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2.
Victorine

Den ganzen Dezember hindurch war das Geschäft in Ballons sehr flau gewesen – fast keine Bewegung zu spüren, nicht einmal in der Weihnachtswoche, und die Bickets waren von Australien so weit entfernt wie nur je. Victorine, deren Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt war, hatte ihren Posten in der Blusenabteilung von Boney Blayds & Co. nicht wieder bekommen. Man hatte ihr hie und da etwas zum Nähen gegeben, aber letzthin auch das nicht mehr, und sie hatte viel Zeit verbraucht, eine weniger unsichere Arbeit zu suchen. Was ihre Position erschwerte und immer erschwert hatte, das war ihr Gesicht. Es war ungewöhnlich. Die Leute wußten nicht, was sie von einer jungen Frau halten sollten, die so aussah. Warum sollte man eine einstellen, die ohne die Qualifikation von Reichtum, Rang oder Mode und ohne Fähigkeiten (so weit sie wußten), so aussah, daß man sich neben ihr gewöhnlich vorkam? Denn wie sehr das künstlerische Interesse auch für Fleur und Michael lebensnotwendig war, so war es doch nicht das ausschlaggebende bei der Herstellung und dem Verkauf von Blusen, beim Anprobieren von Schuhen, beim Adressenschreiben, Grabkränzeherstellen, oder was sonst Victorine noch für Ambitionen hatte. Was spielte sich eigentlich ab hinter jenen großen dunklen Augen und den stillen Lippen? Das beunruhigte Boney Blayds & Co. und die Engrosgeschäfte überhaupt. Die etwas fragwürdigen Berufe der Filmstatistinnen oder Mannequins kamen der jungen Frau gar nicht in den Sinn, die in der Vorstadt geboren und deshalb geneigt war, sich selbst zu unterschätzen.

Wenn Bicket des Morgens mit seinem Kasten und seinen noch nicht aufgeblasenen Ballons fortging, so stand sie wohl da und nagte an ihrem Finger, als müßte sie einen Ausweg finden aus diesem Leben von der Hand in den Mund, das ihren Gatten so dünn wie eine Latte, müde wie einen Hund, schäbig wie einen zerzausten Sperling machte und ihnen, trotzdem sie sich degradiert fühlten, nicht mehr einbrachte, als gerade ein Dach überm Kopf. Es war ihnen schon längst klar geworden, daß Ballons keine Zukunft hatten und nur eine Bettelexistenz ermöglichten. Und in der schweigenden, passiven Victorine schwelte ein trotziger Groll. Sie wollte ein besseres Leben für sich selbst und für ihn, hauptsächlich aber für ihn.

An dem Morgen, als die Mark zu fallen begann, zog sie ihre billige Samtjacke an und setzte die Toque auf (das waren die besten Überbleibsel ihrer Garderobe), denn sie hatte einen Entschluß gefaßt. Bicket erwähnte niemals mehr seine frühere Beschäftigung, und seine Frau hatte scharfsinnig erraten, daß ein ungewöhnlicher Grund für seine Entlassung vorhanden sein müsse. Warum sollte sie nicht versuchen, ihm den Posten wieder zu verschaffen? Er hatte oft gesagt: ›Mr. Mont ist ein Gentleman und eine Art Sozialist, ist auch im Krieg gewesen; kein hochherrschaftliches Getue bei ihm.‹ Wenn sie dieses Phänomen nur erwischen könnte! Mit hoffnungsvoll und wagemutig geröteten Wangen prüfte sie ihre Erscheinung in den Schaufenstern des ›Strand‹. Ihre graugrüne Samtjacke gefiel ihr, die Sinn für Farbe hatte; aber ihr schwarzer Rock – na, vielleicht könnte sie sich hinter dem Ladentisch halten, damit man nicht sähe, wie abgetragen er war. Würde sie Courage genug haben zu sagen, daß sie wegen eines Manuskripts käme? Und sie übte sich mit schweigenden Lippen, indem sie sich zwang, vornehm zu sprechen: ›Möchten Sie so freundlich sein, Mr. Mont zu fragen, ob ich ihn sprechen könnte? Es ist wegen eines Manuskriptes.‹ Jawohl, und dann würde die Frage kommen: ›Wie ist Ihr Name, bitte?‹ ›Mrs. Bicket.‹ Das war unmöglich. ›Miss Victorine Collins.‹ Alle Schriftstellerinnen schrieben unter ihrem Mädchennamen. Victorine, das ging. Aber Collins! Das klang nicht nach Schriftstellerei. Und es würde ja keiner wissen, wie sie als Mädchen geheißen. Warum nicht einen erfinden? Das taten Schriftsteller ja auch. Und sie dachte nach. Irgend etwas Italienisches, wie – wie zum Beispiel –. Hatte ihre Hausfrau, als sie eingezogen, nicht zu ihnen gesagt: ›Ist Ihre Frau idaljenisch?‹ Aha, Manuelli! Das war ganz bestimmt italienisch – der Eismann in der Little Ditch Street hieß so! Sie ging weiter und übte leise vor sich hin. Wenn sie nur diesen Mr. Mont sehen könnte!

