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12.
Ziffern und Tatsachen

Mit Ausnahme des alten Fontenoy, der in seiner Abwesenheit genau so ornamental wirkte als wäre er anwesend, war der Aufsichtsrat vollzählig versammelt. Soames, der in dem Benehmen ›jenes Kerls‹ Elderson einen besonderen Eifer spürte, sich beliebt zu machen, war auf das Schlimmste gefaßt. Die Aufstellung lag vor ihnen, eine etwas farblose Übersicht, die eine Lage der Dinge zu enthüllen schien, die bei einer Prüfung gebilligt würde, wenn innerhalb der nächsten sechs Monate keine weiteren heftigen Schwankungen der Währungsverhältnisse eintreten würden. Das Verhältnis des Auslands- zum Inlandsgeschäft war ordnungsgemäß ausgedrückt in dem Verhältnis von zwei zu sieben; das deutsche Geschäft, das den Hauptanteil des ausländischen ausmachte, war, wie Soames bemerkte, in der mittleren Gruppe der nur halbbankrotten Länder zusammengefaßt und hatte, wenn man so sagen durfte, eine konservative Einschätzung erfahren.

Während des Schweigens, das herrschte, weil jedes Mitglied des Aufsichtsrates damit beschäftigt war, die Ziffern zu studieren, fühlte Soames immer klarer, in welcher Verlegenheit er sich befand. Soviel stand fest: diese Ziffern würden schwerlich die Nichtausschüttung der Dividende, die im verflossenen Jahr verdient worden war, rechtfertigen. Aber angenommen, ein neuer Zusammenbruch auf dem Kontinent erfolgte und sie würden auf Grund ihrer großen ausländischen Verpflichtungen haftbar, so würde aller Profit aus dem Inlandsgeschäft des nächsten Jahres und vielleicht noch mehr draufgehen. Und dann diese Unsicherheit, was Elderson betraf, die, er wußte selbst nicht recht worauf, gegründet schien, die instinktiv und vielleicht ganz dumm war.

»Nun, Mr. Forsyte«, – der Vorsitzende sprach – »die Ziffern liegen vor Ihnen. Sind Sie zufrieden?«

Soames blickte auf; er hatte einen Entschluß gefaßt.

»Ich werde einer Dividende für dieses Jahr zustimmen, unter der Bedingung, daß wir das Auslandsgeschäft mit allem, was drum und dran hängt, nächstes Jahr aufgeben.« Der Blick des Generaldirektors traf hart und klar den seinen; dann wandte er sich an den Vorsitzenden: »Das klingt, als ob man Gefahr wittere, obwohl uns doch das Auslandsgeschäft dieses Jahr gut ein Drittel unseres Profits eingebracht hat.«

Der Vorsitzende schien zuerst die Mienen seiner Kollegen erforschen zu wollen, ehe er sagte: »Nichts in der auswärtigen Lage rechtfertigt im Augenblick eine besondere Unruhe. Ich gebe zu, daß wir die Situation scharf im Auge behalten müssen – –«

»Das können Sie gar nicht«, unterbrach ihn Soames. »Hier sitzen wir, vier Jahre nach dem Waffenstillstand, und wir wissen noch genau so wenig, wie damals, was werden wird. Wenn ich gewußt hätte, wie weit wir in diese Politik verwickelt sind, so hätte ich meine Aufsichtsratsstelle niemals angenommen. Wir müssen dieses Geschäft aufgeben.«

»Das ist etwas weit gegangen. Und eine Sache, die wir im Augenblick kaum entscheiden können.«

Das Gemurmel der Zustimmung, das leise ironische Verziehen der Lippen ›jenes Kerls‹ bestärkten Soames in seiner Hartnäckigkeit.

