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4.
Fleurs Körper

Fleurs Körper befand sich in jenem Augenblick allerdings in einer jener schwierigen Situationen, die den Willen zum Kompromiß ständig bedrohen. Ihr Körper lag tatsächlich in Wilfrids Armen, soweit wenigstens, daß sie sagte: »Nein, Wilfrid! – du hast doch versprochen, brav zu sein.«

Sie traute ihrer Kraft, am Rande des Abgrunds zu balancieren, in der Tat außerordentlich viel zu, wenn sie jetzt noch von dem Begriff ›brav sein‹ eine Wirkung erwartete. Denn elf Wochen lang hatte dieser junge Mann den Kelch schon an den Lippen gefühlt und war sogar jetzt noch von ihr getrennt, aber eben nur durch den Begriff ›brav sein‹ und durch zwei geballte Fäuste, die fest gegen seine Brust gestemmt waren; und das alles, nachdem er sie vierzehn Tage lang nicht gesehen hatte.

Als sie so sprach, ließ er sie fast heftig los und setzte sich auf einen Sessel. Nur die Empfindung, daß es eine so sinnlose Wiederholung wäre, hielt ihn davon ab, zu sagen: ›So kann es nicht weitergehen, Fleur.‹ Das wußte sie! Und dennoch ging es weiter! Das setzte ihn immer wieder in Verwunderung. Wie ein armer Teufel Woche für Woche sich vertrösten lassen und immer zu ihr und sich selber sagen konnte: ›Jetzt oder nie!‹, wenn es doch keines von beiden war! Nur das dunkle Bewußtsein, daß Fleur ihr eigenes Selbst nicht kennen würde, bis der Begriff ›jetzt‹ nicht erreicht war, hatte ihn allein in ihrer Nähe gehalten. Seine eigenen Gefühle waren so intensiv, daß er Fleur wegen ihrer Unentschlossenheit fast haßte. Und er war ungerecht. Es war ja nicht ganz Unentschlossenheit. Fleur wünschte die Fülle und Aufregung, die Wilfrids Liebe ihrem Leben noch hinzufügte, ohne Gefahr und ohne Opfer. Wie natürlich! Nur seine schreckliche Leidenschaftlichkeit schuf diese ganze Wirrnis. Sie hatte seine Leidenschaft nicht gewünscht und trug auch nicht die Schuld daran! Und dennoch fand sie es nett und auch ganz in Ordnung, daß sie Leidenschaft hervorrief; und selbstverständlich hatte sie auch das geheime Gefühl, daß es nicht ratsam sei, einen Liebenden zu schikanieren, um so weniger, als ihr das Leben einen versagt hatte.

Als er sie losließ, strich sie ihr Kleid glatt und sagte: »Reden wir von etwas Vernünftigem. Was hast du geschrieben?«

»Das da.«

Fleur las. Errötend und sich auf die Lippen beißend, sagte sie: »Es ist schrecklich bitter.«

»Es ist schrecklich wahr. Fragt er dich jetzt nie, ob du mich triffst?«

»Niemals.«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was wirst du sagen, wenn er fragt?«

Fleur zuckte die Achseln.

Desert sagte ruhig: »Ja, das ist deine Art. So kann's nicht bleiben, Fleur.« Er stand am Fenster. Sie legte die Blätter auf seinen Schreibtisch zurück und ging auf ihn zu. Armer Wilfrid! Jetzt, da er so ruhig war, tat er ihr leid.

Plötzlich sagte er: »Halt! Nicht rühren! Er ist dort unten auf der Straße.«

Zurückschreckend stieß sie hervor: »Michael! Oh! Aber wie – wie hat er es nur wissen können?«

Desert sagte hart: »Kennst du ihn nur so wenig? Glaubst du, er wäre gekommen, wenn er wüßte, daß du hier bist?«

Fleur zuckte zusammen.

»Warum ist er dann gekommen?«

»Wahrscheinlich will er mich sprechen. Er sieht aus, als könnte er sich nicht entschließen. Nur keine Angst! Ich werd ihn nicht hereinlassen.«

Fleur mußte sich setzen; sie fühlte eine Schwäche in den Beinen. Der Abgrund schien plötzlich erschreckend nah und der Sturz in die Tiefe fürchterlich.

