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Max Beerbohm
zugeeignet

 

 

Erster Teil


1.
Spaziergang

An jenem denkwürdigen Nachmittag Mitte Oktober des Jahres 1922 stieg Sir Lawrence Mont, neunter Baronet, die von den Verfechtern des Bestehenden so gründlich ausgetretenen Stufen des konservativen Snooks-Klubs hinunter. Auf seinen dünnen Beinen schritt er eilig dahin, den Kopf mit der feinen Nase dem Ostwind zugekehrt. Mehr durch seine Geburt als von Natur aus zur Politik bestimmt, beurteilte er die Umwälzung, die seine Partei wieder ans Ruder gebracht hatte, mit leidenschaftslosem Interesse und nicht ohne Humor. Als er am liberalen Remove-Klub vorbeiging, dachte er: ›Die werden jetzt schwitzen da drinnen – die guten Zeiten sind vorüber! Keine komplizierten Speisen mehr. Zur Abwechslung einmal Schnepfe ohne Garnierung!‹

Die führenden Größen waren schon aus dem Snooks-Klub ausgetreten, ehe er Mitglied wurde. Er gehörte nicht ›zu jenen Konjunkturrittern, die ihr Schäfchen bereits geschoren hatten, o nein – diese Kerle, die im Augenblick, da der Krieg vorüber war, der Landwirtschaft den Rücken gekehrt hatten. Pah!‹ Eine Stunde lang hatte er sich verschiedene Meinungen angehört und sein beweglicher Geist, der in den Anschauungen der Vergangenheit wurzelte und der Gegenwart und allen politischen Beteuerungen und Verkündigungen skeptisch gegenüberstand, hatte amüsiert bemerkt, welche Verwirrung die schicksalsschwere Versammlung in allen Köpfen, patriotischen und andern, angerichtet hatte. Wie die meisten Grundbesitzer mißtraute er rein theoretischen Lehrsätzen. Seine politische Überzeugung, wenn er überhaupt eine hatte, lautete: Einfuhrzoll auf Weizen, und soweit er sehen konnte, stand er damit jetzt allein – aber er wollte ja auch gar nicht ins Parlament kommen. Mit andern Worten: er hatte nicht zu fürchten, daß seine politischen Grundsätze von den Stimmzetteln derjenigen, die das Brot bezahlen mußten, erschüttert würden. Grundsätze, überlegte er, waren im Grunde gleichbedeutend mit Profit; warum zum Kuckuck taten die Leute immer so, als wäre es anders! Profit, im tiefsten Sinne des Wortes natürlich, war nichts anderes als Selbsterhaltungstrieb für Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft. Und wie zum Kuckuck sollte diese bestimmte Gemeinschaft, die englische Nation, weiter existieren, wenn das ganze Land nicht mehr bebaut würde und alle Schiffe und Häfen Gefahr liefen, von Aeroplanen zerstört zu werden? Im Klub hatte er eine Stunde lang darauf gewartet, daß einer die Bodenfrage anschneiden würde. Kein einziger! Sie trieben keine praktische Politik! Verwünschte Kerle! Die wetzten wohl nur ihre Hosen durch bei dem ewigen Sitzeerobern und Sitzebehalten! Kein Zusammenhang zwischen ihrem Sitzfleisch und ihrer Politik, die noch künftigen Generationen in den Knochen sitzen sollte. Wahrhaftig keiner! Während seine Gedanken so bei der künftigen Generation angelangt waren, fiel ihm plötzlich ein, daß die Frau seines Sohnes noch gar keine Anzeichen aufwies. Zwei Jahre! Es war schon Zeit, daß sie an Kinder dachten. Es war gefährlich, sich an Kinderlosigkeit zu gewöhnen, wenn ein Titel und ein Landsitz davon abhingen. Die Lippen und buschigen Brauen zogen sich zu einem Lächeln zusammen, so daß zwei dunkle Runen über seinen Augen eingegraben schienen. Ein hübsches, junges Geschöpf, so anziehend; und sie wußte es auch! Wen lernte sie nicht alles kennen? Löwen und Tiger, Affen und Katzen – ihr Haus wurde nachgerade eine förmliche Menagerie von mehr oder weniger gefeierten Zelebritäten. Es lag etwas Phantastisches in ihrem Vorgehen. Und vor einem der vier britischen Löwen auf dem Trafalgar Square stehenbleibend, dachte er: ›Nächstens holt sie die da in ihr Haus! Sie hat die Sammelwut. Michael soll sich vorsehen. Im Hause einer Sammlerin gibt es immer ein Zimmer für das ausrangierte Gerümpel, und auch der Ehemann kann am Ende dort hineingesteckt werden. Da fällt mir ein: Ich habe ihr einen chinesischen Minister versprochen. Na, sie muß jetzt bis nach den allgemeinen Wahlen warten.‹

