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11.
Auf gut Glück

Eine ganze Woche hindurch war Bicket ›das Geschäft‹, schlüpfrig wie ein Aal und flüchtig wie eine Schwalbe, immer wieder entgangen. Ein Pfund für Unterhalt, drei Shilling auf ein Pferd gewettet, und er war bis auf vierundzwanzig Shilling heruntergekommen. Es wehte warme Luft von Südwesten und Victorine war zum ersten Mal ausgegangen. Nun war ihm ein Stein vom Herzen gefallen, aber das quälende Gefühl der Arbeitslosigkeit, diese entsetzlichen Sorgen um die bloßen Existenzmittel, eine tödliche, revoltierende Angst fraß ihm das Mark an. Wenn er in ein oder zwei Wochen keine Arbeit bekam, so blieb ihnen nur noch die Wahl zwischen dem Obdachlosenasyl und dem Gashahn. ›Der Gashahn‹, dachte Bicket, ›wenn sie einwilligt, tu ich's auch. Es wächst mir schon zum Hals heraus. Was ist schließlich dabei? In ihren Armen hätt ich gar nichts dagegen.‹ Der Instinkt, daß es doch nicht eine so einfache Sache war, seinen Kopf unter den Gashahn zu legen, führte an jenem Montag abend zu einer neuen Inspiration. Ballons – der Verkäufer in der Oxford Street heute! Warum nicht? So viel Kapital hatte er noch, daß er ein bißchen davon in die Luft fliegen lassen konnte, und er brauchte auch keine Hausiererlizenz. Sein Gehirn, das in den frühen Morgenstunden flink wie ein Eichhörnchen arbeitete, begriff den großen, unberechenbaren Vorteil der bunten Ballons über jeden andern Handelszweig. Man konnte den Mann, der sie verkaufte, gar nicht verfehlen – er stand dort, wo jeder ihn sehen mußte, mit seinen vielen leuchtenden Kugeln, die vor ihm herumbaumelten. Es war nicht viel Profit herauszuschlagen, hatte er sich ausgerechnet – ein Penny bei einem Sixpenny-Globus farbiger Luft, und ein Penny bei drei kleinen Zweipenny-Ballons; dennoch war der Verkäufer noch nicht Hungers gestorben und hatte ihm wahrscheinlich einen Bären aufgebunden, aus Angst, seinen Beruf in zu günstigem Licht erscheinen zu lassen. Jenseits der Brücke, gerade wo der Verkehr – nein, lieber in der Nähe der St. Paulskathedrale! Er kannte einen Durchgang, wo er ein oder zwei Schritt von der Straße zurück stehen konnte, wie der Verkäufer in der Oxford Street. Aber der jungen Frau, die neben ihm schlief, sagte er kein Wort davon. Kein Wort würde er ihr sagen, bis die Würfel gefallen waren. Er würde seinen letzten Penny aufs Spiel setzen. Bloß um leben zu können, müßte er verkaufen – laß sehen! – drei Dutzend große und vier Dutzend kleine Ballons im Tag, das machte nur sechsundzwanzig Shilling Profit die Woche, wenn der Kerl ihn nicht zum Narren gehalten hatte. Aus dem Geschäft würden sie nicht nach Australien fahren können. Und Karriere war da auch nicht zu machen. Victorine würde einen Schrecken bekommen., Aber jetzt hieß es biegen oder brechen – er mußte es versuchen und in seinen Feierstunden sich weiter nach einer Arbeit umschauen.

Am nächsten Tag um zwei Uhr nahm also unser magerer Kapitalist mit vier Dutzend großen und sieben Dutzend kleinen Ballons in einem Kasten, zwei Shilling in der Tasche und wenig im Magen, seinen Platz in der Nähe der St. Paulskathedrale ein. Langsam blies er zwei große und drei kleine auf und band die Hälse zu; dann baumelten sie vor ihm in der Luft, rot, grün und blau. Er stellte sich dicht an den Randstein, mit einem Gummigeruch in der Nase und hervorquellenden Augen, und beobachtete den vorbeifließenden Menschenstrom. Es befriedigte ihn zu sehen, daß die meisten Leute sich nach ihm umwandten. Aber der erste Mensch, der ihn anredete, war ein Polizist.

»Ich weiß nicht, ob Sie hier stehenbleiben dürfen.«

Bicket gab keine Antwort, seine Kehle war ganz trocken. Er hatte schon von der Polizei allerhand gehört. Hatte er vielleicht seine Sache verkehrt angepackt? Plötzlich würgte er etwas hinunter und sagte: »Lassen Sie mich doch einen Versuch machen, Herr Wachtmeister, ich bin total auf dem Hund. Wenn ich hier im Weg bin, stell ich mich irgendwo hin, wo Sie's erlauben. Ich bin noch ein Neuling in dem Geschäft und zwei Shilling ist alles, was ich hab, und eine Frau daheim.«

Der Polizist, ein großer Mann, blickte ihn von oben bis unten an. »Schön, wir werden ja sehn, ich werd Ihnen nichts in den Weg legen, wenn sich niemand beschwert.«

Bickets Augen glänzten vor Dankbarkeit.