Zitternd trat sie ein. Alles ging genau, wie sie es vorhergesehen hatte, sogar das Vornehmsprechen, dann stand sie wartend da, bis eine Antwort durch das Sprachrohr herunterkäme; dabei versuchte sie, ihre Hände in den ganz alten Handschuhen zu verstecken. Ob Miß Manuelli eine Verabredung hätte? Es sei kein Manuskript von ihr da.

»Nein«, sagte Victorine, »ich habe es noch nicht geschickt. Ich möchte ihn zuerst sprechen.« Der junge Mann hinter dem Tisch blickte sie durchdringend an. Er ging wieder zum Sprachrohr und sagte dann: »Wollen Sie bitte eine Minute warten, Mr. Monts Sekretärin wird herunterkommen.«

Victorine ließ den Kopf hängen, und auch das Herz sank ihr in die Schuhe. Eine Sekretärin! Jetzt würde sie gewiß nicht mehr hinaufkommen! Und plötzlich überfiel sie auch die Furcht davor, falsche Angaben zu machen. Da dachte sie an Tony, wie er an seiner Ecke stand, bis zu den Augen mit Ballons verdeckt, so hatte sie ihn schon mehr als einmal ausspioniert, und sie wurde fest in ihrem verzweifelten Entschluß.

Die Stimme eines Mädchens fragte: »Miss Manuelli? Ich bin Mr. Monts Sekretärin; vielleicht können Sie mir sagen, um was es sich handelt?«

Die Augen einer jungen Dame mit frischem Gesicht musterten sie von oben bis unten. Victorine zwang sich, vornehm zu sprechen, und sagte: »Oh! Ich fürchte, das geht nicht.«

Der musternde Blick heftete sich auf ihr Gesicht. »Wenn Sie mir folgen wollen, so werde ich sehen, ob Mr. Mont Sie empfangen kann.«

In dem kleinen Wartezimmer saß Victorine allein, ohne sich zu rühren, bis sie das Gesicht eines jungen Mannes im Türspalt sah und die Worte vernahm: »Wollen Sie bitte hereinkommen.«

Sie atmete tief auf und ging. Glücklich in Audienz empfangen, blickte sie von Michael zu seiner Sekretärin und wieder zurück, schlau erwägend, ob seine Jugend, seine Ritterlichkeit und Männlichkeit ihr wohl ein Privatgespräch versagen würden. Michael durchflog sofort der Gedanke: ›Geld vermutlich. Aber was für ein interessantes Gesicht!‹ Die Sekretärin verzog die Mundwinkel und verließ das Zimmer.

»Nun, Miss – eh – Manuelli?«

»Nicht Manuelli, bitte, Mrs. Bicket; mein Mann war hier angestellt.«

»Was?« Der Bursche, der ›Kleine Münze‹ stibitzt hatte! Alle Wetter! Bickets fatale Geschichte – seine Frau – Lungenentzündung. Sie sah noch ganz so aus, als ob sie krank gewesen wäre.

»Er hat oft von Ihnen gesprochen, Sir. Und bitte, er hat keine Arbeit. Könnten Sie nicht wieder eine Arbeit für ihn finden, Sir?«

Michael stand schweigend da. Wußte diese schrecklich interessant aussehende junge Frau von dem Diebstahl?

