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13.
Soames vor der Meute

Als sich die Tür hinter den Aufsichtsräten geschlossen hatte, suchte Soames eine Fensternische auf, die soweit wie möglich von den Resten des Lunchs, den man vor der Versammlung eingenommen hatte, entfernt lag.

»Leichenschmaus, eh, Forsyte?« flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr. »Ich glaube, wir sind erledigt. Der arme alte Mothergill sieht ganz geschlagen aus. Ich glaub, er braucht ein neues Hemd!«

In Soames begann die alte Hartnäckigkeit zu rumoren. »Die Sache hätte richtig angepackt werden müssen«, brummte er, »der Vorsitzende taugt nicht dazu!« Er dachte an den alten Onkel Jolyon! Der hätte kurzen Prozeß gemacht! Es bedurfte der Hand eines Autokraten.

»Das ist eine Warnung für uns alle, Forsyte, loyal zu sein. Es ist nicht modern. Ah, Fontenoy!«

Soames wurde gewahr, daß jemand Größerer neben ihm stand.

»Nun, Mr. Forsyte, hoffentlich sind Sie zufrieden. Eine verdammte Geschichte! Wenn ich Vorsitzender gewesen wäre, hätte ich mich niemals zurückgezogen. Die Hunde muß man immer im Auge behalten, Mont. Kaum schaut man weg, fällt einen schon die Meute an! Ich möchte mit der Peitsche unter sie fahren; den beiden dicken Kerlen mit den Mopsgesichtern möcht ich's schon zeigen – die sind gefährlich! Wenn Sie nicht gerade eine Karte im Ärmel versteckt haben, Mr. Forsyte, sind wir fertig.«

»Was für eine Karte soll ich in meinem Ärmel haben?« fragte Soames frostig.

»Zum Teufel, Sir, Sie haben die Kastanien ins Feuer geschmissen, es ist jetzt Ihre Sache, sie auch wieder herauszuholen. Ich kann es mir nicht leisten, meine Einkünfte als Aufsichtsrat zu verlieren!«

Soames hörte Sir Lawrence murmeln: »Das ist ungeschliffen, mein lieber Fontenoy!« und sagte boshaft: »Sie können mehr als nur Ihre Einkünfte verlieren!«

»Unmöglich! Eaglescourt können die morgen schon haben, ich werde dabei nur ein verschuldetes Gut los.« Ein Funke von Gefühl glänzte plötzlich in den alten Augen auf. »Der Staat treibt einen in die Enge, saugt einem das Mark aus den Knochen und verlangt dann noch Gratisarbeit zum Wohl des Landes. Das geht nicht, Mont, das geht nicht!«

Soames wandte sich ab; jedes Gespräch war ihm in tiefster Seele zuwider, wie jemandem, der an einem offenen Grabe steht und zusieht, wie der Sarg sich langsam niedersenkt. Hier wurde seine Unfehlbarkeit begraben! Er machte sich keine Illusionen. Alles würde in die Zeitungen kommen, und sein Ruf als unfehlbarer Beurteiler war dahin für immer! Das war bitter! Die Forsytes würden nicht mehr sagen: ›Soames hat gesagt – –‹. Der alte Gradman würde ihm nicht mehr wie ein Hund mit den Augen folgen, manchmal brummend, aber sich immer seiner Unfehlbarkeit beugend. Das würde ein schwerer Schlag für den alten Kerl sein. Seine Geschäftsfreunde – schließlich waren es heute nicht mehr viele! – würden ihn nicht mehr mit neidischem Respekt anstarren. Er fragte sich, ob der Widerhall wohl Dumetrius und den Bildermarkt erreichen würde! Sein einziger Trost war, Fleur brauchte es nicht zu wissen! Fleur! Ah, wenn nur erst ihre Geschichte gut vorüber wäre! Für einen Augenblick dachte er an nichts sonst. Dann erfüllte ihn plötzlich wieder die Gegenwart. Warum redeten sie alle, als läge eine Leiche im Zimmer? Na, es stimmte ja eigentlich – die Leiche seiner Unfehlbarkeit! Was die Geldfrage betraf – das schien erst in zweiter Linie zu kommen, das schien so fern und unglaubwürdig wie das Jenseits. Mont hatte etwas von Loyalität geschwatzt. Er konnte nicht einsehen, was Loyalität damit zu tun hatte! Aber wenn sie glaubten, daß er Angst bekommen würde, dann irrten sie sich ganz gewaltig. Ein eiserner Wille überkam ihn. Aktionäre, Aufsichtsräte – mochten sie doch kläffen und die Fäuste ballen, er würde sich nicht diktieren lassen. Er hörte eine Stimme sagen: »Wollen Sie bitte hereinkommen, meine Herren!«

