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8.
Durchgebrannt

»Nein, mein liebes Herz, mit der Natur ist es zu, Ende!«

»Was meinst du, Michael?«

»Na, schau dir nur unsere Natur-Romane an; ganz fleißige Arbeiten, die Handlung spielt auf den Klippen Cornwalls oder auf dem Heidemoor von Yorkshire – bist du jemals auf einem Heidemoor in Yorkshire gewesen? Es bleibt an einem hängen. Und dann die Dichter vom Dartmoor! Herrje! Dartmoor, wo die Leidenschaften herkommen – warst du schon auf dem Dartmoor? Na, sie kommen natürlich nicht von dort, das weißt du doch. Und die Südseepoeten! O je! Und dann die modernen Dichter, die nur zwei oder drei Worte in die Zeile setzen, die kommen der Natur nicht einmal in die Nähe. Die Dorfidiotenschule ist ein wenig besser, ganz gewiß. Schließlich hat der alte Wordsworth die Natur erfunden, und seine Natur ist ein Gemeinplatz. Dann aber gibt es natürlich noch die ganz urwüchsige Naturkraft; aber wenn man sich mit der einläßt, so muß man sich täglich seiner Haut wehren – die Natur, über die wir schwätzen, die ist behördlich bewilligt, richtig gemischt und auf Flaschen abgezogen. Für den zeitgenössischen Stil ist sie nicht modern genug.«

»Oh, wir wollen trotzdem eine Bootfahrt auf der Themse machen, Michael. Wir können in ›Haus Zuflucht‹ den Tee nehmen.«

Sie waren gerade vor dem Besitztum angekommen, das Michael immer, wie es in der stereotypen Reklame der Häuseragenten heißt, ›diesen wünschenswerten Wohnsitz‹ nannte, als Fleur sich vorbeugte, sein Knie berührte und sagte:

»Ich bin halb so nett zu dir, als du es verdienst, Michael.«

»Du lieber Gott, mein Herz, ich hab immer das Gegenteil geglaubt.«

»Ich weiß, daß ich egoistisch bin, besonders jetzt.«

»Das ist doch nur der elfte Baronet.«

»Ja, es ist eine große Verantwortung, Ich hoffe nur, daß er so wird wie du.«

Michael glitt zum Landungssteg hin, legte die Ruder ein und setzte sich neben sie.

»Wenn er so wird wie ich, so werd ich ihn verleugnen. Aber Söhne geraten nach ihren Müttern.«

»Ich habe jetzt den Charakter gemeint. Ich möchte so schrecklich gern, daß er lustig wird und nicht unstet, und er soll das Gefühl haben, daß das Leben der Mühe wert ist.«

Michael starrte ihre Lippen an – sie zitterten; und er blickte auf ihre Wange, die von der Nachmittagssonne leicht gebräunt war; sich seitwärts beugend, legte er seine Wange an ihre.

»Es wird ein herziger, kleiner Kerl werden, das ist sicher.«

Fleur schüttelte den Kopf. »Ich möchte ihn nicht so gierig und egoistisch haben; mir liegt das im Blut, verstehst du. Ich sehe ja ein, daß es häßlich ist, aber ich kann mir nicht helfen. Wie bringst du es nur fertig, nicht so zu sein?«

Michael zerraufte mit der freien Hand sein Haar. »Die Sonne ist doch nicht zu heiß für dich, Liebling?«

»Nein. Ganz im Ernst, Michael – wie machst du das?«

»Aber ich bin doch egoistisch. Denk nur dran, wie ich dich immer für mich haben will. Davon wird mich nichts heilen.«

Ein leichter Druck ihrer Wange gegen die seine machte ihm Mut und er sagte: »Erinnerst du dich noch, wie du eines Abends in den Garten herunterkamst und mich gerade hier in einem Boot fandest? Als du fort warst, hab ich einen Kopfstand gemacht, um mich abzukühlen. Ich war ganz aus dem Häuschen; ich hätt nicht geglaubt, daß ich irgendeine Chance – –« Er hielt plötzlich inne. Nein, er wollte sie nicht erinnern, denn das war ja die Nacht gewesen, als sie gesagt hatte: ›Kommen Sie wieder, wenn mein Wunsch nicht in Erfüllung geht!‹ Der unbekannte Vetter!