»Er verkauft jetzt halt Ballons auf der Straße, ich kann es nicht ertragen, ihn so zu sehen. Dort bei der St. Paulskathedrale steht er und es trägt gar kein Geld, und wir möchten so gern nach Australien auswandern. Ich weiß, er ist sehr nervös und kommt nicht gut mit andern aus, aber wenn Sie ihn doch zurücknehmen könnten …«

Nein, sie wußte es nicht!

»Das tut mir leid, Mrs. Bicket. Ich erinnere mich Ihres Mannes, aber wir haben keine Arbeit für ihn. Geht es Ihnen wieder gut?«

»Ja! Nur, daß auch ich keine Arbeit bekommen kann.«

Ein Gesicht, wie geschaffen für eine Umschlagzeichnung! Eine Art Mona Lisa! Storberts Roman! Ha!

»Nun, ich werde einmal mit Ihrem Mann sprechen. Möchten Sie nicht vielleicht einem Künstler sitzen für einen Buchumschlag? Ein Versuch könnte Ihnen zu Arbeit dieser Art verhelfen, wenn Sie es wünschen. Sie sind gerade der Typus für einen meiner Freunde. Kennen Sie Aubrey Greenes Bilder?«

»Nein, Sir.«

»Sie sind recht gut – eigentlich sehr gut in einer etwas dekadenten Art. Würden Sie ihm vielleicht sitzen?«

»Jede Arbeit ist mir recht, wenn ich damit Geld verdienen kann. Aber es wär mir lieber, wenn Sie meinem Mann nicht sagen würden, daß ich hier war. Es wär ihm vielleicht nicht recht.«

»Na gut! Ich werde ihn zufällig treffen. Bei der St. Paulskathedrale, sagten Sie? Aber bei uns ist keine Aussicht, Mrs. Bicket. Und außerdem hat er mir doch gesagt, daß er mit diesem Verdienst nicht auskommen konnte.«

»Während ich krank war, Sir.«

»Natürlich, das macht einen Unterschied.«

»Ja, Sir.«

»Also, ich schreibe Ihnen ein paar Zeilen an Mr. Greene. Wollen Sie eine Minute Platz nehmen?«

Während sie wartend dasaß, warf er ihr einen verstohlenen Blick zu. In der Tat, ihr blasses Gesicht mit den grauen Augen und dem pechschwarzen, kurzen, nach unten zu krausen Haar war außerordentlich interessant – ein bißchen zu fein und blutarm für das Publikum; aber, hol's der Teufel, das Publikum konnte nicht immer seine himmelblauen Augen, flachsgelbes Haar und knallroten Wangen haben. ›Sie ist keine Fesche‹, schrieb er, ›die der allgemeine Geschmack goutieren wird, aber so fesselnd in ihrer Art, daß sie wirklich ein Typus werden könnte wie die Frauen von Beardsley oder Dana.‹

Als sie mit dem Brief gegangen war, klingelte er seiner Sekretärin.

»Nein, Miss Perren, sie hat mir nichts abgenommen. Aber was für ein Typus, eh?«

»Ich hab mir gedacht, daß Sie sie gern sehen möchten. Sie war keine Schriftstellerin, nicht wahr?«

»Weit entfernt davon.«

»Na, ich hoffe, sie hat erreicht, was sie wollte.«

Michael grinste: »Zum Teil, Miss Perren, zum Teil. Sie halten mich wohl für einen furchtbaren Narren, nicht wahr?«

»Ganz gewiß nicht; aber ich glaube, Sie haben ein zu gutes Herz.«

Michael fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Würde es Sie überraschen zu hören, daß ich ein vortreffliches Geschäft gemacht habe?«

»Jawohl, Mr. Mont.«

»Dann werde ich Ihnen nicht sagen, was es ist. Wenn Sie mit dem Schmollen fertig sind, dann fahren Sie mit dem Brief an meinen Vater wegen des Buches ›Duett‹ fort. ›Zu unserem größten Bedauern sehen wir bei dem gegenwärtigen Geschäftsgang keine Möglichkeit, den Dialog zwischen den beiden alten Mauldreschern in einer neuen Auflage erscheinen zu lassen; wir haben schon jetzt Geld daran verloren.‹ Das müssen Sie natürlich stilisieren. Können wir jetzt nicht irgend etwas sagen, um den alten Herrn aufzuheitern? Wie wär's mit folgendem: ›Wenn die Franzosen ihren Verstand wiedergefunden haben und die Vögel zu singen beginnen, kurzum, wenn der Frühling ins Land zieht, dann hoffen wir, der Angelegenheit von neuem nahetreten zu können, angesichts der‹ – der – nun – wessen denn, Miss Perren?«