»Also gut! Wenn Sie nicht willens sind, den Aktionären im Jahresbericht zu erklären, daß wir das Auslandsgeschäft aufgeben, dann geben Sie mich auf. Ich muß freie Hand haben, diese Frage in der Generalversammlung selbst vorzubringen.« Das unruhige Aufblitzen in den Augen des Generaldirektors entging ihm nicht. Der Schuß hatte getroffen!

Der Vorsitzende sagte: »Sie setzen uns die Pistole auf die Brust.«

»Ich bin den Aktionären gegenüber verantwortlich«, sagte Soames, »und ich werde meine Pflicht ihnen gegenüber tun.«

»Wir sind alle verantwortlich, Mr. Forsyte, und ich hoffe, daß wir alle unsere Pflicht tun.«

»Warum nicht das Auslandsgeschäft auf die kleinen Länder beschränken – die haben eine feste Währung.«

Der alte Mont mit seinem großartigen Schlagwort!

»Nein«, sagte Soames, »wir müssen vollkommen sicher gehen.«

»Splendid isolation, Forsyte?«

»Das Sicheinmengen ging noch an während des Krieges, aber im Frieden, in der Politik und in Geschäften – dieses mit einem Bein hier, mit dem andern drüben Stehen taugt nicht. Wir können die Lage im Ausland nicht kontrollieren.«

Er sah sich um und es kam ihm augenblicklich zum Bewußtsein, daß diese Worte eingeschlagen hatten. ›Das wird durchdringen!‹ dachte er.

»Ich möchte bitten, Herr Vorsitzender«, – der Direktor sprach jetzt – »ein Wort sagen zu dürfen. Auf meine Veranlassung hin wurde die Auslandspolitik eingeführt, und ich glaube mit Recht sagen zu dürfen, daß sie soweit von wesentlichem Nutzen für die Gesellschaft gewesen ist. Wenn indessen ein Mitglied des Aufsichtsrates eine so starke Abneigung gegen die Weiterführung hat, so dränge ich den Aufsichtsrat natürlich nicht dazu, diese Politik fortzusetzen. Die Zeiten sind unsicher und ein Risiko ist natürlich immer vorhanden, wie vorsichtig unser Überschlag auch sein mag.«

›Warum in aller Welt nur‹, dachte Soames, ›will er seine Sache aufgeben?‹

»Das ist sehr anständig von Ihnen, Elderson; Herr Vorsitzender, nicht wahr, das ist sehr anständig von unserm Generaldirektor.«

Die alte Schlafmütze! Anständig! Altes Weib!

Die ziemlich barsche Stimme des Vorsitzenden unterbrach das Schweigen.

»Das ist eine sehr wichtige Angelegenheit unserer Politik. Ich wäre froh, wenn Lord Fontenoy anwesend wäre.«

»Wenn ich den Jahresbericht bestätigen soll«, sagte Soames kurz, »so muß die Sache heute entschieden werden. Ich habe meinen Entschluß gefaßt. Aber bitte, tun Sie, was Sie wollen.«

Diese letzten Worte warf er noch aus einer Art Kameradschaftsgefühl hin – es war so unangenehm, gezwungen zu werden! Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann entstand jene geschwätzige Stegreifdiskussion, die nur den Zweck hat, die Schärfe einer schon aufgezwungenen Entscheidung zu mildern. Eine Viertelstunde verging so, ehe der Vorsitzende sagte: »Wir stimmen also überein, meine Herren, daß der Bericht folgende Mitteilung enthalten soll: ›Angesichts der ungewissen Lage auf dem Kontinent werden wir für die nächste Zeit kein Risiko in Auslandsverpflichtungen auf uns nehmen.‹«

Soames hatte gesiegt. Erleichtert und doch verwirrt ging er allein nach Hause.

