig Jahren aufgegeben, als sie zusammen mit ›Cuthcott, Holliday & Kingson‹ die neue Firma ›Cuthcott, Kingson & Forsyte‹ gebildet hatten. Nachdem er den Fehler berichtigt hatte, saß er brütend, vornübergebeugt da. Die Mark stürzte. Das Land hatte nur eine Meinung darüber, jawohl – wenn aber die nächste Dividende nicht ausgezahlt werden sollte, würde man dann noch immer auf die Franzosen böse sein, nicht vielmehr auf die Aufsichtsräte? Das war zweifelhaft! Die Aufsichtsräte hätten es voraussehen müssen! Das könnte man von den andern Aufsichtsräten sagen, aber nicht von ihm, es handelte sich doch um Verpflichtungen, die er persönlich niemals eingegangen wäre. Wenn er nur die ganze Geschichte mit jemandem besprechen könnte – aber von dem alten Gradman wäre ein Rat in dieser Sache wirklich zu viel verlangt gewesen. Und wie er in seinem Bureau ankam, warf er dem alten Herrn, der sich immer gleich blieb, wie er so in seinem Drehsessel saß, fast ungeduldige Blicke zu.

»Ah, Mr. Soames, ich habe gehofft, daß Sie heute früh ins Bureau kommen würden. Es war ein junger Mann hier von der P. P. R. G., der Sie sprechen wollte. Er wollte nicht sagen, in welcher Angelegenheit, er wollte Sie privat sprechen. Seine Telephonnummer hat er hiergelassen.«

»Oh!« sagte Soames.

»Ein ganz junger Angestellter – im Bureau.«

»Wie hat er ausgesehen?«

»Netter, sauberer junger Mann. Ich hab einen recht guten Eindruck von ihm gehabt – Butterfield heißt er.«

»Na, dann rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, daß ich ihn hier erwarte.« Er ging zum Fenster hin und starrte die gegenüberliegende, vollkommen kahle Wand an.

Wie es einem stillen Teilhaber ziemte, befand sich sein Bureau hinten im Hause, wo er nicht gestört werden konnte. Ein junger Mann! Dieser Besuch war ein wenig sonderbar. Und er sagte über seine Schulter hinweg: »Gehn Sie nicht hinaus, Gradman, wenn er kommt, ich weiß gar nichts von ihm.«

Die Welt veränderte sich, die Menschen starben, die Mark fiel, aber der alte Gradman saß da, die Verkörperung von Dienstbarkeit und Unantastbarkeit, grau und ehrlich – ein Fels im Meer.

Gradmans knarrende Stimme, die sich jedoch bemühte, einschmeichelnd zu klingen, sagte: »Diese französischen Nachrichten – gar nicht nett, Mr. Soames. Die fallen immer gleich mit der Tür ins Haus. Ich erinnere mich, wie Ihr Vater, Mr. James, am Morgen ins Bureau kam, als die Preußen den Krieg an Frankreich erklärten – er stand damals in den besten Mannesjahren, war nicht mehr als sechzig, denk ich. Ich erinnere mich noch ganz genau seiner Worte: ›Da hat man's‹ sagte er, ›ich hab's ihnen doch gesagt!‹ Und heut haben wir's wieder – noch immer kein Ende. Es ist Tatsache, daß sie wie Hund und Katze zueinander sind.«

Soames, der sich halb umgewandt hatte, vertiefte sich wieder in die Betrachtung der leeren Wand gegenüber. Der arme alte Gradman gehörte einer vergangenen Zeit an! Was würde er sagen, wenn er hörte, daß sie ausländische Geschäfte versichert hatten? Angeregt von Gradmans Gegenwart, die eine Atmosphäre der alten Zeit verbreitete, fuhr er in seinen Gedanken fort. Vor ihm selber lagen vielleicht noch zwanzig Jahre. Was würde er in dieser Zeit noch alles erleben? Wo würde England danach sein? ›Trotz der Zeitungen sind wir nicht so dumm, wie wir aussehen‹, dachte er. ›Wenn wir uns nur von allen Spekulationen freihalten können und unsere Schulden bezahlen!‹

»Mr. Butterfield, Sir.« Hm! Der junge Mann war sehr fix gewesen. Während Gradman ihn gemütlich begrüßte, maß Soames ihn gründlich von der Seite. Der junge Mann machte einen mittelmäßig bescheidenen Eindruck in seinem sauberen Anzug, Umlegkragen und mit dem Hut in der Hand. Soames nickte.