»›Angesichts der Erfahrungen, die wir gewonnen haben.‹ Soll ich das über die Franzosen und die Vögel weglassen?«

»Ausgezeichnet! ›In vorzüglicher Hochachtung Danby & Winter.‹ Finden Sie nicht auch, Miss Perren, daß es schändlicher Nepotismus war, das Buch überhaupt zu uns zu bringen?«

»Was verstehen Sie denn unter ›Nepotismus‹?«

»Wenn man aus der Position seines Sohnes Vorteil zieht. Er hat mit keinem seiner Bücher jemals auch nur Sixpence verdient.«

»Mr. Mont, er ist ein vorzüglicher Schriftsteller.«

»Und für diese Vorzüglichkeit müssen wir bezahlen. Na ja, er ist ein lieber alter Baronet. Damit hätten wir unsere Arbeit vor dem Lunch erledigt – daß Sie mir nur ja einen guten Lunch nehmen! Die Gestalt dieser jungen Frau war auch nicht gewöhnlich, nicht wahr? Sie ist mager, aber sie hat eine gerade Haltung. Ich möchte Sie schon lange etwas fragen, Miss Perren: Warum gehen die modernen Mädchen vornübergebeugt und auch den Kopf immer vorgestreckt? Sie können doch nicht alle so gebaut sein?«

Die Wangen der Sekretärin überzogen sich mit leisem Rot.

»Es gibt einen Grund dafür, Mr. Mont.«

»So! Und der wäre?«

Die Wangen der Sekretärin färbten sich noch dunkler. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich – –«

»Oh, bitte um Verzeihung! Ich werde meine Frau fragen: Nur, daß sie selber sich ganz gerade hält.«

»Ja, sehen Sie, Mr. Mont, das ist so: Die Mode verlangt, daß man nichts da – dahinten hat, und natürlich hat man was, und man kann die richtige Linie nicht herausbringen, wenn man nicht die Brust eindrückt und den Kopf nach vorne beugt. Die Modebilder und Mannequins sind schuld daran.«

»Aha!« sagte Michael; »ich danke Ihnen, Miss Perren. Das war sehr nett von Ihnen. Höher geht's aber schon nimmer, was?«

»Nein, ich halt mich auch nicht daran.«

»Ganz recht haben Sie.«

Die Sekretärin senkte die Augen und zog sich zurück.

Michael setzte sich nieder und zeichnete ein Gesicht auf das Löschblatt. Es war nicht Victorine …

 

Victorine nahm ihren gewöhnlichen Lunch: eine Schale Kaffee und ein Stückchen schweren Kuchens, und stieg dann, bewaffnet mit dem Brief an Aubrey Greene, in einen Zug der Untergrundbahn nach Chelsea. Sie hatte nicht erreicht, was sie wollte, aber der Herr war freundlich mit ihr gewesen und sie fühlte sich in besserer Stimmung.

Vor dem Atelier traf sie einen jungen Mann, der gerade einen Schlüssel in die Tür steckte – sehr elegant, in rauchgrauen Wollstoff gekleidet, eine geschmeidige Gestalt ohne Hut, mit wunderschön zurückgestrichenem hellem Haar und sanfter Stimme.

»Modell?« fragte er.

»Ja, Sir, bitte. Ich habe einen Brief für Sie von Mr. Mont.«

»Von Michael! Kommen Sie herein.«

Victorine folgte ihm. Es war großartig meergrün da drinnen: ein hohes Zimmer mit Sparrenwerk und Oberlicht und einer Menge Bilder und Zeichnungen an den Wänden, von denen manche aussahen, als wären sie heruntergerutscht. Auf einer Staffelei ein Bild von zwei Damen, deren Gewänder herabglitten, verwirrte Victorine. Sie wurde sich bewußt, daß der Herr sie ansah, sie von oben bis unten musterte mit meergrünen Augen wie die Wände.

»Wollen Sie mir für irgend etwas sitzen?« fragte er.

Victorine erwiderte mechanisch: »Ja, Sir.«

»Möchten Sie nicht Ihren Hut abnehmen?«

Victorine nahm die Toque ab und schüttelte ihr Haar.