»Ich dank Ihnen vielmals«, sagte er; »nehmen Sie einen Ballon für Ihr kleines Mäderl – mir zulieb.«

»Ich werd einen kaufen«, sagte der Polizist, »damit Sie einen Anfang machen. In einer Stunde ist mein Dienst zu Ende, halten Sie einen bereit, einen großen, roten.«

Er ging weiter. Bicket konnte sehen, daß er ihn beobachtete. Er trat an den Rinnstein und stand ganz still. Seine großen Augen forschten in jedem Gesicht, das vorüberkam, und ab und zu fingerten seine mageren Hände nervös an der Ware herum. Wenn Victorine ihn sehen würde? Sein ganzer Unternehmungsgeist wurde wieder wach in ihm. Herrgott! Er würde doch noch fortkommen von hier, irgendwie, in die Sonne, in ein Leben, das auch wirklich ein Leben war!

Fast zwei Stunden stand er schon so da und trat von einem müden Fuß auf den andern; vier große und fünf kleine hatte er erst verkauft – sechs Pence Profit. Da kam Soames auf seinem Weg zur P. P. R.G. vorbei; aus Ärger über jene Kerle, die über ›William Gouldyng, Ingerer‹ nicht hinauskommen konnten, hatte er seine gewöhnliche Route geändert. Er wurde durch ein schüchternes Murmeln aufgescheucht: »Ballon, Sir – beste Qualität!« und wandte den Blick von der St. Paulskathedrale, die er stets im Vorbeigehen nachdenklich betrachtete. Starr vor Überraschung blieb er stehen.

»Ballon!« sagte er. »Was soll ich mit einem Ballon anfangen?«

Bicket lächelte. Die grünen, blauen und orangefarbenen Bälle paßten so wenig zu der grauen Verschlossenheit von Soames, daß er es sogar einsehen mußte.

»Kinder haben sie gern – gar kein Gewicht, Sir, man steckt sie in die Westentasche.«

»Das glaub ich schon«, sagte Soames, »aber ich habe keine Kinder.«

»Vielleicht Enkel, Sir?«

»Auch keine Enkel.«

»Dann entschuldigen Sie, Sir.«

Soames warf ihm einen jener raschen Blicke zu, mit denen er gewöhnlich den Charakter der Mittellosen abschätzte. ›Ein armer Teufel, ein harmloser kleiner Ratz!‹ dachte er. »Na, geben Sie mir zwei Stück! Kosten?«

»Einen Shilling, Sir. Besten Dank!«

»Behalten Sie den Rest!« sagte Soames rasch und ging voller Staunen weiter. Warum in aller Welt nur er dies Zeug gekauft hatte und noch mehr als den doppelten Preis dafür gezahlt, war ihm unbegreiflich. Er konnte sich nicht erinnern, daß ihm je vorher etwas Ähnliches passiert wäre. Ganz sonderbar! Und plötzlich wußte er auch den Grund. Der Bursche war so demütig, so sanft gewesen, man mußte ihn ermutigen in diesen Tagen kommunistischer Bravour. Wenn man es recht betrachtete, stand dieser kleine Kerl auf der Seite des Kapitals, hatte er doch sein Geld in diesen Ballons angelegt. Handel! Er nahm die Betrachtung der St. Paulskathedrale wieder auf, während er die sich unangenehm anfühlenden Dinger in seine Manteltasche stopfte. Irgend jemand würde sie herausnehmen und sich wundern, was ihm eingefallen war. Na, er hatte andere Sorgen! …

Bicket jedoch starrte ihm ganz verzückt nach. Mehr als zweihundertfünfzig Prozent zu viel Profit auf diese beiden Ballons, das ließ sich hören! Das Gefühl, daß hier nicht genug Frauen vorbeikamen, drängte sich weniger auf, schließlich kannten Frauen den Wert des Geldes sehr gut, aus denen bekam man keinen Extrashilling heraus. Wenn nur ein paar mehr von diesen alten Millionären in glänzenden Zylinderhüten vorbeikommen wollten!

Mit einem Profit von drei Shilling und acht Pence in der Tasche, zu dem Soames gerade die Hälfte beigetragen hatte, fing er um sechs Uhr an, die Seufzer der zusammensinkenden Ballons zu seinen eigenen zu gesellen. Mit leidenschaftlicher Sorgfalt löste er den Bindfaden und beobachtete, wie seine farbigen Hoffnungen eine nach der andern zusammensanken; er verwahrte sie in der Lade seines Kastens. Er nahm ihn unter den Arm und ging mit seinen müden Füßen langsam der Themsebrücke zu. Wenn er einen ganzen Tag lang so dastand, würde er vier oder fünf Shilling verdienen. Na, es würde gerade zum Leben reichen, und inzwischen mochte sich wieder etwas anderes finden. Auf jeden Fall war er sein eigener Herr und war weder einem Arbeitgeber noch der Gewerkschaft Rechenschaft schuldig. Dies Bewußtsein, zusammen mit der Tatsache, daß er seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, verlieh ihm inwendig ein Gefühl wunderlicher Leichtigkeit.

