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11.
Naturkräfte

In der Nacht des folgenden Montags saßen Michael und Soames zusammen, nachdem Fleur zu Bett gegangen war, und lauschten dem Gemurmel von London, das durch die Fenster des chinesischen Zimmers drang, die die brütende Hitze hereinließen.

»Es heißt, daß der Krieg alles Gefühl ertötet habe«, sagte Soames plötzlich. »Ist das wahr?«

»In einer Hinsicht schon, Sir. Wir haben so viel Wirklichkeit gekostet, daß wir keine mehr wollen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich will damit sagen, daß nur das Erleben der Wirklichkeit echtes Gefühl hervorrufen kann. Wenn man so tut, als gäbe es keine Wirklichkeit, dann braucht man auch nicht zu fühlen. Bis zu einem gewissen Grad fühlt man sich dabei ganz ausgezeichnet.«

»Ah!« sagte Soames. »Morgen früh kommt ihre Mutter zum Aufenthalt her. Diese P.P.R.G.-Versammlung beginnt um halb drei. Gute Nacht!«

Michael beobachtete am Fenster, wie sich über dem heißen Platz der Himmel schwarz bewölkte. Ein paar lauwarme Tropfen fielen auf seine ausgestreckte Hand. Eine Katze schlich unter einer Laterne vorüber und verschwand im Schatten, der ungewöhnlich schwarz war.

Sonderbare Frage des alten Forsyte über das Gefühl; und komisch, daß er so etwas fragte! ›Bis zu einem gewissen Grad! Aber kommen wir nicht einmal alle über diesen Grad hinaus?‹ überlegte er. Man brauchte nur Wilfrid anzuschauen und ihn selber. Nach dem Krieg hatten sie es für gotteslästerlich erachtet, zuzugeben, daß außer Essen und Trinken noch irgend etwas auf der Welt Bedeutung habe, denn schon am nächsten Tage konnte man sterben; sogar Leute wie dieser Nazing und Master, die nie im Krieg gewesen waren, empfanden seither genau so. Nun ja, Wilfrid war's ans Leben gegangen und er selber hatte einen argen Schrecken erlitten, und er konnte wetten, daß – ausgenommen den einen oder andern, dessen Blut aus Tinte war – es ihnen allen früher oder später auch ans Leben gehen oder daß sie einen Schock bekommen würden. Er würde gern und freudig Fleurs Schmerzen und Gefahr auf sich nehmen! Wenn aber alles gleichgültig war, warum fühlte er dann so?

Sich vom Fenster abwendend, lehnte er sich gegen die lackierte Rückwand des blaßgrünen Sofas und starrte auf die leere Wand zwischen den beiden chinesischen Teetruhen. Sehr fürsorglich von dem ›Alten‹, den weißen Affen herunterzunehmen! Dies Tier überzeugte einen, ein Symbol der Stimmung in der Welt: aller Glaube vernichtet und jedes Vertrauen unmöglich! Und, verdammt nochmal! nicht nur die Jungen, auch die Alten fuhren im selben Geleise! Der alte Forsyte oder er hätten sich sonst doch nie über die Augen des Affen erschreckt. Ja, und genau so erging es seinem eigenen Vater und Elderson und allen übrigen. Die Alten und die Jungen – keiner glaubte mehr an irgend etwas! Und dennoch – in Michael stieg plötzlich ein rebellisches Gefühl auf wie ein Schwarm abstreichender Rebhühner. Es war von Bedeutung, daß ein Mensch oder ein Prinzip außerhalb des Ichs für wichtiger gehalten wurde als dieses Ich selber; es war von Bedeutung! Das Gefühl war also nicht tot und auch Glaube und Vertrauen nicht, was ja dasselbe bedeutete. Sie wechselten nur die äußere Hülle und aus der Puppe wurde vielleicht – ein Schmetterling. Treue, Gefühl und Glauben lagen nur unter der Oberfläche, das war möglich, aber sie waren noch vorhanden, sogar im alten Forsyte und in ihm selber. Er war in Versuchung, den Affen wieder aufzuhängen. Es war sinnlos, seine Wichtigkeit zu übertreiben! …Zum Teufel! Ein Blitz! Ein gezackter, greller Lichtstreif hatte die Dunkelheit der Nacht erhellt. Michael ging durch das Zimmer, um die Fenster zu schließen. Ein nervenerschütternder Donnerschlag erdröhnte über ihm und nieder prasselte der Regen in Strömen. Er sah einen Mann, schwarz, wie einen Schatten über eine dunkelblaue Leinwand huschen, sah ihn plötzlich im Schein eines zweiten Blitzes grell beleuchtet, ganz klein und unbedeutend geworden, und mit einer Miene von belustigtem Schreck, als wollte er sagen: ›Zum Kuckuck, jetzt werd ich aber naß!‹ Ein neuer, fürchterlicher Krach!

›Fleur!‹ dachte Michael, schloß klirrend das letzte Fenster und rannte hinauf.

Sie saß aufrecht im Bett, mit ganz rundem, ländlichem und erschrecktem Gesicht.

›Brutale Kerle!‹ dachte er – Kanonen und der Himmel verwirrten sich in seinem Geist. ›Sie haben sie aufgeweckt!‹

»Es ist nichts, mein Liebling! Nur so ein kleines Sommerbombardement! Hast du geschlafen?«

»Ich hab geträumt!« Er fühlte, wie ihre Hand die seine packte, und sah fast erbittert, daß ihr Gesicht sich wie in plötzlichem Schrecken verzog. Was für ein verdammtes Pech!

»Wo ist Ting?«

Die Ecke war leer.