Er hatte Charakter bewiesen; er konnte sehen, daß ihr Respekt vor ihm gewachsen war, seine Beliebtheit dagegen gesunken, wenn sie ihn überhaupt jemals hatten leiden können – das wußte er nicht! Aber warum hatte Elderson kehrtgemacht? Er erinnerte sich des unruhigen Aufblitzens seiner stahlgrauen Augen bei dem Gedanken, daß die Frage in der Generalversammlung aufgeworfen werden sollte. Das hatte gesessen! Aber warum? Waren die Ziffern gefälscht? Gewiß nicht. Das würde zu schwierig sein wegen der Bücherrevisoren. Wenn Soames an irgend jemand glaubte, so waren es autorisierte Bücherrevisoren. Sandis und Jevon waren tip-top. Das konnte es also nicht sein! Er blickte vom Pflaster auf. Die Kuppel der St. Paulskathedrale hob sich nur noch undeutlich vom abendlichen Himmel ab und gewährte heute keinen Trost. Er fühlte ein heftiges Verlangen nach jemandem, mit dem er sprechen könnte, aber es war niemand da, und er beschleunigte noch seinen Schritt zwischen der eilenden Menschenmenge. Wie er die Hand tief in die Tasche seines Überziehers versenkte, spürte er plötzlich eine fremde, klebrige Masse. ›Du lieber Gott!‹ dachte er, ›diese Dinger!‹ Sollte er sie wegwerfen? ›Wenn nur ein Kind da wäre, dem ich sie mitbringen könnte!‹ Er mußte Annette veranlassen, mit Fleur zu sprechen. Er wußte aus eigener Erfahrung der früheren Jahre, was aus solch schlechten Gewohnheiten entstand. Warum sollte er nicht selbst mit ihr sprechen? Er würde heute dort übernachten. Aber da überkam ihn ein ganz hilfloses Gefühl von Unwissenheit. Diese jungen Leute! Was fühlten und dachten sie eigentlich? Hatte der alte Mont recht? Hatten sie für nichts mehr Interesse als für den Augenblick und jeden Glauben an den Fortschritt und Zusammenhang der Dinge verloren? Es war schon richtig, daß Europa in einer Sackgasse war. Aber was für ein Zustand hatte denn nach den Napoleonischen Kriegen geherrscht? Er konnte sich seines Großvaters nicht erinnern, der alte Herr war fünf Jahre vor Soames' Geburt gestorben, aber er erinnerte sich ganz genau, wie Tante Ann, 1799 geboren, von dem ›schrecklichen Bonaparte‹ erzählt hatte – ›wir nannten ihn immer Boney, mein Kleiner‹; und wie ihr Vater acht oder zehn Prozent für sein Geld bekommen; und was für einen Eindruck diese revolutionären Chartisten auf die Tanten Juley und Hester gemacht hatten, und das war lange nachher. Und doch, wenn man trotz alledem die viktorianische Ära betrachtete – ein goldenes Zeitalter, Dinge, die wert waren, gesammelt zu werden, und Kinder, der Mühe wert, sie zu haben. Warum sollte es nicht wieder so werden? Die Konsols waren seit Timothys Tod fast ununterbrochen gestiegen. Selbst wenn man nicht mehr an Himmel und Hölle glaubte, das konnte nicht der Grund sein; keiner seiner Onkel hatte daran geglaubt, und