»Hat er dich gesehn?« fragte sie.

»Nein.«

Der Gedanke durchzuckte ihn: ›Wenn ich ein Schuft wäre, könnte ich sie zwingen, ich brauchte nur einen Schritt zu tun und einen Finger zu krümmen. Leider bin ich kein Schuft – wenigstens nicht bis zu einem solchen Grad – dann wäre alles um viel einfacher!‹

»Was tut er?« fragte Fleur.

»Er geht fort.«

Sie seufzte auf in tiefer Erleichterung. »Aber es ist doch sonderbar, nicht wahr, Wilfrid?«

»Du glaubst doch nicht, daß ihm leicht zu Mut ist, oder doch?«

Fleur biß sich auf die Lippen. Er verhöhnte sie, weil sie keinen von beiden wirklich liebte oder heben konnte. Es war ungerecht. Sie hätte lieben können – sie hatte geliebt! Wilfrid und Michael – sie konnten beide zum Teufel gehen!

»Ich wünschte, ich wäre niemals hergekommen«, sagte sie plötzlich, »und ich werd auch nie wieder herkommen!«

Er ging zur Tür und öffnete sie.

»Du hast vollkommen recht.«

Fleur stand ganz ruhig da, das Kinn auf dem Pelzkragen, ihre klaren Augen starrten herausfordernd in sein Gesicht und ihre Lippen preßten sich fest und trotzig zusammen.

»Du hältst mich für ein herzloses Scheusal«, sagte sie langsam. »Und das bin ich jetzt auch. Leb wohl!«