»Sie wollen mich sprechen?«

»Allein, wenn ich bitten darf, Sir.«

»Mr. Gradman hier ist meine rechte Hand.«

Gradman erklärte mit liebenswürdig-schnarrender Stimme: »Sie können sich ruhig aussprechen. Ich bin verschwiegen wie das Grab, junger Mann.«

»Ich bin ein Beamter der P. P. R. G., Sir. Tatsache ist, daß mir der Zufall gerade eine Information in die Hände gespielt hat, die mich sehr bedrückt. Da ich weiß, daß Sie ein Rechtsanwalt sind, Sir, so habe ich es vorgezogen, zu Ihnen zu kommen, anstatt zum Vorsitzenden. Können Sie mir als Advokat sagen: Bin ich als Angestellter in erster Linie meiner Gesellschaft verpflichtet?«

»Gewiß«, sagte Soames.

»Mir ist diese Sache sehr zuwider, Sir, und ich hoffe, Sie werden mir glauben, daß ich nicht aus einem persönlichen Grunde hergekommen bin – nur weil ich fühle, daß es meine Pflicht ist.«

Soames betrachtete ihn aufmerksam. Obgleich die Augen des jungen Mannes groß waren, kamen sie Soames doch vor wie die eines Hundes. »Also worum handelt es sich eigentlich?« fragte er.

Der junge Mann befeuchtete seine Lippen.

»Um die Versicherung unseres deutschen Geschäftes, Sir.«

Soames spitzte die Ohren, die schon von Natur aus leicht gespitzt waren.

»Es handelt sich um eine sehr ernste Geschichte«, fuhr der junge Mann fort, »und ich weiß nicht, wie das meine Stellung beeinflussen wird, aber Tatsache ist, daß ich heute morgen eine Privatunterredung mitangehört habe.«

»Oh!« sagte Soames.

»Jawohl, Sir. Ich verstehe Sie schon, aber gleich die ersten Worte waren entscheidend. Es war ganz ausgeschlossen, daß ich mich danach bemerkbar gemacht hätte. Ich hoffe, daß Sie mir recht geben werden.«

»Wer waren die beiden?«

»Der Generaldirektor und ein Mann namens Smith – nach seinem Akzent zu schließen, sollte sein Name etwas ausländischer sein –, der die meisten unserer deutschen Versicherungsgeschäfte vermittelt hat.«

»Was haben sie gesagt?« fragte Soames.

»Sir, der Generaldirektor sprach zuerst und dann sagte dieser Smith: ›Ganz recht, Mr. Elderson, aber wir haben Ihnen doch nicht umsonst eine Provision für das ganze Geschäft gezahlt; wenn die Mark gänzlich zum Teufel geht, so werden Sie dafür sorgen müssen, daß Ihre Gesellschaft uns schadlos hält.‹«

Soames hatte das intensive Gefühl, als müsse er in diesem Augenblick unbedingt einen Pfiff ausstoßen, schluckte aber die Regung hinunter beim Anblick von Gradmans Gesicht. Der alte Herr hatte den von dem kurzen grauen Bart eingefaßten Mund weit aufgerissen, er glotzte mit Augen wie ein Mops und stieß ein gedehntes »A–oo!« aus.

»Jawohl«, sagte der junge Mann. »Ich war einfach paff!«

»Wo waren Sie?« fragte Soames scharf.