Als er wieder vor der unbenutzten Gänsefeder Platz nahm, fiel ihm das Schweigen auf, die Aktionäre warteten auf die Aufsichtsräte und die Aufsichtsräte auf die Aktionäre. ›Ich möchte mit der Peitsche unter sie fahren!‹ Extravagante Worte jenes alten ›Paradestückes‹, aber sie trafen den Nagel auf den Kopf!

Schließlich sagte der Vorsitzende, dessen Stimme Soames immer an rohen Salat, mit ein wenig Öl darüber, erinnerte, ironisch: »Nun, meine Herren, wir stehen zu Ihrer Verfügung.«

Der feiste, rotbackige Kerl neben Michael erhob sich und öffnete den Mund in seinem Mopsgesicht.

»Um es kurz zu sagen: wir sind durchaus nicht befriedigt, Herr Vorsitzender; aber ehe wir einen Beschluß fassen, möchten wir hören, was Sie zu sagen haben.«

Gerade unterhalb von Soames sprang jemand auf und fügte hinzu: »Wir möchten gerne wissen, Sir, was für Garantien Sie uns bieten können gegen irgend etwas Derartiges in Zukunft.«

Soames sah den Vorsitzenden lächeln – der Kerl hatte kein Rückgrat!

»Sir«, entgegnete dieser, »der Natur der Dinge nach gar keine! Sie werden doch nicht annehmen, wir hätten unsern Direktor auch nur einen Augenblick auf seinem Posten gelassen, wenn wir gewußt hätten, daß er unseres Vertrauens nicht würdig war!«

Soames dachte: ›Das geht nicht – er hat sich ja selbst widersprochen!‹ Jawohl, und das zweite Mopsgesicht hatte es bemerkt!

»Das ist es ja gerade, Sir«, sagte der Kerl, »zwei von Ihnen haben es gewußt, und doch hat der Mensch noch monatelang aus der Sache Kapital geschlagen und höchstwahrscheinlich die Gesellschaft betrogen, was das Zeug hielt.«

Einer nach dem andern fingen sie nun an zu bellen: »Sie widersprechen sich ja selbst!«

»Sie haben doch die Verantwortlichkeit aller zugegeben.«

»Sie haben doch gesagt, daß Sie mit der Haltung Ihrer Kollegen im Aufsichtsrat vollkommen einverstanden waren.« Eine regelrechte Meute!

Soames sah, wie der Vorsitzende den Kopf neigte, als wollte er ihn schütteln, wie der alte Fontenoy murmelte, der alte Mothergill sich schneuzte und Meyricke die spitzen Schultern zuckte. Plötzlich verstellte ihm jemand die Aussicht: Sir Lawrence hatte sich erhoben.

»Gestatten Sie mir ein Wort! Ich für mein Teil finde es unmöglich, den großmütigen Versuch des Vorsitzenden anzunehmen, der sich eine Verantwortung aufhalsen möchte, die offenbar auf mir ruht. Wenn ich einen Fehler begangen habe, unsere Verdachtsgründe nicht zu enthüllen, so muß ich auch die Folgen tragen; und ich glaube, es wird die – eh – Situation klären, wenn ich der Versammlung meinen Rücktritt anbiete.«