Fleur sagte ruhig: »Ich hab mich damals schändlich gegen dich benommen, Michael, aber ich war schrecklich unglücklich. Das ist nun vorbei; jetzt ist alles in Ordnung bis auf meine eigene Natur.«

Sich dessen bewußt, daß seine Gefühle zu sentimental und unmodern waren, sagte Michael: »Oh, wenn's weiter nichts ist! Wie wär's jetzt mit dem Tee?«

Arm in Arm gingen sie über den Rasen hinauf. Es war niemand zu Hause – Soames in London, Annette bei einem Gartenfest.

»Wir werden auf der Veranda Tee trinken, bitte«, sagte Fleur.

Wie Michael so dasaß, glücklicher, als er sich jemals erinnerte gewesen zu sein, anerkannte er einen gewissen Wert der Natur: den niederrieselnden Sonnenschein, den Duft der Nelken und Rosen, und das Seufzen der Espen. Annettes Lieblingstauben gurrten, und jenseits der ruhig dahinfließenden Themse sah man die spitzen Silhouetten der Pappeln sich am Ufer entlangziehen. Aber schließlich freute er sich doch nur darüber, weil diese junge Frau an seiner Seite saß, die zu berühren und anzuschauen er so sehr liebte; und weil er zum ersten Mal das Gefühl hatte, als ob sie sich nicht erheben und davonflattern wollte zu irgend jemandem oder zu irgend etwas anderm. Seltsam, daß es ein anderes Wesen geben konnte, und dieses Wesen war die eigene Frau, das die Welt vollständig ihrer Wichtigkeit beraubte und gewissermaßen alles stahl, das in der Welt begehrenswert zu sein schien! Ganz seltsam, wenn man bedachte, was man war! Er hörte sie sagen: »Mutter ist natürlich Katholikin; nur hat sie das Kirchengehen aufgegeben, seit sie mit Vater hier lebt. Sie hat mich nicht einmal viel damit behelligt. Ich habe schon darüber nachgedacht, Michael, was sollen wir aus ihm machen?«

»Er soll seinen eigenen Weg gehn.«

»Ich weiß nicht, irgend etwas muß man ihn doch lehren, weil er doch die Schule besuchen muß. Die Katholiken haben wirklich etwas von ihrer Religion.«

»Ja, sie glauben blindlings; das ist das einzig Logische heutzutage.«

»Ich glaube, wenn man keine Religion hat, scheint einem alles sinnlos.«

Michael unterdrückte die Worte: ›Wir könnten ihn zum Sonnenanbeter erziehen‹, und sagte stattdessen:

»Ich glaube, daß, was immer man ihn auch lehrt, nur so lange dauern wird, bis er selbständig denken kann; dann wird er ja doch tun, was ihm paßt.«

»Aber was hältst du eigentlich für richtig, Michael? Du bist so gut wie irgend jemand, den ich kenne.«

»Ach, Himmel!« murmelte Michael, seltsam geschmeichelt, »wirklich?«

»Was glaubst du eigentlich? Sei doch ernsthaft!«

»An ein Dogma überhaupt nicht, Liebling, was so aussieht, als hätte ich keine Religion. Ich glaube, daß man das Leben so anständig wie möglich zu leben hat; doch das ist Ethik.«

»Aber es bedeutet sicherlich einen Nachteil, sich auf nichts anderes als auf sich selbst verlassen zu können. Wenn man aus irgendeiner Form des Glaubens einen Nutzen ziehen kann, dann sollte man Gebrauch davon machen.«

Michael lächelte, aber nur innerlich.

