Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

 << zurück weiter >> 

29. Kapitel.

August wird durch einen Wunderdoktor auf der Stelle geheilt.

Es war etwa um die Mitte des dritten, Kriegsjahres, als Leonhard Schellenbarth in das Große Hauptquartier am Franziskanertisch einen kleinen Mann von äußerst raschen, energischen Bewegungen, mit ungemein lebendigen, lustigen Augen und heller Tenorstimme mitbrachte, dessen Namen man bei der Vorstellung, wie das immer so zu gehen pflegt, nicht verstand. Schellenbarth hatte ihn als seinen Freund eingeführt; man hatte oberflächlich von ihm Notiz genommen und setzte die angefangene Unterhaltung fort. Man sprach von den Verlusten an Menschenleben, die der Krieg auch uns koste, und von der umfangreichen Einziehung neuer Mannschaften.

»Och, wir haben ja noch so viel Leute!« rief August. »Sie sollen man immer feste einziehen; da laufen noch massenhaft junge un starke Kerls herum, die gut un gern 'n Schießprügel tragen können.«

»Unser Herr Gutbier ginge auch gar zu gern mit, wenn er nur könnte!« sagte Schellenbarth zu seinem Freunde.

»Warum können Sie nicht?« fragte der Fremde vergnügt.

»Kann aus 'm Geschäff nich weg,« versetzte August.

»Nun, ihr Geschäft haben Millionen andere auch drangeben müssen,« meinte der Fremde; »für einen Patrioten wie Sie spielt ja der persönliche Vorteil keine Rolle, wenn das Dasein des ganzen Volkes auf dem Spiele steht.«

»Um meinen persönlichen Vorteil handelt es sich auch gar nich; ich bin ja Armeelieferant.«

»Nun, und – ?«

»Ja, das muß ich doch selbs machen!«

»Warum, wenn ich fragen darf.«

»Na, weil das kein anderer versteht.«

»Ich habe von Ihnen gewiß eine sehr hohe Meinung,« sagte der Fremde; »als mein Freund Schellenbarth mir Ihren glühenden Patriotismus schilderte, hegte ich sogleich für Sie die lebhafteste Sympathie, und ich sagte mir: den Mann mußt du kennenlernen! – aber schließlich ist ja kein Mensch unersetzlich. Wenn Sie den ungestümen Drang haben, an die Front zu kommen, dann müßt' es doch mit allen Teufeln zugehen, wenn Sie keinen brauchbaren Vertreter finden könnten. Schließlich hängt es ja auch von der Armeeleitung ab, ob sie nur mit Ihnen oder auch mit einem Vertreter verhandeln will. Und wenn Sie Ihren unerschütterlichen Entschluß sieht, Soldat zu werden, da muß sie doch ein Einsehen haben. Vielleicht kann ich etwas für Sie tun; ich habe gewisse Beziehungen –«

»Och, das hilft ja allens nix,« sagte Gutbier traurig; »ich kann ja doch nich mit! Ich hab' ja 'n Herzfehler.«

»Einen Herzfehler?« fragte der Fremde mit ganz großen Augen.

»Jaa, ach, mein lieber Herr, wenn ich den nich hätte, denn wär' ich längs über alle Berge! Zwanzig Flaschen Sekt gab' ich ja aus, hier auf der Stelle, wenn ich felddienstfähig wäre!«

»Die können wir gleich trinken,« sagte der Fremde.

»Wieso?«

»Sie haben keinen Herzfehler.«

»Nanu? Woher wissen Sie denn das?«

»Erlauben Sie zunächst eine Gegenfrage. Haben Sie Ihr Herz untersuchen lassen?«

»Natürlich!«

»Von wem?«

»Ja, wie heißt er man noch, der Doktor – der Name is mir entfallen –«

»Wo wohnt er?«

»Ja, wie heißt die Straße noch, da unten, da – hab' ich auch vergessen.«

»So. Was hat er Ihnen denn verordnet?«

»Na – ich soll mich nich anstrengen.«

»Soso. Mich wundert nur, daß er Ihnen nicht zuerst und vor allem den Sekt verboten hat. Sekt ist nämlich das reine Gift für Herzkranke. Aber Sie können so viel trinken wie Sie wollen. Sie werden nicht wenig vergnügt sein, wenn ich Ihnen sage, daß Sie nach meiner Überzeugung einen vollkommen tadellosen Pumpapparat im Busen tragen.«

»Wieso? Verstehn, Sie denn was davon?«

»Mein Freund ist Arzt,« sagte Schellenbarth.

