Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Das nächste Londoner Drama.

Das demnächst zum erstenmal aufzuführende Londoner Drama heißt: »Der Diamant«. Die Titelrolle vertritt ein echter, mäßig großer Diamant von wunderbarstem Schliff. Die erste Szene führt uns in den Laden eines Juweliers. Auf den Tischen und an den Wänden große Ausstellung von echten Juwelen; Gesamtwert 738 Millionen Mark. Zwei Herren treten in den Laden. Einer von ihnen stiehlt den Diamanten. Der Dieb wird dargestellt von dem größten Taschenspieler der Gegenwart Mr. Quickfinger. Als die Herren fort sind, entdeckt der Juwelier den Diebstahl und veranlaßt die Verfolgung. Der Dieb wird von seinem Komplizen totgeboxt (Auftreten des Boxkämpfers Mr. Knockdown, genannt The champion of the world! Es fließt echtes Blut!) und des Diamanten beraubt. Der Sieger flüchtet mit seinem Raub auf einen Überseedampfer (Dekoration: der neueste und größte Passagierdampfer Rutland mit Auto-Rennbahn an Bord); das Schiff verbrennt auf offener See (Dekoration: ein Schiffsbrand); die Löschvorrichtungen mit der Bezeichnung »Made in Germany« funktionieren nicht. Der Flüchtling will in ein Rettungsboot springen, springt vorbei und ertrinkt. Gelegentlich einer Tiefseeforschung (Dekoration: Unter der Oberfläche des Meeres! Das Theater zeigt ein ungeheures Aquarium mit allem lebendigen Zubehör) wird er heraufgezogen; man durchsucht seine Kleider nach einem Ausweis über seine Person und findet den Diamanten. Der Gelehrte, der die Expedition leitet, nimmt den Stein an sich. Das Schiff gerät auf eine Klippe (Dekoration: Schiffbruch an einer Felsenküste mit richtigem Wasser); der Gelehrte als einzig Überlebender wird von einer Welle auf den Strand geworfen. Er schlägt die Augen auf, hißt die englische Flagge, die er bei sich hat, und kommt allmählich zum Bewußtsein. Er geht landeinwärts und kommt in einen Urwald (Dekoration: ein Urwald mit echten Giftschlangen und Affen. Mr. Trickbottle mit seinen vier dressierten Papageien, welche Rule Britania singen). Der Gelehrte wird von Wilden überfallen (NB. Echtes Gebrüll von fünf Minuten Länge!); um den Diamanten nicht in ihre Hände fallen zu lassen, verschluckt er ihn schleunigst. Der Gelehrte wird gefangen genommen, zieht eine Taschenbibel, herausgegeben von der Londoner Bibelgesellschaft, aus der Tasche und liest daraus vor. Die Wilden, die kein Englisch verstehen, nehmen das Christentum an, martern den Gelehrten (NB. auf der Szene) und schlachten ihn. In seinem Magen findet man den Diamanten, der natürlich dem Häuptling zufällt.

Inzwischen lieben sich Lizzie Hallelujah und John Above. Beide sind fromm, noch enthaltsamer und noch ärmer. John war vordem gar nicht enthaltsam, sondern ein Säufer und Straßenräuber; aber Lizzie rettete ihn. (Geschichte einer Rettung, vorgetragen von einer Majorin der Heilsarmee.) Lizzie hat als kleines Kind in Reichtum gelebt; aber dann ist ihr Vater gestorben, und seitdem hatte sie nichts mehr. John geht als Soldat mit auf einen Rachezug gegen den Häuptling, der den Gelehrten gefressen und – wie von einem englischen Schiff aus bemerkt wurde – die gehißte Flagge heruntergerissen hat. (Große Schlacht auf der Bühne mit echten Dum-Dum- Geschossen. Bei jeder Vorstellung werden 100 aufrührerische Wilde, frisch aus den Kolonien bezogen, totgeschossen. Nach der Schlacht großes Gebet mit Choralvortrag.) Ein junger Mann tötet mit ungeheurer Kühnheit den Häuptling mit dem Diamanten und entscheidet dadurch die Schlacht. Der Sieger ist kein anderer als John Above. Der Feldherr spricht ihm den Diamanten zu. John damit nach Hause. Jetzt kann er Lizzie heiraten. Er will den Diamanten beim Juwelier verkaufen. Der Juwelier kein anderer als der Bestohlene. Er läßt John verhaften und vor Gericht stellen. (Ein Londoner Gefängnis. Sensationell!! – Vor dem Untersuchungsrichter!) Der Feldherr entlastet natürlich den Angeklagten. Lizzie, ebenfalls als Zeugin vernommen, erkennt den Diamanten als denselben, den sie in frühester Jugend im Hause ihres Vaters gesehen habe. Der Juwelier wird befragt, woher er den Diamanten habe. Er hat ihn von dem Vormund Lizzies gekauft. Dieser, ein alter, geknickter Sünder, gesteht, in die Enge getrieben, ein, daß er Lizzies Vater durch Hypnose zur Abtretung des Steins und anderer Kostbarkeiten gebracht habe. Der Richter fordert ihn auf, Proben seiner Kraft zu geben (große hypnotische Seance mit den neuesten Tricks!!). Letztes Bild: Lizzies und Johns Vermählungsfest mit Feuerwerk, Bibelverteilung und Fußballspiel. Großartiger Schlußeffekt: Mr. Churl schleudert einen Fußball durch die ganze Länge des Theaters und mit solcher Gewalt gegen den Bauch des Portiers, daß diesem das Blut aus den Ohren läuft.

Verfasser des Stückes ist Mr. Cuff; Mr. Smallbrain wird den Text dazu schreiben. Man hofft die zehnfache Zahl der Trilby-Aufführungen zu erreichen. Eine deutsche Übersetzung wird uns das Werk noch vor seinem Erscheinen zugänglich machen.

 


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