›Sollt mich überraschen, wenn der nicht ein City-Magnat ist‹, dachte er; ›es heißt, daß diese Magnaten von Schildkrötensuppe leben.‹ Während er sich seinem Heim näherte, überlegte er nervös, was er mit dem Kasten machen sollte. Wie sollte er es verhindern, daß Victorine erfahre, daß er unter die Kapitalisten gegangen war und seine Zeit am Randstein verbrachte? Was für ein Pech! Sie stand am Fester! Er mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Und pfeifend trat er ein.

»Was ist denn das, Tony?« fragte sie und zeigte auf den Kasten.

»Ah, das? Famoser Einfall! Da schau her!«

Er nahm einen Ballon aus der Lade und blies ihn auf. Er blies mit einer Verzweiflung, wie er noch nie geblasen hatte. Er hatte gehört, daß so ein Ding bis auf fünf Fuß im Umfang anschwellen könne. Es kam ihm vor, daß, wenn er es nur bis zu jener Größe aufblasen könnte, alles ein anderes Gesicht haben würde. Unter seinem Atem schwoll das Ding an, so daß er keine Victorine und kein Zimmer mehr sah und alles nur eine bunte Kugel war. Dann preßte er den Hals des Ballons zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen, hielt ihn hoch und sagte:

»Da schau her! Der ist wohl seine sechs Pence wert, Vic!« Und er blickte vorsichtig zu ihr hinüber. Du lieber Gott, sie weinte! Er ließ das verwünschte Ding los; es schwebte zur Erde nieder, während die Luft langsam entwich, bis ein kleines zusammengeschrumpftes Wrack auf dem schmutzigen Teppich liegen blieb. Ihre bebenden Schultern umklammernd, sagte er verzweifelt: »Kopf hoch, Liebe! Rümpf nicht die Nase über unser täglich Brot! Ich werd wieder Arbeit bekommen, das soll uns nur über das Schlimmste hinüberhelfen. Ich würd noch ganz andere Dinge für dich tun. Komm und mach mir eine Tasse Tee; das viele Blasen hat mich hungrig gemacht.«

Sie hörte auf zu weinen, blickte empor und sagte nichts, so geheimnisvoll waren ihre großen Augen. Man mußte glauben, daß sie ihre eigenen Gedanken hatte! Aber welche, das wußte Bicket nicht. Unter der Anregung des Tees verfiel er sogar in eine gewisse Lobrederei auf seinen neuen Beruf. Sein eigener Herr sein! Ausgehen können, wann man wollte, heimkommen, wann man wollte – mit Vic im Bett liegen, wenn er Lust hatte. Das war nicht zu verachten! In Bicket stieg ein Gefühl auf, das man echt national nennen konnte: so ein freies und glückliches In-den-Tag-hineinleben, regelmäßige Arbeit verschmähend, sich einer plötzlichen Belustigung hingebend und freiheitsdurstig umherbummelnd – etwas, das die Eigenart des nationalen Lebens begreiflich machte, die Unmenge kleiner Läden, Zwischenhändler, Gelegenheitsarbeiter, Landstreicher, die Herren ihrer selbst und ihrer Zeit waren und auf alle Folgen pfiffen, etwas, das dem Land und der Rasse eigen war, ehe die Angelsachsen mit ihrem Gewissen und ihrem Fleiß herüberkamen, etwas im Menschen, das an aufgeblasene und wieder zusammensinkende bunte Ballons glaubte, ein Bedürfnis nach gepökelten Sachen und scharfen Gewürzen ohne Nährwert – ja, all das triumphierte über Bickets Fisch und Tee, der gut und stark war. Er würde weit lieber Ballons verkaufen, als ein Packer sein, das sollte Vic nur ja nicht vergessen! Und wenn sie erst gesund genug war, um in Arbeit zu gehen, dann würden sie herrlich leben können und in kurzer Zeit würden sie genug gespart haben, um auszuwandern, dorthin, wo die blauen Schmetterlinge waren. Und er erzählte von Soames. Noch ein paar mehr solcher City-Magnaten ohne Kinder – sagen wir zwei im Tag, das machte fünfzehn Shilling außerhalb des legitimen Handels. Wahrhaftig, in weniger als einem Jahr würden sie das Geld beisammen haben. Und waren sie einmal dort, dann würde Vic so anschwellen wie einer der Ballons. Doppelt so dick wie jetzt würde sie werden und ihre Wangen würden eine Farbe haben noch leuchtender als das Rot und Orange dort. Bicket selbst wurde ganz aufgeblasen. Und seine junge Frau sah ihn mit großen Augen an und sprach wenig; aber sie weinte nicht mehr und wollte ihm weder einen kalten Guß noch einen warmen mehr geben, ihm, der Ballons verkaufte.


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