Soames sah, wie er eine kleine Verbeugung machte, das Monokel einklemmte und sich niedersetzte. Ein Murmeln folgte diesen Worten – war es Zustimmung, Überraschung, Mißbilligung, Bewunderung? Das war großzügig gehandelt! Soames mißtraute allem Großzügigen, es schien ihm immer etwas von der Eitelkeit eines Pfaus dabei zu sein. Er fühlte sich ungewöhnlich aufgebracht »Offenbar bin ich«, sagte er, sich erhebend, »der zweite beschuldigte Aufsichtsrat. Also gut! Ich bin mir nicht bewußt, in dieser Sache von Anfang bis zu Ende etwas anderes als meine Pflicht getan zu haben. Ich bin überzeugt daß ich mich in meiner Voraussicht nicht geirrt habe. Und ich empfinde es als eine große Ungerechtigkeit dafür bestraft zu werden. Ich habe genug Mühe und Sorgen gehabt ohne daß mich die Aktionäre zum Sündenbock zu machen brauchten, die Aktionäre, die doch ohne Widerspruch dieser Politik zugestimmt haben, lang, ehe ich in den Aufsichtsrat eingetreten war, und die jetzt böse sind, weil es eine Verlustpolitik gewesen ist. Mir verdanken Sie es, daß diese Politik fallengelassen wurde. Mir verdanken Sie es, daß Sie nicht länger einen Betrüger zum Direktor haben. Und mir verdanken Sie es, daß Sie heute hier versammelt sind, um über diese Sache zu urteilen. Ich habe durchaus nicht die Absicht klein beizugeben. Aber diese Affäre kann man auch noch von einer andern Seite betrachten. Ich bin nicht gewillt weiterhin meine Dienste Leuten zu widmen, die sie nicht zu schätzen wissen. Ich bin empört über diese Ihre Haltung. Wenn jemand unter Ihnen glaubt mir etwas vorwerfen zu können, so soll er mich verklagen. Ich werde mit ihm bis zur letzten Instanz gehen, wenn es nötig ist. Seit frühester Jugend kenne ich die Gebräuche der City und ich bin nicht gewöhnt, daß man mir mit Verdächtigungen und Undankbarkeit begegnet. Wenn das ein Beispiel der heutigen Umgangsformen ist, dann mag ich mit der City nichts mehr zu tun haben. Ich biete keineswegs der Versammlung meine Demission an, ich demissioniere.«

Er verbeugte sich vor dem Vorsitzenden, stieß seinen Stuhl zurück, ging trotzig zur Tür, öffnete sie und verschwand. Er suchte seinen Hut. Er zweifelte nicht im geringsten daran, daß er ihre schwachen Nerven erschüttert hatte! Diese Mopsgesichter waren mit offenen Mäulern dagesessen! Er hätte gern beobachtet wie sie sich nach seinem Abgang benahmen, aber es war kaum mit seiner Würde vereinbar, daß er nochmals die Tür öffnete. Statt dessen nahm er sich einen Sandwich und begann zu essen, den Hut auf dem Kopf und den Rücken der Tür zugekehrt. Er fühlte sich wohler als seit Monaten. Eine Stimme sagte: »›Und die folgenden Vorgänge interessierten ihn nicht mehr!‹ Ich hatte keine Ahnung, Forsyte, daß Sie ein solcher Redner wären! Sie haben denen eins zwischen die Augen versetzt, noch nie hab ich ein solches Knock-out einer Versammlung erlebt! Na, Sie haben den ganzen Aufsichtsrat gerettet, indem Sie die Rachsucht dieser Menschen auf Ihr eigenes Haupt gelenkt haben. Das war wirklich großzügig, Forsyte!«

Soames brummte über seinen Sandwich: »Nichts dergleichen! Sind Sie auch gegangen?«

»Jawohl. Ich bestand auf meinem Rücktritt. Der Kerl mit dem roten Gesicht schlug gerade ein Vertrauensvotum vor, als ich hinausging – sie werden es annehmen, Forsyte, sie werden es annehmen! Nebenbei bemerkt, war auch von finanzieller Haftbarkeit die Rede!«