»Ah!« sagte der Herr. »Vielleicht ist es möglich.«

›Was sollte möglich sein?‹ überlegte Victorine.

»Wollen Sie sich aufs Podium setzen?«

Victorine blickte sich ungewiß um. Ein Lächeln schien über seine Stirn zu huschen und über sein schlüpfrig-glänzendes Haar.

»Das ist also Ihr erster Versuch?«

»Ja, Sir.«

»Umso besser.« Und er wies auf ein kleines Podium.

Victorine setzte sich in den schwarzen Stuhl aus Eichenholz, der darauf stand.

»Sie sehen erfroren aus.«

»Ja, Sir.«

Er ging zu einem Schrank und kam mit zwei Gläschen mit einer braunen Flüssigkeit zurück.

»Einen Grand Marnier?«

Sie sah, daß er sein Glas auf einen Zug leerte und tat dasselbe. Es war süß, stark und sehr gut, nur benahm es ihr einen Augenblick den Atem.

»Rauchen Sie eine Zigarette!«

Victorine nahm eine aus dem Etui, das er ihr reichte, und steckte sie zwischen die Lippen. Er zündete an. Und wieder schien dies Lächeln über sein Haar zu huschen.

»Sie atmen ja den Rauch ein!« sagte er. »Wo sind Sie geboren?«

»In Putney, Sir.«

»Sehr interessant. Sitzen Sie eine Minute ruhig. Es ist nicht so schlimm wie einen Zahn ziehen, nur dauert es länger. Die Hauptsache ist, dabei nicht einzuschlafen.«

»Ja, Sir.«

Er nahm einen großen Bogen Papier und ein Stückchen schwarzes Zeug und begann zu zeichnen.

»Sagen Sie mir«, begann er, »Miss – –«

»Collins, Sir – Victorine Collins.« Ein Instinkt ließ sie ihren Mädchennamen sagen. Es schien ihr gewissermaßen beruflicher zu sein.

»Sind Sie tagsüber beschäftigt?« Er hielt inne und wieder huschte das Lächeln über sein glänzendes Haar. »Oder haben Sie irgend etwas anderes zu tun?«

»Augenblicklich nicht, Sir. Ich bin verheiratet, aber sonst nichts.«

Danach schwieg der Herr eine Zeitlang. Es war interessant, ihm zuzuschauen, wie er hinsah, einen Strich machte und wieder hinsah. Hundertmal hinsah und Hunderte von Strichen machte. Schließlich sagte er: »Genug, jetzt ruhen wir aus. Der Himmel hat Sie hergeschickt, Miss Collins. Kommen Sie und wärmen Sie sich!«

Victorine näherte sich dem Feuer.

»Wissen Sie, was Expressionismus ist?«

»Nein, Sir.«

»Expressionismus bedeutet, das Äußere nur insoweit in Betracht zu ziehen, als es das Innere ausdrückt. Können Sie sich darunter etwas vorstellen?«

»Nein, Sir.«

»Aha! Nicht wahr, Sie haben gesagt, daß Sie mir – eh – im Evakostüm sitzen würden?«

Victorine betrachtete den glänzenden und geschmeidigen Herrn. Sie verstand nicht, was er meinte, aber sie fühlte, daß es etwas Außergewöhnliches war.

»Im Evakostüm, Sir?«

»Nackt.«

»Oh!« Sie schlug die Augen nieder und erhob dann den Blick bis zu den herabgleitenden Gewändern der beiden Damen. »Wie die da?«

»Nein, Sie würde ich nicht kubistisch behandeln.«

Eine langsame Röte löschte die Blässe ihrer Wangen aus. Langsam fragte sie: »Bedeutet das mehr Geld?«

»Ja, um die Hälfte mehr – vielleicht noch mehr. Tun Sie es nicht, wenn Ihr Gefühl dagegen spricht. Sie können sich's ja überlegen und es mir nächstes Mal sagen.«

Sie blickte wieder auf und entgegnete: »Ich danke Ihnen, Sir.«

»Recht so! Nur bitte sagen Sie mir nicht ›Sir‹.«

Victorine lächelte. Zum ersten Mal entspannten sich ihre Muskeln auf diese Art, und es schien einen merkwürdigen Eindruck auf ihn zu machen. Er sagte hastig: »Himmel! Wenn Sie lächeln, Miss Collins, dann sehe ich Sie impressionistisch. Wenn Sie sich ausgeruht haben, setzen Sie sich wieder hinauf.«

Victorine begab sich wieder auf ihren Platz.