»Hach, Ärzte können sich auch irren,« rief August erleichtert.

»Ich bin bei der Vorstellung wohl nicht deutlich genug gewesen,« meinte Schellenbarth; »mein verehrter Freund ist der berühmte Spezialist für Herzkrankheiten Generalarzt Professor Dr. Seidensticker.«

»Oh, bitte,« machte Seidensticker. Und dann zu unserm Gutbier gewendet: »Der unbekannte Kollege, der Sie untersucht hat, hat sich jedenfalls geirrt. Sie sind für mein ärztliches Auge das Urbild eines blühenden deutschen Mannes, eine wahre Zierde unserer germanischen Rasse. Das Herz lacht mir im Leibe, wenn ich mir Sie als schneidigen Soldaten in einer flotten Uniform vorstelle! Wissen Sie was? Ich bin leidenschaftlicher Sekttrinker und hab' heute gerade meinen schönsten Durst. Ich untersuche Sie auf der Stelle, wenn Sie's wünschen.«

»Nee, nee, nee!« wehrte August ab, »das geht doch nich! Hier in der Kneipe!«

Herr Merseburg beeilte sich, zu erklären, daß er seine sämtlichen Wohnräume zur Verfügung der Herren stelle.

»Na also!« rief Seidensticker vergnügt. »Herrgott, es muß Ihnen doch eine Zentnerlast vom Herzen fallen, wenn Sie hören, daß Sie gesund sind! Es muß ja doch ein scheußliches Gefühl sein, sich immer mit dem Gedanken an ein so fatales Übel herumzuschleppen, sich alle möglichen Vergnügungen versagen zu müssen und seinem Vaterlande in solcher Zeit nicht dienen zu können! Also los!« Er erhob sich halb vom Stuhle.

»Nee, nee, nee!« rief August mit angstvollem Lächeln, gab aber keine Gründe mehr an. Übrigens hatte er jetzt wirklich ein wenig Herzklopfen.

Der ganzen Tischgesellschaft hatte sich eine ungeheure Spannung bemächtigt, und es blieb nur zweifelhaft, was man inniger ersehnte: die Gesundheit Augustens oder seine militärische Mitwirkung am großen Kriege oder die zwanzig Flaschen Sekt.

»Dos versteh' ich nu nich!« rief Bemmefett entrüstet. »Wenn ich Gelächenheit habe, von ener hochberihmten Audoridät gradis undersucht zu wer'n un mir meine Gesundheit bestädt'chen zu lossen, da greif' ich doch zu?!«

»Ja,« fuhr Bopserle fort, »ond wo Sie doch gar koin heißere Wonsch hent als Soldat zu werde – des versteh' i au nit!«

»Mir sollte det nich jeboten werden,« rief Strippecke.

»No jo, i mein aa,« kam Gselchwampner hinterdrein, »hiazt kinnen S' nimmer z'ruck, Herr Nachbar. Wann 's hiazt nit zugreifen, nacha sullt man ja denken, 's war Eahna gar net ernst g'wesen mit Eahnern Badriodismus!«

»Och, das ischa nu Quatsch, nich?« rief der bedrängte August. »Ich komm' hier doch nich an 'n Stammtisch, um mich untersuchen zu lassen, nöch? Morgen ischa auch noch 'n Tag, nöch?«

»Wie alt sind Sie denn eigentlich, wenn ich fragen darf?« sagte der Generalarzt.

»Och, ich werd ja schon achunvierzig!« rief August.

»Wann?«

»'n zweiten August.«

»Am zweiten August? Dann waren Sie ja bei Kriegsbeginn noch keine fünfundvierzig. Da können Sie aber von Glück sagen: dann sind Sie ja noch militärpflichtig. Dann werden Sie auch genommen, da können Sie ganz ruhig sein! Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann –«

»Ich kann ja geschäfflich nich los!« rief August verzweifelt.

»Aaach, das wird alles gemacht!« versetzte Seidensticker mit Frohsinn. »Da machen Sie sich nur keine Sorgen. Ich bin morgen in Berlin; da sprech' ich mit den zuständigen Stellen.«

»Ja –« begann August.

»Bitte, nichts zu danken,« rief jener, »das sind Gefälligkeiten, die sich von selbst verstehen. Ich bin stolz darauf, unserer Armee einen Mann von Ihrer Qualität zuzuführen.

