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2.
Daheim

Das Haus auf dem South Square, Westminster, das die jungen Monts vor zwei Jahren nach ihrer spanischen Hochzeitsreise bezogen hatten, konnte man ein ›emanzipiertes‹ Heim nennen. Es war das Werk eines Architekten, dessen Ideal ein neues, vollkommen altmodisches Haus war. und ein altes, vollkommen modernes Haus. Deshalb vermochte man auch keinen anerkannten Stil oder ›Anklänge an Herkömmliches‹ zu entdecken. Aber die Steine saugten den Schmutz der Großstadt so rasch auf, daß das Material schon ganz beträchtlich dem der St. Paulskathedrale glich. Die Fenster und Türen hatten sanft gerundete Bogen. Das steile Dach von schöner, rußiger rosa Farbe erinnerte fast an dänischen Stil und zwei putzige, kleine Fensterchen darin machten den Eindruck, als ob sehr großgewachsene Dienstboten dort oben wohnen müßten. Die Zimmer lagen zu beiden Seiten der breiten Haustür, die mit Lorbeerbäumen in schwarzgoldenen Kübeln geschmückt war. Das Haus war von beträchtlicher Tiefe und breit und einfach stieg die Treppe am andern Ende der Halle empor, in der Raum für eine ganze Anzahl von Hüten, Mänteln und Visitenkarten war. Es gab vier Badezimmer, aber nicht einmal einen Keller. Der Forsyte-Instinkt für Häuser hatte bei diesem Ankauf mitgewirkt. Soames hatte es für seine Tochter erstanden, ohne Innendekoration, in jenem psychologischen Augenblick, als die Inflationsseifenblase zerplatzte und aus dem Ballon des Welthandels das Gas entwich. Fleur hatte sich damals sofort mit einem Architekten in Verbindung gesetzt – eine Berufsatmosphäre, die Soames nie ganz verwinden konnte – und sich dafür entschieden, nicht mehr als drei Stilarten in ihrem Hause zu dulden: die chinesische, spanische und ihre eigene. Das Zimmer links von der Eingangstür, das die halbe Hausfront zur Gänze einnahm, war chinesisch, mit Elfenbeintäfelung, einem Kupferfußboden, Zentralheizung und gläsernem Kronleuchter. Es enthielt vier Bilder, die alle chinesisch waren, die einzige Schule, in der ihr Vater noch nicht spekuliert hatte. Neben dem großen, offenen Kamin standen chinesische Hunde auf besondern chinesischen Kacheln. Die Seide war vorwiegend von jadegrüner Farbe. Zwei herrliche alte schwarze Teetruhen standen dort, die man mit Soames' Geld bei Jobson erstanden hatte – nicht gerade ein Gelegenheitskauf. Ein Klavier stand nicht darin, zum Teil deshalb, weil Klaviere so herausfordernd europäisch waren, und dann auch, weil es zu viel Raum weggenommen hätte. Fleur brauchte ein geräumiges Gemach, da sie eher Menschen sammelte als Möbel und Nippsachen. Zwei Fenster an beiden Enden ließen ein Licht einströmen, das leider nicht chinesisch war. Manchmal stand sie ganz still inmitten dieses Zimmers und dachte darüber nach, wie sie ihre Gäste in Gruppen placieren, wie sie ihr Zimmer noch chinesischer machen könnte, ohne daß es unbequem würde; wie sie den Eindruck erwecken könnte, als ob sie ganz genau in Literatur und Politik beschlagen wäre; wie sie alle Geschenke ihres Vaters annehmen könnte, ohne ihn merken zu lassen, daß sein Geschmack doch etwas antiquiert war; wie sie Sibley Swan, den neuen literarischen Stern, festhalten könnte und gleichzeitig Gurdon Minho, den alten, dazu gewinnen; wie Wilfrid Desert anfing, sie zu lieb zu haben; welchen Stil sie eigentlich für ihre Kleider vorzog; warum Michael so komische Ohren hatte; und manchmal stand sie da und dachte überhaupt nichts – spürte nur ein leises Sehnen.