Er nahm weder ihre Hand noch sprach er, er verbeugte sich nur. In seinen Augen lag eine tiefe Tragik. Zitternd vor Ärger ob dieser Demütigung ging Fleur hinaus. Während sie hinunterschritt, hörte sie, wie die Tür geschlossen wurde. Am Fuß der Treppe blieb sie ungewiß stehen. Wenn Michael nun zurückgekommen war! Fast gegenüber befand sich jene Galerie, wo sie ihn und – Jon zuerst getroffen hatte. Sie wollte hinüberschlüpfen. Wenn er sich noch immer am Ende der kleinen Gasse herumtrieb, konnte sie ihm mit gutem Gewissen sagen, wo sie gewesen war. Vorsichtig lugte sie hinaus. Nichts zu sehen! Rasch glitt sie über die Gasse in den gegenüberliegenden Torweg. In einer Minute würde die Galerie geschlossen werden, es ging gerade auf vier! Sie zahlte einen Shilling und schlüpfte hinein. Sie mußte doch sehen – im Falle, daß –! Um sich blickend stand sie da – die Ausstellung eines einzelnen, Claud Brains! Für einen zweiten Shilling kaufte sie einen Katalog und las im Hinausgehen: ›Nr. 7: Weib in Angst.‹ Das sagte ihr alles, und mit leichterem Herzen ging sie rasch ihres Wegs und nahm ein Taxi, nur um noch vor Michael nach Hause zu kommen. Ihr war ein Stein vom Herzen gefallen, und sie war fast heiter. Am Abgrund dahintänzeln imponierte ihr gar nicht mehr! Es taugte nichts. Wilfrid mußte fallen gelassen werden. Der arme Wilfrid! Na ja, er hätte sie nicht verhöhnen sollen – was wußte er denn von ihr? Niemand wußte etwas von ihr! Sie stand allein in der Welt da. Sie öffnete die Haustür mit ihrem Schlüssel. Kein Michael zu sehen. Im Wohnzimmer ließ sie sich vor dem Feuer nieder und ergriff Walter Nazings letztes Buch. Dreimal las sie dieselbe Seite. Deren Bedeutung vertiefte sich keineswegs durch das wiederholte Lesen – sie schwand immer mehr. Er gehörte zu den Autoren, die man im Galopp lesen mußte und dann weglegen, damit nicht der erste Eindruck kühner Inspiration sich später zu einem Eindruck leerer Aufgeblähtheit wandle. Aber plötzlich sah sie Wilfrieds Augen zwischen den Zeilen. Mitleid! Niemand hatte mit ihr Mitleid. Warum also sollte sie mit andern Mitleid haben? Und außerdem war Mitleid ›Stumpfsinn‹, wie Annabel sagen würde. Die Situation erforderte eiserne Nerven. Aber Wilfrids Augen! Ach ja, die würde sie nie wiedersehen! Wunderschöne Augen, wenn sie lächelten oder wenn sie – wie so viel öfters – sie sehnsuchtsvoll anblickten, wie jetzt aus den folgenden Zeilen des Buches: ›Feierlich und mit köstlichem Egoismus zog es ihn mehr als über alle Maßen zu ihr hin, die kosig und rosig in der rosafarbenen Schale ihrer in sich gekehrten und so launenhaften sozialen Umschreibungen stak –‹ Armer Wilfrid! Mitleid war ›Stumpfsinn‹, aber sie besaß noch Stolz! War es ihr Wunsch, daß er fortgehen sollte in dem Glauben, daß sie ihn aus purer Eitelkeit aufs Glatteis geführt, wie das Walter Nazing von den Amerikanerinnen behauptete? War das wirklich ihr Wunsch? Wäre es nicht moderner, wahrhaft dramatisch, wenn man den Kelch bis zur Neige leerte – gerade nur einmal? Würde das nicht ein Erlebnis sein, auf das sie beide zurückblicken könnten – er im Osten, wovon er immer redete, und sie im Westen? Einem Wesen wie Fleur, das nach Michaels neuer Theorie zu ebenmäßig gebaut war, um eine Seele zu haben, war dieser Gedanke einen Augenblick lang sympathisch, aber wie alle Augenblickslaunen von keiner Dauer. Vor allem: Würde es ihr Vergnügen machen? Sie glaubte nicht; ein Mann ohne Liebe war ganz genug. Und dann lag immer die Gefahr nahe, daß Wilfrid Macht über sie gewinnen könnte. Er war zwar ein Gentleman, aber leidenschaftlich; würde er den Becher wieder niederstellen, von dem er einmal gekostet hatte? Doch mehr als alles andere fiel ein Zweifel über ihren körperlichen Zustand ins Gewicht, den sie schon zwei bis drei Wochen gehegt hatte und dessen Bestätigung sie mit einem feierlichen Gefühl erwartete. Sie stand auf, und wie sie mit den Händen über ihren Körper strich, stand ihr Widerwille gegen eine gleiche Berührung von Wilfrids Händen endgültig fest. Nein! Sie wollte seine Freundschaft, seine Bewunderung, aber nicht um diesen Preis. Plötzlich kam er ihr vor wie eine Bombe auf ihrem kupfernen Boden, und in Gedanken lief sie hin und schleuderte ihn auf den Platz hinaus – den armen Wilfrid! Mitleid war Stumpfsinn! Aber mit sich selber mochte sie wohl Mitleid haben, daß sie ihn verlor; verlor sie doch gleichzeitig das Ideal modernen Frauentums, das ihr Marjorie Ferrar, der Liebling der Übermodernen, der ›Freudenjäger‹, deren rotgoldenes Haar so viel Bewunderung erregte, eines Abends erläutert hatte. ›Mein Ehrgeiz, Liebe, ist, die vollkommene Gattin eines Mannes zu sein, die vollkommene Geliebte eines zweiten und die vollkommene Mutter eines dritten, alles gleichzeitig. Es ist vollkommen möglich – in Frankreich macht man's so.‹

Aber war es wirklich so vollkommen möglich – selbst wenn Mitleid ein Stumpfsinn war? Wie konnte sie für Michael vollkommen sein, wenn das geringste Versehen ihm enthüllen konnte, wie vollkommen sie für Wilfrid war? Wie konnte sie für Wilfrid vollkommen sein, wenn jede Vollkommenheit Michael gegenüber einen Dolchstich in Wilfrids Herz bedeutete? Und wenn – der Zweifel an ihrem körperlichen Zustand zur Gewißheit würde, wie konnte sie sich dann vollkommene Mutter fühlen, wenn sie entweder zwei Männer marterte oder sie anlog wie eine Dirne? Das alles war nicht so vollkommen möglich! ›Wenn ich nur ganz französisch wäre!‹ dachte Fleur …

Beim Geräusch der sich öffnenden Tür schrak sie zusammen; die Ursache, derentwillen sie nicht ganz französisch war, kam herein. Soames sah sehr grau aus, als hätte er zu viel nachgedacht. Er küßte sie und ließ sich verstimmt vor dem Feuer nieder.

