Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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15. Kapitel.

August radiert Landschaften.

Die Versicherung des Herrn Geheimrats, daß der Gedanke an eine Kriegsgefahr einfach lächerlich sei, hatte unsern Gutbier dermaßen beruhigt, daß er mit seiner Gemahlin eine Autoreise durch Deutschland und in die Schweiz hinein unternommen hatte. Es hat keinen Sinn, daß wir uns in den folgenden drei Wochen mit dem Stammtische befassen; denn was ist das Symposion ohne den Symposiarchen, was ist das Sonnensystem ohne Sonne, was der Verein Nächstenliebe ohne Gutbier? Wohl aber wird es von hohem Reiz sein, den Heimgekehrten die mannigfachen und tiefen Eindrücke seiner Reise in glühenden Farben schildern zu hören.

»Unter achtzig Kilometer die Stunde taten wir's nicht!« rief August flammenden Blickes, »'n paar mal haben wir's auf hundert gebracht. Junge, Junge, Junge, meine Herren! Was uns übern Weg lief, das war geliefert! Ich weiß nich, wieviel Hühner, Gänse un Hunde wir auf 'm Gewissen haben; aber wenig sind's nich. Wenn wir uns umsahen, nix als Staub un Dreck, die ganze Landschaff wegradiert! Häuser, Bäume, Menschen – wegradiert! Es war großartig, meine Herren! Und geschimpft haben sie hinter uns her – hohohoho! – wir hab'n uns dotgelacht hab'n wir uns!«

In Eisenach waren sie gewesen.

»Och, Eisenach is reizend, ich kenn' es ja von früher her! Da wohnt man im Hotel Pinkepank ganz ausgezeichnet! Da gibt es schon zum Frühstück Eier, Wurst un Käse un Honig und Huhn un Perdühn, un mittags 'n tadelloses Diner zu sechs Gängen, un 'n sehr guten Bordeaux zu 5 Mark hat der Mann – überhaup gar nich teuer, gar nich teuer!«

Durch Rothenburg an der Tauber waren sie gekommen.

»Ja, das 's ja nu sehr unmodern,« meinte August; »aber im ›Grünen Reiher‹ haben wir doch sehr anständig gewohnt. Und 'ne Forelle haben wir da gekriegt, ich kann Ihnen sagen, meine Herren, die kriegen Sie bei Pfordte auch nich besser. Un'n ausgezeichneten Markobrunner dazu! Un für die ganze Geschichte hab' ich – mit Trinkgeld! – zwanzig Mark bezahlt – ich meine, da kann man nix davon sagen!«

Und München hatten sie gesehen!

»Jaa, das muß man ja nu sagen,« schwärmte August mit verschwimmenden Blicken, »das Hofbräuhaus is ja einzig in seiner Art! Das Bier, meine Herren? Da kann ich 'n ganzen Tag davon trinken un merk' nix davon! Meine Frau, die sons überhaup nix trinkt, hat drei Moaß vull davon getrunken!« (Hier wollte August bayrisch sprechen; in Erinnerung des Hofbräuhauses vergaß er überhaupt allen Partikularismus und empfand reichsdeutsch.)

Auch Gselchwampners Augen schwammen in deutscher Bruderliebe wie zwei weiße Billardkugeln in Bouillon, als Gutbier sein München rühmte.

»Sö, Herr Nachbar, san's denn auch beim Donisl g'wesen?«

»Donisl? Nee.«

»Aber gengen S', Sö spaßen halt, – beim Donisl war'n S' net g'wesen? Bei die Weißwierscht vom Donisl?«

»Nee nee!«

»Ja da legst di nieder! Ja dös is do gor net meegli! Hiatzt, da schaut's her, Leutln, hiatzt is der in Minka g'wesen und hat koane Weißwierscht beim Donisl net gessen! Ja, mei liawer Herr Nachbar, da san's halt in Rom g'wesen und ham an Papst net g'sehgn!«

»Ja, man kann ja nich allens sehen, nöch?« meinte August.

»Haben Sie die Pinakotheken gesehen?« fragte der Professor, der ein häufiger Gast des Stammtisches geworden war.

»Nee,« sagte August, der dabei an etwas Apothekenartiges dachte.

»Ah, Herr Nachbar,« meinte Gselchwampner, »des hätten S' net verseimen dierfen! Also mir ham zwei Binagodäken, eine olte und eine neiche, aber die olte is no so guet, daß man si net auskennt, welches die olte und welches die neiche ist. Alsdann haben wir noch eine Klippdodäk, und dann ist da dö Schackgalerie, dö is freili jetzt breißisch g'worn ...«

»Sie kennen alle diese herrlichen Sammlungen gewiß wie Ihre Westentasche!« meinte Schellenbarth mit schwärmendem Blick.

Aloisius hätte ruhig »ja« sagen können; denn in seine Westentasche guckt man bekanntlich nie hinein; aber er wurde doch verlegen.

»No, dös kann i grad net sag'n,« meinte er; »schau'n, S', Herr Professor, wie i furt bin von Minka, da war i halt no a junger Lakl – und hiatzt wann i hienkomma tu, nacha is zum Fasching oder zum Salvater – da kinnan S' Eahna dengen –«

»Das Übrige kann ich mir denken,« lachte Schellenbarth. »Lieben Sie das Rokoko?« wandte er sich dann wieder an Gutbier. Gutbier wußte, daß das so etwas mit Schnörkeln ist und mit Reifröcken und tief ausgeschnittenem Mieder.

»Ja, ja!« rief er, »das hab' ich sehr gern!«

»Waren Sie in Nymphenburg?« rief Schellenbarth, »haben Sie sich das Residenztheater angesehen?«

»Nee – nee,« machte August, dem diese ewigen Fragen ungemütlich wurden, »man kann ja nich allens sehn, nöch? Wir sind ja auch bloß 'n paar Tage in München gewesen, denn sind wir nach der Schweiz getöfft. Da is man ja nu glänzend aufgehoben, das muß man ja nu sagen! Für zehn Franken pro Tag un Nase haben wir volle Pension gehabt, un allens sehr gut!«

»Waren Sie am Vierwaldstätter See?« fragte jemand.

»Jaa, natürlich, selbstverständlich! Vierwaldstätter See un Rigi un Jungfrau, natürlich. Sogar 'n Mongblankk haben wir von weiten gesehen, jaa. Allens sehr hübsch, sehr nett. Bloß die hohle Gasse, da war'n wir ja nu sehr enttäuscht; das ischa nu gar nix!«

 


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