Am Ende von Whitehall erschienen einen Augenblick lang die Türme von Westminster unter dem grauen östlichen Himmel. ›Auch in diesem Bild liegt etwas Phantastisches‹, dachte er. ›Michael mit seinen fixen Ideen! Na, es ist halt Mode – sozialistische Prinzipien und eine reiche Frau. Selbstaufopferung gegen Sicherstellung! Frieden mit Wohlleben! Quacksalber-Medizinen – zehn für einen Penny!‹ In Charing Croß schritt er mitten durch das Gewühl der schreienden Zeitungsverkäufer, die die politische Krise närrisch gemacht hatte, und wandte sich nach links zum Haus der Verleger Danby & Winter, wo sein Sohn jüngerer Teilhaber war. Ein Thema zu einem neuen Buch beschäftigte seinen Geist, der schon eine Montrose-Biographie und ›Im fernen China‹, jenes orientalische Reisebuch, hervorgebracht hatte; ferner eine phantastische Konversation zwischen den Geistern Gladstones und Disraelis, ›Duett‹ betitelt. Mit jedem Schritt, den er vom Klub ostwärts tat, stach seine aufrechte magere Gestalt stets mehr von den übrigen ab, sein Mantel mit Astrachankragen, sein hageres Gesicht mit dem grauen Schnurrbart und dem schildkrotumrandeten Monokel unter der beweglichen dunklen Braue. Er wirkte fast auffallend in dieser düsteren Seitengasse, wo Karren herumstanden, wie Winterfliegen an der Wand kleben, und die Leute Bücher unterm Arm trugen, als wollten sie für Gebildete gelten.

Knapp vor der Tür von Danby begegnete er zwei jungen Männern. Einer von ihnen war offenbar sein Sohn, besser gekleidet seit seiner Heirat, und eine Zigarre im Mund – Gott sei Dank! – anstatt dieser ewigen Zigaretten. Und der andere – aha! der von Michael protegierte emporkommende Poet und sein Brautführer, die Nase in der Luft und einen Velourhut auf dem glatten Kopf. Sir Lawrence sagte: »Ha, Michael!«

»Hallo, Bart ›Bart‹ ist die englische Abkürzung von ›Baronet‹, hier als Spitzname gebraucht.! Du kennst doch meinen alten Herrn, Wilfrid? Wilfrid Desert. ›Kleine Münze‹ – es steckt ein echter Dichter drin, das sag ich Ihnen, Bart. Sie müssen ihn lesen. Wir gehen nach Hause. Kommen Sie mit!«

Sir Lawrence ging mit.

»Was war im Klub los?«

»Le roi est mort! Die Arbeiterpartei kann wieder anfangen zu lügen – nächsten Monat sind die Wahlen.«

»Bart ist in einer Zeit aufgewachsen, Wilfrid, die Demos noch nicht kannte.«

»Na, Mr. Desert, finden Sie etwas Reales in der heutigen Politik?«

»Finden Sie Realität in irgend etwas, Sir?«

»Vielleicht in der Einkommensteuer.«

Michael grinste. »Vom Adeligen aufwärts«, sagte er, »gibt es so etwas wie einfachen Glauben nicht mehr.«

»Angenommen, Michael, deine Freunde kämen ans Ruder – es wäre ja in mancher Beziehung gar nicht so schlecht, würde ihnen ja nur dazu verhelfen, reifer zu werden – was könnten sie tun, eh? Könnten sie den englischen Geschmack verbessern? Das Kino abschaffen? Die Engländer das Kochen lehren? Andere Staaten verhindern, mit Krieg zu drohen? Uns dazu bringen, alle Nahrungsmittel im Inland zu produzieren? Das Anwachsen des Lebens in den Städten verhindern? Würden sie die Erfinder der Giftgase aufknüpfen? Könnten sie die Fliegergefahr während des Krieges verhindern? Könnten sie irgendwo den Besitzinstinkt schwächen? Oder in Wirklichkeit irgend etwas anderes tun, als die zufälligen Besitzrechte ein wenig ändern? Alle Parteipolitik bleibt an der Oberfläche. Wir werden von den Erfindern beherrscht und von der menschlichen Natur; und dabei sind wir auf einen Holzweg geraten, Mr. Desert.«

»Ganz meine Meinung, Sir.«

Michael schwenkte seine Zigarre.