doch hatten alle ein Vermögen erworben und alle hatten Familien gehabt, ausgenommen Thimothy und Swithin. Nein! Daß man nicht mehr an Himmel und Hölle glaubte, konnte nicht schuld daran sein. Was denn war der Grund der Änderung – wenn sich wirklich etwas geändert hatte? Und plötzlich wurde es Soames klar. Sie redeten zu viel, zu viel und zu rasch! Ihr Interesse an allen Dingen erschöpfte sich zu rasch. Sie verzehrten das Leben und warfen die Schale weg und – und – –. Da fiel ihm ein, daß er jenes Bild von George kaufen müsse! …Hatten diese jungen Leute mehr Verstand als seine eigene Generation? Und wenn dem so war, warum? War es die Ernährungsweise? Dieser Hummer-Cocktail, den Fleur ihm am vorletzten Sonntag gegeben hatte. Er hatte das Zeug getrunken – scheußlich! Aber in ihm hatte es nicht den Wunsch erregt zu reden. Nein! Es konnte also nicht die Ernährungsweise sein. Dazu kam auch noch – der Geist! Wo gab es jetzt solche Geister wie die Viktorianer – Darwin, Huxley, Dickens, Disraeli, sogar der alte Gladstone? Ja, er erinnerte sich an Richter und Advokaten, die Riesen waren, verglichen mit denen von heutzutage, gerade so, wie er sich erinnerte, daß die Richter zur Zeit, als sein Vater James jung war, diesem wie Riesen vorgekommen waren im Vergleich zu denjenigen von Soames' Jugendzeit. Wenn das stimmte, degenerierte der Geist allmählich. Es mußte etwas andres sein. Da gab es etwas, das man Psychoanalyse nannte und wonach, so weit er's begreifen konnte, die Handlungen der Menschen nicht davon beeinflußt wurden, was sie zum Frühstück gegessen hatten oder mit welchem Fuß sie zuerst aus dem Bett gestiegen waren, wie in der guten alten Zeit, sondern von irgend einem Schock, den sie in ferner Vergangenheit erlitten und den sie vollkommen vergessen hatten. Das Unterbewußtsein! Das Unterbewußtsein und Bakterien – beides fixe Ideen! Tatsache war, daß diese Generation eine schlechte Verdauung hatte. Sein Vater und sein Onkel hatten alle über ihre Leber geklagt, aber in Wirklichkeit war niemals irgend etwas mit ihnen los gewesen; sie hatten niemals diese Vitamine gebraucht, falsche Zähne, seelische Behandlung, Zeitungen, Psychoanalyse, Spiritismus, Geburtenbeschränkung, Osteopathologie, Radio und dergleichen! ›Die Maschine!‹ dachte Soames. ›Es sollte mich gar nicht wundern, wenn es das wäre!‹ Wie konnte man an irgend etwas glauben, wenn sich alles so schnell drehte? Wenn man seine Hühner nicht mehr zählen konnte, weil sie zu viel herumrannten? Aber Fleur hatte einen gescheiten kleinen Kopf! ›Jawohl‹, überlegte er, ›und französische Zähne, sie kann alles verdauen. Zwei Jahre! Ich muß mit ihr sprechen, ehe es ihr zur Gewohnheit wird. Ihre Mutter war rascher dabei!‹ Und da er den Connoisseurs-Klub vor sich sah, ging er hinein.