»Du wirst den elften Baronet so erziehen, wie du es für richtig hältst, und ich werde dir helfen. Wenn man jedoch seine Abstammung bedenkt, glaube ich schon, daß er ein wenig Skeptiker sein wird.«

»Aber er soll kein Skeptiker werden. Lieber soll er ein selbstzufriedener Mensch werden und eine feste Überzeugung haben, undsoweiter. Skeptizismus macht einen nur unstet.«

»Er sollte nichts vom weißen Affen in sich haben? Nun, ich bin neugierig! Ich glaube, das liegt in der Luft. Das einzige wird sein, ihm so früh wie möglich Rücksicht auf andere Menschen beizubringen, wenn notwendig mit dem Pantoffel.«

Fleur sah ihn mit hellen Augen an und lachte.

»Jawohl«, sagte sie, »Mutter hat das auch versucht, aber Vater hat es nicht zugelassen.«

Erst nach acht Uhr kamen sie wieder nach Hause.

»Entweder ist dein Vater hier oder meiner«, sagte Michael in der Halle, »da hängt ein prähistorischer Hut.«

»Er gehört Papa. Er ist innen grau. Barts Hut ist braun.«

In der Tat fanden sie Soames im chinesischen Zimmer mit einem offenen Brief in der Hand und Ting-a-ling zu seinen Füßen. Ohne ein Wort zu sagen, hielt er Michael den Brief hin.

Datum und Adresse fehlten. Michael las:

›Sehr geehrter Mr. Forsyte!

Vielleicht werden Sie die Güte haben, bei der Versammlung am Dienstag dem Aufsichtsrat mitzuteilen, daß ich mich durch meine Abreise den Konsequenzen aller kleinen Sünden entziehe, deren ich mich etwa schuldig gemacht habe. Wenn Sie diesen Brief erhalten, werde ich schon fort sein. Zu wissen, wann man ein Ende machen muß, habe ich immer für das Geheimnis des Lebens gehalten, ebenso wie auch des geschäftlichen Erfolges. Es wird nutzlos sein, gegen mich vorzugehen, denn meine Person wird nicht haftbar sein, wie es das Gesetz nennt, und ich habe kein Vermögen zurückgelassen. Wenn es Ihr Ziel war, mich in die Enge zu treiben, so kann ich Ihnen zu Ihrer Taktik nicht gratulieren. Wenn Sie andrerseits den Besuch des jungen Mannes veranlaßten, als Mahnung, daß Sie die Sache noch nicht fallen gelassen hätten, so möchte ich den Dank, den ich vor einigen Tagen ausgesprochen habe, wiederholen.

In vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich
Ihr ergebener Robert Elderson.‹

Michael sagte heiter: »Gott sei Dank! Nun werden Sie sich ja wohl sicherer fühlen, Sir.«

Soames fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, offenbar bemüht, dessen Ausdruck wegzuwischen. »Das werden wir später besprechen«, sagte er. »Der Hund da hat mir Gesellschaft geleistet.«

Michael bewunderte ihn in diesem Augenblick. Offenbar schluckte er seinen Kummer hinunter, um Fleur Aufregungen zu ersparen.

»Fleur ist ein wenig müde«, sagte er. »Wir sind Boot gefahren und haben in ›Haus Zuflucht‹ den Tee genommen. Madame war nicht zu Hause. Wir wollen sofort mit dem Dinner beginnen, Fleur.«

Fleur hatte Ting-a-ling aufgehoben und hielt ihn so weit von sich, daß er sie nicht im Gesicht lecken konnte.

»Es tut mir leid, daß du hast warten müssen, lieber Papa«, sagte sie leise hinter dem gelben Pelz, »ich werde mich nur waschen und nicht umkleiden.«

Als sie fort war, nahm Soames den Brief wieder an sich.

»Eine schöne Bescherung!« murrte er. »Wie das noch enden wird, kann niemand wissen!«

»Aber ist das denn das Ende, Sir?«

Soames starrte ihn an. Diese jungen Leute! Da stand er nun vor einem öffentlichen Skandal, der zu Gott weiß was allem führen konnte, zur Entehrung seines Namens in der Geschäftswelt, zum Verlust seines Vermögens vielleicht; und die redeten daher, als ob – –! Sie hatten kein Verantwortungsgefühl – keines! Der ganze nervöse Pessimismus seines Vaters James und seine Fähigkeit, stets das Schlimmste zu sehen, hatten in Soames die Oberhand gewonnen seit der Stunde, als er im Connoisseurs-Klub den Brief erhalten hatte. Nur das besondere Gefühl für das Schickliche, das der Generation nach James eigen war, hielt ihn davon ab, seine Furcht zu zeigen, trotzdem Fleur nicht mehr im Zimmer war.