»So?« sagte Soames mit einem grimmigen Lächeln, »das wird ihnen nicht gelingen. Ihre einzige Chance war, den Aufsichtsrat dafür haftbar zu machen, daß er sich in das ausländische Versicherungsgeschäft ohne Ermächtigung eingelassen hat; wenn sie den Aufsichtsrat neu bestätigen, nachdem die Frage in offener Versammlung verhandelt worden ist, sind sie erledigt. Uns beide kann man nicht verfolgen, weil wir unsern Verdacht nicht mitgeteilt haben, das ist sicher.«

»Wahrhaftig – eine Erleichterung!« sagte Sir Lawrence mit einem Seufzer. »Ihre Rede war ein Meisterstück, Forsyte!«

Obgleich Soames das ganz genau wußte, schüttelte er den Kopf. Außer dem Abscheu davor, seinen Namen gedruckt zu sehen, stieg in ihm langsam ein Gefühl auf, als wäre er extravagant gewesen. Es war immer ein Fehler, sich hinreißen zu lassen! Ein leises, bitteres Lächeln kräuselte seine Lippen. Niemand, nicht einmal Mont, würde einsehen, wie ungerecht man ihn behandelt hatte.

»Nun«, sagte er, »ich gehe.«

»Ich glaube, ich bleibe noch, Forsyte, um das Resultat abzuwarten.«

»Resultat? Man wird zwei andere Narren ernennen und übereinander salbadern. Aktionäre! Adieu!« Und er ging zur Tür.

Als er an der Bank von England vorbeikam, hatte er ein Gefühl, als ließe er sein eigenes Leben im Stich. Sein Scharfsinn, seine Urteilskraft, seine Art, mit geschäftlichen Angelegenheiten fertig zu werden – geschmäht! Es gefiel ihnen nicht – nun, er würde nichts mehr damit zu tun haben! Niemand sollte ihn mehr dabei ertappen, daß er sich einmischte! Es paßte durchaus zu dem modernen Stand der Dinge. Von der Hand in den Mund leben, der solide Geschäftsmann aber wurde an die Wand gedrückt! Der Mann, für den ein Pfund noch ein Pfund war und nicht Zufall und Papier. Der Mann, der wußte, daß das Heil des Landes darin lag, daß man die eigenen Geschäfte genau und gradlinig verfolge. Aber solche Männer brauchte man nicht mehr. Einer nach dem andern würden sie den Abschied bekommen – wie er ihn bekommen hatte – zu Gunsten von Gauklern, Revolutionären, unruhigen Gesellen, oder geschickten, skrupellosen Kerlen wie Elderson. Es lag in der Luft. Und die landläufige Ehrlichkeit konnte nicht durch unmäßiges Kuchenessen und den Wunsch, den Kuchen trotzdem zu behalten, wettgemacht werden.

Er bog in die Poultry ein, ehe ihm noch klar geworden, wozu. Na, er konnte es ebenso gut Gradman sofort sagen, daß er sich in Zukunft auf sein eigenes Urteil verlassen müsse. Am Eingang der Sackgasse blieb er eine Sekunde stehen, als wollte er sich ihre gelbbraune Farbe ganz fest einprägen. Er würde seine Vertrauensämter niederlegen, die privaten und alle übrigen! Er hatte keine Lust, sich von der Familie verhöhnen zu lassen. Aber plötzlich überkam ihn die Erinnerung so mächtig, daß ihm fast das Herz in die Stiefel sank. Was konnte das Hinterzimmer da oben nicht alles erzählen von ausgeübten Vollmachten, erneuerten Mietkontrakten, verkauften Häusern, von beschlossenen Kapitalsanlagen; was für eine stete Quelle beruhigender Genugtuung waren doch die wohlverwalteten Güter! Nun gut! Er würde seine eigenen weiter verwalten. Aber die andern mußten jetzt für sich selber sorgen – und sie würden schon etwas erleben, bei dem Geist, der jetzt herrschte!

Langsam stieg er die steinernen Stufen empor. In diesem Lagerhaus für Forsyte-Angelegenheiten stieß er auf das Ungewöhnliche – Gradman war nicht da, auf dem langen, gelben Tisch jedoch lag eine reife Melone neben einer Strohtasche. Soames roch daran. Das Ding hatte einen köstlichen Duft. Er hielt es ans Licht. Seine gelblich-grüne Farbe, sein Netzwerk von Adern – ganz chinesisch! Würde der alte Gradman auch die Schale wegwerfen wie der weiße Affe?

