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10.
Das Gesicht

Als Michael sich vom Speisetisch erhob, war auch Fleur aufgestanden. Seit dem Besuch bei Wilfrid waren schon mehr als zwei Tage vergangen, und sie hatte ihren früheren Unternehmungsgeist noch nicht wiedergefunden. Das Dasein in vollen Zügen zu genießen, mit den ›Auserlesenen‹ von London zu verkehren – das Salz ihres Lebens – alles schien schal und nicht der Mühe wert. Jene drei Stunden, als sie von dem Schrecken, den sie in der Cork Street erlitten hatte, geraden Wegs einem neuen Schrecken in ihrem Salon entgegengegangen war, hatten ihr so sehr den Boden unter den Füßen weggezogen, daß sie sich zu nichts hatte entschließen können. Die Wunde, die Holly wieder aufgerissen hatte, war fast geheilt. Ein lebendiger Esel war immerhin besser als ein toter Löwe. Etwas aber konnte sie nicht wiederfinden – was war es nur? Das machte sie unglücklich: Was war es? Zwei ganze Tage versuchte sie, es herauszufinden. Michael war noch immer sonderbar, Wilfrid noch immer für sie verloren, Jon noch immer lebendig begraben, und nichts schien neu unter der Sonne. Das einzige, das sie während dieser beiden trostlosen Tage ohne alle Illusion befriedigte, war der neue weiße Affe. Je mehr sie ihn ansah, um so chinesischer kam er ihr vor. Er versinnbildlichte die satirische Wahrheit, die vielleicht nur in ihrem Unterbewußtsein vorhanden war, daß all ihr modernes Sichwinden und Umherflattern und Haschen nach dem Zukünftigen bewies, wie sehr sie an die Vergangenheit glaubte. Die Neuzeit hatte des Guten zu viel getan und müßte, damit man wieder glauben könnte, zu den Vorfahren zurückkehren. Wie ein kleiner glänzender Fisch aus einer warmen Bucht, der in fremdes, kaltes Gewässer geraten ist, fühlte Fleur ein verborgenes Heimweh.

In ihrem spanischen Zimmer saß sie allein mit ihren Gefühlen und starrte die Porzellanfrüchte an. Sie leuchteten kalt und uneßbar. Sie ergriff eine. Sollte das eine Frucht der Leidenschaft sein? Ach, die arme Leidenschaft! Mit einem dumpfen Laut ließ sie die Frucht wieder auf die Pyramide fallen und schauderte ein wenig. Hatte sie Michael mit ihren Küssen geblendet? Geblendet? – In welcher Hinsicht? Über ihre Unfähigkeit zur Leidenschaft? ›Aber ich bin nicht unfähig‹, dachte sie, ›ich bin es nicht. Eines Tages werd ich es ihm zeigen. Ich werd es ihnen allen zeigen.‹ Sie blickte zu dem Goya empor, der ihr gegenüberhing. Was für eine packende Entschlossenheit in der Linienführung – welch intensives Leben in den schwarzen Augen der ziemlich verbrauchten Dame! Die würde schon wissen, was sie wollte, und sie würde es auch bekommen! Da gab's kein Kompromiß und keine Ungewißheit – keine Kapriolen ums Leben herum und keine Neugier, was es wohl bedeute und ob es der Mühe wert sei; nur das Leben in vollen Zügen genießen um des Lebens willen! Fleur befühlte mit der Hand ihren Körper, da, wo ihr Kleid begann. War sie nicht genau so warm und fest – jawohl, und zehnmal hübscher als jene schöne und sündig aussehende spanische Dame mit den schwarzen Augen und den wundervollen Spitzen? Sie wandte dem Bild den Rücken und ging in die Halle. Michaels Stimme und eine andere! Sie kamen herunter! Sie schlüpfte hinüber in den Salon und ergriff das Manuskript eines Gedichtbuches, über das sie Michael ihr Urteil sagen sollte. Sie saß, ohne zu lesen, und war gespannt, ob er wohl hereinkäme. Sie hörte die Haustür sich schließen. Nein, er war ausgegangen! Eine Erleichterung und doch niederdrückend! Michael sollte sich nicht mehr wohlfühlen im Haus und Heiterkeit um sich verbreiten? Wenn das so bliebe, wäre es schwer zu ertragen. Sie kauerte sich zusammen und versuchte zu lesen. Traurige Gedichte – in freien Rhythmen, öde Selbstbetrachtung, nichts als das Innere des Autors! Kein erhebender Gedanke, kein Schwung! Eine Niete! Sie schien schon ein dutzendmal vorher dasselbe gelesen zu haben. Sie lag ganz still und lauschte dem Zischen und Knistern brennender Holzscheite. Wenn sie das Licht löschte, würde sie einschlafen. Sie drehte es ab und kam zu dem Sofa zurück. Sie konnte sich selber dasitzen sehen, ein Bild im Schein des Kaminfeuers; sie sah, wie verlassen sie dasaß, wie anmutig, wie rührend, eine, die alles besaß, was sie sich nur wünschte, und doch – nichts besaß! Sie kräuselte die Lippen. Sie konnte sogar die Undankbarkeit eines verwöhnten Kindes an sich erkennen. Und was noch schlimmer war – das Bewußtsein der Erkenntnis, daß sie eine dreifach destillierte Moderne war, an lebenssichere Gewohnheiten und Grundsätze wie an einen Rettungsgürtel gebunden, so daß sie nicht untergehen konnte. Wenn nur etwas hereingeblasen käme aus der rauhen Kälte draußen, aus der wüsten Wildnis eines London, von dem sie nur die auserlesenen Blumen pflückte! Das sanfte, ungewisse Licht aus dem Kamin beleuchtete bald hier und bald da eine Stelle oder einen Winkel ihres chinesischen Zimmers wie auf der Bühne in einer jener geheimnisvollen und verführerischen Szenen, wo man beim Klang der Tamburine auf die nächste Enthüllung wartet. Sie nahm eine Zigarette und konnte sich selber sehen, wie sie ein Streichholz anzündete und den Rauch vor sich hinblies – ihre anmutig gebogenen Finger, den weißen runden Arm und die etwas offenstehenden Lippen. Sie wirkte dekorativ! Na, war denn das nicht alles, worauf es ankam? Dekorativ wirken und alles ein wenig dekorieren! Hübsch sein in einer Welt, die nicht hübsch war! In ›Kleine Münze‹ stand ein Gedicht über ein vom flackernden Kaminfeuer erleuchtetes Zimmer, mit einer verhätschelten Colombine vor dem Feuer und dem Harlekin, der draußen umherirrte wie ›der Geist einer Rose‹. Und plötzlich, ohne Vorzeichen begann Fleur das Herz wehzutun. Sie empfand buchstäblich ein fast heftiges Weh, ließ sich auf den Boden vor dem Feuer niedergleiten und schmiegte ihr Gesicht gegen Ting-a-ling. Der chinesische Hund hob den Kopf – seine schwarzen Augen glühten rötlich in der Beleuchtung.