Als die drei eintraten, saß sie vor einem roten chinesischen Lack-Teetisch und beendete einen sehr ausgiebigen Tee. Sie nahm den Tee immer zeitig, so daß sie sich in aller Ruhe ganz allein tüchtig füttern konnte, ehe Besuch kam, denn sie war noch nicht ganz einundzwanzig und dies war die Stunde, in der sie sich ihrer Jugend erinnerte. Neben ihr stand Ting-a-ling auf den Hinterbeinen, seine braunen Vorderpfoten auf einem chinesischen Fußbänkchen, die schwarzbraune stumpfe Schnauze nach oben, den guten Dingen zugekehrt.

»Jetzt hast du genug, Ting. Nichts mehr, mein Liebstes, Schluß!«

Der Ausdruck Ting-a-lings schien zu sagen: ›Na, dann hör du aber auch auf! Und laß mich nicht Höllenqualen leiden!‹

Ein Jahr und drei Monate war er alt, als ihn Michael aus einem Schaufenster in der Bond Street heraus gekauft hatte, vor elf Monaten, an Fleurs zwanzigstem Geburtstag.

Zwei Jahre Ehe hatten ihr kurzes, dunkles, kastanienbraunes Haar nicht länger gemacht; hatten ihren beweglichen Lippen ein wenig mehr Entschlossenheit verliehen, ein wenig mehr Verlockung in ihre haselnußbraunen Augen gelegt unter den dunklen Wimpern und weißen Lidern, ihrer Haltung ein wenig mehr Balance und Schwung gegeben und Brust und Hüften ein wenig mehr gerundet, Taille und Waden waren ein wenig schlanker geworden, die etwas schmäleren Wangen zeigten etwas weniger Farbe, und die Stimme klang etwas weniger lieblich, aber ein wenig einschmeichelnder.

Sie erhob sich hinter dem Teetisch und streckte, ohne ein Wort zu sagen, ihren weißen runden Arm aus. Überflüssige Worte beim Begrüßen und Abschiednehmen vermied sie. Sie käme so oft in die Lage, sie zu sagen und diente ihrer Absicht besser durch einen Blick, einen Händedruck und ein leichtes Neigen des Kopfes nach der Seite.

Mit derselben Hand machte sie eine einladende Bewegung im Kreis und sagte: »Rückt näher! Sahne, Sir? Zucker, Wilfrid? Ting hat schon zu viel bekommen – gebt ihm nichts mehr! Reich die Sachen herum, Michael. Ich hab alles über das Meeting im Klub erfahren. Du wirst doch kein Wahlagent für die Arbeiterpartei werden, Michael – Propagandaarbeit ist so blödsinnig. Wenn irgend jemand mich überreden wollte, würde ich sofort den Kandidaten der Gegenpartei wählen.«

»Gewiß, mein Herz, aber du bist auch nicht der Durchschnittswähler.«

Fleur blickte ihn an. Sehr hübsch gesagt! Sie beobachtete gleichzeitig, wie Wilfrid sich auf die Lippen biß; wie Sir Lawrence es bemerkte; wie weit sie ihr seidenes Bein zeigte; sie bemerkte ihre schwarz- und cremefarbenen Teetassen, und brachte gleichzeitig alles in Ordnung. Ein leises Zucken ihrer weißen Lider – und Wilfrid hörte auf, sich auf die Lippen zu beißen; eine Bewegung ihrer seidenen Beine – und Sir Lawrence hörte auf, ihn anzublicken. Ihre Tassen anbietend, sagte sie: »Ich bin wohl nicht modern genug?«

Desert, der mit einem glänzenden kleinen Löffel in seiner schwarz-weißen Tasse rührte, erklärte, ohne aufzusehen: »Du bist um so viel moderner als die Modernen, als du altmodischer bist als sie.«

»Nur nicht so pathetisch!« sagte Michael.

Aber als er mit seinem Vater hinausgegangen war, um ihm die neuen Karikaturen von Aubrey Greene zu zeigen, sagte sie: »Bitte, erkläre mir, wie du das gemeint hast, Wilfrid.«

Aus Deserts Stimme war alle Zurückhaltung gewichen.

