Autorenseite

 << zurück weiter >> 

10.
Das Hinscheiden eines Sportsmannes

Soames sagte, enttäuscht darüber, daß seine Tochter nicht zu Hause war: »Ich werde warten«, und setzte sich mitten auf das graugrüne Sofa; er bemerkte Ting-a-ling nicht, der vor dem Feuer schlief, um sich von den Aufmerksamkeiten Amabel Nazings zu erholen, die ihn ›einfach reizend‹ gefunden hatte. Wie er so dasaß, grau und ernsthaft, ein Bein über das andere geschlagen und eine Furche zwischen den Augen, dachte er an Elderson, an den Zustand der Welt und wie doch immer irgend etwas los sei. Und je länger er nachdachte, desto mehr wunderte er sich, wie er jemals so ein Trottel gewesen sein konnte, in einen Aufsichtsrat einzutreten, der mit ausländischen Verträgen zu tun hatte. Die alte Geschäftsweisheit, die im neunzehnten Jahrhundert den britischen Reichtum begründet hatte, die ganze Forsyte-Philosophie, daß man sich um seine eigenen Sachen kümmern solle und kein Risiko eingehen, der engmaschige nationale Individualismus, der sich weigerte, eventuell auf Kosten des Landes, diesem und jenem fremden Wild nachzustellen, alle diese Gedanken riefen in ihm einen stummen Aufruhr wach. England verfolgte politisch eine falsche Fährte, wenn es versuchte, den Kontinent zu beeinflussen, und die P.P.R.G. ging finanziell einen falschen Weg, wenn sie Auslandsgeschäfte versicherte. Der besondere Instinkt seiner Rasse sehnte sich danach, wieder auf dem eigenen und geraden Wege zu wandeln. Man sollte sich niemals in etwas einlassen, was man nicht kontrollieren konnte! Der alte Mont hatte gesagt: ›Gute freundschaftliche Beziehungen!‹ Nichts dergleichen. Sich um seine eigenen Sachen kümmern, das war das Schlagwort. Er mußte plötzlich zu seiner Wade hinunterblicken. Ting-a-ling beschnüffelte seine Hosenbeine.

»Oh!« sagte Soames, »du bist es!«

Ting-a-ling stemmte seine Vorderpfoten gegen das Sofa und leckte die Luft.

»Ich soll dich auf den Schoß nehmen?« sagte Soames. »Aber du bist zu lang.« Und wieder fühlte er die leise, angenehme Wärme, weil ihn jemand gern hatte.

›Ich muß irgend etwas an mir haben, was ihm gefällt‹, dachte er, packte ihn beim Genick und hob ihn auf ein Kissen. ›Wir beide‹, schien der kleine Hund mit seinen Glotzaugen zu sagen – dieses kleine chinesische Wesen! Die Chinesen wußten, was sie zu tun hatten, seit fünftausend Jahren kümmerten sie sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten.

›Ich werde zurücktreten‹, dachte Soames. Aber was sollten Winifred und Imogen tun und einige der Rogers und Nicholase, die Geld in diese Sache hineingesteckt hatten, nur weil er Aufsichtsrat war? Er wünschte, sie würden ihm nicht wie eine Herde Schafe nachlaufen. Er erhob sich vom Sofa. Es hatte keinen Sinn, noch länger zu warten, er würde zu Fuß in die Green Street gehen und sofort mit Winifred sprechen. Sie würde wieder verkaufen müssen, obgleich die Aktien ein wenig gefallen waren. Und ohne sich von Ting-a-ling zu verabschieden, ging er hinaus.

