Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

 << zurück weiter >> 

6. Kapitel

Das geschändete Heiligtum

Wie aber das Schicksal so oft die edelsten Handlungen mit schnödestem Undank lohnt, so erntete Gutbier für seine Pünktlichkeit an diesem Tage eine tief empörende Kränkung. Von den Mitgliedern des Stammtisches war noch keines zugegen; dafür aber saß an diesem Tische – man kann es eigentlich gar nicht begreifen – ein Fremder! Ein ganz beliebiger Fremder! Hatte sich ganz frech an den heiligen runden Tisch gesetzt und trank da sein Bier! In einer Gemütsruhe, als gehöre er dorthin! Das war ungefähr so, als wenn ein Zuchthäusler ins Herrenhaus ginge und dort auf der Ministerbank Platz nähme, oder als wenn der Handelsmann Moische Fischgeruch in der Peterskirche zu Rom die Messe zelebrierte. Und ohne jede Befangenheit, ohne jedes Bewußtsein seines Frevels! August Gutbier blieb mit einem Arm im Überzieher stecken, als er das sah.

»Was heißt das?« fragte er den behilflichen Kellner mit tödlicher Betonung.

»Ja – ich – ich weiß nicht,« stotterte dieser erbleichend; »das muß der neue Kellner getan haben; der weiß noch nicht –«

»Rufen Sie Herrn Merseburg!« versetzte Herr Gutbier steinern. Er blieb im Überzieher stehen und starrte abwechselnd auf das sakrale Rund des Stammtisches und auf den Fremden, der in aller Gemächlichkeit seine Zigarre rauchte und ganz ersichtlich nichts von dem frommen Schauder empfand, mit dem seinerzeit der Sänger aus Rhegium in Poseidons Fichtenhain eintrat. Gutbier hätte verlangen können, daß der Fußboden sich auftue und den Heiligtumsschänder verschlinge; indessen er verlangte es nicht, und so unterblieb es.

Herr Merseburg, der Wirt, stürzte bestürzten Sinnes herbei und sah das Schreckliche.

»Was heißt das?« fragte Herr Gutbier abermals. Nur dies; kein Wort mehr; aber jedes Wort war ein Bajonett.

»Ach, das hat gewiß der neue Kellner gemacht,« stammelte Herr Merseburg. »Entschuldigen Sie bitte tausendmal; vielleicht nehmen Sie einen Augenblick hier Platz; der Herr hat ja gleich ausgetrunken ...«

»Ich den–ke gar–nicht da–ran,« versetzte Gutbier, und diese Worte müssen gesperrt gedruckt werden, weil er sie ganz gesperrt aussprach.

»Ich den–ke gar–nicht daran,« sagte er noch gesperrter und fügte hinzu: »Ich kann mein Bier ja auch anderswo trinken.« Er war 'n guter Kerl; aber er war ein Mann.

»Um Gottes willen!« rief Herr Merseburg; »nur einen Augenblick, ich bringe die Sache schon in Ordnung!«

Unter dreizehn Verbeugungen machte Herr Merseburg dem Fremden begreiflich, daß er sich an einen reservierten Tisch gesetzt habe.

»,Oh, ooh!« rief der, »das tut mir aber leid! Ich bitte um tausend Pfund Speck! Gern, gern!« Und er nahm ohne weiteres sein Bier und setzte sich an einen anderen Tisch.

»Bitte um tausend Pfund Speck!« hatte er gesagt. Auch noch frivole Redensarten! August blickte ihm nach wie der Kaiser Nero einem verreckenden Christensklaven, der aus der Arena geschleift wird. Und er setzte sich nicht eher an den Tisch, als bis der eilfertige Kellner alle Spuren des Fremdlings bis auf das letzte Stäubchen getilgt hatte, und setzte sich auch dann nur zögernd und ließ sein Hinterteil als wuchtigen Protest auf das Ledersofa fallen. Er war ein reservierter Herr.

»Das müssen Sie wirklich entschuldigen,« flüsterte tiefgebeugt Herr Merseburg; »so 'n neuer Kellner –«

»Ja, was stell'n Sie denn so 'n Schafskopf daher!« knurrte Gutbier wie ein abziehendes Gewitter. »Warum is Paul denn nich da?«

»Paul hat heute seinen freien Tag.«

»Ppph – freien Tag!« machte August. »Wann hab' ich mal 'n freien Tag? Ich muß alle Tage arbeiten!«

»Dscha,« hauchte Merseburg mit verbindlichem Achselzucken. »Na, kann ja mal vorkommen, nicht wahr? Was darf es denn heute sein? 'n schönes Schnitzel?«

August nahm die Speisekarte und holte ein Monokel aus der Westentasche. Er hatte eigentlich vollkommen ausreichende Sehschärfe auf beiden Augen; aber ein Monokel erhöht immer das gesellschaftliche Niveau.

Nicht um die Welt hätte Gutbier einen Kellner angesehen, während er mit ihm sprach. Es vergrößert ganz außerordentlich den Abstand, wenn man, während man mit dem Kellner verhandelt, durchs Fenster sieht und andauernd einen Hund auf der Straße beobachtet. August bestellte also sein Essen und sein Bier und griff nach seinem Leibblatt, den »Anzeigen«.

 


 << zurück weiter >>