»Was für Pessimisten ihr seid, ihr beiden!«

Und die Hüte abnehmend, gingen sie an dem Kriegerdenkmal vorbei.

»Seltsam bezeichnend, dieses Ding da«, sagte Sir Lawrence, »eine Warnung vor allem Pomp – recht charakteristisch. Und die Warnung vor dem Pomp –«

»Nur weiter, Bart!« sagte Michael.

»Das Schöne, das Große und Ornamentale – alles dahin. Keine weitreichenden Ansichten mehr, keine großen Pläne, keine großen Grundsätze, keine große Religion oder große Kunst, ästhetisierendes Treiben von Cliquen in Hinterzimmern, kleine Menschen in kleinen Hütten.«

»Was sagst du dazu, Wilfrid?«

»Ja, Mr. Desert, was sagen Sie dazu?«

Deserts finsteres Gesicht nahm einen konzentrierten Ausdruck an. »Es ist ein Zeitalter der Widersprüche«, erklärte er. »Wir treten alle für die Freiheit in die Schranken, und die einzigen Institutionen, die mächtig werden, sind der Sozialismus und die römisch-katholische Kirche. Wir bilden uns schrecklich viel auf unsere Kunst ein – und die einzige Kunst, die vorwärts kommt, ist das Kino. Wir sind ganz versessen auf den Frieden, und das einzige, was wir dazu beitragen, ist die Vervollkommnung der Giftgase.«

Sir Lawrence warf einen Seitenblick auf den jungen Mann, der so bitter sprach. »Und macht sich das Verlagsgeschäft, Michael?«

»Na, ›Kleine Münze‹ geht wie frische Semmeln, und ›Ein Duett‹ läßt sich auch nicht übel an. Was halten Sie von folgender neuen Anzeige: Ein Duett‹ von Sir Lawrence Mont, Bart. Das hervorragendste Zwiegespräch, das zwei Tote je geführt haben.‹ Das sollte eigentlich die Spiritisten packen. Wilfrid hat vorgeschlagen: ›Gladstone und Disraeli. Eine Radiobotschaft aus der Hölle.‹ Welcher Titel gefällt Ihnen besser?«

Sie waren indessen bis zu einem Schutzmann gekommen, der seinen Arm hochhielt, gerade vor der Nase eines Lastpferdes, so daß alles stillstehen mußte. Die Motore der Autos liefen leer, die Gesichter der Lenker waren geradeaus auf die abgesperrte Straßenkreuzung gerichtet; ein Mädchen auf einem Fahrrad schaute müßig umher, wobei es sich hinten an einem Lastwagen festhielt, auf dem seitwärts ein Bursche saß und die Beine zu dem Mädchen herunterbaumeln ließ. Sir Lawrence blickte wieder zu dem jungen Desert hinüber. Ein mageres bleiches Gesicht mit feinen, wenn auch nicht ganz harmonischen Zügen; nichts Auffallendes in Kleidung oder Benehmen, dabei gesellschaftlich ganz unbefangen; weniger lebhaft als dieser temperamentvolle Schlingel, sein eigener Sohn, doch genau so steuerlos und noch skeptischer – Erlebnisse gingen ihm wahrscheinlich recht nahe. Der Schutzmann ließ den Arm sinken.

»Sie waren im Krieg, Mr. Desert?«

»Jawohl.«

»Luftdienst?«

»Und Infanterie. Von jedem ein bißchen.«

»Das ist schwer für einen Dichter.«

»Durchaus nicht. Poesie kann überhaupt nur entstehen, wenn man jeden Augenblick in die Luft fliegen kann, oder wenn man in einer typischen Londoner Vorstadt lebt.«

Sir Lawrence zog die Augenbraue hoch. »Meinen Sie?«

»Tennyson, Browning, Wordsworth, Swinburne – die konnten schaffen; ils vivaient, mais si peu.«

»Gibt es nicht noch eine dritte günstige Situation?«

»Und die wäre, Sir?«

»Wie soll ich mich ausdrücken – so eine Art geistiger Erregung im Zusammenhang mit Frauen?«

Deserts Gesicht zuckte und ein Schatten flog darüber.

Michael steckte den Schlüssel in seine Haustür.


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