Das ganze letzte Jahr war er seines Lebens fast froh geworden. Es war von unberechenbarem Wert für seinen Gemütszustand, daß er ein Haus hatte, wo er wenigstens einmal in der Woche hingehen und sich ein wenig ausruhen konnte und wo man ihm eine gewisse Sympathie entgegenbrachte, wie in den alten Tagen bei Timothy. Als Fleur von zu Hause fortgegangen war, hatte sie den größten Teil seines Herzens mit sich genommen. Aber Soames empfand es fast als einen Vorteil, einmal in der Woche sein Herz zu besuchen, anstatt es täglich um sich zu haben. Es gab noch andere Gründe, die zu seinem erhöhten Wohlgefühl beitrugen. Jener diabolische fremde Mensch, Prosper Profond, war schon lange wieder fort, er wußte nicht wohin, und seit der Zeit war seine Frau ganz entschieden weniger unruhig und sarkastisch. Sie war jetzt eine Anhängerin von etwas geworden, was man Coué nannte, und war ein bißchen dicker. Sie benützte häufig das Auto. Im großen ganzen war sie häuslicher geworden. Dann hatte er sich auch mit Gauguin ausgesöhnt – ein geringes Fallen der Preise seiner Bilder hatte Soames davon überzeugt, daß Gauguin noch immer der Aufmerksamkeit wert sei, und er hatte drei weitere gekauft. Gauguin würde wieder steigen. Soames bedauerte beinah sein Vorgefühl in dieser Hinsicht, denn der Kerl war ihm fast ans Herz gewachsen. Seine Farbe war sehr anziehend, wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte. Besonders ein Bild, das, soweit er sehen konnte, nichts bedeutete, zwang einen, immer wieder hinzuschauen. Er fühlte sich sogar unruhig, wenn er daran dachte, daß er sich von dem Ding für einen höheren Preis würde trennen müssen. Aber am meisten hatte zu seinem Wohlbefinden ein neu hervorbrechendes jugendliches Interesse für Annette beigetragen; er aß auch mit mehr Appetit, während sein Geist sich fast behaglich mit finanziellen Dingen beschäftigte. Das Pfund stieg im Wert; die Arbeiterpartei war ruhig, und da man auch jenen liberalen Gaukler losgeworden war, konnte man für einige Jahre einer soliden konservativen Verwaltung gewiß sein. Aber zu denken – wie er jetzt daran dachte, als er quer durch den St. James' Park nach der Green Street schritt –, daß er in einen Konzern eingetreten war, den er nicht kontrollieren konnte, erregte in ihm ein Gefühl – na, als wenn der Teufel seine Hand dabei im Spiele hätte!

In Piccadilly ging er langsam die Greenpark-Seite entlang und warf wie gewöhnlich einen Blick nach dem Iseeum-Klub. Die Vorhänge waren zugezogen, und die schmalen leuchtenden Ritze dazwischen ließen auf ein behagliches Innere schließen. Dabei fiel ihm ein, daß ihm irgend jemand gesagt hatte, George Forsyte wäre krank. Er hatte ihn schon seit Monaten nicht in dem Erkerfenster sitzen sehen. Na ja, George hatte immer zu viel gegessen und getrunken. Er ging über die Straße und unter den Klubfenstern vorbei; plötzlich überkam ihn ein Gefühl, er wußte selbst nicht, was es war, eine Sehnsucht nach seiner Vergangenheit, eine Art Heimweh, so daß er innehalten und die Stufen emporsteigen mußte.

»Ist Mr. George Forsyte im Klub?«

Der Türsteher schaute ihn groß an, ein grauhaariger Mann mit einem langen Gesicht, den Soames schon seit den Achtzigerjahren kannte.

»Mr. Forsyte, Sir«, sagte er, »ist schwer krank. Es heißt, er wird nicht davonkommen, Sir.«

»Was?« sagte Soames. »Niemand hat mir etwas davon erzählt.«

»Es geht ihm sehr schlecht – wirklich sehr schlecht. Es ist das Herz.«

»Das Herz! Wo ist er denn?«

»In seiner Wohnung, Sir, gerade um die Ecke. Es heißt, die Ärzte haben ihn aufgegeben. Hier wird man ihn sehr vermissen. Seit vierzig Jahren hab ich ihn gekannt. Einer von der alten Schule und ein großartiger Kenner von Weinen und Pferden. Keiner von uns lebt ewig, sagt man, aber ich hätte nie gedacht, ich würd ihn überleben. Ein bißchen zu vollblütig, Sir, das war es.«

Mit einem leichten Schock kam es Soames zum Bewußtsein, daß er sich niemals darum gekümmert hatte, wo George wohnte, so vollkommen schien er in jenem Erkerfenster da oben zu Hause gewesen zu sein.