»Was liegt daran! Damit will ich mich nicht aufhalten.«

»Aber ich will es wissen. Es klang wie Hohn.«

»Hohn? Von mir? Fleur!«

»Dann erkläre es mir.«

»Ich habe gemeint, daß du ihre ganze Rastlosigkeit und Zielstrebigkeit hast, aber du hast, was sie nicht haben, Fleur: die Macht, einem den Kopf zu verdrehen. Und mir hast du ihn verdreht, das weißt du.«

»Wenn Michael dies hörte – von dir, seinem Brautführer?«

Desert trat rasch zum Fenster.

Fleur nahm Ting-a-ling auf den Schoß. Es hatten schon andere so zu ihr gesprochen, aber bei Wilfrid war es ernsthaft. Es war natürlich sehr nett zu wissen, daß sie sein Herz besaß. Nur, wo um alles in der Welt sollte sie es verwahren, wo es niemand anderer sehen würde außer ihr? Er war so unberechenbar – tat so seltsame Dinge! Sie fürchtete sich ein wenig – nicht vor ihm, aber vor diesem Unberechenbaren. Er kam zum Kamin zurück und sagte: »Abscheulich, nicht wahr? Tu den verdammten Hund fort, Fleur; ich kann dein Gesicht nicht sehn. Wenn du Michael wirklich liebtest, würde ich nicht so sprechen – ich schwör es dir; aber du liebst ihn nicht, du weißt es.«

Fleur erwiderte kalt: »Da weißt du sehr wenig; ich liebe Michael.«

Desert stieß sein gewohntes stoßweises Lachen aus.

»Ja, schon, aber nicht stark genug.«

Fleur blickte auf.

»Stark genug, daß ich mich sicher fühle.«

»Also eine Blume, die ich nicht pflücken kann.«

Fleur nickte.

»Bist du ganz sicher, Fleur? Ganz, ganz sicher?«

Fleur starrte ihn an; ihr Blick wurde etwas sanfter und die auffallend weißen Lider senkten sich, sie nickte; Desert sagte langsam: »In dem Augenblick, wo ich davon fest überzeugt bin, geh ich nach dem Osten.«

»Nach dem Osten?«

»Der ist nicht so mörderisch wie der Westen, der Kriegsschauplatz, nur eines bleibt sich gleich dabei: man kommt nicht mehr zurück.«

Fleur dachte: ›Der Osten! Wie gern möcht ich den Orient kennenlernen! Schade, daß sich das nicht auch machen läßt. Schade!‹

»Mich wirst du nicht in deiner Menagerie halten, liebe Fleur. Ich werde mich nicht hier herumtreiben und von Abfällen leben. Du weißt, was ich fühle – zu irgendeinem Krach muß es kommen.«

»Es war doch nicht meine Schuld, nicht wahr?«

»O doch, du hast mich gesammelt, wie du jeden sammelst, der in deine Nähe kommt.«

»Ich verstehe dich nicht.«

Desert beugte sich nieder und riß ihre Hand an seine Lippen.

»Sei nicht böse über mich; ich bin zu unglücklich.«

Fleur ließ ihre Hand an seinen Lippen ruhen.

»Es tut mir leid, Wilfrid.«

»Laß nur, Liebe. Ich werd gehen.«

»Aber du kommst doch morgen zum Dinner?«

Desert entgegnete heftig: » Morgen? Barmherziger Gott – nein! Wie glaubst du, soll ich das aushalten?«

Er stieß ihre Hand weg.