Er hielt die Melone noch immer in der Hand, als eine Stimme sagte: »Aoh! Ich hab Sie heute nicht erwartet, Mr. Soames. Ich wollte zeitig Schluß machen, meine Frau hat eine kleine Gesellschaft.«

»Das sehe ich!« sagte Soames und legte die Melone auf den Tisch zurück. »Es gibt für Sie im Augenblick auch nichts zu tun, ich habe Ihnen nur sagen wollen, daß Sie einen Entwurf meines Rücktritts von der Verwaltung der Forsyteschen Vermögen ausarbeiten sollen.«

Der Alte machte ein so verdutztes Gesicht, daß Soames ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

»Timothy werde ich behalten, aber alles übrige will ich los sein. Der junge Roger soll sich drum kümmern. Der hat sowieso nichts zu tun.«

Ein mürrisches und mißbilligendes: »Ach du meine Güte! Die werden aber keine Freude haben!« irritierte Soames.

»Dann sollen sie's bleiben lassen! Ich muß ausspannen.«

Er hatte keine Lust, Gründe anzugeben, Gradman mochte es selber in ›Financial News‹ oder sonstwo lesen.

»Dann werd ich Sie also nicht mehr so oft sehen, Mr. Soames. Mit Mr. Timothys Vermögen ist ja nie was los. Ach du meine Güte! Ich kann's ja gar nicht fassen. Wollen Sie nicht wenigstens das Vermögen Ihrer Schwester weiter verwalten?«

Soames blickte den alten Menschen an, und Gewissensbisse regten sich in ihm, wie immer bei der geringsten Zuneigung, die man ihm bezeigte.

»Gut«, sagte er, »ich werde auch ihres weiter verwalten; natürlich werde ich wegen meiner eigenen Angelegenheiten ins Bureau kommen. Guten Tag, Gradman. Das da ist eine feine Melone.«

Er wartete auf keine weiteren Äußerungen. Der alte Kerl! Der würde auch nicht mehr lang mitmachen, wenn er auch wetterfest aussah! Für den würde sich auch nur schwer ein Ersatz finden lassen!

Als er in die Poultry kam, entschloß er sich, in die Green Street zu gehen und Winifred zu besuchen – da er plötzlich ein sonderbares Heimweh spürte nach der Nähe von Park Lane, nach den alten sicheren Tagen, nach seiner Jugend in der Zurückgezogenheit unter den Fittichen von James und Emily. Nur noch Winifred verkörperte für ihn jetzt die Vergangenheit; ihr solides Naturell änderte sich nie, wie sehr sie auch mit der Mode mitging.

Er traf sie in einem ein wenig zu jugendlichen Kleid, wie sie chinesischen Tee trank, den sie nicht leiden konnte, aber was sollte man machen, andere Teearten galten ja als ›ordinär‹! Sie hielt sich einen Papagei. Papageien kamen jetzt wieder in Mode. Der Vogel machte einen abscheulichen Lärm. Ob es nun unter dem Einfluß des Papageis geschah oder des chinesischen Tees, der nach englischer Art zubereitet und von einer Sorte war, die die Chinesen nur für ausländische Mägen anbauten, und von dem ihm immer übel wurde, genug – bald erzählte er Winifred die ganze Geschichte.

Als er fertig war, sagte sie tröstend: »Soames, du hast dich ganz prachtvoll gehalten, recht geschieht ihnen!«

Er merkte, daß seine Erzählung die Sache so dargestellt hatte, wie sie die Öffentlichkeit nicht sehen würde, und murmelte: »Alles recht gut und schön, aber in den Finanzblättern wirst du eine ganz andere Version finden.«

»Ach, aber die liest ja niemand! Ich würde mir keine Sorgen machen. Gebrauchst du Coué? So ein trostreicher kleiner Mann, Soames. Ich habe ihn sprechen hören. Es ist manchmal recht langweilig, aber es ist doch das Allerneueste.«

Soames erwiderte nichts – er gestand nie eine Schwäche ein.