»Geben Sie mir gleich seine Adresse«, sagte er.

»Belville Row Nr. 11, Sir. Wenn es ihm nur besser ginge! Seine Späße werd ich sehr vermissen, ganz bestimmt.«

Während Soames um die Ecke in die Belville Row einbog, machte er einen raschen Überschlag. George war Sechsundsechzig, nur ein Jahr jünger als er selbst. Wenn George wirklich dem Ende entgegenging, dann wäre das ganz unnatürlich. ›Das kommt davon, wenn man nicht vorsichtig lebt‹, dachte er. ›Immer liederlich, dieser George. Wann hab ich denn sein Testament gemacht?‹ Soweit Soames sich erinnerte, hatte George sein Geld seinen Brüdern und Schwestern vermacht, es war niemand sonst, dem er es hätte hinterlassen können. Das Familiengefühl rührte sich in Soames, der Instinkt, die Familie zu versorgen. George und er hatten sich niemals vertragen, sie waren zu entgegengesetzte Temperamente; trotzdem mußte er begraben werden, und wer sollte sich darum kümmern, wenn nicht Soames, der während seines Lebens so manchen Forsyte begraben hatte? Er erinnerte sich des Spitznamens, den ihm George einmal gegeben hatte: ›Der Leichenbitter!‹ Hm! Hier waltete eine poetische Gerechtigkeit. Belville Row! Ah! Nr. 11 – eine richtige Junggesellenwohnung! Und während er klingelte, dachte er: ›Weiber‹. Wie hatte es George eigentlich mit den Weibern gehalten?

Auf sein Läuten öffnete ein Mann in schwarzem Cutaway mit einer gewissen schweigenden Zurückhaltung.

»Mr. George Forsyte ist mein Vetter. Was macht er?«

Der Mann preßte die Lippen zusammen.

»Er wird wahrscheinlich die Nacht nicht überleben, Sir.«

Soames fühlte einen kleinen Ruck unter seiner Jägerweste.

»Bei Bewußtsein?«

»Jawohl, Sir.«

»Zeigen Sie ihm meine Karte! Vielleicht möchte er mich sprechen.«

»Bitte, wollen Sie hier warten, Sir?« Soames ging in ein niederes Zimmer, dessen Wände bis in Brusthöhe eines Mannes mit Holz verkleidet waren und darüber mit Stichen geschmückt. George – ein Sammler! Das hätte ihm Soames niemals zugetraut. Wohin immer der Blick schweifte, hingen an den Wänden farbige Stiche und schwarze, alte und neue, die Sportszenen darstellten, Pferderennen oder Wettkämpfe! Kaum ein Zoll der roten Tapete war sichtbar! Soames war gerade im Begriff, die Bilder auf ihren Wert hin zu prüfen, als er sah, daß er sich hier nicht allein befand. Eine Frau, deren Alter in dem dämmerigen Raum nicht zu erkennen war, saß vor dem Feuer in einem Stuhl mit hoher Rückenlehne; sie stützte den einen Ellbogen auf und hielt ein Taschentuch vors Gesicht. Soames blickte sie an und seine Nasenflügel bewegten sich, als er verstohlen einen gewissen Duft einatmete. ›Keine Dame‹, dachte er. ›Wette zehn zu eins, daß das Komplikationen geben wird.‹ Die gedämpfte Stimme des Mannes im Cutaway sagte: »Ich soll Sie hineinführen, Sir.« Soames strich sich mit der Hand über das Gesicht und folgte.