»Heftigkeit ist mir sehr zuwider, Wilfrid.«

»Also leb wohl; es ist besser, daß ich gehe.«

Auf ihren Lippen zitterten die Worte: ›Und es wäre auch besser, wenn du nicht wiederkämest‹, aber kein Laut wurde hörbar. Wenn Wilfrid nicht mehr da war, würde ihr Leben etwas von seiner Wärme verlieren! Sie winkte mit der Hand. Er war fort. Sie hörte die Tür zufallen. Armer Wilfrid! Wie nett, von dieser Flamme zu wissen, an der sie ihre Hände wärmen konnte! Angenehm, aber ein wenig gefährlich. Und plötzlich ließ sie Ting-a-ling vom Schoß gleiten, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Morgen war ja ihr zweiter Hochzeitstag! Es schmerzte sie noch immer, wenn sie daran dachte, was er hätte sein können. Aber es gab wenig Zeit zum Nachdenken, und diese wenige Zeit benützte sie schlecht. Wozu überhaupt nachdenken? Es gab nur ein Leben, das war voll von Menschen, von Dingen, die man tun und haben konnte, von Dingen, die man sich wünschte, ein Leben, dem nur – eines fehlte, und wenn die Menschen dies eine besaßen, so dauerte es niemals lang! An ihren Lidern hingen zwei Tränen, die trockneten, ohne herunterzufallen. Sentimentalität! Nein! Das wäre das Letzte – ein unverzeihliches Vergehen! Wie sollte sie ihre Gäste morgen placieren? Und wen sollte sie an Wilfrids Stelle einladen, wenn Wilfrid nicht käme – der dumme Junge! Ein Tag – eine Nacht, was macht es für einen Unterschied? Wer sollte zu ihrer Rechten sitzen, wer zu ihrer Linken? War Aubrey Greene berühmter oder Sibley Swan? Waren beide vielleicht nicht so berühmt wie Walter Nazing und Charles Upshire? Ein Dinner für zwölf, ganz exklusiv literarisch und künstlerisch bis auf Michael und Alison Cherrell. Ah! Wenn Alison ihr nur Gurdon Minho bringen könnte, gerade nur einen Schriftsteller der alten Schule, ein Glas alten Weins, um das Aufbrausen zu mildern. Er veröffentlichte seine Werke nicht bei Danby & Winter, aber er fraß Alison aus der Hand. Rasch ging sie zu einer der alten Teetruhen und öffnete sie. Innen befand sich ein Telephon.

»Kann ich Lady Alison sprechen? Mrs. Michael Mont …Ja …Du, Alison? …hier Fleur. Wilfrid läßt uns morgen abend im Stich … Wäre es dir möglich, Gurdon Minho mitzubringen? Ich kenne ihn natürlich gar nicht, aber vielleicht interessiert er sich. Du wirst es versuchen? …Das wäre ja herrlich! Ist die Versammlung im Klub nicht aufregend gewesen? Bart sagt, sie werden einander auffressen, nun da sie sich gespalten haben …Was Mr. Minho anbetrifft – könntest du mir heute abend Bescheid sagen? Ausgezeichnet! …Ich bin dir schrecklich dankbar! … Leb wohl!«

Wenn Minho nun nicht käme, wer dann? In Gedanken durchflog sie die Namen in ihrem Adressenverzeichnis. Zu so später Stunde mußte es jemand sein, der auf Zeremoniell keinen Wert legte; aber außer Alison wäre keiner von Michaels Verwandten sicher vor Sibley Swan oder Nesta Gorse und ihren treffsichern Lästerungen. Was die Forsytes anbelangte – gänzlich außer Frage, die hatten wohl ihren versteckten bissigen Humor, wenigstens einige von ihnen, aber sie waren nicht modern, nicht wirklich modern. Übrigens sah sie gern so wenig als möglich von ihnen – sie waren etwas antiquiert, sie gehörten einer vergangenen Epoche an, konnten sich ein Leben ohne Anfang und Ende nicht vorstellen. Nein! Wenn Gurdon Minho sie aufsitzen ließe, dann müßte es ein Musiker sein, einer, dessen Werke hieroglyphisch waren und ein wenig an Chirurgie gemahnten, oder vielleicht noch besser ein Psychoanalytiker. Sie blätterte in dem Verzeichnis, bis sie auf jene beiden Kategorien stieß. Hugo Solstis? Das wäre eine Möglichkeit; aber wenn es ihm einfiele, eine seiner letzten Kompositionen vorzuspielen? Dafür hätte nur Michaels Flügel getaugt und da hätte man in sein Arbeitszimmer gehen müssen. Lieber Gerald Hanks – er würde sich zwar mit Nesta Gorse in Diskussionen über Träume verlieren, aber selbst das wäre kein tatsächlicher Verlust für die Unterhaltung. Ja, wenn Gurdon Minho nicht käme, dann Gerald Hanks; der hatte bestimmt Zeit und er sollte zwischen Alison und Nesta sitzen. Sie klappte das Verzeichnis zu, ging zu ihrem mit grau-grüner Seide bespannten kleinen Sofa, ließ sich nieder und starrte Ting-a-ling an. Der kleine Hund starrte sie mit seinen runden Glotzaugen ebenfalls an, sie waren glänzend, schwarz und uralt. Fleur dachte: ›Wilfrid darf nicht davonlaufen.‹ Unter der Menge von Menschen, die kamen und gingen bei ihr, bei andern und überall, war keiner, an dem ihr wirklich etwas lag. Man mußte alle kennen, mit allen Schritt halten, selbstverständlich! Es war alles so schrecklich amüsant und so schrecklich notwendig! Nur – nur wozu?