Der Herr nahm einen neuen Bogen Papier.

»Können Sie an irgend etwas denken, das Sie zum Lächeln bringt?«

Sie schüttelte den Kopf. Sie wußte tatsächlich nichts.

»Irgend etwas Komisches? Sie sind wohl nicht verliebt, in Ihren Mann zum Beispiel?«

»O doch!«

»Na, dann versuchen Sie's.«

Victorine versuchte es. Aber sie sah Tony nur, wie er seine Ballons verkaufte.

»Das geht nicht!« sagte der Herr. »Denken Sie nicht mehr an ihn. Haben Sie jemals ›L'après-midi d'un Faune‹ gesehen?«

»Nein, Sir.«

»Na, ich hab eine Idee. ›L'après-midi d'une Dryade.‹ Und das Nackte braucht Sie wirklich nicht zu stören. Es ist ganz unpersönlich. Es geschieht im Dienst der Kunst und dann – fünfzehn Shilling im Tag. Heiliger Schatten Nijinskijs! Ich kann das Ganze vor mir sehn!«

Während er sprach, glitten seine Augen unausgesetzt vom Papier zu Victorine und wieder zurück und sein Stift flog über das Papier. In Victorine begann es zu gären wie bei einer Infektion. Fünfzehn Shilling im Tag! Blaue Schmetterlinge!

Tiefes Schweigen herrschte. Seine Augen und seine Hand glitten hin und her. Ein leises Lächeln lag auf Victorines Antlitz – sie rechnete das Geld zusammen, das sie verdienen würde.

Schließlich ließ er Aug' und Hand ruhen und betrachtete das Papier.

»Das genügt für heute, Miss Collins. Ich muß es erst ausdenken. Wollen Sie mir Ihre Adresse geben?«

Victorine überlegte rasch.

»Bitte, Sir, möchten Sie mir nicht postlagernd schreiben? Mein Mann soll nicht erfahren, daß ich – daß ich – –«

»Daß Sie sich der Kunst gewidmet haben? Na, schön! Welches Postamt?«

Victorine nannte es und nahm ihren Hut.

»Anderthalb Stunden – fünf Shilling. Ich danke. Morgen um halb drei, Miss Collins – und nicht ›Sir‹ sagen.«

»Ja, S–, danke.«

Als sie in der kalten Januarluft auf ihren Autobus wartete, schien es ihr vollkommen unwahrscheinlich, sich so malen zu lassen. Vor einem fremden Herrn zu sitzen in ihrer bloßen Haut! Wenn Tony das wüßte! Wieder verdrängte eine langsam aufsteigende Röte die Blässe ihrer Wangen. Sie erkletterte den Autobus. Aber fünfzehn Shilling! Sechs Tage in der Woche, das machte – großartig – vier Pfund zehn aus! In vier Monaten konnte sie ihre Reisekosten verdienen. Nach den Bildern zu urteilen, die dort aufgehängt waren, taten es gewiß sehr viele. Tony durfte nichts davon erfahren, nicht einmal, daß man ihr Gesicht malte. Er war das reinste Nervenbündel und so verliebt in sie! Er würde auf Gedanken kommen; sie hatte ihn sagen hören, daß diese Künstler wie die Raubtiere wären. Aber der Herr war sehr nett gewesen, obgleich es wirklich schien, als mache er sich über alles lustig. Wenn er ihr nur die Zeichnung hätte zeigen wollen! Vielleicht würde sie sich eines Tages gar in einer Ausstellung sehen. Aber ohne – oh! Und plötzlich dachte sie: ›Wenn ich ein bißchen mehr essen würde, dann würd ich schon auch so hübsch aussehn!‹ Und als wollte sie diesem kühlen Gedanken entrinnen, starrte sie das Gesicht ihr gegenüber an. Es hatte ein Doppelkinn, war ruhig, sanft und rosig, und helle Augen starrten sie wieder an. Die Leute hatten alle ihre Gedanken, aber man wußte nicht, was sie dachten! Und ein Lächeln, wie Aubrey Greene es gewünscht hatte, stahl sich auf das Antlitz seines Modells.


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