»Ist dein Vater in der Stadt?«

»Ich glaube schon, Sir.«

»Gut.« Nicht, daß er sich nun erleichtert gefühlt hätte. Dieser Kerl von einem Baronet hatte genau so wenig Verantwortungsgefühl – ihn in einen solchen Aufsichtsrat zu bringen! Das kam davon, wenn man mit Leuten verkehrte, die unverbesserlich leichtsinnig erzogen worden waren und kein wirkliches Gefühl für Geld hatten.

»Nun, da Elderson durchgebrannt ist«, sagte er, »muß die ganze Sache ja herauskommen. Hier in meiner Hand halte ich sein Bekenntnis – –«

»Warum zerreißen Sie's nicht, Sir, und sagen, daß Elderson die Schwindsucht gekriegt hat?«

Die Unmöglichkeit, mit diesem jungen Menschen ein ernstes Wort zu sprechen, bedrückte Soames derart, als hätte er schweren Pudding gegessen.

»Du glaubst, daß das anständig wäre?« sagte er grimmig.

»Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Michael ernüchtert. »Kann ich überhaupt irgendwie helfen?«

»Jawohl, wenn du deinen Leichtsinn aufgibst und dich in acht nimmst, daß Fleur von der Sache nichts merkt.«

»Das werd ich tun«, sagte Michael ernsthaft. »Ich verspreche es. Ich werde stumm wie ein Fisch sein. Was haben Sie jetzt vor?«

»Wir werden die Aktionäre einberufen müssen und ihnen diese Mißwirtschaft erklären. Wahrscheinlich werden sie es schlecht aufnehmen.«

»Warum sollten sie das? Wie hätten Sie es denn verhindern können?«

Soames schnüffelte. »Im Leben gibt es keinen Zusammenhang zwischen Verdienst und Lohn. Wenn der Krieg dich das nicht gelehrt hat, dann wirst du's nie lernen.«

»Nun«, sagte Michael. »Fleur wird gleich da sein. Entschuldigen Sie mich eine Minute; Fortsetzung folgt.«

Die Fortsetzung folgte erst, nachdem Fleur zu Bett gegangen war.

»Ich glaube«, sagte Michael, »daß mein alter Herr jetzt im ›Aeroplane‹ ist. Er sitzt dort und philosophiert über das Ende der Welt. Soll ich ihn anrufen, falls die Aufsichtsratssitzung morgen stattfindet?«

Soames nickte. Er selber würde kein Auge schließen. Warum sollte dann gerade der alte Mont gut schlafen?

Michael ging zur chinesischen Teetruhe.

»Bart? Hier Michael. Der alte For– mein Schwiegervater ist hier. Er hat eine bittere Pille zu schlucken …Nein, Elderson. Könnten Sie nicht auf jeden Fall vorbeikommen und selber hören? …Er kommt, Sir. Sollen wir hier unten bleiben oder in mein Arbeitszimmer gehn?«

»Hier«, murmelte Soames, dessen Augen an dem weißen Affen hingen. »Ich weiß nicht, wie das alles noch enden soll«, fügte er plötzlich hinzu.

»Wenn wir das wüßten, Sir, müßten wir doch vor Langeweile zugrundegehn.«

»Das ist deine Auffassung. Überall diese Unzuverlässigkeit! Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll.«

»Vielleicht an einen Ort, der weder Himmel noch Hölle ist.«

»Ein Mann in seinen Jahren!«

»Genau so alt wie mein Vater; vermutlich ein schlechter Jahrgang. Wenn Sie den Krieg mitgemacht hätten, Sir, so hätte es Sie über alle Maßen aufgemuntert.«

»Wirklich!« sagte Soames.