Das Zimmer, das er jetzt betrat, stand in einem seltsamen Gegensatz zu dem früheren. Die eine Wand wurde ganz von einem ungeheuerlich großen Möbelstück eingenommen, nichts als Fächer und Laden. Sonst befand sich nichts in dem Zimmer als ein Toilettetisch mit silbernen Utensilien; ein elektrischer Heizapparat brannte im Kamin, dem gegenüber ein Bett stand. Über dem Kamin hing ein einziges Bild, auf das Soames unwillkürlich einen Blick warf. Wie! Chinesisch! Ein großer weißer Affe von der Seite, der die Schale einer ausgesogenen Frucht in der Pfote vor sich hinhielt, Sein bärtiges Gesicht schaute mit braunen, fast menschlichen Augen auf ihn. Was in aller Welt nur hatte seinen Vetter, der doch kein künstlerisches Verständnis besaß, dazu gebracht, so etwas zu kaufen und es seinem Bett gerade gegenüber aufzuhängen? Er wandte sich um und blickte den im Bett Liegenden an. ›Der einzige Sportsmann von der ganzen Gesellschaft‹, wie Montague Dartie in seiner Blütezeit ihn genannt hatte, lag unter einer Steppdecke, die seine unförmige Gestalt erkennen ließ. Es gab Soames einen Schock, das sonst rötliche, runde Gesicht nun so blaß und aufgeschwemmt zu sehen, mit dunklen Ringen unter den Augen, die einen noch immer spöttisch anstarrten. Eine heisere, klanglose Stimme, die aber noch immer die alte Forsyte-Färbung hatte, sagte: »Hallo, Soames! Bist wohl gekommen, um mir für meinen Sarg Maß zu nehmen?«

Soames schob mit einer Handbewegung diese Vermutung beiseite; er hatte ein wunderliches Gefühl, wie er ein solches Zerrbild von George sah. Sie hatten sich niemals vertragen, aber –!

Und mit seiner ausdruckslosen und gleichgültig klingenden Stimme sagte er: »Na, George, du wirst dich schon wieder erholen. Du bist ja noch gar nicht alt. Kann ich etwas für dich tun?«

Ein Grinsen verzog Georges blasse Lippen.

»Mach mir ein Kodizill! In der Lade des Toilettetisches wirst du Papier finden.«

Soames nahm ein Blatt Briefpapier des Iseeum-Klubs. Am Tisch stehend, schrieb er mit seiner Füllfeder die Eröffnungsworte eines Kodizills und blickte sich nach George um. Man merkte es dessen heiserer Stimme an, daß er die Worte genoß:

»Meine drei Schindmähren dem jungen Val Dartie, weil er der einzige Forsyte ist, der ein Pferd von einem Esel unterscheiden kann.« Ein rauhes Kichern klang Soames abscheulich in die Ohren. »Was hast du geschrieben?«

Soames las: »Ich hinterlasse hiermit meine drei Rennpferde meinem Verwandten Valerius Dartie, Wansdon, Sussex, weil er ein besonderer Pferdekenner ist.«

Wieder das rauhe Kichern. »Du bist ein alter Philister, Soames. Weiter! Für Milly Moyle, Claremont Grove 12, zwölftausend Pfund, frei von Erbschaftssteuern.«

Soames hätte beinahe einen Pfiff ausgestoßen.

Die Frau da drüben!

Georges spöttischer Blick hatte sich in düsteres Brüten verwandelt.

»Ein Haufen Geld«, konnte Soames nicht umhin zu sagen.

George ließ einen leisen zornigen Laut hören.

»Schreib es nieder, sonst hinterlaß ich ihr alles.«

Soames schrieb. »Sonst noch was?«

»Nein. Lies vor!«

Soames las. Wieder hörte er das rauhe Kichern.

