Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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28. Kapitel.

Es lebe die Höflichkeit des Herzens.

Dann wurden auf behördlichen Befehl die Beefsteaks und die Koteletten in den Gasthäusern erheblich kleiner, und nun wurde August sehr ungemütlich. Am ungemütlichsten natürlich gegen den Kellner, etwas weniger, aber doch immer noch ziemlich ungemütlich gegen Herrn Merseburg, höchst ungemütlich dann aber wieder gegen die abwesenden Behörden, gegen die Regierung, gegen den Reichskanzler und den Kaiser, die den sieg- und butterreichen Frieden lange nicht energisch genug herbeiführten. Als an einem fettlosen Tage auch noch die Nachricht kam, daß wir im Westen 7000 Gefangene verloren hätten, da war August nahe daran, wie sein altrömischer Namensvetter mit dem Schädel gegen die Wand zu rennen. Er war gerade wieder einmal sehr mannhaft gegen den Kellner aufgetreten, als am Tische wieder einmal die Frage aufgeworfen wurde, warum die Deutschen so unbeliebt seien.

»Ick versteh' et nich!« rief Strippecke der Berliner.

»Ich auch nich!« sagte August.

»Das scheint mir doch sehr klar,« meinte Schellenbarth.

Aller Augen sahen erwartungsvoll auf ihn.

»Nun,« sagte er, »wir Deutschen sind ein vielseitig und hoch begabtes Volk, sind dabei äußerst fleißig, strebsam, von zäh ausdauernder Tatkraft, sind vor allem ein unverbrauchtes Volk mit der großen Hoffnung im Herzen. Infolgedessen haben wir viel und Großes erreicht, und selbstverständlich ergießt sich über uns von allen Seiten her der Unflat, den man als ›Neid‹ bezeichnet. Ist doch immer und überall so. Wer unangenehm hervorragt, wird so lange mit Unflat beworfen, bis die sanften Niveauübergänge wiederhergestellt sind. Die Völkerseelen sind darin gar nicht anders als die Einzelseelen, nur daß man die Ausdehnungen einer Völkerseele nicht so leicht überschaut. Das deutsche Volk ist ein Emporkömmling, und Emporkömmlinge werden gehaßt, am meisten die, die alles ihrer ehrlichen Kraft verdanken.«

»Bravo, sehr richtig!!« rief August strahlend.

»Solch ein Haß,« fuhr Schellenbarth fort, »ist ja eigentlich die unzweifelhafteste Anerkennung, und wir dürfen stolz darauf sein, anstatt darüber zu winseln –«

»Bravo, bravo!!« schrie August, »ganz meine Meinung!!« Seine Hochachtung vor dem Professor stieg noch immer.