»Unter dem Bett – möcht ich wetten! Möchtest du ihn bei dir haben?«

»Nein, laß ihn nur. Er haßt das Gewitter.«

Sie lehnte ihren Kopf gegen seinen Arm, und Michael legte seine Hand auf ihr Ohr.

»Ich hab den Donner nie leiden können«, sagte Fleur, »und jetzt – jetzt tut es weh!«

Michaels Gesicht über ihrem Haar nahm den Ausdruck überwältigender Zärtlichkeit an. Bei einem dieser Donnerschläge, die gerade über ihnen sich zu entladen schienen, verbarg sie ihr Gesicht an seiner Brust, und auf dem Bettrand sitzend, hielt er sie dicht an sich gepreßt.

»Wenn es nur schon vorüber wäre!« kam es erstickt von ihren Lippen.

»Gleich, gleich, mein Liebes; es ist so plötzlich gekommen!« Aber er wußte, daß sie nicht das Gewitter meinte.

»Wenn ich es überlebe, werd ich ganz anders zu dir sein, Michael.«

Angst war ja der natürliche Vorbote solcher Ereignisse, aber die Worte ›Wenn ich es überlebe‹ schnitten Michael ins Herz. Undenkbar, daß ein so junges und anmutiges Wesen auch nur von der leisesten Gefahr der Vernichtung bedroht sein konnte; und er fühlte einen verzweifelten Schmerz, daß sie sich davor fürchtete! Er hätte es gar nicht gedacht. Sie war so ruhig gewesen, so selbstverständlich in allem.

»Nicht!« murmelte er, »natürlich wirst du es überleben.«

»Ich fürchte mich so.«

Das klang so leise und halb erstickt, und bei ihren Worten krampfte sich ihm das Herz zusammen. Die Naturkräfte, die diesem Kind, das er so liebte, Angst einjagten! Die Naturkräfte, die diesen höllischen Radau über ihrem armen kleinen Kopf aufführten!

»Mein Kätzchen, man wird dich in Dämmerschlaf versetzen, und du wirst gar nichts davon wissen, und im Handumdrehen wirst du wieder frisch und munter sein.«

Fleur machte ihre Hand frei.

»Lieber keinen Dämmerschlaf, wenn es nicht gut für ihn ist. Ist es gut?«

»Ich nehme an, mein Liebstes; ich werde mich erkundigen. Warum glaubst du denn – –?«

»Nur, weil es nicht natürlich ist. Ich möcht es richtig machen. Halt meine Hand fest, Michael. Ich – ich werd doch kein Narr sein. Oh! Es klopft jemand – geh und schau nach.«

Michael öffnete die Tür einen Spalt weit. Soames stand da – unnatürlich – im blauen Schlafrock und scharlachroten Pantoffeln!

»Geht es ihr gut?« flüsterte er.

»Ja, ja.«

»Man sollte sie nicht allein lassen bei diesem Gepolter.«

»Nein, Sir, gewiß nicht. Ich werd auf dem Sofa schlafen.«

»Ruf mich, wenn man irgend etwas braucht.«

»Ja, das werd ich.«

Soames' Blick glitt an ihm vorbei und lugte ins Zimmer. Es würgte ihn in der Kehle, als wollte er etwas sagen, was nicht herauskam. Er schüttelte den Kopf und wandte sich um. Seine schlanke Gestalt, die in dem Schlafrock länger aussah als gewöhnlich, ging den Gang hinunter, an den japanischen Drucken vorbei, die er ihnen geschenkt hatte. Michael schloß wieder die Tür und blickte zum Bett hinüber. Fleur hatte sich beruhigt; ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen bewegten sich. Auf den Zehen schlich er sich zurück. Das Gewitter, das sich nach Süden zu verzog, murrte und rollte noch wie bedauernd. Michael sah ihre Lider zucken, ihre Lippen ruhen und sich dann wieder bewegen. ›Coué!‹ dachte er.

Er legte sich aufs Sofa am Fußende des Bettes, von wo er sich geräuschlos erheben und sie sehen konnte. Oftmals setzte er sich auf. Sie war eingeschlafen und atmete ruhig. Der Donner war nur noch ganz schwach und die Blitze sah man kaum mehr. Michael schloß die Augen.

Ein ganz schwaches, letztes Rollen veranlaßte ihn, noch einmal nach ihr zu schauen; sie lag mit dem Kopf hoch auf den Kissen bei dem sorgsam abgeblendeten Licht. Jung – so jung! Ohne Farbe wie eine Wachsblume! Jetzt waren keine Vorsätze mehr in ihrem Gehirn, keine Angst – nur Friede! Wenn sie nur in diesem Zustand bleiben könnte und wieder erwachen, nachdem alles vorüber war! Er blickte weg. Und dort, am andern Ende des Zimmers, lag sie auch, undeutlich im Spiegel reflektiert; und dort rechts wieder. Sie schien rund um ihn her in dem hübschen Zimmer zu liegen, das sein Herz ausfüllende Wesen.

Es war jetzt ganz ruhig. Durch einen Spalt in den hellblauen Vorhängen sah er einige Sterne. Die Parlamentsuhr schlug eins.

Er hatte vielleicht geschlafen, wenigstens ein bißchen geschlummert und geträumt. Ein leises Geräusch weckte ihn. Ein ganz kleiner Hund, gelb, mit kurzen Beinen und ohne jede Würde, lief mit hängendem Schwanz durch das Zimmer in die entgegengesetzte Ecke. ›Ah!‹ dachte Michael und schloß die Augen wieder, ›du bist es!‹


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