Stimmen! Michael und Bart kamen zurück. Bart hatte bei Wilfrid etwas gemerkt. Er war aber auch einer, der alles merkte! Sie fühlte sich niemals ganz behaglich, wenn er in der Nähe war – immer lebhaft und beweglich, und doch war etwas so Gesetztes und Aristokratisches in seinem Wesen; ein wenig wie Ting-a-ling, so wie ein kritischer Beurteiler, der ihr immer vorhielt, daß sie modern und flatterhaft sei. Er lag gewissermaßen fest vor Anker, konnte sich nur bewegen, so weit seine altmodische Kette es erlaubte, aber er konnte einen etwas plötzlich aus der Fassung bringen. Dennoch bewunderte er sie – das fühlte sie – o gewiß!

Nun, wie hatten ihm die Karikaturen gefallen? Sollte Michael sie in Buchform veröffentlichen und mit oder ohne Text? Und ob er nicht auch die kubistische Zeichnung, die Regierung darstellend und ›Stilleben‹ genannt, so entsetzlich komisch fände – besonders die ›Vertrocknete Bohne‹, mit der der Premierminister gemeint war? Sir Lawrences Antwort hörte sich an wie ein rasches, surrendes Geräusch, er erzählte ihr von seines Vaters Sammlung von Wahlkarikaturen. Sie wünschte so sehr, Bart würde aufhören, ihr von seinem Vater zu erzählen; er war so vornehm, aber er mußte auch so langweilig gewesen sein, Besuche machte er grundsätzlich nur zu Pferde, die Hosen mit einem Riemen unter dem Schuh befestigt. Er und Lord Charles Cariboo und der Marquis of Forfar waren die letzten drei ›Besucher‹ dieser Art gewesen. Wenn sie das nicht gewesen wären, dann hätte man sie schon vollständig vergessen. Sie mußte noch ihr neues Kleid anprobieren und ein Dutzend Dinge erledigen und Hugos Konzert begann um acht Uhr fünfzehn. Warum hatten die Leute der vorigen Generation immer so viel Zeit? Plötzlich blickte sie zu Boden und sah, wie Ting-a-ling den kupfernen Fußboden ableckte. Sie hob ihn in die Höhe: »Nicht, Liebling, pfui!« Ah, nun war der Zauber gebrochen. Bart empfahl sich, bis zum letzten Augenblick in seinen Erinnerungen schwelgend. Am Fuß der Treppe wartete sie, bis Michael die Haustür hinter ihm geschlossen hatte, dann flog sie hinauf. In ihrem Zimmer drehte sie alle Lichter an. Hier herrschte ihr eigener Stil: ein Bett, das einem Bett durchaus nicht ähnlich sah, und viele Spiegel. Das Lager Ting-a-lings nahm eine ganze Ecke ein, von wo aus er sich in drei Spiegeln sehen konnte. Sie setzte ihn nieder und sagte: »Nun gib Ruh!« Schon längst war er gegen die andern Hunde im Zimmer vollkommen gleichgültig geworden. Obwohl sie von seiner Rasse und ganz genau von der gleichen Farbe waren, so hatten sie doch keinen Geruch und konnten nicht mit den Zungen lecken – es war nichts mit ihnen anzufangen, nachäffende Geschöpfe, unglaublich blöd.