Der Portier kam aus seiner Loge. Ein Herr warte auf ihn.

»Was für ein Herr?« fragte Soames mit einem Seitenblick.

»Ich glaube, es ist Ihr Neffe, Sir, Mr. Dartie.«

»Val Dartie! Hm! Wo ist er?«

»Im kleinen Zimmer, Sir.«

Das kleine Zimmer – die ganze Bequemlichkeit, deren man die ›Nicht-Kenner‹ für wert hielt – lag am Ende des Ganges und war in überhaupt keinem Stil gehalten, als ob der Klub sagen wollte: ›Da sehen Sie, was es heißt, nicht einer der Unsern zu sein!‹ Soames trat ein und sah Val Dartie, der eine Zigarette rauchte und ganz versunken den einzigen interessanten Gegenstand im Zimmer betrachtete, nämlich sein eigenes Spiegelbild über dem Kamin.

Jedesmal, wenn er seinen Neffen sah, erwartete er die Erklärung: ›Ich muß dir eröffnen, Onkel Soames, daß ich auf dem Trockenen bin.‹ Ja, wenn man Rennpferde züchtete! Das konnte doch nur ein Ende mit Schrecken nehmen.

»Nun?« fragte Soames, »wie geht es dir?«

Das Gesicht in dem Glas wandte sich ihm zu, und man sah statt dessen im Spiegel einen kurzgeschorenen, strohgelben Hinterkopf.

»Oh, kreuzfidel, danke! Du schaust gut aus, Onkel Soames. Ich hab dich nur fragen wollen: Muß ich die Schindmähren des alten George Forsyte annehmen? Sie sind hundsmäßig schlecht.«

»Einem geschenkten Gaul – undsoweiter«, sagte Soames.

»Freilich«, meinte Val, »aber sie sind so hundsgemein schlecht, daß mir kein roter Heller übrig bleibt, wenn ich die Erbschaftssteuer gezahlt, sie transportiert und verkauft hab. Das eine von ihnen krepiert schon, wenn man's nur anschaut. Und die beiden andern haben's auf der Lunge. Sie haben sicher ihre fünfhundert Jahr' auf dem Buckel.«

»Ich hab geglaubt, daß du ein Pferdeliebhaber bist«, bemerkte Soames. »Schick sie auf die Weide.«

»Ganz recht«, sagte Val trocken, »aber ich muß auch leben. Ich hab's meiner Frau noch gar nicht gesagt, aus Angst, daß sie mir denselben Rat gibt. Ich fürcht, sie werden mir im Traum erscheinen, wenn ich sie verkaufe. Sie sind nur noch für den Schinder gut. Kann ich nicht den Testamentsvollstreckern schreiben, daß ich nicht reich genug bin, die Erbschaft anzunehmen?«

»Ja, das kannst du«, sagte Soames, und die Worte: ›Wie geht es deiner Frau?‹ erstarben auf seinen Lippen. Sie war die Tochter seines Feindes, des jungen Jolyon. Der war zwar tot, aber die Tatsache blieb bestehen …

»Ich werd also schreiben«, sagte Val. »Wie war das Begräbnis?«

»Sehr einfache Geschichte, ich habe nichts damit zu tun gehabt.« Die Tage der pompösen Beisetzungen waren vorüber. Keine Blumen, keine Pferde, keine Federbüsche – ein Leichenauto, ein paar Wagen, das war die ganze Aufmerksamkeit, die man heutzutage den Toten erwies. Auch ein Zeichen der Zeit.

»Ich übernachte in der Green Street«, sagte Val. »Du wirst wohl nicht dort sein, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Soames, und die Erleichterung seines Neffen bei diesem Wort entging ihm nicht.

»Was ich noch fragen wollte, Onkel Soames: würdest du mir raten, P.P.R.G.-Aktien zu kaufen?«

»Im Gegenteil. Ich werde deiner Mutter raten zu verkaufen. Richte ihr aus, daß ich sie morgen besuche.«

»Warum? Ich hab geglaubt – –«

»Kümmere dich nicht um meine Gründe«, entgegnete Soames kurz.

»Bis dahin, also!«

Nach einem frostigen Händedruck beobachtete er, wie sein Neffe hinausging.