»Ich befand mich in dem Gang zwischen dem Bureau des Generaldirektors und dem Sitzungssaal. Ich kam gerade aus dem Sitzungssaal, wo ich einige Akten sortiert hatte, die Tür des Direktors stand ungefähr einen Zoll breit offen. Natürlich kenne ich die Stimmen gut.«

»Und dann?«

»Ich hörte Mr. Elderson sagen: ›Scht! Reden Sie nicht so!‹ und schlüpfte in den Sitzungssaal zurück. Ich kann Ihnen versichern, Sir, daß ich mehr als genug hatte.«

Verdacht und Vermutungen hemmten Soames' Denkapparat. Sprach dieser junge Mensch die Wahrheit? Ein Mann wie Elderson – das Risiko war ungeheuerlich! Und wenn es richtig war, wie weit ging die Verantwortlichkeit des Generaldirektors? Aber Beweise – Beweise? Er starrte den jungen Mann an, der freilich blaß und aufgeregt genug aussah, den Blick jedoch ruhig aushielt. Er hätte ihn schütteln mögen! Und er sagte scharf:

»Passen Sie auf, was Sie jetzt antworten! Das ist eine sehr ernste Geschichte.«

»Das weiß ich, Sir. Wenn ich meinen eigenen Vorteil im Auge gehabt hätte, wäre ich nie hergekommen. Ich bin kein Angeber.«

Die Worte klangen ehrlich, Soames aber blieb noch immer argwöhnisch.

»Haben Sie jemals im Bureau Anstände gehabt?«

»Nein, Sir, Sie können sich erkundigen. Ich habe nichts gegen Mr. Elderson und er hat nichts gegen mich.«

Soames durchzuckte plötzlich der Gedanke: ›Allmächtiger! Er hat es auf mich abgewälzt, und noch dazu in Gegenwart eines Zeugen! Und ich selbst hab den Zeugen herbeigeschafft!‹

»Haben Sie irgendeinen Grund, anzunehmen«, fragte er, »daß Ihre Anwesenheit bemerkt wurde?«

»Das war, glaub ich, unmöglich.«

Ein Mitwisser dieser Nachricht zu sein, beunruhigte Soames mit jeder Sekunde mehr. Es war, als hätte das Schicksal, das er sein ganzes Leben lang durch gewandte Abwehr in Schach gehalten, plötzlich seiner Wachsamkeit einen Stoß versetzt. Es hatte jedoch keinen Sinn, nervös zu werden – man mußte die Sache in Muße überdenken!

»Sind Sie gewillt, falls notwendig, Ihre Aussage vor dem Aufsichtsrat zu wiederholen?«

Der junge Mann preßte die Handflächen gegeneinander. »Sir, ich hätte viel lieber meinen Mund gehalten, aber wenn Sie bestimmen, daß man die Sache verfolgen muß, so muß ich jetzt wohl dabei bleiben. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie sich entschließen werden, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen; vielleicht ist es gar nicht wahr – nur, warum hat dann Mr. Elderson nicht geantwortet: ›Sie erbärmlicher Lügner!‹?«

Ganz recht! Warum hat er das nicht geantwortet? Soames stieß ein Brummen äußersten Mißbehagens aus. »Sonst noch was?« fragte er.

»Nein, Sir.«

»Gut. Haben Sie schon jemandem davon erzählt?«

»Nein, Sir.«

»Dann schweigen Sie weiter und überlassen Sie alles mir.«

»Ich werde nur zu froh sein. Guten Morgen!«

»Guten Morgen!«

Nein, ein schlechter Morgen! Diese plötzliche Bestätigung seiner prophetischen Ahnungen Elderson betreffend gewährte ihm gar keine Genugtuung. Nicht die geringste!

»Was halten Sie von diesem jungen Burschen, Gradman? Lügt er?«

Gradman, der so aus seiner Lethargie aufgescheucht wurde, rieb sich gedankenvoll seine dicke glänzende Nase.

