Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Parodien.

Reichsgrafen-Blut

oder

Die zweite Frau mit den Karfunkelsteinen.

Roman von Nataly v. Besenbinder,
herausgegeben von Otto Ernst.

Der Schaffner riß die Coupéeetür auf, und herein hüpfte mit silphydenhaften Schritten die liebreizendste aller Evastöchter, schleuderte mit den zierlichsten aller Hände ihr graziöses Köfferchen in das Gepäcknetz und schmiegte sich anmutig in die Polster.

Ihr gegenüber saß ein häßlicher, aber hochgewachsener Mann, dem man es ansah, daß ihm das Schicksal bereits eine Frau entrissen hatte und ein tödlicher Haß gegen das ganze schlangenzüngelnde Geschlecht der Weiber sein Herz emporbäumte. Er warf einen Blick voll unsäglichen Hasses auf den weiblichen Ankömmling und denselben alsdann gegen die Decke des Waggons, zu der er unaufhörlich bläuliche Rauchwolken emporstieß.

Neben dem häßlichen, aber düsteren Rittergutsbesitzer und Rittmeister a. D. – denn nichts anderes war er – drückte sich ein schwerreicher Kaufmann mit zusammengekniffenen Lippen in die Polster. Er war ein Geizhals; denn auf der letzten Station hatte er einem Kellner, welcher 15 Pfennige für ein Glas Bier forderte, durchaus nur 13 geben wollen, welchen Genuß er sich versagte, als der Kellner, ein Mann von ehernem Charakter, auf den 15 Pfennigen verharrte.

Dem Kaufmann gegenüber schlummerte sanft ein katholischer Geistlicher, der nur dann, wenn er erwacht war, mit liebevoller Toleranz von einem zum andern blickte, und in dessemDie Flexion des Wortes »dessen« datiert vom ersten Auftreten Natalys. Überhaupt hat der Herausgeber nicht nur im Stil, sondern auch in der Grammatik und Orthographie die Gepflogenheiten der Dichterin respektiert. Antlitz sich tiefe Frömmigkeit mit wohltätigem Sinn und treuer Pflichterfüllung paarte.

Die Sonne flimmerte voll unendlichen Zaubers auf Elses entzückendem Goldhaar und rieselte in Millionen widerspenstiger Seidenlöckchen den Nacken hinunter, als sie die dicken Qualmwolken des bleichen und eben darum so interessanten Gegenübers mit den reizend-schnippischen Worten unterbrach:

»Wissen Sie nicht, mein Herr, daß dies ein Coupêeé für Nichtraucher ist?«

»Was schert Sie das?« stieß er kochend vor unterdrückter Wut hervor, indem er einen seiner kotbespritzten Schaftstiefel neben ihr auf den Sitz streckte. Kurz entschlossen entriß sie die aromatischen Havannablätter seinen Zähnen und schleuderte dieselben mit einem anmutigen Bogen in die lieblich lächelnde Frühlingslandschaft, über der eine Lerche in den Äther stieg mit klirrendem Jubel.

Überrascht starrte er sie an – und dann senkte sich eine unbeschreiblich weiche Wehmut auf seine edelgeformte Stirn hernieder. Sollte ihm, dem vom Unglück Blutiggepeitschten, vielleicht doch noch ein Lebensmai grünen?

In demselben Augenblick sah er, wie ihrem Handtäschchen ein syringenduftendes Briefchen entglitt. Sie lehnte das süße Köpfchen nach hinten zurück, um ein wenig zu schlummern. Er hob das Briefchen mit seiner schlanken, wohlgepflegten Hand auf, entnahm dem Couvert den Briefbogen und las mit weiblicher Hand geschrieben und mit Entzücken das Folgende:

Angebetete Else!

Ach, ich weiß ja, daß Du den hochgewachsenen, ach so männlichen Leutnant von den Hopsbütteler Husaren nicht vergessen kannst! Er soll jetzt seine Güter in Pommern bewirtschaften und augenblicklich auf einer Reise nach Bumsbeck begriffen sein. Denkst Du noch an die trotzige Ader auf seiner Stirn? Ach, wenn Du ihn doch kriegtest! Dann kriege ich wohl auch noch einen!

Es küßt Dich

Deine Erna.

P. S. Seinen Namen konnte ich leider nicht erfahren.

Mannhardt von Borkenstedt schwankte auf seinem Sitz in einem süßen Rausche. Erst jetzt bemerkte man, daß er ein Paar wunderbar schöner, tiefblauer Augen sein eigen nannte. Seinen vornehmen Mund verklärte ein traumhaft verzücktes Lächeln, und die Sonnenstrahlen tanzten vor ausgelassener Freude um seine tiefschwarzen Bartspitzen.

Und Else? Unmittelbar an ihrem unsäglich kleinen Öhrchen hatte der Zufall in der Scheidewand des Waggongs ein kleines Loch gelassen und konnte sie deutlich das Gespräch im benachbarten Cuopée belauschen.

»Was ich Ihnen sage!« hörte sie eine ältliche Dame von distingiurtem Äußern flüstern: »Der stolze Herr nebenan mit dem schwarzen Schnurrbart ist der Reichsgraf v. Borkenstedt, früher Leutnant bei den Hopsbütteler Husaren. Ich habe ihn gleich an der trotzigen Ader auf seiner Stirn erkannt. Seine verstorbene Frau hat ihn nur geheiratet, weil sie Reichsgräfin werden wollte. Sie hat ihn schmählich hintergangen. Er lebt jetzt ganz inkongito auf seinen Gütern in Pommern und ist augenblicklich auf einer Reise nach Bumsbeck begriffen.«

Else riß voll zärtlichen Mitleids die wonnigen Augen auf und starrte in das freudebebende, edelschöne Antlitz des Reichsgrafen.

