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7.
Das Evakostüm

An jenem schönen Nachmittag war Tony Bicket, voll und satt, in guter Laune, er hatte seine Ballons leicht verkauft, und in der Stimmung eines Siegers machte er sich auf den Heimweg. Auch Victorine hatte Farbe in den Wangen. Sie belohnte den Bericht über seinen Nachmittag mit einem Bericht ihrer Erlebnisse. Eine erfundene Geschichte für eine wahre – kein Wort von Danby & Winter, von dem Herrn mit dem gleitenden Lächeln, von dem Grand Marnier oder dem ›Evakostüm‹. Sie hatte keine Gewissensbisse. Es war ihr Geheimnis, ihre Überraschung; wenn sie durch Modellstehen im ›Evakostüm‹ oder sonstwie, das stand noch nicht fest, das Geld zur Überfahrt verdienen könnte, dann würde sie ihm einfach sagen, daß sie es durch Wetten auf Pferde gewonnen hätte. In jener Nacht fragte sie mehr als einmal: »Bin ich sehr mager, Tony? Ich möcht so gern dick sein.«

Bicket, der noch immer von dem Gedanken bedrückt war, daß sie seinen Lunch nicht geteilt hatte, tätschelte sie zärtlich und sagte, er würde sie bald kugelrund füttern – aber er verriet nicht wie.

Sie träumten beide von blauen Schmetterlingen, um nach dem Erwachen wieder im frostigen Gaslicht ihr Frühstück von Kakao und Butterbrot einzunehmen. Nebel! Zehn Schritt von der Haustür entfernt wurde Bicket vor den Augen Victorines vom Nebel verschluckt. Mit zornigem Herzen kehrte sie ins Schlafzimmer zurück. Wer würde im Nebel Ballons kaufen? Sie würde lieber irgend etwas tun, als Tony weiter an so abscheulichen Tagen draußen stehen lassen! Sie kleidete sich wieder aus, wusch sich gründlich, für den Fall, daß – –! Kaum war sie fertig, als ihre Hausfrau ihr zurief, daß ein Botenjunge da sei. Er trug ein riesiges Paket mit der Aufschrift ›Mr. Bicket‹.

Drinnen lag ein Zettel. Sie las: ›Lieber Bicket! – Hier sind die Sachen. Hoffentlich können Sie das Zeug brauchen. – Ihr Michael Mont.‹ Mit zitternder Stimme sagte sie zu dem Jungen: »Danke, geht in Ordnung. Da hast du zwei Pence.«

Als sein lautes Pfeifen im Nebel verklang, warf sie sich vor den Sachen in Ekstase zu Boden. Die Geschlechter waren durch Seidenpapier getrennt. Ein blauer Anzug, ein Velourhut, braune Schuhe, drei Paar Socken mit zwei Löchern drin, vier Hemden, die nur an den Manschetten ein bißchen ausgefranst waren, zwei schwarzweiße Krawatten, sechs Kragen, nicht allzu neu, ein paar Taschentücher, zwei prachtvoll dicke Westen, zwei Paar Unterhosen und ein brauner Mantel mit Gürtel, der gerade nur zwei oder drei herzige kleine Flecken hatte. Sie hielt den blauen Anzug gegen ihre eigene Gestalt, die Hosen und Ärmel würde man nur um zwei Zoll kürzen müssen. Sie häufte alles zu einer Pyramide auf und wandte sich voll Ehrfurcht der Beute unter dem Seidenpapier zu. Ein gestrickter brauner Rock mit kleinen hellgelben Knöpfen, ganz sauber, gar nicht zerknittert. Wie konnte jemand nur so etwas entbehren! Eine braune Samttoque mit einem kleinen Puff goldbrauner Federn. Sie probierte den Hut. Ein rosa Mieder, nur ein ganz klein wenig verblaßt, mit nur drei Zoll Fischbein über der Taille und fünf Zoll darunter, rosa Seidenbändern und Strumpfbändern – ein wahrer Traum! Sie konnte sich nicht versagen, es auch anzuziehen. Zwei Paar braune Strümpfe, braune Schuhe, zwei Combinations und ein gestricktes Leibchen. Ein weißer Seidenjumper mit einem Loch in einem Ärmel, ein Rock von lila Leinwand, der ein wenig in der Wäsche ausgegangen war; ein Paar blaßrosa Seidenhosen und unter all dem ein fast schwarzbrauner Mantel, lang und warm und weich mit großen Jettknöpfen und in der Tasche sechs kleine Taschentücher. Sie zog den süßen Duft tief ein – Geranium!