»Und wie«, fragte Winifred, »steht es mit Fleurs kleiner Angelegenheit?«

»Kleine Angelegenheit!« echote eine Stimme über seinem Kopf. Dieser Vogel! Er klammerte sich an die Brokatvorhänge und drehte den Hals hin und her.

»Polly!« sagte Winifred, »sei nicht unartig!«

»Soames!« rief der Vogel.

»Das hab ich ihn gelehrt. Ist er nicht herzig?«

»Ganz und gar nicht!« entgegnete Soames. »Ich würde ihn einsperren; er wird deine Vorhänge ruinieren.«

Der Ärger des Nachmittags wachte plötzlich wieder in ihm auf. Was waren die Schlagworte des Lebens anderes als Papageiengeschwätz? Was wußten denn die Menschen von der tatsächlichen Wahrheit? Sie redeten einer dem andern nach wie eine Schar von Aktionären oder sie holten sich ihre großartigen Emotionen aus dem ›Täglichen Lügner‹. Einem Menschen, der einen eigenen Weg einschlug, folgten Hunderte wie die Schafe!

»Du bleibst doch zum Dinner, lieber Junge?« sagte Winifred.

Ja, er wollte bleiben. Ob sie, ganz zufällig, eine Melone zu Hause hätte? Er hatte keine Lust, nach South Square zu gehen und seiner Frau gegenüberzusitzen. Zehn zu eins, daß Fleur in ihrem Zimmer bliebe. Und was den jungen Michael betraf, der Kerl war heute nachmittag dort gesessen und Zeuge der ganzen Affäre gewesen, er hatte keine Lust, wieder davon zu reden.

Er wusch sich gerade die Hände vor dem Dinner, als das Stubenmädchen draußen sagte: »Sie werden am Telephon gewünscht, Sir.«

Michaels Stimme klang durch den Draht, heiser und erregt: »Sie, Sir?«

»Ja. Was ist los?«

»Fleur. Heute nachmittag tun drei hat es angefangen. Ich habe versucht, Sie zu erreichen.«

»Was?« rief Soames. »Wie? Rasch!«

»Man sagt, es sei ganz normal. Aber es ist so schrecklich. Man sagt, es wird bald vorüber sein.« Die Stimme brach ab.

»Mein Gott!« sagte Soames. »Meinen Hut!«

An der Tür fragte das Stubenmädchen: »Werden Sie zum Dinner zurückkommen, Sir?«

»Dinner!« murmelte Soames und war schon fort

Fast laufend eilte er dahin und spähte nach einem Taxi. Natürlich keines zu haben! Keines zu haben! Gegenüber dem Iseeum-Klub stieß er auf eines, es war offen bei dem schönen Wetter nach dem Gewitter der letzten Nacht. Jenes Gewitter! Er hätte es sich doch denken können. Zehn Tage vor ihrer Zeit. Weshalb um alles in der Welt war er nicht sofort zurückgegangen oder hatte wenigstens telephoniert, wo er zu finden wäre? Alles, was er an diesem Nachmittag durchgemacht hatte, war wie Rauch vergangen. Das arme Kind! Das arme kleine Ding! Und was war mit dem Dämmerschlaf? Warum war er nicht bei ihr? Er hätte vielleicht – die Natur! Zum Teufel Die Natur – daß sie nicht einmal Fleur unbehelligt lassen konnte!

»Rascher!« sagte er, sich hinauslehnend, »Sie bekommen doppelte Taxe.«

An den ›Connoisseurs‹ vorbei, am Buckingham Palace und Whitehall, an all den Anlagen vorbei, die mit Natur kaum noch etwas zu tun hatten, fuhr Soames, von einer tiefen, ganz primitiven Erregung gepackt, grau und schwer atmend. Am Parlamentsturm vorbei – acht Uhr! Fünf Stunden! Schon fünf Stunden dauerte es!

»Laß es bald vorüber sein!« flüsterte er hörbar, »laß es bald vorüber sein. Mein Gott!«


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