»Wirst du über Nacht bleiben, Papa?«

»Wenn ich darf«, murmelte Soames. »Geschäfte.«

»Irgend etwas Unangenehmes, Papachen?«

Soames blickte wie erschrocken auf.

»Unangenehmes? Warum sollte es unangenehm sein?«

»Ich dachte es, nach deinem Gesicht zu schließen.«

Soames grunzte. »Diese Ruhrgeschichte!« sagte er. »Ich hab dir ein Bild mitgebracht. Chinesisch!«

»O Papa! Wie herrlich!«

»Es ist gar nicht herrlich, es ist ein Affe, der eine Frucht verspeist.«

»Aber das ist ja großartig! Wo ist es? In der Halle?«

Soames nickte.

Fleur brachte es herein, streifte die Hüllen ab, stellte es auf das graugrüne Sofa und trat einen Schritt zurück, um es zu betrachten. Der große weiße Affe mit den braunen sehnsüchtigen Augen, der sie plötzlich so ansah, als hätte sie sein Interesse von der orangefarbenen Frucht abgelenkt die er mit seiner Pfote umklammert hielt, der graue Hintergrund, die leeren Schalen überall auf dem Boden – leuchtende Farbflecke auf dem in gespensterhaften Tönen gehaltenen Bild – all das machte sofort Eindruck auf sie.

»Aber, Papa, das ist ja ein Meisterwerk – es ist bestimmt aus einer schrecklich guten Periode der Malerei.«

»Weiß nicht«, sagte Soames. »Ich muß die Chinesen nachlesen.«

»Aber das solltest du mir gar nicht schenken, das muß ja ein Heidengeld wert sein. Du solltest es in deiner Sammlung haben.«

»Man hat seinen Wert nicht gekannt«, sagte Soames, und ein leichtes Lächeln erhellte seine Züge. »Ich hab dreihundert dafür gegeben. Hier wird das Bild sicherer sein.«

»Natürlich wird es sicher sein. Aber warum sicherer?«

Soames wandte sich dem Bild zu. »Das kann ich jetzt nicht sagen. Gott weiß, was daraus entstehen wird.«

»Woraus, lieber Papa?«

»Kommt der alte Mont heute abend her?«

»Nein, er ist noch immer in Lippinghall.«

»Na, ist ja auch ganz gleich – es ist mit ihm nichts anzufangen.«

Fleur ergriff seine Hand und drückte sie. »Sag es mir doch!«

Soames' Herz erbebte gerührt. Sich vorzustellen, daß sie an seinen Sorgen teilnehmen wollte! Aber sein Sinn für das Schickliche und seine Angst, die eigene Unruhe zu verraten, machten ihm ein Eingehen auf ihre Frage unmöglich.

»Du würdest es ja nicht verstehen«, sagte er. »Wo wirst du das Bild hinhängen?«

»Dorthin, glaub ich, aber wir müssen auf Michael warten.«

Soames stieß brummend hervor:

»Ich hab ihn gerade bei deiner Tante getroffen. Geht er so seinen Geschäften nach?«

›Vielleicht‹, dachte Fleur, ›war er nur auf seinem Rückweg ins Bureau. Die Cork Street liegt ja so ungefähr dazwischen. Wenn er dort vorbeiging, ist ihm vielleicht eingefallen, Wilfrid wegen neuer Bücher aufzusuchen.‹

»Oh, da ist Ting! Nun, Liebling?«

Der chinesische Hund, den anscheinend die Vorsehung hereingelassen hatte, setzte sich, als er Soames sah, plötzlich nieder mit aufwärts gewandter Schnauze und glänzenden Augen. ›Der Ausdruck deines Antlitzes‹, schien er zu sagen, ›gefällt mir. Wir beide gehören der Vergangenheit an und könnten Hymnen zusammen singen, lieber Freund.‹

»Ein komischer kleiner Kerl«, bemerkte Soames, »er erkennt mich immer.«

Fleur hob ihn in die Höhe. »Komm, schau dir den neuen Affen an, mein Liebes!«

»Laß ihn nicht daran lecken.«

Als man Ting-a-ling ziemlich fest bei seinem graugrünen Halsband hielt und ihn mit einem fragwürdigen Stück Seide konfrontierte, das nach Vergangenheit roch, reckte er den Kopf immer höher, um daran riechen zu können, und streckte seine kleine Zunge hervor, um diese Düfte, die aus seinem Heimatlande kamen, zu probieren.