Im Geist sah sie die Zukunft. Ausgestattet mit Wäsche und Kleidern – blaue Schmetterlinge und Sonne! Nur das Geld für die Überfahrt brauchten sie noch. Und plötzlich sah sie sich ganz nackt vor dem Herrn mit den über sie hingleitenden Augen stehen. Was lag daran! Das Geld!

Den ganzen übrigen Vormittag arbeitete sie in fieberhafter Hast, machte Tony kürzer, stopfte die Löcher in seinen Socken und wendete die ausgefransten Manschetten. Sie aß ein Keks und trank noch eine Tasse Kakao – Kakao macht dick – dann machte sie sich an das Loch in dem weißen Seidenjumper. Ein Uhr! Erschrocken zog sie sich noch einmal aus, zog eine neue Combination an, ein Paar Strümpfe und das Mieder, dann hielt sie abergläubisch inne. Nein! Ihr eigenes Kleid und ihr Hut – wie gestern! Das übrige wollte sie aufheben, bis –! Sie eilte zu ihrem Autobus, wobei ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. Vielleicht würde er ihr wieder ein Glas von dem ausgezeichneten Zeug geben. Wenn sie nur einen kleinen Schwips bekäme, damit ihr alles einerlei würde!

Gerade als es zwei Uhr schlug, erreichte sie das Atelier und klopfte. Es war herrlich warm drinnen, viel wärmer als gestern, und plötzlich wurde ihr klar, was das bedeutete. Vor dem Feuer saß eine Dame mit einem kleinen Hund.

»Miss Collins – Mrs. Michael Mont; sie leiht uns ihr chinesisches Hündchen, Miss Collins.«

Die Dame – nur so alt wie sie und Gott, wie hübsch! – streckte ihre Hand aus. Geranium! Das also war die, die ihr die Kleider – –!

Sie ergriff die Hand, konnte aber nicht sprechen. Wenn diese Dame dabliebe, dann wäre es ganz unmöglich. Vor ihr, die so hübsch war, so wunderschön bedeckt – o nein!

»Jetzt sei brav, Ting, und sei so amüsant, wie du nur kannst. Adieu, Aubrey! Viel Glück zu dem Bild! Adieu, Miss Collins; es müßte eigentlich wunderbar werden!«

Fort! Der Geraniumduft wurde schwächer; der kleine Hund schnupperte an der Tür. Der durchs Zimmer gleitende Herr hielt zwei Gläser in den Händen.

›Ah!‹ dachte Victorine und trank das ihre in einem Zug aus.

»Also Sie haben doch nichts dagegen, Miss Collins, nicht wahr? Sie werden alles da drinnen finden. Es ist wirklich gar nichts daran. Ich werde Sie gerade hier in liegender Stellung brauchen, den Kopf erhoben, die Ellbogen auf den Boden gestützt und den Blick hierher gerichtet, Ihr Haar so lose wie möglich, und Sie schauen diesen Knochen an. Sie müssen sich vorstellen, daß es ein Faun ist oder so was ähnliches. Der Hund wird Ihnen helfen, wenn er sich den Knochen holt. Wissen Sie, was ein Faun ist?«

»Ja«, hauchte Victorine.

»Trinken Sie noch ein Gläschen?«

»O ja, bitte!«

Er brachte es.

»Ich verstehe ja ganz gut; aber wissen Sie, eigentlich ist es absurd. Bei einem Arzt würden Sie ja auch nichts einwenden, bestimmt nicht! Sehn Sie her, ich lege diese kleine Kuhglocke da auf den Boden. Wenn Sie Ihre Stellung eingenommen haben, bimmeln Sie und ich komme heraus. Das wird Ihnen helfen.«

Victorine murmelte: »Sie sind wirklich freundlich.«

»Ganz und gar nicht – es ist nur natürlich. Möchten Sie jetzt beginnen? Das Licht hält nicht ewig. Fünfzehn Shilling im Tag haben wir vereinbart.«