»Eine bittere Pille! Das werdet ihr nicht in die Zeitungen geben. Hol den Burschen herein, ihr beide könnt als Zeugen unterschreiben.«

Noch ehe Soames die Tür erreichte, wurde sie geöffnet und der Diener selbst kam herein.

»Der – eh – Pfarrer, Sir«, sagte er mit mißbilligender Stimme, »ist hergekommen. Er fragt, ob Sie ihn nicht sehen möchten.«

George Wandte das Gesicht. Er rollte die hervorquellenden grauen Augen. »Meine Empfehlung an ihn«, sagte er, »und ich würde ihn schon beim Begräbnis treffen.«

Mit einer Verbeugung ging der Mann hinaus, und es herrschte Schweigen.

»Jetzt hol ihn wieder herein«, sagte George. »Ich weiß nicht, wann die Flagge niedergeholt wird.«

Soames winkte den Mann ins Zimmer. Als das Kodizill unterzeichnet und der Diener gegangen war, sagte George: »Steck es ein und sieh zu, daß es ihr ausbezahlt wird. Das eine Gute hast du, Soames, man kann sich auf dich verlassen.«

Soames steckte das Kodizill mit einem wunderlichen Gefühl in die Tasche.

»Möchtest du sie noch einmal sehen?« fragte er.

George starrte eine lange Zeit zu ihm empor, ehe er entgegnete: »Nein, was hat das für einen Sinn? Gib mir eine Zigarre aus der Lade dort.«

Soames öffnete die Lade. »Darfst du?« fragte er.

George grinste. »Hab nie in meinem Leben getan, was ich durfte, und jetzt werd ich nicht damit anfangen. Schneid mir die Spitze ab!«

Soames schnitt das Ende der Zigarre ab. ›Werd ihm kein Streichholz geben‹, dachte er. ›Die Verantwortung kann ich nicht übernehmen.‹ Aber George bat gar nicht um ein Streichholz. Er lag ganz ruhig da, die kalte Zigarre zwischen den blassen Lippen und die gewölbten Lider geschlossen.

»Leb wohl!« sagte er. »Ich werd ein Schläfchen halten.«

»Leb wohl!« erwiderte Soames. »Ich – ich hoffe – daß du – daß du bald – –«

George öffnete die Augen wieder – starr, traurig und doch spöttisch schien sein Blick den Trug der Hoffnung und des Trostes völlig auszulöschen. Soames wandte sich hastig ab und schritt hinaus. Es war ihm übel und er ging, fast ohne zu wissen warum, wieder ins Wohnzimmer. Das Frauenzimmer saß noch immer in der gleichen Haltung da; das gleiche Parfüm erfüllte die Luft. Soames nahm seinen Regenschirm, den er dort stehengelassen hatte, und ging hinaus.

»Da ist meine Telephonnummer«, sagte er zu dem Diener, der im Gang wartete, »verständigen Sie mich!«

Der Mann verbeugte sich.

Soames verließ die Belville Row. Noch nie war er von George weggegangen ohne das Gefühl, daß man sich über ihn lustig gemacht hatte. Hatte man sich auch jetzt über ihn lustig gemacht? War jenes Kodizill Georges letzter Scherz? Wenn Soames ihn an diesem Nachmittag nicht besucht hätte, würde George dann jemals dies Kodizill gemacht haben, in dem er den dritten Teil seines Eigentums seiner Familie vorenthielt und jener stark parfümierten Frau in dem hochlehnigen Stuhl hinterließ? Soames konnte ein Gefühl des Mysteriösen nicht los werden. Wie konnte ein Mensch an der Pforte des Todes noch scherzen? Es war in gewissem Sinne heroisch. Wo sollte man ihn begraben? Irgend jemand würde es schon wissen – Francie oder Eustace. Und was würden sie denken, wenn sie die Geschichte mit der Frau in dem Sessel erführen – zwölf tausend Pfund! ›Wenn ich den weißen Affen in meinen Besitz bringen kann, werd ich es tun‹, dachte er plötzlich. ›Es ist ein gutes Bild.‹ Die Augen des Tieres, die ausgesogene Frucht – war vielleicht das ganze Leben ein bitterer Scherz und George ein tieferer Denker als er selbst? Er klingelte in der Green Street.