»Ist das nicht ein hübscher Affe, Liebling?«

›Nein‹, entgegnete Ting-a-ling ziemlich deutlich. ›Setz mich wieder nieder!‹

Als er wieder auf dem Boden stand, suchte er sich eine Stelle, wo das Kupfer zwischen zwei Teppichen hervorsah, und begann ruhig daran zu lecken.

»Mr. Aubrey Greene, gnädige Frau!«

»Hm!« meinte Soames.

Der Maler kam gleitend und glänzend herein; sein leuchtendes Haar war zurückgestrichen, seine grünen Augen glitten hierhin und dorthin.

»Ah!« sagte er und wies auf den Boden. »Der da hat mich hergebracht.«

Fleur folgte erstaunt seinem Finger. »Ting! Wirst du aufhören!« befahl sie. »Er leckt immer das Kupfer, Aubrey.«

»Das ist doch vollendet chinesisch! Sie tun alles, was wir nicht tun.«

»Mein Vater – Aubrey Greene. Mein Vater hat mir gerade dieses Bild mitgebracht, Aubrey – ist es nicht ein Juwel?«

Der Maler stand regungslos, seine Blicke schweiften nicht mehr umher, und sein Haar schien nicht mehr so straff nach rückwärts anzuliegen.

»Donnerwetter!« sagte er.

Soames erhob sich. Er war auf etwas Wegwerfendes gefaßt; aber er spürte aus dem Ton etwas Ehrerbietiges, wenn nicht Verblüfftes.

»Grundgütiger! Diese Augen! Wo haben Sie denn das aufgestöbert, Sir?«

»Es gehörte einem meiner Vettern, einem eifrigen Besucher der Rennen. Es war sein einziges Bild.«

»Das spricht für ihn! Er muß Geschmack gehabt haben.«

Soames starrte ihn an. Der Gedanke, daß George Geschmack gehabt haben könnte, entsetzte ihn beinahe. »Nein«, sagte er, aus einer plötzlichen Eingebung heraus, »das Bild hat ihm nur deshalb gefallen, weil man bei seinem Anblick ein Unbehagen fühlt.«

»Das kommt aufs selbe heraus! Ich weiß nicht, ob ich je eine beißendere Satire auf das menschliche Leben gesehen habe.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Soames trocken.

»Sehen Sie nur, es ist eine vollendete Allegorie, Sir! Die Früchte des Lebens genießen, die Schalen wegwerfen und dabei erwischt werden. Die Augen eines Affen verkörpern geradezu, wenn sie ruhig sind, die menschliche Tragödie. Sehen Sie ihn nur an! Er glaubt, es steckt noch etwas dahinter, und er ist traurig oder zornig, weil er nicht dazu gelangen kann. Dieses Bild sollte im Britischen Museum hängen, Sir, unter dem Titel: ›Der Zivilisation auf den Grund gekommen‹.«

»Nun, das wird nicht geschehen«, erklärte Fleur. »Es wird hier hängen unter dem Namen ›Der weiße Affe‹.«

»Das kommt aufs selbe heraus.«

»Zynismus«, bemerkte Soames kurz, »führt zu nichts. Wenn Sie gesagt hätten: ›Der Moderne auf den Grund gekommen‹ – –«

»Das meine ich ja, Sir; aber warum so engherzig sein? Sie glauben doch nicht im Ernst, daß dieses Zeitalter schlechter ist als irgendein anderes?«

»So?« sagte Soames. »Nach meiner Meinung erreichte die Welt ihre höchste Vollendung in den Achtzigerjahren, und diese Höhe wird sie niemals wieder erreichen.«

Der Maler starrte ihn an.

»Das ist aber schrecklich interessant. Ich war noch nicht auf der Welt, und wahrscheinlich standen Sie damals in meinem Alter, Sir. Sie glaubten an Gott und fuhren in der Postkutsche.«

Postkutsche! Das Wort erweckte in Soames eine Erinnerung, die ihm irgendwie dazu zu passen schien.

