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8.
Bicket

Unter der Oberfläche fröhlicher Sorglosigkeit hatte Michael Monts Charakter während der letzten zwei Jahre seines regelmäßigen und nicht mehr ziellosen Lebens sich vertieft. Er war gezwungen gewesen, auch an andre zu denken, und seine Zeit war vollauf in Anspruch genommen. Von Anbeginn seiner Ehe wußte er, daß er von Fleur nur geduldet war, und er anerkannte auch die Halbwahrheit: ›Il y a toujours un qui baise et l'autre qui tend la joue‹; so hatte er ein beträchtliches Maß an häuslicher Rücksichtnahme entwickelt. Und dennoch schien es ihm nicht zu gelingen, das Gleichgewicht im allgemeinen oder in seiner beruflichen Tätigkeit wieder herzustellen. Er fand, daß die menschliche Seite des Geschäftes bei ihm die finanzielle Seite zu stark überwiege. Danby & Winter waren ihm jedoch gewachsen und zeigten so weit kein Anzeichen des Bankrotts, den Soames ihnen prophezeit hatte, als er die Grundsätze erfuhr, die sein Schwiegersohn dort einführen wollte. Weder im Verlagsgeschäft noch in irgendeiner andern Lebenslage fand es Michael möglich, ganz nach seinen Ideen zu arbeiten, denn er stieß bei seiner Tätigkeit auf zu viele Tatsachen aus dem Menschen-, Pflanzen- und Mineralreich.

Nachdem er an diesem Dienstag sich lange mit den Preisen für Produkte aus dem Pflanzenreich, nämlich Papier und Leinwand, herumgeschlagen hatte, hörte er mit seinen spitzen Ohren den Klagen eines Packers zu, der mit fünf Exemplaren von ‹Kleine Münze› in der Manteltasche ertappt worden war, die er ganz offenbar zum eigenen Nutzen hatte verkaufen wollen.

Mr. Danby hatte ihn an die Luft gesetzt – der Mann leugnete auch gar nicht, daß er sie hatte verkaufen wollen, aber was hätte Mr. Mont an seiner Stelle getan? Er war die Miete schuldig –, und seine Frau mußte nach einer Lungenentzündung dringend aufgefüttert werden, höchst dringend. ›Hol's der Teufel!‹ dachte Michael, ›ich würde eine ganze Auflage stibitzen, um Fleur nach einer Lungenentzündung wieder aufzufüttern!‹

»Ich komm nicht aus mit meinem Lohn bei den hohen Preisen. Ich komm nicht aus, Mr. Mont, bei Gott!«

Michael drehte sich auf seinem Stuhl herum. »Aber bedenken Sie doch, Bicket, wenn wir bei Ihnen durch die Finger sehen, dann werden alle Packer stehlen, und wenn das alle tun, wo bleiben dann Danby & Winter? Machen Bankrott. Und wenn wir Bankrott machen, wo kämt dann ihr alle hin? Auf die Straße. Es ist doch besser, daß einer von euch auf die Straße fliegt, als alle, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Sir, ich verstehe Ihren Standpunkt – er ist sehr vernünftig, aber wenn man kaum noch existieren kann, schmeißt einen das Geringste um. Bitten Sie doch Mr. Danby, noch einen Versuch mit mir zu machen.«

»Mr. Danby sagt immer, daß die Arbeit eines Packers eine ganz besondere Vertrauenssache ist, weil eine Kontrolle fast unmöglich ist.«

»Jawohl, Sir, ich werd in Zukunft dran denken; aber bei der großen Arbeitslosigkeit und ohne Zeugnis werd ich niemals einen andern Posten bekommen. Und was soll aus meiner Frau werden?«

Michael war es, als wenn er gesagt hätte: ›Was soll aus Fleur werden?‹ Er begann im Zimmer hin und her zu laufen; und Bicket, der junge Mann, beobachtete ihn mit großen klagenden Augen. Plötzlich blieb er mit eingezogenen Schultern stehen, die Hände tief in den Taschen vergraben.

»Ich werd ihn fragen«, erklärte Michael, »aber ich glaube nicht, daß er es tun wird; er wird sagen, es sei den andern gegenüber nicht fair. Sie haben fünf Exemplare genommen – ein starkes Stück, wissen Sie; das bedeutet, daß Sie auch schon vorher ›genommen‹ haben? Was?«

»Na ja, Mr. Mont, wenn mir das vielleicht helfen kann, so will ich gern beichten. Ich hab schon vorher hie und da was genommen, und es hat gerad dazu gereicht, meine Frau am Leben zu erhalten. Sie haben keine Ahnung, was so eine Lungenentzündung für arme Leute bedeutet.«

Michael fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Wie alt ist Ihre Frau?«

»Fast ein Kind noch – zwanzig.«

Zwanzig! Gerade Fleurs Alter!