»Der Krieg hat den Karren im Dreck stecken lassen, das geb ich zu. Aber – alle Wetter! – er hat einem auch eine Idee davon beigebracht, was für eine Ausdauer in uns steckt, wenn es drauf ankommt!«

Soames machte große Augen. Gab dieser junge Kerl ihm eine Lektion gegen Pessimismus?

»Bedenken Sie nur, was der junge Butterfield neulich getan hat«, fuhr Michael fort, »ging direkt in die Höhle des Löwen, zu Elderson! Und schauen Sie die junge Frau an, die im ›Evakostüm‹ Modell stand zu dem Bild, das Sie uns gekauft haben. Sie ist die Frau eines Packers, der von uns hinausgeschmissen wurde, weil er Bücher stibitzt hat. Sie hat eine ganze Menge Geld damit verdient, daß sie sich nackt malen ließ, und sie blieb doch anständig dabei. Und nun wandern die beiden mittels dieses Geldes nach Australien aus. Ja, und schauen Sie den kleinen Langfinger selbst an. Er hat lange Finger gemacht, um seine Frau nach einer Lungenentzündung wieder auffüttern zu können, und danach war er so weit heruntergekommen, daß er Ballons verkaufte.«

»Ich weiß nicht, worüber du redest«, sagte Soames.

»Nur über die Ausdauer, Sir. Sie wissen nicht, wie das noch alles enden wird, sagten Sie. Schauen Sie sich die Arbeitslosen an! Gibt es irgendein Land in der Welt, wo sie so aushalten wie hier? Der Gedanke, ein Engländer zu sein, steift mir auch immer wieder das Rückgrat. Ihnen nicht?«

Im Innersten seines Herzens stimmte Soames diesen Worten zu; aber weit davon entfernt sich zu verraten, fuhr er fort, den weißen Affen zu betrachten. Die zornige Trauer in den Augen dieses Geschöpfes, die so unstet, kaum menschlich und doch wieder so menschlich war! ›Das Weiße des Auges fehlt ihnen‹, dachte Soames, ›das gibt den Augen eine solche Wirkung.‹ Und George hatte sich das Bild gerade gegenüber seinem Bett gehängt! Ja, George hatte Ausdauer gehabt, mit seinem letzten Atemzug hatte er sich noch einen Witz erlaubt. George war sehr englisch gewesen! Alle Forsytes waren sehr englisch! Der alte Onkel Jolyon und seine Art, mit den Aktionären umzuspringen; Swithin, der so gerade, aufgedunsen und massig in dem viel zu kleinen Lehnsessel bei Timothy gesessen hatte: ›Alle diese unbedeutenden Leute!‹ Er schien die Worte wieder zu hören; und Onkel Nicholas, dessen, wie es schien, unwürdiges Abbild dieser Elderson war, Nicholas, der schlau und fesch und immer zur Stelle war und ziemlich sinnlich, aber über jeden Verdacht der Unehrlichkeit erhaben. Und der alte Roger mit seiner Verschrobenheit und dem deutschen Hammelfleisch! Dann sein eigener Vater, James, hager und gebrechlich wie ein Schilfrohr, wie hatte der sich ans Leben geklammert, immer mehr und mehr! Und Timothy, ganz in Konsols konserviert, der hundert Jahre alt geworden war! Die hatten Blut und Ausdauer, diese Kerle, diese Engländer vom alten Schlag, trotz ihrer komischen Gewohnheiten. Und in Soames regte sich eine Art atavistischer Willenskraft. Man würde schon sehen und er würde auch sehen – weiter war jetzt nichts darüber zu sagen!

Das Knirschen von Autorädern riß ihn aus seinen Träumereien. Da kam der alte Mont, leichtsinnig und wahrscheinlich Unsinn schwatzend wie immer. Und anstatt seiner Hand streckte ihm Soames Eldersons Brief hin.

»Ihr sauberer Schulkamerad ist durchgebrannt«, sagte er.