Mrs. Dartie ließ sich entschuldigen, Mrs. Cardigan hätte sie zum Dinner und ins Theater abgeholt.

Soames speiste allein. An dem polierten Tisch, unter den Montague Dartie manchmal gefallen war, wenn er nicht gar dort geschlafen hatte, speiste er und brütete. ›Das eine Gute hast du, Soames, man kann sich auf dich verlassen.‹ Die Worte schmeichelten ihm und hatten gleichzeitig einen Stachel. Welch tiefer Humor in diesem sardonischen Scherz! Seinem Familiensinn einen Schock zu versetzen und ihm gleichzeitig zu vertrauen, daß er diese schokierende Tatsache auch ausführen würde. Dem George war ein Frauenzimmer, das nach Patschuli roch, sein Lebtag keine zwölftausend Pfund wert gewesen. Nein, das war ein letzter Hohn auf die Familie, die Forsytes, und auf Soames selbst. Schon gut! Einer nach dem andern von denen, die ihn beleidigt und verhöhnt hatten, Irene, Bosinney, der alte und der junge Jolyon und nun George waren von ihrem Schicksal ereilt worden. Tot, sterbend oder in Britisch-Kolumbien! Er sah wieder die Augen seines Vetters, starr traurig und spöttisch, und die kalte Zigarre in seinem Munde – der arme Teufel! Er erhob sich vom Tisch und zog nervös die Vorhänge zurück. Die Nacht war klar und kalt. Was geschah mit den Menschen – nachher? George pflegte zu sagen, daß er in einem früheren Leben der Koch Karls des Zweiten gewesen sei. Aber die Wiedergeburt war doch ein Unsinn, ein schwachmütiges Theoretisieren. Dennoch würde man froh sein, nach dem Tode sich noch immer ans Leben klammern zu können. Sich festklammern um in Fleurs Nähe zu sein! Was war das für ein Lärm? Ein Grammophon in der Küche! Wenn die Katze nicht zu Hause war, – –! Die Menschen waren doch alle gleich – nahmen, was sie nur bekommen konnten, und gaben so wenig dafür wie nur möglich. Na ja! Er würde eine Zigarette rauchen. Sie an einer Kerze anzündend – Winifred dinierte bei Kerzenlicht, weil es wieder Mode war –, dachte er: ›Ob er noch immer die Zigarre zwischen den Zähnen hat?‹ Ein komischer Kauz, der George – sein Lebtag ein komischer Kauz gewesen! Er beobachtete einen Rauchring, den er unabsichtlich gemacht hatte – wie blau er war! – er tat niemals Lungenzüge! Jawohl! George hatte zu flott gelebt, sonst würde er nicht zwanzig Jahre vor seiner Zeit sterben – zu flott gelebt! Na, da war nichts mehr zu machen. Wenn auch nur eine Katze im Zimmer gewesen wäre, mit der er hätte sprechen können! Er nahm ein kleines Ungeheuer vom Kaminsims. Das hatte sein Neffe Benedikt ein Jahr nach dem Krieg in einem orientalischen Bazar aufgestöbert, es hatte grüne Augen. ›Keine echten Smaragde‹, dachte Soames, ›irgend ein billiger Stein.‹

»Sie werden zum Telephon gewünscht, Sir!«

Er ging in die Halle und ergriff das Hörrohr. »Ja?«

»Mr. Forsyte ist hinübergegangen, Sir – im Schlaf, sagt der Arzt.«

»Oh!« erwiderte Soames, »hatte er eine Zi – –? Ich danke!« Er hängte das Hörrohr wieder zurück. Hinübergegangen! Und mit einer nervösen Bewegung griff er nach dem Kodizill in seiner Brusttasche.


 << zurück weiter >>