»Ich werd Ihnen etwas sagen, Bicket. Ich werde die Sache Mr. Desert vorlegen; wenn er für Sie eintritt, wird sich Mr. Danby vielleicht rühren lassen.«

»Ja, Mr. Mont, ich danke Ihnen – Sie sind ein Gentleman, das sagen wir alle.«

»Ach was! Zum Teufel! Hören Sie, Bicket, Sie haben doch mit diesen fünf Exemplaren gerechnet. Nehmen Sie das statt dessen und kaufen Sie Ihrer Frau das Notwendigste. Sagen Sie's nur um Gottes willen nicht Mr. Danby.«

»Mr. Mont, nicht um die Welt möcht ich Sie verraten – kein Wort werd ich sagen, Sir. Und meine Frau – na ja!«

Ein Räuspern, ein Schlurfen – Michael war allein, die Schultern noch höher gezogen und die Hände noch tiefer in den Taschen. Und plötzlich lachte er auf. Mitleid! Mitleid war Schwachsinn! Das war alles so verdammt komisch. Er hatte also Bicket noch dafür belohnt, daß er ›Kleine Münze‹ gestohlen hatte! Ein plötzliches Verlangen überkam ihn, dem kleinen Packer nachzugehen und zu sehen, was er mit den zwei Pfund anfing, zu erkunden, ob die Lungenentzündung wirklich war oder nur in der Phantasie dieses Menschen mit den klagenden Augen bestand. Aber das war unmöglich! Statt dessen mußte er Wilfrid anrufen und ihn bitten, ein gutes Wort beim alten Danby einzulegen. Sein eigenes Wort wäre vollkommen zwecklos gewesen. Er hatte es schon zu oft eingelegt! Bicket! Wie wenig man von seinem Nebenmenschen wußte, das Leben war so tief und dunkel und so unberechenbar! Was war Ehrlichkeit? Wenn die Widerstandskraft des Menschen vom Leben hart bedrängt wird und in diesem Kampfe dennoch Sieger bleibt, so ist das Ehrlichkeit! Aber warum Widerstand leisten? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – aber nicht mehr! Und war es nicht verdammt schwer für Bicket, bei zwei Pfund in der Woche ihn zu lieben – so viel schwerer als für ihn, Michael, mit vierundzwanzig Pfund in der Woche Bicket zu lieben? …

»Hallo …Bist du's, Wilfrid? …Hier Michael …Einer von unsern Packern hat ein paar Exemplare von ›Kleine Münze‹ stibitzt. Man hat ihn an die Luft gesetzt, den armen Teufel! Könntest du nicht ein Wort für ihn einlegen? – Auf mich hört der alte Dan ja nicht …jawohl, hat auch eine Frau – in Fleurs Alter; Lungenentzündung, sagt er. Deine Bücher wird er auf keinen Fall mehr anrühren, du bist dann durch seine Dankbarkeit gesichert – wie? …Danke, lieber Junge, schrecklich nett von dir – kommst auf einen Sprung herauf? Dann können wir zusammen heimgehn …Oh! Na, auch gut! Also du kommst auf jeden Fall. Wiedersehn!«

Ein guter Kerl, der Wilfrid! Ein seelenguter Kerl – grundgütig!

Als er das Höhrrohr zurückhängte, fühlte sich Michael plötzlich in eine Wolke von Bildern, Gerüchen und Geräuschen eingehüllt, die den Prinzipien seiner Firma so fremd waren, daß er gewohnheitsmäßig jedes Manuskript sofort zurückwies, das einen solchen Eindruck machte. Der Krieg mochte aus sein, vorbei jedoch war er für Wilfrid und ihn noch lange nicht. Ein Sprachrohr ergreifend, fragte er: »Ist Mr. Danby in seinem Zimmer? Gut! Sobald er Miene macht fortzugehen, sagen Sie mir's bitte sogleich …«