»Jawohl«, sagte er, »und ich kann eine Geschichte aus jenen Tagen erzählen, die Sie heutzutage nicht mehr erleben würden. Als Junge war ich mit meiner Familie in der Schweiz und zwei meiner Schwestern aßen einmal schwarze Kirschen. Nachdem sie ungefähr ein halbes Dutzend gegessen hatten, entdeckten sie, daß in allen kleine Würmer waren. Ein englischer Bergsteiger sah, wie sie die Fassung verloren, und aß die ganzen übrigen Kirschen, ungefähr zwei Pfund, mit Würmern und Kernen auf, nur um ihnen zu zeigen, daß nichts daran wäre. Solche Männer gab es damals!«

»Aber! Papa!«

»Au weh! Er muß in sie verliebt gewesen sein!«

»Nein«, sagte Soames, »nicht besonders. Er hieß Powley und trug Koteletten.«

»Da wir gerade von Gott und der Postkutsche sprechen: ich habe gestern ein Hansom gesehen.«

›Es wäre angemessener, wenn du Gott gesehen hättest‹, dachte Soames, aber er sprach es nicht aus; der Gedanke überraschte ihn sogar, denn er selbst hatte nie etwas dergleichen gesehen.

»Sie wissen es vielleicht nicht, Sir, aber die Leute sind heute gläubiger als vor dem Krieg – man hat herausgefunden, daß wir nicht ganz aus Materie bestehen.«

»Oh!« sagte Fleur. »Das erinnert mich an etwas, Aubrey. Kennst du irgendein Medium? Könnte ich eines hierherbekommen? In unserm eigenen Zimmer, wenn Michael vor der Tür Wache stünde, würde man genau wissen, daß kein Hokuspokus daran ist. Geben die Leute, die Séancen im Dunkeln halten, sie auch auswärts? Die sollen noch viel gruseliger sein, heißt es.«

»Spiritismus!« brummte. Soames. »Hm!« Wenn er eine halbe Stunde geredet hätte, hätte er sich nicht klarer ausdrücken können.

Aubrey Greenes Augen glitten zu Ting-a-ling hinüber. »Ich will mein Möglichstes versuchen, wenn du mir morgen nachmittag dein Pekinghündchen für ungefähr eine Stunde leihen willst. Ich würde ihm jeden Luxus gestatten und ihn an der Leine zurückführen.«

»Wozu brauchst du ihn denn?«

»Michael hat mir heute ein famoses kleines Modell geschickt. Aber sie ist nicht zum Lächeln zu bringen.«

»Michael?«

»Ja, etwas ganz Neues; und ich hab eine Idee. Ihr Lächeln ist wie die Sonne, die über einem italienischen Tal untergeht, aber auf Aufforderung kann sie nicht lächeln. Ich habe gedacht, vielleicht könnte der Hund ihr ein Lächeln entlocken.«

»Kann ich kommen und sie sehen?« fragte Fleur.

»Ja, bring ihn morgen, aber wenn ich sie dazu bewegen kann, mal ich sie im ›Evakostüm‹.«

»Oh! Wirst du eine Séance für mich zustande bringen, wenn ich dir Ting leihe?«

»Ganz gewiß.«

»Hm!« sagte Soames noch einmal. Séancen, italienische Sonnenuntergänge, Evakostüm! Hohe Zeit, daß seine Gedanken sich wieder mit Elderson beschäftigten und mit dem, was jetzt zu tun war, und daß er diesen Belustigungen den Rücken kehrte, während Rom in Flammen stand.

»Leben Sie wohl, Mr. Greene«, sagte er, »ich habe keine Zeit mehr.«

»Ganz recht, Sir«, sagte Aubrey Greene.

»Ganz recht!« äffte Soames ihm unhörbar nach und ging hinaus.

Ein paar Minuten später ging auch Aubrey Greene fort und traf in der Halle eine Dame, die gerade dem Diener ihren Namen nannte.

Allein mit ihrem Körper, strich Fleur wieder mit den Händen darüber. Das ›Evakostüm‹ hatte sie an die Gefahren eines bewegten Lebens erinnert.


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