›Bis dahin!‹ Eine Wendung, so alt wie der Burenkrieg, an die er sich noch immer nicht gewöhnt hatte – bedeutete auch gar nichts, so viel er sehen konnte. Er betrat das Lesezimmer. Eine Anzahl von ›Kennern‹ saß oder stand umher und Soames, der absolut kein Klubmensch war, suchte die Einsamkeit eines Erkerfensters. Da saß er und polierte den Nagel eines Zeigefingers gegen den Rücken des andern und wiederkäute das Leben. Worauf kam es denn schließlich an? Da war George gewesen. Der hatte ein leichtes Leben gehabt, niemals gearbeitet. Und da war er selbst, der sehr viel gearbeitet hatte. Und früher oder später würde man auch ihn begraben und höchstwahrscheinlich in einem Leichenauto. Und da war sein Schwiegersohn, der junge Mont, der beständig über Gott weiß was schwatzte, und der hohlwangige Mensch, der ihm heute nachmittag die Ballons verkauft hatte. Und der alte Fontenoy und der Kellner da drüben; und die Arbeitslosen und die, die Arbeit hatten; dann die Kerle im Parlament und die Prediger auf ihren Kanzeln – wozu waren die alle da? Da war der alte Gärtner, dort in Mapledurham, der Woche für Woche mit seiner Walze über den Rasen fuhr, und wenn er damit aufhörte, wie würde dann der Rasen aussehen? Das war das Leben – der Gärtner, der den Rasen walzte! Und wenn man annahm, daß es ein Leben nach dem Tode gab, er glaubte nicht daran, aber angenommen, es gäbe eines, so mußte jenes Leben ganz genau so sein. Den Rasen walzen, um den Rasen zu erhalten! Und wozu der Rasen? Da ihm sein Pessimismus zum Bewußtsein kam, stand er auf. Er würde am besten zu Fleur zurückkehren – dort mußte man sich zum Dinner umkleiden! Es schien ihm etwas dran zu sein, sich jeden Abend in Gesellschaftstoilette zu werfen; aber es war wie mit dem Rasen – am nächsten Tag mußte wieder gewalzt werden, mußte man sich wieder umkleiden, und so ging es weiter! Wieder und wieder und immer wieder, um sich auf einer gewissen Höhe zu halten, und was war – ach! – was war diese Höhe denn wert?

In den South Square einbiegend, rannte er in einen jungen Mann hinein, dessen Kopf rückwärts gedreht war, als wenn er jemandem nachblickte, von dem er sich gerade verabschiedet hatte. Soames blieb stehen, ungewiß, ob er sich entschuldigen oder auf eine Entschuldigung warten sollte.

Plötzlich sagte der junge Mann: »Verzeihung, Sir!« und ging weiter, ein dunkler, nett aussehender Junge mit hungrigem Blick, der offenbar mit seinem Magen in Verbindung stand. Soames murmelte: »Bitte sehr!«, tat noch ein paar Schritte und klingelte an der Haustür seiner Tochter. Sie öffnete ihm selbst. Sie war in Hut und Pelz, gerade heimgekommen. Der junge Mann fiel Soames wieder ein. Hatte er sie hier verlassen? Was für ein hübsches Gesicht sie hatte! Er mußte unbedingt mit ihr sprechen. Wenn sie sich erst einmal das müßige Umherschlendern mit Männern angewöhnte –!

Trotzdem verschob er es, bis er gerade im Begriff war, ihr gute Nacht zu sagen. Michael war zu einer politischen Versammlung eines Arbeiterkandidaten gegangen, als hätte er nichts Besseres zu tun!

»Du bist jetzt zwei Jahre verheiratet, mein Kind, ich nehme an, daß du auch an die Zukunft denkst. Es wird viel Unsinn über Kinder geredet. Die ganze Sache ist viel einfacher. Ich hoffe, das ist auch deine Meinung.«

Fleur lehnte sich in die Kissen ihres Sofas zurück und wippte mit dem Fuß. Ihr Blick wurde ein wenig unruhig, aber sie wechselte nicht die Farbe. »Gewiß«, gab sie zur Antwort, »aber es hat doch keine Eile, Papa.«

»Na, ich weiß nicht«, murmelte Soames. »Die Franzosen und die Königliche Familie haben die gesunde Gewohnheit, diese Sache früh zu erledigen. Man kann auf mancherlei Art straucheln und so wird manches Unheil verhütet. Du bist sehr anziehend, mein Kind – ich möchte dich nicht gern in die Gewohnheit des müßigen Umherschlenderns verfallen sehen. Du hast allerhand Freunde.«

»Ja«, sagte Fleur.

»Mit Michael verstehst du dich gut, nicht wahr?«

»O ja!«

»Na also, warum dann nicht? Denk doch dran, daß dein Sohn ein – wie nennt man's doch gleich – sein wird!«

Mit diesen Worten machte er seiner instinktiven Abneigung gegen Titel und allem Firlefanz dieser Art ein Zugeständnis.