Sir Lawrence las den Brief und pfiff. »Was glauben Sie, Forsyte, Konstantinopel?«

»Monte Carlo ist wahrscheinlicher«, sagte Soames düster. »Annahme geheimer Provisionen – deswegen wird man nicht ausgeliefert.«

Das sonderbare Muskelspiel im Gesicht des Baronets verursachte ihm einige Genugtuung – das schien dem Burschen nun doch auf die Nerven zu gehen!

»Vielleicht ist er nur fortgegangen, um seine Weiber loszuwerden, Forsyte.«

Der Kerl war unverbesserlich! Soames zuckte fast heftig die Schultern.

»Sie sollten sich lieber klar darüber werden«, sagte er, »daß wir in der Tinte sitzen.«

»Aber mein lieber Forsyte, das ist doch schon der Fall, seit die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Elderson ist auf und davon; wir ernennen jemand andern. Was ist denn da weiter dabei?«

Soames hatte das eigentümliche Gefühl, daß er in seiner Ehrlichkeit zu weit gegangen sei. Wenn ein Ehrenmann, ein neunter Baronet, keine Folgerungen aus Eldersons Bekenntnis ziehen konnte, war dann überhaupt noch ein Grund vorhanden? War irgendein Skandal und Wirbel notwendig? Weiß Gott, er wünschte es gewiß nicht. Und schwerfällig sagte er:

»Wir haben jetzt einen unzweideutigen Beweis des Betruges. Wir wissen, daß Elderson sich unrechtmäßigerweise dafür bezahlen ließ, daß er Geschäfte abschloß, durch die die Aktionäre einen glatten Verlust erlitten haben. Wie können wir das vor ihnen geheimhalten?«

»Aber das Unheil ist nun einmal geschehen, Forsyte. Was wird es den Leuten nützen, wenn sie davon erfahren?«

Soames runzelte die Stirn. »Wir nehmen eine Vertrauensstellung ein. Ich möchte nicht das Risiko einer Verheimlichung tragen. Wenn wir schweigen, sind wir an der Tat mitschuldig. Die Sache kann jederzeit herauskommen.« Wenn das Vorsicht und nicht Ehrlichkeit war, so konnte er nichts dafür.

»Ich möchte gern Eldersons Namen schonen. Wir studierten zusammen in – –«

»Das ist mir bereits bekannt«, sagte Soames trocken.

»Aber wie soll die Sache eigentlich herauskommen, Forsyte? Elderson wird schweigen und ebenso der junge Butterfield, wenn Sie's ihm sagen. Diejenigen, die die Provision bezahlten, werden gewiß nicht reden. Und außer uns dreien weiß niemand davon. Wir haben doch keinerlei Profit daraus gezogen.«

Soames schwieg. Dies Argument blendete im ersten Augenblick. Es war natürlich vollkommen ungerecht, daß er dafür bestraft werden sollte, was Elderson getan hatte!

»Nein«, sagte er plötzlich, »das geht nicht. Wenn man einmal anfängt, auch nur im geringsten die Gesetze zu mißachten, weiß man nie, wo das hinführt. Die Aktionäre haben diesen Verlust erlitten und sie haben das Recht, alle Tatsachen zu erfahren, die dem Aufsichtsrat bekannt sind. Es bestehen vielleicht Möglichkeiten der Wiedergutmachung, die sie ausnützen könnten. Das entzieht sich unserer Beurteilung. Vielleicht können sie auch uns zur Verantwortung ziehen.«

»In diesem Falle, Forsyte, stehe ich auf Ihrer Seite.«

Soames fühlte einen Widerwillen. Mont hatte kein Recht, so kavaliersmäßig in die Schranken zu treten, ohne die Kosten zu bedenken. Wenn überhaupt Kosten zu zahlen waren, so würde sie Mont nicht zahlen, da sein Grundbesitz schwer belastet war, sondern er, dessen Eigentum besonders leicht flüssig gemacht werden konnte.

»Nun«, sagte er kühl, »erinnern Sie sich dessen morgen! Ich gehe zu Bett.«

Als er oben am offenen Fenster stand, war er einigermaßen beruhigt, wiewohl er nicht das Gefühl hatte, tugendhaft gehandelt zu haben. Er hatte einen Entschluß gefaßt, mochte nun kommen, was wollte.


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