»Mein Brief –« stammelte sie in reizender Verwirrung.

Jetzt war auch der Kaufmann selig entschlafen.

»Else!« stieß er voll lodernder Leidenschaft hervor, indem er auf die Knie herniederbrach: »ich weiß, es war eine Indiskretion; aber mir sagte eine innere Stimme, daß dieser Brief das Ende meiner sturmgepeitschten Qual, daß er den ersten goldigen Sonnenstrahl eines neuen seligen Glückes an deiner Seite enthalten müßte! Verzeihe, holdseliger Engel, daß ich dir unfreundlich begegnete; es bäumte sich etwas in mir auf, als du hier hereintratest, als müßte ich mich wehren gegen die Sirenengesänge des Glückes, die mir schon einmal Herz und Leber mit bitterer Galle erfüllt hatten. Ach, mein sturmzertobtes Herz glaubte ja nicht mehr an die Paradieseswonnen der Liebe, ich hatte für immer mit den Freuden dieser trügerischen Welt abgeschlossen. Aber deiner himmlischen Madonnenschönheit, o du mein Seraph, konnte dieses umpanzerte Herz nicht widerstehen; vor den Sonnen deines Angesichtes schmilzt es dahin wie ein jauchzendes Frühlingsgewässer, in dessem Spiegel sich rosige Wölkchen baden und das mit weitgeöffneten Armen dem ewigen Meere der Liebe entgegeneilt!«

Und Else? Sie bog sich sanft zu ihm hernieder und hauchte ihm wohl ebenso viele erglühende Worte ins Ohr; aber die waren nicht für die Welt und für andere Sterbliche, die blieben ein süßes, trautseliges Geheimnis zwischen den beiden für immerdar.

»Helgoland!« schrie der Schaffner. »Zwei Minuten Aufenthalt!«

»Das trifft sich ja wunderbar!« schrie Mannhardt entzückt, »hier können wir uns sofort und ohne Aufgebot trauen lassen! Zufällig habe ich die nötigen Papiere bei mir!«

»Ich auch!« rief sie mit kindlichem Jubel.

»Wenn ich Ihnen behilflich sein kann –« lächelte der würdige Geistliche.

»Aber ich bin Protestant«, wandte Mannhardt ein.

Der ehrwürdige Herr erhob die Hand. »Über uns waltet Ein Gott,« sprach er mit tiefer Frömmigkeit.

Mannhardt schüttelte ihm tief ergriffen die Hand, und man stand auf dem Perron des Bahnhofs. Das Publikum drängte in dichten Scharen dem Ausgange zu und entleerte sich nur langsam.

In diesem Augenblick trat der Kaufmann an die fröhlich plaudernde Gruppe heran. Seine Züge waren merklich verändert und fast schön zu nennen. Das wonnige Glück der beiden Liebesleute schien selbst diesen Felsen aufgetaut zu haben.

»Meine lieben jungen Leute,« sprach er mit vor Rührung bebender Stimme, »der Anblick Ihres echten und großen Glückes weckt in mir entschlafene Rückerinnerungen; wollen Sie mir erlauben, zauberisch schöne Braut, daß ich Ihnen als ein kleines Hochzeitsgeschenk dieses Etiu überreiche?«

Die bis dahin so arme und völlig elternlose Else öffnete das Etiu und stieß einen leichten Schrei des Entzückens aus. Ein kostbarer Schmuck – von Karfunkelsteinen – in wundervollster Arbeit, wie sie Meister BelliniVielleicht Cellini; es ist aber möglich, daß Nataly an Botticelli denkt. nicht herrlicher gelingen konnte – im Werte von mindestens 100 000 Mark!

Else wollte ein paar stumme Worte des Dankes stammeln; aber der merkantile Freund war bereits in einen Wagen gesprungen, wo er schnell eine Träne zerdrückte.

Eben wollten die drei Zurückgebliebenen einen Wagen besteigen, als ein hochadliger Cavallier in kleidsamer Uniform auf den Perron stürzte. Else erbleichte bis tief ins Innerste: Elimar von Steinfels – ihr vergeblicher Verehrer!

»Mein Herr!« fuhr er Mannhardt hart an, »Sie werden mir über Ihr vertrauliches Benehmen gegen diese Dame Rechenschaft geben!«

»Mit Vergnügen,« donnerte Mannhardt, der in diesem Augenblick in wahrhaft göttlicher Schöne dastand, seine Visitenkarte wechselnd.

Else war ohnmächtig in die Arme des duldsamen Seelsorgers gesunken.

»Belieben Sie das RandèvauxTrotz des geharnischten Protestes der Korrektoren. zu bestimmen,« stürzte Elimar höhnend einem Coupêt erster Klasse zu.

Da – der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt – Elimar glitt aus, indem er unter die Räder geriet – und die furchtbare Nemesis fuhr zermalmend über ihn hin, mit einem schrillen Pfiff ihrem Ziele zueilend.

Da schlug Goldelschen selig lächelnd ihr Auge auf und flog an die stattliche Brust des Geliebten.

»Dein – ewig dein!« hauchte sie an seinem reich und elegant gesticktem Vorhemd, und ihr Lächeln tauchte ineinander.

Mit verschlungenen Händen fuhren sie in den jubelnden Sonnenschein hinaus, und man brauchte nicht im Zeitalter der Baxzillen zu leben, um zu bemerken, wie Millionen Miasmen des Glücks und der Liebe die jauchzenden Lüfte durchschwirrten.

 
Ende.

 


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