Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

 << zurück weiter >> 

32.Kapitel.

Kamerad August.

Ein wirksames Mittel gegen fortgesetzte militärische Belästigungen ist das Kranksein, und nach vorliegenden Berichten hat es August wieder und wieder versucht, zu erkranken; es ist ihm aber nach übereinstimmendem Urteil der Ärzte nie gelungen. Wenn er einmal mit dem Anschein einer Krankheit ins Revier kam, dann waren die verabreichten Abführungsmittel so energisch und die Ernährung so immateriell, daß August wie durch ein Wunder, wie durch Gesundbeten oder durch Handauflegen wieder genas.

Der Trost des Soldaten nach allen Mühseligkeiten und Beschwerden des Dienstes ist sonst die Menage. Aber August war es eigentlich etwas anders gewohnt, als es ihm hier geboten wurde. Wenn auch Line nicht allzu üppig kochte – anders war es früher doch gewesen, besonders im »Franziskaner«. Namentlich waren die Dinge anders serviert worden. Am ersten Morgen seines Kasernendaseins war ein Eimer mit einer bräunlichen Flüssigkeit in die Stube gebracht worden, und August hatte sich schon gewundert, daß man mit so trübem Wasser den Fußboden scheuern wolle. Aber es war im Gegenteil der Morgenkaffee gewesen. August liebte es nicht, mit allen erdenklichen »Proleten« zusammen in der Küche anzustehen, sich aus einem ungeheuren, lieblosen Kessel – ähnlich dem, in dem die »Jüdin« von Halévy gekocht wird – mit einer pietätlosen Bewegung das Essen in eine Art Waschbecken schütten zu lassen; er liebte es nicht, Linsen und Graupen zu einer gestaltlosen Masse vereinigt und eine Wurst im bekleideten Zustande darin herumschwimmen zu sehen. Überhaupt: der ganze Zuschnitt paßte ihm nicht. Nun wurde ja freilich für unsern Helden die Menage wesentlich gemildert durch häusliche »Futterpakete«; aber auch diese Freude sollte ihm nicht rein beschieden sein. Bei den Soldaten herrscht noch der Kommunismus der ersten Christen, von denen es in der Apostelgeschichte heißt, daß ihnen »alles gemein« war: sie unterscheiden sich nur dadurch von diesen, daß ihnen nichts heilig ist. August schätzte den Kommunismus keineswegs und gedachte nicht, auch nur einen Wurstzipfel an Leute hinzugeben, die ihn nicht interessierten. Er gehörte zwar dem »Verein Nächstenliebe« an; aber zwischen Zigarrenabschnitten und Wurstabschnitten klafft ein unüberbrückbarer Unterschied, und auch die Liebe soll man nicht übertreiben. Die Soldaten empfanden diese Weltanschauung unangenehm, und als August einmal sein Spind in dienstlicher Eile unverschlossen gelassen hatte, waren bei seiner Rückkehr seine sämtlichen Mundvorräte verdunstet. Natürlich tat August das in solchen Fällen einzig Richtige: er tobte; aber da er mit seinen Anschuldigungen und Verdächtigungen zufällig auf lauter Unschuldige traf, so antwortete man ihm mit Verbalinjurien, die hart ans Reale streiften und ihm dicht an der Nase vorbeischrammten. Natürlich dachte August auch nicht daran, von seiner nächsten Futterkiste etwas abzugeben – i, wie käme er dazu?! Er war ein Charakter, wie wir wissen, ganz besonders in Fettwaren. Die Folge war allerdings, daß er sich, gleichsam ein schweinerner Harpagon, an seinen Schätzen nur in größter Heimlichkeit weiden konnte; denn sobald er sie in Gegenwart der Kameraden genoß, streuten sie ihm so viel gesalzene und gepfefferte Epigramme, Bonmots und Glossen darauf, daß er glauben konnte, er sei nach den Molukken oder Gewürzinseln versetzt. Mit besonderer Vorliebe sang man ein Lied, das ein vom Pegasus geschlagener Weißwarenhändler dem großen Uhland abgelauscht hatte:

Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bösern findst du nit.
Er fraß vom Speck 'ne Seite,
Und von der Wurst die Häute,
Die fraß er ooch noch mit.

Eine Kiste kam geflogen,
Gilt sie dir oder gilt sie mir?
Er hat sie weggerissen;
Uns hat er was geschonken.
Meinst du? Da irrste dir!«

usw., mit jener Grazie, deren sanfter Flügel in Kasernen weilt. –

Es wird wohl ewig ein Rätsel bleiben, warum August Gutbier, der weidgerechte Jägersmann mit dem Drillinggewehr zu 2000 Mark, der Böcke von 50 Pfund erlegte, sich durchaus nicht entschließen konnte, seine königlich preußische Musketierflinte abzudrücken, als es im Schießstand den ersten scharfen Schuß zu tun galt. So gut wie vorn konnte die Kugel auch einmal hinten hinausfahren: der Gedanke störte ihn. Wäre Beethoven oder Brahms mit seinem Erstlingswerk zu Anton Bemmefett, dem Musikalienhändler, gekommen – sie hätten ihn noch leichter zum Abdruck bewogen als der Schießoffizier unsern August. Nur nach Aufbietung aller erdenklichen Redekünste gewann es August über sich, bei geschlossenen Augen den Abzug durchzureißen und das Geschoß in die Traversen zu entsenden. Zunächst war er einer Ohnmacht nahe wie Tell, als er auf das Haupt des Kindes gezielt hatte; dann aber, als er sich unverletzt fühlte, blickte er strahlend um sich, als habe er den Weltkrieg beendet. Leider war kein Weber zur Stelle, der da hätte jubilieren können:

»August hat den ersten Schuß getan!«

Mit dem Treffen blieb es dann freilich auch fernerhin schwach bestellt – eine Scheibe ist eben kein Rehbock –, August schoß entweder ins Erdinnere oder nach den Sternen, entweder zu weit nach Asien oder zu weit nach Amerika hin (als ahnte er das Eingreifen des Herrn Wilson), und manch bittere Rede, manch bittere Strafübung mußte er über sich ergehen lassen. Den Verfasser erfüllt dieser Umstand, da er seinen Helden nun bald an die Front entsenden muß, mit stiller Besorgnis.

 


 << zurück weiter >>