Victorine sah ihn hinter einen Wandschirm gleiten und blickte die kleine Kuhglocke an. Fünfzehn Shilling! Und fünfzehn Shilling! Und noch fünfzehn Shilling! Viele, viele fünfzehn Shilling, ehe – –! Aber nicht öfters würde sie als Modell sitzen müssen, als Tony an seiner Ecke stehen mußte, von einem Fuß auf den andern tretend und Ballons verkaufend. Und wie aufgezogen von dem Gedanken, stieg sie mechanisch von dem Podium herunter, in das Modellzimmer. Auch da drinnen war's behaglich warm, ein grünseidenes Gewand lag über einem Stuhl. Sie zog ihr Kleid aus. Und wieder bewunderte sie die Schönheit des rosa Mieders. Vielleicht würde der Herr gerne – nein, das wäre noch ärger – –! Sie vernahm ein Geräusch, es war Ting-a-ling, der sich über seine Einsamkeit beschwerte. Wenn sie jetzt noch zögerte, dann würde sie es nie – –! Sich hastig entkleidend, blickte sie ihr Bild im Spiegel an. Wenn nur dieses schlanke, elfenbeinfarbene Bild hinausgehen wollte auf das Podium und sie hierbleiben könnte! – Oh, es war entsetzlich – entsetzlich! Sie konnte es nicht – nein, sie konnte es einfach nicht. Sie riß die letzte Hülle an sich. Fünfzehn Shilling! Aber die fünfzehn Shilling! Da hatte sie eine Vision, erschreckend und trostlos. Sie sah einen gewaltigen Dom und Tony, ganz winzig, mit ganz kleinen Ballons in der ausgestreckten Hand! Sie fühlte eine eisige Kälte ihr Herz umschließen, so stetig, wie sich Eiszapfen vor dem Fenster bilden. Wenn das alles war, was andere für ihn taten, so wollte sie es besser machen! Sie ließ die Hülle wieder fallen; und verwirrt, empfindungslos ging sie im ›Evakostüm‹ hinüber. Ting-a-ling über seinem Knochen knurrte sie an. Sie blieb bei der Kuhglocke stehen und legte sich aufs Antlitz nieder, wie es ihr erklärt worden war, die gekreuzten Füße in der Luft. Das Kinn auf die Hand lehnend, schüttelte sie die Glocke. Noch nie hatte sie einen solchen Ton von einer Glocke gehört. Der kleine Hund bellte – er sah wirklich komisch aus!

»Ausgezeichnet, Miss Collins! Bleiben Sie so!«

Fünfzehn Shilling, und fünfzehn Shilling!

»Strecken Sie die linken Zehen gerade ein bißchen mehr aus. So ist's recht! Der Fleischton ist ausgezeichnet! Ach Gott, warum kann man Rom nicht an einem Tag erbauen! Das Zeichnen ist so furchtbar langweilig, Miss Collins; man sollte nur mit dem Pinsel zeichnen; ein Bildhauer zeichnet gleich mit dem Meißel, wenigstens wenn er ein Michelangelo ist. Wie alt sind Sie?«

»Einundzwanzig«, klang es mit einer Stimme, die Victorine von weit herzukommen schien.

»Ich bin zweiunddreißig. Man sagt, daß unsere Generation schon so alt zur Welt kam, daß sie überhaupt nicht älter werden kann. Ohne Illusionen. Na! Ich kann mich zum Beispiel gar nicht erinnern, daß ich jemals einen Glauben hatte. Und Sie?«

Victorine war so verwirrt, daß sie nicht antworten konnte, aber es war auch ganz egal, denn er plapperte weiter:

»Wir glauben nicht einmal an unsere Vorfahren. Trotzdem fangen wir an, sie wieder zu kopieren. Kennen Sie ein Buch mit dem Titel: ›Die schluchzende Schildkröte‹, das so viel Staub aufgewirbelt hat? – Ausgesprochener Sterne, sehr gut getroffen; aber ausgesprochener Sterne, und der Autor macht sich über uns lustig. Da haben Sie's in wenig Worten – wir machen uns über alles lustig – ein böses Zeichen. Tut nichts! Mit dem Bild da werd ich Piero Cosimo ausstechen. Bitte den Kopf ein bißchen höher und die Locke da etwas aus dem Auge. Danke! Bleiben Sie so! Übrigens, haben Sie italienisches Blut in den Adern? Wie zum Beispiel hieß Ihre Mutter?«

»Brown.«

»Ah, bei den Browns kann man nie wissen. Es mag einmal Brune gewesen sein oder Bruno, aber möglicherweise war sie spanischer Abstammung. Wahrscheinlich wurden alle Einwohner Britanniens, die die Angelsachsen am Leben gelassen haben, Brown genannt. Aber eigentlich ist das ja alles Quatsch. Wenn wir bis zu Eduard dem Bekenner zurückgehn, Miss Collins – bloß an die dreißig Generationen –, so hat jeder von uns eintausendvierundsiebzig Millionen fünfhundertdreiundsiebzigtausend und neunhundertvierundachtzig Vorfahren, und die Bevölkerung dieser Insel betrug damals noch nicht einmal eine Million. Wir sind ebenso aus Inzucht hervorgegangen wie die Rennpferde, aber wir schauen nicht so gut aus, nicht wahr? Aber ich versichere Sie, Miss Collins, daß man für ein Wesen wie Sie dankbar sein muß. Genau wie für Mrs. Mont. Ist sie nicht hübsch? Schaun Sie doch den Hund an!«

Ting-a-ling starrte sie mit aufgestemmten Vorderbeinen und gerunzelter Nase, als hielte er Victorine für einen zweiten Knochen.