»Es muß ja nicht ein Sohn sein«, sagte Fleur.

»In deinem Alter läßt sich dem leicht abhelfen.«

»Ach, Papa, viele Kinder mag ich nicht. Eins vielleicht oder zwei.«

»Weißt du«, sagte Soames, »mir wäre fast eine Tochter lieber, so etwas wie – na, so etwas wie du.«

Ihr sanft gewordener Blick flog rebellisch von seinem Gesicht zu ihrem Fuß, zu dem Hund und über das ganze Zimmer.

»Ich weiß nicht recht, man ist so gebunden – es ist gewissermaßen so, als wenn man sich sein eigenes Grab gräbt.«

»So arg möcht ich nicht übertreiben«, murmelte Soames überredend.

»Es sind die Männer, die immer dafür sind, Papa.«

»Deine Mutter hätte ohne dich nicht leben können«; und die Erinnerung, wie nahe ihre Mutter daran gewesen war, überhaupt nicht mehr zu leben, und wie sie, wenn er nicht dagegen gewesen wäre, alle Hoffnungen zunichte gemacht hätte, veranlaßte ihn, nur schweigend ihren rebellischen Fuß zu betrachten.

»Also«, sagte er schließlich, »ich hatte mir vorgenommen, mit dir zu sprechen. Mir – mir liegt dein Glück am Herzen.«

Fleur erhob sich und küßte ihn auf die Stirn.

»Ich weiß, Papa«, sagte sie, »ich bin so ein gräßlicher Egoist. Ich will darüber nachdenken. Eigentlich hab ich – hab ich schon darüber nachgedacht.«

»So ist's recht«, sagte Soames, »so ist's recht! Du hast einen gescheiten kleinen Kopf – das ist ein großer Trost für mich. Gute Nacht, liebes Kind!«

Und er ging hinauf in sein Schlafzimmer. Wenn irgend etwas einen Sinn hatte, dann war es, sich fortzusetzen, wenngleich er natürlich dabei den fraglichen Punkt als bewiesen annahm. ›Hätte ich sie nicht fragen sollen‹, dachte er, ›ob der junge Mann – –!‹ Aber die jungen Leute wurden am besten sich selbst überlassen. Tatsache war, daß er sie nicht verstand. Sein Blick fiel auf den Papiersack mit den – mit diesen Dingern da, die er gekauft hatte. Er hatte sie aus seiner Manteltasche hervorgeholt, um sie loszuwerden, aber wie nur? Ins Feuer schmeißen, da würden sie stinken. Er stand an seinem Toilettetisch, nahm einen in die Hand und schaute ihn an. Heilige Einfalt! Und plötzlich wischte er das Mundstück mit seinem Taschentuch ab und begann das Ding aufzublasen. Er blies, bis seine Wangen müde waren, dann klemmte er das Mundstück zusammen und band es mit einem Stückchen Baumwolle zu, die er jeden Abend zum Reinigen seiner Zähne brauchte. Da lag nun das Ding! Mit einer ungeduldigen Bewegung schlug er den Ballon in die Höhe. Der flog empor – purpurn und phantastisch, und blieb an seinem Bette hängen. Hm! Er nahm auch den zweiten Ballon und blies ihn auf. Purpurn und grün! Teufel noch einmal! Wenn jetzt jemand hereinkäme und ihn sähe! Er riß das Fenster auf, trieb einen nach dem andern in die Nacht hinaus und schloß das Fenster wieder. Jetzt würden sie da draußen in der Dunkelheit herumtreiben. Sein Mund zog sich in einer nervösen Grimasse zusammen. Des Morgens würden die Leute sie finden. Na ja! Was denn sonst sollte man mit solchem Zeug anfangen?


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