Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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10. Kapitel

Eine neue Störung der Gemütlichkeit

Als somit der Einbruch des Fremden endgültig erledigt war, ging man zum nächstwichtigsten Zeitereignis über, nämlich zur Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Serajewo.

»Se sollen sahn, meine Herren, das gibt wos!« sagte Bemmefett bedeutungsschwer.

»Wieso, was denn?« fragte Gutbier.

»Nu, a klein's Kriegle halt zwischen Öschterreich ond Serbien,« meinte Bopserle.

»No, was leit ins dran,« grunzte Gselchwampner, »soll'n 's sich halt raufa. Wern's holt was ins G'friß kriegn, dö Herrn Schlawiner, dö lauseten!«

»Jawoll!« rief Herr Strippecke, »und denn kommt der Russe mit mang, und denn sitzen wir ooch drin!«

»Hmmmm...« tönte es von der Höhe des Geheimrats herab. Alles wandte sich ihm zu. Noch lagerten geheimnisschwere Wolken um den Gipfel des Sinai; aber sie begannen sich zu lichten.

»Hmmmm...« begann der Kehlkopf des Geheimen Kommissionsrats, »Sie wissen, meine Herren, ich habe meine Beziehungen... ich habe mit einer hochgestellten Persönlichkeit über die Lage gesprochen, mit einer sehr hochgestellten Persönlichkeit sogar... Sie können sich getrost darauf verlassen, meine Herren, ein Krieg ist vollkommen ausgeschlossen, ich weiß es. Nicht einmal zwischen Österreich und Serbien wird es zu einem Kriege kommen.«

Diese Erklärung beruhigte unsern Gutbier offensichtlich.

»Das bedaure ich sehr!« erklärte er daher mit Nachdruck. »Ich warte ja bloß darauf, daß wir endlich mal losschlagen! Wir haben uns ja schon viel zu viel von der Saubande gefallen lassen! Wenn unsere Regierung nich so schlapp wäre –«

»Wie alt sin Se denn?« fragte Bemmefett mit einem leichten, aber häßlichen Unterton.

»Ich?« fragte Gutbier. »Ich bin vierundvierzig.«

»Nu, da brauchen Se ja nich mehr mit!« lächelte Bemmefett.

»Wieso?« rief Gutbier mit großem Augenaufschlag. »Meinen Sie vielleich, daß ich erst warten werde, bis man mich ruft? Den ersten Tag, wo's losgeht, meld' ich mich freiwillig, da können Sie aber Gift drauf nehmen!« rief er todesmutig.

»Sie werden uns gerüstet finden!« drohte Herr Richard Merseburg mit portweinflammenden Blicken; denn er hatte während dieses Gesprächs schon wieder ein Gedicht beinahe fertiggestellt. Er trug ein Reimlexikon im Kopfe mit sich herum, dessen Hauptbestand wir hier aufführen wollen:

stark – Mark
Schwert – Herd
Flammen – verdammen
Throne – Kanone
Gott – Spott
Blut – tut
usw. usw.

und diese Reime brauchte er nur durcheinanderzuschütteln wie die Würfel beim Knobeln, es kam jedesmal ein Pasch der Dichtkunst heraus, zum Beispiel:

    Treuer Deutscher, zeig dich stark,
Schütz' die heil'ge Landesmark,
Schüre der Begeist'rung Flammen,
Oder Gott soll dich verdammen!

    Aus der Scheide mit dem Schwert;
Denn es geht für Haus und Herd;
Treu dem deutschen Kaiserthrone,
Schwing den Säbel, die Kanone!

    Opfre freudig Gut und Blut,
Wie es jeder Deutsche tut;
Mach der Feinde Macht zu Spott,
Feste drauf, mit uns ist Gott!
        usw. usw.

Die Kriegsbereitschaft Gutbiers hatte auf alle – Bemmefett vielleicht ausgenommen – eine tief beruhigende Wirkung ausgeübt, und so verließ man den beunruhigenden Gegenstand und ging zu Kunstgesprächen über. Bevor wir aber diesen Gesprächen unser Ohr leihen, müssen wir von einem Ereignis Kunde geben, das in der Geschichte des Stammtisches eine Wende bedeutet. Dieser sollte nämlich noch am selben Tage durch ein merkwürdiges Mitglied bereichert werden. Ein Kellner hatte sich zu Herrn Merseburg herabgeneigt und ihm ins Ohr geflüstert, daß drüben am Tisch der berühmte Professor Schellenbarth sitze und Herrn Merseburg zu sprechen wünsche. Herr Merseburg war wie ein Sektstöpsel emporgeschnellt und zu dem erlauchten Gaste geeilt. Es muß aber so schnell wie möglich gesagt werden, daß dieser erlauchte Gast ein durchaus ungehöriger Mensch war.

 


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