»Er ist komisch«, sagte sie, und wieder klang ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Würde Mrs. Mont hier liegen, wenn er sie darum gebeten hätte? Die würde hübsch aussehen! Aber die brauchte keine fünfzehn Shilling!

»Ist die Stellung bequem?«

Erschrocken murmelte sie: »O ja! Danke!«

»Warm genug?«

»O ja! Danke!«

»Das freut mich. Den Kopf ein bißchen höher!«

Langsam verlor Victorine das Gefühl des schrecklich Ungewöhnlichen. Tony sollte es nie erfahren. Wenn er es nie erfuhr, konnte ihm ja auch nichts daran liegen. Sie hätte den ganzen Tag so liegen können – fünfzehn Shilling, und fünfzehn Shilling! Es war so einfach. Sie beobachtete die rasch arbeitenden schlanken Hände und den blauen Rauch der Zigarette. Sie beobachtete den kleinen Hund.

»Möchten Sie eine Pause machen? Sie haben Ihr Gewand vergessen. Ich werd es Ihnen holen.«

In dem grünseidenen Gewand, das wundervoll wattiert war, setzte sie sich auf und ließ die Füße über den Rand des Podiums hinunterhängen.

»Eine Zigarette? Ich werd türkischen Kaffee kochen. Sie sollten lieber etwas Bewegung machen.«

Victorine gehorchte.

»Sie sind wie eine Traumgestalt, Miss Collins. In dem Gewand möchte ich Sie à la Mathieu Maris malen.«

Der Kaffee, wie sie nie einen gekostet hatte, verursachte ihr ein erhöhtes Wohlgefühl. Sie sagte: »Er schmeckt gar nicht wie Kaffee.«

Aubrey Greene warf die Arme in die Höhe.

»Da haben Sie recht. Die Engländer sind ein großes Volk – nichts wird sie jemals unterkriegen. Wenn man sie vernichten könnte, so wären sie schon längst an ihrem Kaffee zugrunde gegangen. Noch eine Tasse?«

»Bitte!« sagte Victorine. Es ging so wenig in die Tasse.

»Wieder bereit?«

Sie legte sich wieder hin und ließ das Gewand niederfallen.

»So ist's recht! Lassen Sie es dort – Sie liegen im hohen Gras, das Grün hilft mir. Schade, daß Winter ist; sonst hätte ich eine Waldlichtung gemietet.«

In hohem Gras liegen – vielleicht unter Blumen. Sie hatte Blumen so gern. Als kleines Mädchen war sie oft im Grase gelegen und hatte Ketten aus Gänseblümchen geflochten im Feld hinter dem Gärtnerhäuschen ihrer Großmutter in Norbiton. Ihre Großmutter war dort Gärtnerin. Jedes Jahr war sie für vierzehn Tage hingegangen – sie hatte das Land so sehr geliebt. Nur hatte sie damals immer etwas angehabt. Es würde aber noch hübscher sein mit gar nichts an. Ob es in Australien Blumen gab? Wenn Schmetterlinge dort waren, dann auch Blumen! In der Sonne – sie und Tony – wie im Paradies! …

»Danke schön, das genügt für heute. Ein halber Tag – zehn Shilling. Morgen vormittag um elf. Sie sind ein erstklassiges Modell, Miss Collins.«

Als Victorine wieder ihr rosa Mieder anzog, hatte sie ein erhebendes Gefühl. Sie hatte es getan, und Tony sollte es nie erfahren! Der Gedanke, daß er es nie erfahren würde, machte ihr Spaß. Und wieder betrat sie, diesmal in Kleidern, das Atelier.

Aubrey Greene stand vor seiner Arbeit. »Noch nicht, Miss Collins«, sagte er, »es würde Sie deprimieren. Der Hüftknochen ist zu hoch. Das werden wir morgen richtigstellen. Entschuldigen Sie, meine Hand ist ganz voll Kreide. Auf Wiedersehn! Elf Uhr! Und diesen Burschen werden Sie nicht mehr brauchen. Nein, du bleibst da!«

Denn Ting-a-ling machte Miene, den größeren Knochen zu begleiten. Victorine ging lächelnd hinaus.


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