Ihr Kleid abstreifend, hielt Fleur die neue Toilette unter das Kinn.

»Darf ich dich küssen?« fragte eine Stimme, und hinter ihrem eigenen Bild erschien das Michaels im Spiegel.

»Mein lieber Junge, dazu ist jetzt wirklich keine Zeit! Hilf mir lieber.« Sie zog das Kleid über den Kopf. »Mach die drei obersten Haken zu. Wie gefällt es dir? Oh! Und hör nur, Michael! Gurdon Minho wird vielleicht morgen zum Dinner kommen – Wilfrid hat abgesagt. Hast du Minhos Sachen gelesen? Setz dich hin und erzähl mir etwas davon. Lauter Romane, nicht wahr? Von welcher Art?«

»Na, er hat immer etwas zu sagen gehabt. Und seine Katzen sind gut geschildert. Er ist natürlich ein bißchen romantisch.«

»Ach! Hab ich da am Ende einen Bock geschossen?«

»Nein, durchaus nicht, ein ganz guter Fang. Das Gemeine an unserer ganzen Gesellschaft ist, daß die Leute alles ganz hübsch sagen, daß sie aber gar nichts zu sagen haben. Sie werden nicht dauern.«

»Aber gerade darum werden sie dauern. Sie werden nicht veralten.«

»Glaubst du? Herrje!«

»Wilfrid wird dauern.«

»Ah! Wilfrid kennt Gefühl, Haß, Mitleid und Sehnsucht – wenigstens manchmal; wenn er echt ist, kommt ein verdammt gutes Zeug dabei heraus. Sonst dichtet er gerade nur ein Lied über nichts – wie alle übrigen.«

Fleur zog ihr Unterkleid zurecht.

»Aber, Michael, wenn das wirklich so ist, dann haben wir – dann hab ich ja die ganz verkehrte Gesellschaft eingeladen.«

Michael grinste. »Mein liebes Kind – die, die zur Stunde oben sind, sind immer die Richtigen; man muß nur gut aufpassen, damit man sie rasch genug wechseln kann.«

»Aber glaubst du wirklich, daß Sibley nicht dauern wird?«

»Sib? Du lieber Gott, keine Spur!«

»Aber er weiß doch so todsicher, daß fast jeder andere im Sterben liegt oder schon gestorben ist. Zumindest ist er doch ein kritisches Genie!«

»Wenn ich nicht mehr kritischen Verstand besäße als Sib, würd ich morgen das Verlagsgeschäft an den Nagel hängen.«

»Du – mehr als Sibley Swan?«

»Selbstverständlich hab ich mehr kritischen Verstand als Sib. Na, Sibs kritische Meinung ist gerade nur seine Meinung von Sib, das heißt einfach Intoleranz gegen irgendeinen andern. Er liest die Leute nicht einmal. Von jedem Autor liest er eine einzige Arbeit und sagt dann: ›Ach, dieser Kerl! Er ist fad, oder er ist moralisch, oder er ist sentimental, oder er ist antiquiert, oder ein Faselhans› – hundertmal hab ich ihn schon so reden hören. So urteilt er, wenn es sich um Lebende handelt. Wenn sie schon tot sind, ist es natürlich etwas anderes. Die Toten gräbt er immer aus und spricht sie heilig; auf diese Art hat er sich einen Namen gemacht. So einen Sib gibt es immer in der Literatur. Er ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Leute es verstehen, ihre eigene gute Meinung von sich der ganzen Welt beizubringen. Aber was das Dauern betrifft – natürlich wird er nicht bleiben; er hat nie eine eigene Idee, nicht einmal zufällig.«

Fleur dachte schon längst an etwas anderes. Ja! Es stand ihr gut, machte eine hübsche Linie! Herunter damit! Ehe sie sich ankleiden konnte, mußte sie ja noch die drei kurzen Briefe schreiben!