Zwischen Michael und seinem Partner klaffte eine tiefe Kluft, die so tief war wie die Kluft zwischen zwei Epochen, obgleich sie zum Teil durch das ausgleichende Temperament des im mittleren Alter stehenden Winter ausgefüllt wurde. Michael hatte fast gar nichts gegen Mr. Danby einzuwenden, ausgenommen, daß er immer recht hatte, dieser Philip Norman Danby von ›Sky House‹, Campden Hill – ein verheirateter Mann von sechzig Jahren, mit hoher Stirn, einem im Verhältnis zu den Beinen hohen Oberkörper und einem ruhigen und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Seine Augen standen vielleicht etwas zu dicht beisammen und seine Nase war ziemlich mager, aber er machte doch gute Figur in seinem schön proportionierten Zimmer. Er war gerade dabei, sich ein korrektes Urteil über eine Inseratenangelegenheit zu bilden, und blickte auf, als Wilfrid Desert eintrat.

»Guten Tag, Mr. Desert, womit kann ich Ihnen dienen? Bitte nehmen Sie Platz!«

Desert blieb stehen, blickte bald die Kupferstiche, bald seine Finger, bald Mr. Danby an und sagte schließlich: »Ich möchte, daß Sie den Packer laufen lassen, Mr. Danby.«

»Packer? Oh! Aha! Bicket. Mont hat es Ihnen wohl gesagt?«

»Ja; er hat eine junge Frau, die gerade eine Lungenentzündung hinter sich hat.«

»Die Leute gehen alle zu unserm Freund Mont und binden ihm einen Bären auf, Mr. Desert – er hat ein sehr gutes Herz. Aber diesen Mann kann ich doch nicht behalten. Das ist eine zu hinterlistige Vorgangsweise. Schon seit einiger Zeit versuchen wir herauszubekommen, wohin einzelne Exemplare verschwinden.«

Desert lehnte sich gegen das Kaminsims und starrte ins Feuer. »Ja, Mr. Danby«, sagte er, »Ihre Generation liebt vielleicht Güte und Milde in der Literatur, aber im Leben sind Sie recht hart. Unsere Generation kann Weichheit in der Kunst nicht ausstehn, aber im Leben sind wir ganz verteufelt weniger hart.«

»Ich glaube nicht, daß ich hart bin«, sagte Mr. Danby, »nur gerecht.«

»Wissen Sie genau, was gerecht ist?«

»Ich glaube schon.«

»Machen Sie einmal vier Jahre Hölle durch und dann urteilen Sie wieder.«

»Was hat das damit zu tun? Das, was Sie gelitten haben, Mr. Desert, mußte Sie natürlich einseitig machen.«

Wilfrid wandte sich um und starrte ihn an. »Verzeihen Sie, daß ich es so gerade heraus sage, aber Sie scheinen mir viel einseitiger geworden, wenn Sie hier sitzen können und gerecht sein. Das Leben ist nicht viel besser als ein Fegefeuer für alle, ausgenommen vielleicht ein Drittel der Erwachsenen.«

Mr. Danby lächelte. »Mein lieber junger Mann, wir könnten einfach unser Geschäft zusperren, wenn nicht jeder Angestellte peinlich ehrlich wäre. Es wäre ganz unfair, zwischen Ehrlichkeit und Unehrlichkeit überhaupt keinen Unterschied zu machen. Darüber sind Sie sich doch vollkommen im klaren.«

»Ich bin mir über gar nichts ganz im klaren, Mr. Danby, und ich mißtraue allen denen, die behaupten, vollkommen im klaren zu sein.«

»Na, wollen wir es so formulieren: es gibt Spielregeln, die eingehalten werden müssen, wenn die Gesellschaft überhaupt funktionieren soll.«

Nun lächelte auch Desert: »Aber zum Teufel mit den Regeln! Tun Sie's doch mir zuliebe. Ich hab doch das blöde Buch geschrieben.«

In Mr. Danbys Gesicht zeigte sich kein Zeichen eines Kampfes; aber in seinen tiefliegenden, nahe beieinander stehenden Augen blitzte ein kleines Licht auf.

»Ich würde es nur zu gerne tun, aber es ist eine Sache – na, sagen wir, eine Sache des Gewissens. Ich zeige den Mann nicht an. Er muß gehen – das ist alles.«

Desert zuckte die Achseln. »Also, dann empfehle ich mich!« Und er ging hinaus.

Draußen stand Michael, von Zweifeln geplagt.

»Nun?«

»Nichts zu machen. Der alte Schubjack ist zu gerecht.«

Michael zerwühlte sein Haar.