Er leckte ihr die Wange und wandte die Schnauze weg. Pfui! Puder! Doch Fleur lag wie eine Tote. Und sie sah sich selber daliegen – die runde Hüfte, den Kastanienglanz ihres kurzen Haars; sie hörte auch das unablässige Klopfen ihres Herzens. Aufstehen! Ausgehen! Etwas tun! Aber was nur? Was war denn der Mühe wert? Was hatte denn einen Sinn? Sie sah sich etwas tun – irgend etwas Extravagantes, kranke Frauen pflegen, blasse Kinder aufpäppeln, eine Rede im Parlament halten, ein Hürdenrennen reiten oder in Pumphosen Rüben anbauen – dekorativ! Sie lag, ohne sich zu rühren, im Netzwerk ihrer Vision gefangen. Solange sie sich selbst so sah, würde sie nichts tun, das wußte sie, denn nichts würde der Mühe wert sein! Und wie sie so unbeweglich dalag, kam es ihr vor, daß sich selbst nicht mehr sehen noch schlimmer als irgend etwas anderes wäre. Und es wurde ihr bewußt, daß sie sich dann für ewig unfrei hielte.

Ting-a-ling knurrte und wandte seine Schnauze nach dem Fenster. ›Hier drinnen‹, schien er zu sagen, ›ist es behaglich, und wir denken an die Vergangenheit. Wir können niemanden von draußen brauchen. Bitte nur fortzugehen – wer immer es auch ist da draußen.‹ Und wieder knurrte er – ein leises, unablässiges Geräusch.

»Was ist los, Ting?«

Ting-a-ling stemmte die Vorderfüße auf, und seine Schnauze wies nach dem Fenster.

»Willst du hinaus?«

›Nein‹, sagte das Knurren.

Fleur nahm ihn auf den Arm. »Sei nicht so dumm!« Und sie trat zum Fenster. Die schweren chinesischen Vorhänge waren dicht zugezogen; sie waren gefüttert und schlossen die Nacht aus. Fleur öffnete einen Spalt mit der Hand und fuhr zurück. Hinter der Scheibe war ein Gesicht, mit geschlossenen Augen, die Stirn an das Glas gepreßt, als wenn es schon lange Zeit dort gewesen wäre. In der Dunkelheit waren die Züge verwischt, bleich und schattenhaft. Sie fühlte, wie der Körper des Hundes unter ihrem Arm steif wurde – sie fühlte sein Schweigen. Ihr Herz hämmerte. Es war gräßlich – ein Gesicht ohne Körper!

Plötzlich wurde die Stirn zurückgezogen, die Augen öffneten sich. Sie sah – Wilfrids Gesicht! Konnte er hereinblicken – sie selber aus dem verdunkelten Zimmer blicken sehen? Am ganzen Körper zitternd, ließ sie die Vorhänge fallen. Ihm winken? Ihn hereinlassen? Zu ihm hinausgehen? Ihn verscheuchen? Ihr Herz schlug mörderisch. Wie lange war er schon da draußen gewesen – wie ein Geist? Was wollte er von ihr? Sie ließ Ting-a-ling mit einem Plumps zu Boden fallen und preßte die Hände an die Stirn, um ihrer Verwirrung Herr zu werden. Und plötzlich trat sie vor und riß die Vorhänge auseinander. Kein Gesicht! Nichts! Er war fort! Der dunkle zugige Platz – keine Seele zu sehen! War er überhaupt dagewesen? Oder war das Gesicht nur eine Halluzination? Aber Ting-a-ling? Hunde hatten doch keine Halluzinationen. Er war wieder zum Feuer zurückgegangen und hatte sich niedergelegt, ›Es ist nicht meine Schuld‹, dachte sie leidenschaftlich. ›Wirklich nicht! Nein, ich habe seine Liebe nicht gewollt. Ich wollte nur seine – seine – –!‹ Wieder sank sie vor dem Feuer nieder. »O Ting, wenn du doch ein Herz hättest!« Aber der chinesische Hund, beleidigt, daß sie ihn hatte zu Boden fallen lassen, rührte sich nicht …


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