Wenn solche Köpfe feiern,
Welch ein Verlust für unsern Staat!

Und damit Sie sehen, daß ich in Hinsicht Ihrer Gesundheit meiner Sache gewiß bin, lege ich hier 500 Mark nieder für zwanzig Flaschen Sekt. Wenn Sie Soldat werden, geben Sie mir sie wieder; wenn nicht, bin ich sie los. Einverstanden?«

»Ja – ja – natürlich,« stammelte August.

Der Verein Nächstenliebe brach in allgemeinen Jubel aus.

»Beginnen wir noch heute mit der Vertilgung,« rief der fidele Generalarzt. »Können wir Sekt haben, Herr Wirt?«

Merseburg sprang auf, schlug die Hacken zusammen, drückte die 56jährigen Knie durch und schrie: »Zu Befehl, Herr Generalarzt!«

Als der Sekt aufgefahren wurde, neigte sich Seidensticker mit menschenfreundlichem Lächeln zu August hinüber und sagte:

»Das heißt: Wenn Sie wirklich fest davon überzeugt sind, daß Sie einen Herzfehler haben – mein Gott, ich bin ja auch nur ein Mensch und dem Irrtum unterworfen – also, wenn Sie der festen Meinung sind, daß Ihr Herz nicht in Ordnung ist, dann trinken Sie um Gotteswillen nicht mit; denn wie gesagt: jedes Glas Sekt ist dann ein Nagel zu Ihrem Sarge, jeder Proppen ein Brett!«

Das war ja ein netter Besuch, den der Professor da mitgebracht hatte. Und der Professor schien für seinen Mißgriff gar kein Gefühl zu haben; er strahlte übers ganze Gesicht.

Aber August fühlte, daß er jetzt Diplomat sein und Selbstbeherrschung üben müsse.

»Ja – ja –« sagte er, »ich kann ja Rotwein trinken.«

»Ja, Rotwein ist natürlich auch nicht das Richtige.«

»Was soll ich denn trinken?«

»Nna – trinken Sie Sauerbrunnen.«

Da machte August ein Gesicht, als wenn er ihn schon getrunken hätte, sagte »Prost, Prost!«, als die Herren mit dem Sekt auf seine künftige Ruhmeslaufbahn anstießen, bat dann die Gesellschaft, ihn zu entschuldigen, er müsse noch ins Kontor, trank seinen Bierrest aus und ging.

Schellenbarth und Seidensticker verabschiedeten sich dann auch bald, da sie gewiß sein konnten, daß die Zurückbleibenden das Geschäft schon liquidieren würden; diese blieben denn auch noch lange beisammen und tranken so lange »Mumm,« bis sie es nicht mehr sagen konnten.

In solchen gehobenen Augenblicken befolgte diese Gemeinde einen eigentümlichen Ritus. Sie ließen alles, was auf Erden kriecht, hochleben, und wenn sie zwischen Gis-dur und Gießhübler, zwischen Tonart und Graupensuppe nicht mehr unterscheiden konnten, dann sangen sie das Chorwerk:

»Ein Hoch mit harmonischem Klang,
Ein Hoch mit harmonischem Klang,
Ein Hoch, ein Hoch
Mit harmooooonischem Klang,
Hoch, hoch!«

Canes a non canendo.

Tranken sie all den Sekt auf Kosten Seidenstickers oder auf Kosten Gutbiers? Der siebente Tag schon entschied es.

August Gutbier hatte nämlich schon drei Tage nach der Begegnung mit Seidensticker den Befehl in Händen, sich zu einer militärärztlichen Untersuchung zu stellen. Und schon vier Tage später stand er vor der Aushebungskommission. Der untersuchende Arzt empfing ihn mit sichtlichem Wohlwollen.

»Herr Gutbier,« stellte er den Prüfling dem Vorsitzenden der Kommission vor. Der lächelte nicht minder erfreut.

»Haben Sie körperliche Fehler, Herr Gutbier?«

»Ja, einen schweren Herzfehler.«

»Was Sie sagen!« Der Arzt untersuchte sein Herz.

»An dem Fehler sterben Sie nicht,« sagte er dann. Darauf ließ er noch einmal wohlgefällig seine Blicke über den ganzen Menschen gleiten und sagte:

»Endlich mal wieder eine deutsche Heldengestalt. Infanterie.«

 


 << zurück weiter >>