»Warte fünf Minuten in meinem Zimmer, während ich's dem armen Teufel sage, dann begleit ich dich.«

»Nein«, sagte Desert, »ich geh einen andern Weg.«

Nicht die Tatsache, daß Wilfrid einen andern Weg ging – das tat er fast immer –, sondern etwas im Ton seiner Stimme und in seinem Gesichtsausdruck beschäftigte Michaels Phantasie, während er hinunterschritt, um Bicket zu suchen. Wilfrid war ein wunderlicher Mensch – er konnte so plötzlich ›dunkel‹ werden!

In den untern Regionen fragte Michael: »Bicket schon fort?«

»Nein, Sir, da ist er.«

Da stand er in seinem schäbigen Mantel, mit den eingesunkenen Schultern, dem schmalen, blassen Gesicht und den viel zu großen Augen.

»Bedaure, Bicket, Mr. Desert hat's versucht, aber es war vergebens.«

»Ja, Sir.«

»Kopf hoch! Sie werden schon eine Stelle finden.«

»Nicht viel Aussicht, Sir. Aber ich dank Ihnen herzlich, und ich dank auch Mr. Desert. Gute Nacht, Sir! Leben Sie wohl!«

Michael sah ihn den Gang hinunter schwanken und in der dämmerigen Straße verschwinden. »Großartig!« sagte er und lachte …

Der natürliche Verdacht Michaels und seines älteren Geschäftsteilhabers, daß man ihnen einen Bären aufgebunden hatte, war wirklich nicht berechtigt. Weder die Frau noch die Lungenentzündung waren erfunden. Während Bicket in der Richtung der Blackfriars-Brücke davonschwankte, dachte er nicht an seine Missetat und auch nicht daran, wie gerecht Mr. Danby gewesen war, sondern, was er seiner Frau sagen sollte. Natürlich würde er ihr nicht erzählen, daß er beim Stehlen erwischt worden war; er mußte sagen, daß man ihn hinausgeschmissen hatte wegen Widersetzlichkeit gegen den Oberpacker; aber was würde sie nun von ihm denken, wo doch alles davon abhing, daß er sich keine Widersetzlichkeit gegen den Oberpacker zuschulden kommen ließ! Es war einer jener traurigen Fälle großer Zuneigung, so daß er Tag für Tag mit dem Gefühl in die Arbeit gegangen war, daß er sein halbes Herz daheim gelassen hatte, in dem Zimmer, wo sie lag. Und als der Arzt schließlich sagte: »Sie ist über das Schlimmste hinaus, aber sie ist durch die Krankheit sehr herabgekommen – Sie müssen sie ordentlich auffüttern«, da hatte er den festen Entschluß gefaßt, daß er diese Angst um ihre Gesundheit nicht länger ausstehen wolle. Während der nächsten drei Wochen hatte er achtzehn Exemplare von ›Kleine Münze‹ auf die Seite gebracht, die fünf mitinbegriffen, die man in seinem Mantel gefunden hatte. Er war nur deshalb auf Mr. Deserts Buch verfallen, weil es so gut ging, und nun tat es ihm leid, daß er sich nicht auf irgend einen andern verlegt hatte. Mr. Desert war so anständig gewesen! An der Ecke des ›Strand‹ blieb er stehen und überzählte sein Geld. Die zwei Pfund, die ihm Michael gegeben hatte, und sein Lohn, zusammen fünfundsiebzig Shilling, das war alles in der Welt, was er besaß. Er kaufte ein Gelee und eine Büchse ›Kraftnahrung‹, die man mit Wasser kochen konnte. Mit vollgestopften Taschen bestieg er einen Autobus, der ihn bis zur Ecke seiner kleinen Gasse in Surrey führte. Er bewohnte mit seiner Frau zwei Parterrezimmer zu acht Shilling die Woche, und seit drei Wochen war er die Miete schuldig. ›Am besten, ich bezahl das‹, dachte er, ›und hab ein Dach überm Kopf, bis ihr besser ist.‹ Er würde es ihr auch leichter beibringen können, wenn er ihr die Quittung für die Miete mitbrächte und ein bißchen gutes Essen. Was für ein Glück, daß sie gut achtgegeben hatten, kein Kind zu bekommen! Er ging in das Tiefparterre hinunter. Seine Vermieterin war mit der wöchentlichen Wäsche beschäftigt. Vor lauter Überraschung über die vollständige und freiwillige Bezahlung hielt sie inne und erkundigte sich nach seiner Frau.

»Es geht ihr recht gut, danke schön.«

»Na, das freut mich, es muß Ihnen doch eine große Erleichterung sein.«

»Freilich«, sagte Bicket.