Michael hatte wieder zu reden begonnen. »Ich will dir einen Tip geben, Fleur. Die wirklich großen Leute schwätzen nicht und bilden keine Cliquen; sie paddeln in ihren eigenen Booten in Gewässern, die uns wie kleine Nebenflüsse vorkommen. Aber es sind die Nebenflüsse, aus denen der Strom gespeist wird. Donnerwetter, da hab ich sogar ein bon mot gesagt, oder ist es ein Paradoxon? Und sind Paradoxe bon mots oder bon mots Paradoxe?«

»Michael, wenn du an meiner Stelle wärst, würdest du Frederic Wilmer sagen, daß er Hubert Marsland nächste Woche beim Lunch hier treffen wird? Wird das ein Anreiz für ihn sein oder wird es ihn abschrecken?«

»Marsland ist ein liebes altes Schaf und Wilmer ist ein störrischer Bock – ich weiß nicht.«

»O bitte, Michael, sei doch ernst – du hilfst mir nie beim Arrangieren – niemals! Malträtier nicht immer meine Schultern, bitte?«

»Aber, Liebstes, ich weiß es wirklich nicht. Ich bin für solche Dinge nicht so begabt wie du. Marsland malt Windmühlen, Klippen und dergleichen – ich zweifle sehr daran, daß er schon vom Futurismus hat reden hören. Er ist fast wie Mathieu Maris, schwimmt nicht mit dem Strom. Wenn du meinst, daß er gern einen ›Rotorist‹ treffen möchte –«

»Ich hab dich nicht gefragt, ob er gern Wilmer treffen möchte, ich habe dich gefragt, ob Wilmer ihn treffen möchte.«

»Wilmer wird einfach sagen: ›Die kleine Mrs. Mont gefällt mir, man kriegt bei ihr verteufelt gut zu fressen‹, und er hat recht, mein Schätzchen. Ein ›Rotorist‹ muß gut genährt werden, sonst steigt es ihm nicht zu Kopf.«

Fleurs Feder flog wieder über das Papier; ihre Schrift fing schon an, ein wenig unleserlich zu werden. Sie murmelte:

»Ich glaube, Wilfrid würde die Situation retten – du wirst nicht da sein; eins – zwei – drei. Was für Frauen?«

»Für Maler – hübsch und mollig, ohne Verstand.«

Fleur entgegnete ungehalten: »Mollige Frauen kann ich nicht auftreiben, die gibt es jetzt nicht!« Und sie schrieb eifrig weiter:

›Lieber Wilfrid! Mittwoch – Lunch, Wilmer, Hubert Marsland, noch zwei Frauen. Hilf mir, damit fertig zu werden.

Stets Deine Fleur.‹

»Michael, dein Kinn kratzt wie eine Schuhbürste.«

»Tut mir leid, liebes Herz, deine Schultern sind eben zu zart. Bart hat Wilfrid einen Tip gegeben, als wir hierherkamen.«

Fleur hielt im Schreiben inne. »Ah?«

»Er hat ihn daran erinnert, daß Verliebtsein Dichtern förderlich ist.«

»Wie kamt ihr darauf?«

»Wilfrid hat sich beklagt, daß ihm jetzt nichts gelingen will.«

»Unsinn! Seine letzten Sachen sind die besten!«

»Ganz meine Meinung. Vielleicht war dieser Tip gar nicht so neu für ihn. Weißt du es vielleicht?«

Fleur wandte den Kopf und blickte in das Gesicht über ihrer Schulter. Nein, es sah ganz so aus wie sonst, offen, sorglos, fast faunartig, mit den spitzen Ohren und den beweglichen Lippen und Nasenlöchern.

Langsam sagte sie: »Wenn du es nicht weißt, dann weiß es wohl niemand.«

Michaels Antwort wurde von einem Schnüffeln unterbrochen. Ting-a-ling stand zwischen ihnen, langgestreckt, sein gesenkter Körper berührte fast den Boden und seine schwarzbraune Schnauze war emporgewandt. ›Mein Stammbaum ist lang‹, schien er zu sagen, ›aber meine Beine sind kurz – was läßt sich da machen!‹


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