»Es steht Behauptung gegen Behauptung, Mr. Soames, wenn Sie nicht mehr Beweise aufbringen. Aber ich kann nicht sehen, was der junge Mann dabei profitieren könnte.«

»Ich auch nicht, aber man kann nie wissen. Die Schwierigkeit wird sein, neue Beweise aufzubringen. Kann ich sonst vorgehen?«

»Es ist eine heikle Angelegenheit«, sagte Gradman. Da wußte Soames, daß er nun auf sich selbst angewiesen war. Wenn Gradman eine Sache heikel nannte, dann hieß es soviel wie: ›In solchen Fällen bin ich gewohnt, auf Befehle zu warten, und halte es sogar für anmaßend, eine eigene Meinung zu haben!‹ Aber hatte er überhaupt eine eigene Meinung? Das würde man nie erfahren! Der alte Herr würde dasitzen und seine Nase reiben bis zum Weltuntergang.

»Auf keinen Fall werde ich etwas Übereiltes tun«, sagte er fast zornig. »Ich weiß nicht, wie das enden soll.«

Jede Stunde bestärkte ihn in seiner Ungewißheit. Beim Lunch in seinem City-Klub zeigte der telegraphische Kurszettel, daß die Mark noch immer fiel – ins Bodenlose! Wie die andern sich über Golf unterhalten konnten, wo er solche Geschäftssorgen hatte, das war unbegreiflich!

›Ich muß diesen Kerl selbst aufsuchen‹, sagte er zu sich. ›Ich werd auf meiner Hut sein. Vielleicht kann er etwas aufklären.‹ Er wartete bis drei Uhr und begab sich zur P. P. R. G.

Im Bureau angekommen, suchte er den Sitzungssaal auf. Dort hatte der Vorsitzende gerade eine Konferenz mit dem Generaldirektor. Soames nahm schweigend Platz, um zuzuhören; und während er zuhörte, beobachtete er das Gesicht des Direktors. Es verriet ihm gar nichts. Was für ein Unsinn es doch war, wenn man behauptete, daß man von den Gesichtern auf die Charaktere schließen könnte! Nur einen vollkommenen Idioten würde man am Gesicht erkennen. Und hier stand ein Mann von Erfahrung und Kultur, einer, der alle Schliche des Geschäfts- und Gesellschaftslebens kannte. Das bartlose scharfgeschnittene Gesicht zeigte keineswegs Besorgnis, sondern nur den verletzten Stolz eines Mannes, dessen Politik eine so unangenehme Niederlage erlitten hatte. Das Fallen der Mark hatte schon jeden möglichen Profit des nächsten Halbjahrs zunichte gemacht. Wenn sich diese elende Valuta nicht wieder erholte, so würde das deutsche Versicherungsgeschäft ein vollkommen toter Ballast sein. Es war wirklich ein Verbrechen, daß die Höhe der Haftungssumme nicht begrenzt war! Wie in aller Welt hatte er das nur übersehen können, als er in den Aufsichtsrat eintrat? Aber er hatte es ja erst später erfahren. Und wer hätte auch so etwas Verrücktes wie diese Ruhrgeschichte voraussehen können oder sich eine Vorstellung gemacht von dem leichtsinnigen Vertrauen seiner Kollegen zu diesem verdammten Kerl? Die Worte ›grobe Fahrlässigkeit‹ erschienen in großen Lettern vor seinen Augen. Wie, wenn dann eine Anzeige gegen den Aufsichtsrat erstattet würde? Grobe Fahrlässigkeit! Bei seinem Alter und seinem Ruf! Freilich, die Sache war doch so klar wie die Sonne. Dafür, daß er keine Summe festgesetzt hatte, bis zu welcher die Gesellschaft haftpflichtig war, hatte der Kerl seine Provision erhalten! Zehn Prozent, wahrscheinlich, von dem ganzen Geschäft – er hatte wahrscheinlich Tausende zusammengescharrt! Dem Mann mußte tatsächlich das Wasser schon bis zum Hals gereicht haben, daß er ein solches Risiko auf sich genommen hatte! Als Soames merkte, daß seine Phantasie mit ihm durchging, stand er auf und wandte ihnen den Rücken. Ein anderer Gedanke kam ihm. Er wollte Ärger simulieren und sehen, ob der Kerl vielleicht seine Selbstbeherrschung verlieren würde. Er drehte sich wieder um und sagte verdrießlich: »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht, Herr Direktor, als Sie diese Kontrakte genehmigten, ohne die Höhe der Haftungssumme festzusetzen? Ein Mann von Ihrer Erfahrung! Welche Motive hatten Sie?«