Die Vermieterin dachte: ›So dünn wie ein Schneider – ich muß immer an einen kleinen Krebs denken, eh man ihn kocht, mit den Augen, die er hat.‹

»Hier ist Ihre Quittung, und ich dank schön. Tut mir leid, daß ich deswegen nervös war, aber man hat's schwer heutzutag.«

»Sehr schwer«, sagte Bicket. »Wiedersehn!«

Mit der Quittung und dem Gelee in der linken Hand öffnete er die Tür seines Vorderzimmers.

Seine Frau saß vor einem sehr kleinen Feuer. Ihr kurzgeschnittenes schwarzes Haar, das sich an den Enden ringelte, war während ihrer Krankheit gewachsen; sie warf es zurück, als sie lächelnd den Kopf wandte. Schon manchmal war Bicket dieses Lächeln sonderbar vorgekommen – so auch heute – einfach rührend, geheimnisvoll, als könnte sie Dinge sehen, die ein anderer nicht sah. Sie hieß Victorine, und er sagte: »Nun, Vic? Dieses Gelee wird gut schmecken, und die Miete hab ich auch bezahlt.« Er setzte sich auf die Lehne des Sessels und sie legte ihre Hand auf sein Knie – ihr dünner Arm schaute bläulich-weiß aus dem dunklen Schlafrock hervor.

»Nun, Tony?«

Ihre großen dunklen Augen unter den wunderschön geschwungenen Brauen in dem blassen schmalen Gesicht schienen aus der Ferne zu blicken, und wenn sie einen anschauten, dann ging's einem durch und durch.

So packte es ihn auch jetzt wieder und er sagte: »Hast du Luft gekriegt?«

»Danke – schon viel besser. Jetzt werd ich bald ausgehen können.«

Bicket beugte sich über sie und suchte ihre Lippen.

Der Kuß dauerte einige Zeit, weil er in ihn alle Gefühle legte, die er während der letzten drei Wochen weder ihr noch irgend jemand sonst hatte anvertrauen können. Etwas erschöpft richtete er sich wieder auf, starrte ins Feuer und sagte: »Keine guten Nachrichten, Vic – ich hab meinen Posten verloren.«

»O Tony! Warum?«

Bicket schluckte.

»Tatsache ist, das Geschäft geht schlecht und sie bauen ab.«

Es war ihm nun zur Gewißheit geworden, daß er lieber seinen Kopf unter den Gasschlauch legen würde, als ihr die Wahrheit sagen.

»Ach du lieber Gott, was sollen wir jetzt tun?«

Bickets Stimme klang fest.

»Sorg dich nur nicht, ich werd schon was finden«; und er begann zu pfeifen.

»Aber du hast doch das Geschäft so gern gehabt.«

»So, wirklich? Ein paar von den Burschen dort hatt ich ganz gern; aber das Geschäft – was war denn eigentlich dran? Den ganzen Tag Bücher einpacken in einem Kellergeschoß. Wir wollen was essen und früh schlafen gehen – ich glaub, ich könnt eine Woche schlafen, jetzt, wo ich die Zeit dazu hab.«

Während er mit ihrer Hilfe ihr Nachtmahl herrichtete, hütete er sich, ihr in die Augen zu blicken, aus Angst, daß es ihm wieder ›durch und durch gehen‹ könnte! Sie waren erst ein Jahr verheiratet, nachdem sie sich auf der Trambahn kennengelernt hatten, und Bicket wunderte sich oft, was sie wohl an ihm gefunden haben mochte, an ihm, der acht Jahre älter und im Krieg nicht diensttauglich gewesen war. Und doch mußte sie ihn gern haben, sonst hätte sie ihn doch niemals so angeschaut.

»Setz dich und kost dieses Gelee.«

Er selbst aß Brot mit Margarine und trank Kakao dazu, er war niemals recht hungrig.

»Soll ich dir sagen, was mein Fall wär?« fragte er. »Zentral-Australien, das wär mein Fall! Wir haben dort drinnen ein Buch drüber gehabt; es sollen viele dorthin auswandern. Ich möcht ein bißchen Sonne. Ich glaub, wenn wir Sonne gehabt hätten, wären wir beide doppelt so groß geworden. Ich möcht dich gern einmal mit roten Backen sehen, Vic.«

»Was kostet es denn, dorthin zu fahren?«

»Viel mehr, als was wir zusammenscharren können, das ist das Schlimme. Aber ich hab darüber nachgedacht. In England ist nichts mehr zu machen. Es sind zu viele meinesgleichen hier.«

»Nein«, sagte Victorine, »noch nicht genug.«

Bicket blickte in ihr Gesicht und dann rasch wieder auf seinen Teller.