»Ja,« sagte Schellenbarth dann mit seinem dankbarsten und mildesten Lächeln, »nun haben wir Deutschen aber noch ein paar andere Eigenschaften, die nicht schön sind, nicht lobenswert sind. Sie sind nicht schlimm genug, um den Haß einer Welt gegen uns zu rechtfertigen; aber sie geben diesem Haß einen fatalen Schein der Berechtigung; sie sind dem Feind eine bequeme Kulisse, hinter der er seine tieferen Gründe verbergen kann; sie sind vor allem das Zündholz, an dem das aufgehäufte Knallgas in den Seelen unserer Neider explodiert. Ich fahre öfters mit der Vorortsbahn, meine Herren. Wenn ich da sehe, wie 12–14 jährige Schüler sich auf ihren Plätzen herumflegeln, während weißhaarige Damen stehen müssen; wenn ich beobachte, daß diese Buben sich unterhalten, als gehöre der Wagen ihnen allein; wenn ich bemerke, daß niemand im Wagen den Jungen ihr Benehmen verweist; wenn ich sehe, daß eine Dame dem Herrn, der ihr höflich seinen Platz einräumt, nicht einmal mit einem Kopfnicken dankt, dann, meine Herren, geht mir über deutsche Unbeliebtheit ein kleines Licht auf. Wenn ich sehe, wie vor Straßenbahnen oder Theaterkassen die Leute mit Ellenbogen gegeneinander wüten, sogar Männer gegen Frauen, dann, meine Herren, geht mir wieder ein Lichtlein auf. Wenn ich sehe, wie der Deutsche im Salon oder in der Literatur oder in der hohen Diplomatie vor jedem Fremden einen so heftigen Kratzfuß macht, daß er regelmäßig seinem Landsmann mit dem Absatz gegen das Schienbein stößt, dann geht mir ein drittes Lichtlein auf. Und wenn ich« – hier sah Schellenbarth unserm August tief und innig in die Augen – »wenn ich höre, wie deutsche Männer einen Kellner anschnauzen, die nicht um die Welt einen Polizeioffizianten anschnauzen würden, wenn ich höre, wie entsetzlich man in Deutschland beschimpft wird nur darum, weil man nicht die Meinung des Beschimpfers hegt; wenn ich in der deutschen Diplomatie beobachte, wie ein adliges Rindvieh den Vorrang vor dem bürgerlichen Genie hat; wenn ich endlich sehe, daß an dem Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin die großen Denker, Forscher und Dichter unter dem Schwanz des Pferdes angebracht sind, zum Zeichen dessen, was für sie abfällt, dann kommt so allmählich ein kleiner Kronleuchter zustande. Es ist ein hübsches Wort, daß die Engländer mehr Zivilisation hätten, wir aber mehr Kultur; es stimmt auch; aber Zivilisation ist ein Teil der Kultur, und Zivilisation macht beliebt.«

Dieser Rede folgte ein nachdenkliches Schweigen der Tischgesellschaft. Dann aber sagte August Gutbier mit sinnendem Ernste:

»Da is viel Wahres drin, in dem, was Sie da gesagt haben, Herr Professor. Ich hab' neulich wahrhaftig auch in der Bahn stehen müssen, während so 'n Schnösel von Gymnasiast ruhig sitzen blieb.«

Dann nahm Herr Bopserle das Wort. »Sie werde aber zugebe, Herr Professor, daß das, was Sie soebe g'sagt habe, ganz b'sonders fir Norddeitschland zutreffend ischt; der Schwab' zum Beischpiel ischt der heefligschte Mensch von der Welt!«

»No freili!« rief Gselchwampner, »dös san halt die Preißen, die wo ins in der gonzen Welt unb'liebt mochen!«

»Ja« – versetzte Schellenbarth mit kindlicher Schüchternheit – »es hat jedenfalls an mir gelegen, daß ich die bayrischen Beamten immer am gröbsten gefunden habe.«

»Aber beilei', Herr Professor!« rief Aloisius, »dös muß ein gonz ein merkwirdinger Zufall g'wesen sein; mir Bayern san do die g'miatlichsten Leut' von der Welt!«

»Jawoll, in dieser jlücklichen Einbildung lebt ihr, det is bekannt,« sagte Strippecke. »Un det is der Unterschied zwischen euch und uns: wir sind man schwer zu verdauen; aber wir wissen's ooch und sind stolz druff.«

»Nu, meine Herren,« fiel Bemmefett ein, »Unheeflichgeid – des is nu ä Laster, das man uns Sachsen weeß Gott nich nachsagen gann! Der Sachse is die Heeflichgeid und Zuvorgommenheit selber. Un warum soll mer nu nich heeflich sein, ich bitt' Se in Gottes Namen! Heeflichgeid gost't doch nischt! Und bringt viel ein!« schloß er mit lehrsam erhobenem Zeigefinger.

»Bravo, Herr Bemmefett,« rief der Professor und stieß mit ihm an, »es lebe die Höflichkeit des Herzens!«

»Brost!« sagte Bemmefett.

 


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