Ein leichtes Zusammenziehen der Augen, ein leichtes Aufeinanderpressen der Lippen. Er hatte das Wort ›Motive‹ betont, aber der Kerl überging das.

»Bei so hohen Prämien, wie wir sie bekommen haben, Mr. Forsyte, konnte man nicht gut eine Haftungsgrenze festsetzen. Die Entwicklung der Dinge ist eine ganz ungewöhnliche und ich fürchte, man muß sie eben als ein Unglück hinnehmen.«

»Leider«, sagte Soames, »existiert in einem anständig geführten Versicherungsgeschäft so etwas wie Glück oder Unglück nicht; wenn ich nicht sehr irre, wird sich das noch herausstellen. Es würde mich gar nicht überraschen, wenn gegen den Aufsichtsrat eine Anzeige wegen grober Fahrlässigkeit erstattet würde!«

So! Nun hatte er dem Vorsitzenden eins aufs Dach gegeben! – Aufs Dach! Was für Ausdrücke man heutzutage gebrauchte! Was jedoch Elderson betraf, so schien es Soames, daß er eine gewisse Verwirrung nur markiere. Ganz umsonst zu versuchen, mit Gewalt etwas aus einem Kerl wie dem da herauszubekommen. Wenn die Geschichte richtig war, dann müßte der Mann völlig verzweifelt sein, zu allem und jedem fähig. Aber da die Gewohnheiten einer vorsichtigen Natur Soames immer sorgfältig davor behütet hatten, mit der Verzweiflung im Menschenleben, mit seinen wirklichen Abgründen, mit den unmöglichen Situationen, die die Tollkühnheit eines Spielers verlangen, in Berührung zu kommen, so fand er es jetzt ganz unmöglich, sich Eldersons Gemütszustand oder sein Benehmen vorzustellen, wenn er schuldig wäre. Wenn der Kerl nun Gift mit sich herumtrüge oder vielleicht einen geladenen Revolver in der Tasche hätte wie der Held im Film! Die ganze Sache war über alle Maßen unangenehm und lästig. Und ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, ging er fort und nahm nur die Gewißheit mit, daß ihre ganze Verpflichtung in diesem deutschen Geschäft über zweihunderttausend Pfund betrug und die Mark wertlos war. Hastig machte er einen Überschlag der Vermögen seiner Kollegen im Aufsichtsrat. Der alte Fontenoy war immer auf dem Trockenen, der Vorsitzende ein versiegeltes Buch, Mont hatte nur Landbesitz, ganz entwerteten und mit Hypotheken belasteten. Der alte Cosey Mothergill hatte nichts als seinen Namen und seine Einkünfte als Aufsichtsrat. Meyricke mußte über ein großes Einkommen verfügen, aber wie gewonnen, so zerronnen, wie bei den meisten dieser großen Advokaten, die so viele Eisen im Feuer haben und ganz sicher einmal Richter werden. Kein einziger zahlungsfähiger, gewichtiger Mann in der ganzen Gesellschaft außer ihm selber. Mit gesenktem Kopf trottete er schwerfällig die Straße entlang. Aktiengesellschaften! Unsinniges System! Irgend jemandem mußte man doch vertrauen und da saß man dann schön in der Tinte! Es war schauderhaft!

»Ballons, Sir – herrliche Farben, fünf Fuß im Umfang, kaufen Sie einen, Herr!«

»Du lieber Gott!« sagte Soames. Als ob die zerplatzte Seifenblase dieses deutschen Geschäftes nicht schon ganz genug wäre!


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