»Warum hast du mich eigentlich gern?«

»Weil du nie zuerst an dich denkst, deshalb.«

»Eh ich dich kannte, war's anders. Aber für dich, Vic, möcht ich alles tun.«

»Dann iß ein bißchen von dem Gelee, es ist schrecklich gut.«

Bicket schüttelte den Kopf. »Wenn wir eines Morgens aufwachen könnten und in Australien sein!« sagte er. »Aber das eine ist ganz sicher: wir werden nur in dem elenden kleinen Zimmer aufwachen. Tut nichts! Ich werd eine Stelle bekommen und doch noch das Geld zusammensparen.«

»Könnten wir nicht auf ein Pferd wetten?«

»Na ja, ich hab alles in allem nur siebenundvierzig Shilling, und was fängst du an, wenn wir das verlieren? Du weißt, daß du dich gut nähren mußt. Nein, ich muß eine Stelle finden.«

»Sie werden dir doch ein gutes Zeugnis geben, nicht wahr?«

Bicket erhob sich und räumte die Teller und Tassen zusammen. »Natürlich werden sie mir's geben, aber in der Branche ist nichts mehr zu machen – überfüllt.«

›Ihr die Wahrheit sagen? Niemals! Gott steh mir bei!‹

Nun lag er in dem Bett, das gerade etwas zu groß für einen war und gerade etwas zu klein für zwei, und dachte darüber nach, was er seiner Gewerkschaft sagen solle und wie er es anstellen müsse, um wieder eine Stelle zu bekommen. Ihr Haar hing ihm fast in den Mund. Und wie die Stunden dahinschlichen, verbrannte er in Gedanken alle seine Schiffe hinter sich. Um die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen, würde er der Gewerkschaft sagen müssen, was los war. Zum Teufel mit der Gewerkschaft! Es fiel ihm nicht ein, sich dort zu rechtfertigen! Er wußte ganz genau, warum er die Bücher stibitzt hatte, aber das ging keinen sonst was an; niemand würde begreifen, was er gefühlt hatte, wie er sie so schweratmend, bleich und mager hatte im Bett liegen sehen. Er mußte sich selber einen Weg bahnen! Und anderthalb Millionen Arbeitsloser! Na, für vierzehn Tage hatte er noch zu leben, und irgend etwas würde sich schon finden. Er könnte am Ende doch einen oder zwei Shilling riskieren, um etwas Geld zu gewinnen, man konnte ja nie wissen! Sie rührte sich im Schlaf. ›Jawohl‹, dachte er, ›ich würd es noch einmal tun …‹

Nachdem er am nächsten Tag einige Stunden herumgelaufen war, blieb er in einer grauen Straße unter dem grauen östlichen Himmel vor einem Schaufenster stehen, hinter dem ein Arrangement von Früchten zu sehen war, Korngarben, Metallstücke und leuchtende blaue Schmetterlinge in der bescheidenen goldenen Sonne eines annoncierten Australiens. Für Bicket, der niemals England und nur selten London verlassen hatte, war es dasselbe, als wenn er vor dem Paradies stünde. Die Atmosphäre drinnen im Bureau war zwar nicht so goldig-warm und die verlangte Geldsumme war ganz beträchtlich; aber er war doch dem Paradies einen Schritt näher gekommen, als er Prospekte heimtrug, die ihm in den Händen brannten, so heiß schienen sie zu sein.

Später saßen sie beide in ihrem einzigen Lehnstuhl – es war doch ein Vorteil, so mager zu sein – und studierten mit dem größten Eifer die Blätter, die sich vor ihren Augen in Gold verwandelten, und berauschten sich an ihrem Glanz.

»Glaubst du, daß das wirklich wahr ist, Tony?«

»Wenn nur ein Drittel davon wahr ist, so ist das für mich mehr als genug. Irgendwie müssen wir nur hinüberkommen. Gib mir einen Kuß.«

Aus der Hauptstraße, um die Ecke herum, erklang das Rumpeln der Trambahnen und Lastwagen, und das Klirren der Fensterscheiben, durch die der trockene Ostwind hereinzog, vervollständigte ihre Illusion, daß sie in einem von der Gaslampe erhellten Paradies Zuflucht gefunden hatten.


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