Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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7. Kapitel.

Die eine Hälfte des Vereins Nächstenliebe.

Nachdem August einen Artikel, in dem die streikenden Weber, obwohl sie wirklich aus Not streikten, als vaterlandslose Schurken genügend gebrandmarkt wurden, als Appetitschnaps mit Beifall genossen hatte, erschien sein Eisbein und sein schweres Stammseidel, auf dem ein sechs Zoll hoher Bismarck als zinnerner Reichsschmied prangte, und zugleich mit diesen Dingen erschien Herr Alois Gselchwampner, der seit fünfundzwanzig Jahren in dieser norddeutschen Stadt ein Regenschirm- und Spazierstockgeschäft betrieb und seinen bayrischen Dialekt nicht nur nicht abgelegt, sondern oppositionell verschärft hatte. Auf gelegentlichen Vorhalt mußte er zugeben, daß sich auch im Königreich Preußen in weit versprengten Exemplaren einzelne so gute Menschen fänden wie er; aber wenn er es dann logischerweise nicht aufrecht erhalten konnte, daß jeder Preuße ein Saupreuße sei, so drehte er sich heftig in den Schultern und rief:

»I konn und konn holt den Dialekt nit leiden! Wonn so a Preiß sogt: ›Gäben Sie mir ein Löwenbräu‹ – ja Himmelherrgottsakra, da mecht man do glei dreinschlag'n! Sö san ma zu großschnauzi, dö Herrn Preißen! – Paul, a gonze Maß hob i b'stellt und net a halbe. Sö g'scherter Hammel Sö g'scherter! – Zu großschnauzi san 's ma halt, dö Preißen!«

Und darin hatte er ja nun recht: da der bayrische Dialekt die einzig berechtigte Weltsprache ist, so soll ein anständiger Mensch in eine Berlitz-Schule gehen und von einem Bayern Bayrisch lernen, bevor er Löwenbräu trinken will. Auch die Reichswährung war von Alois Gselchwampner noch nicht anerkannt worden. Die Mark war ihm eine preußische Einrichtung, und so sagte er noch standhaft »Gulden« statt Mark, am Biertisch wenigstens, nicht im Geschäft.

Dann kam Herr Friedrich Wilhelm Strippecke, der »Uabährliner« aus Klein-Pinne, ein Versicherungsagent, den man »Direktor« nannte, und allerdings ein mildernder Umstand für Gselchwampner. Er vertrat die Weltanschauung, daß die blauäugige Kartoffel, wenn sie in Berlin serviert wird, der beste von allen Erdäpfeln, ja von allen Äpfeln überhaupt sei, die Gravensteiner eingeschlossen. Alle andern Kartoffeln nannte er denn auch Provinzkartoffeln.

»Jeistiges Leben?« pflegte er zu sagen, »jeistiges Leben? Wo jibt's denn sowat bei uns? Doch nur in Berlin! Theater? In der Provinz kann man doch nich ins Theater jehn! Theater jibt's doch nur bei Reinhardt! Haben Se hier 'n Mollwitz? Haben Se den überhaupt mal jesehn? Der faßt den Prinzen Heinz als perversen Sekundaner auf! Kolossal! Na sowat jibts hier doch nich! Haben Se hier 'ne Eichhoff? Die Eichhoff als Penthesilea – det is det Fabelhafteste an Sadismus, wat Se sick denken können, meine Herren! Se sollten mal sehn, wat die aus der Rolle macht! Det hat der jute Ewald von Kleist sick nich träumen lassen!«

Hierauf erschien in einem Rock mit äußerst effektvollen Seidenaufschlägen, mit sehr blankem Zylinder, goldbeknopftem Ebenholzstock, höchst wertvoll funkelnder Busennadel und knitterschwarzem, senkrecht nach oben gewichstem Schnurrbart der sehr begüterte Besitzer eines stark nach Ammoniak duftenden Vorstadttheaters, genannt »Théâtre Elysée«, er selbst aber ist mit »Herr Geheimrat Direktor Raimond Merswinsky« anzureden. Nämlich darum: Als er noch Direktor des Stadttheaters in Slivovitz war, hatte er dem Fürsten von Klammberg-Krachhausen wiederholt mit Theaterdekorationen und Requisiten ausgeholfen, und dafür war er zum Kommissionsrat ernannt worden. Dann hatte er dem Fürsten mit einer sehr hübschen Schauspielerin ausgeholfen, und da beide hiervon weiter kein Aufhebens machen wollten, so wurde Merswinsky zum Geheimen Kommissionsrat erhoben. Da aber das ein etwas langer Titel ist, so sah es Merswinsky nicht ungern, wenn man ihn kurzerhand in »Geheimrat« zusammenzog. Und ein Bändchen trug er auch im Knopfloch. Solange er nicht da war, konnte Herr Strippecke wohl von dem Glanze Berlins und von der Dunkelheit der Provinz reden; jetzt wäre das nicht ungerügt hingegangen.

»Mein verehrter Herr Direktor,« würde der Geheimrat mit hinabgedrücktem Kehlkopf gesagt haben; denn er drückte beim Sprechen immer den Kehlkopf hinunter, weil ihn das in der Meinung bestärkte, ein »sonores Organ« zu haben, »mein verehrter Herr Direktor, wir wollen doch auch nicht ungerecht sein. Glauben Sie mir, es wird überall mit Wasser gekocht, auch in Berlin, sogar in Wien, am Burgtheater. Ich war doch selbst am Burgtheater engagiert – es ist freilich etwas lange her« – er hätte hinzufügen können: es hat auch nicht lange gedauert –, »aber Sie können mir glauben, es wird überall gute und schlechte Komödie gemacht. Diese Medaille hier hat mir Seine Durchlaucht der Fürst von Klammberg-Krachhausen eigenhändig angeheftet für meinen ›Königsleutnant‹; Friedrich Haase hatte diese Medaille nicht. Ich darf daher wohl ein bescheidenes Wort mitreden.«

O ja, er war immer bescheiden, immer höflich und maßvoll, der Herr Geheimrat; denn erstens war er der Kavalier des Tisches, die oberste Autorität in allen Fragen des Taktes und der feinen Sitte, und zweitens ist ein Theaterdirektor gegen Menschen, die einmal Publikum sein könnten, immer höflich.

 


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