Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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21. Kapitel.

English spoken here. On parle français. Si parla italiano.

Und nun kam die Kriegserklärung an Frankreich, und dann kam die englische Kriegserklärung an Deutschland.

»No, Herr G'hoamrat, was sag'n S' hiatzt zu Eahnere Engländer, dö vadächtigen Lugenbeitel dö vadächtigen?« fragte Gselchwampner.

»Dscha, mein Lieber,« rief der arme Geheimrat, »das konnte keiner wissen.«

Und da müssen wir nun ohne alle Ironie dem guten Merswinsky beitreten: das konnte keiner wissen.

Es gibt Schweinereien, die keine Menschenseele ahnen kann; aber zum Glück gibt es sie nur in der höheren Diplomatie.

Der Leser kann sich ohne mein Zutun denken, daß in diesen Tagen die Wogen der Begeisterung am Stammtisch hektoliterhoch gingen und immer erst in später Stunde verliefen. Aber während sich die Männer im Kampfe gegen England in Worten erschöpften, war es ein Weib, ein Heldenweib, das zur Tat schritt. Und niemand anders war dieses Heldenweib als Karoline Gutbier geborene Bohlen. Noch bevor die »Königin Luise« an der Themsemündung ihre Minen legte, hatte diese Ehefrau von Orleans dem perfiden Albion einen vernichtenden Schlag versetzt! August hatte es hernach am Stammtisch erzählt; August hat mit Stolz und Rührung den Skalden ihres Ruhmes gemacht.

In der Straßenbahn war es gewesen. Ahnungslos hatte Frau Karoline Gutbier dagesessen, als sie plötzlich gewahr wurde, daß eine neben ihr sitzende junge Dame ein englisches Buch las! Das war mehr, als ein deutsches Weib ertragen konnte! Ob sie in dieser Zeit nichts Besseres tun könne als ein englisches Buch zu lesen, hatte Line Gutbier die schamlose Person gefragt. Die hatte sie ganz verdutzt angeblickt und dann weitergelesen. Es war vermutlich eine arme kleine höhere Tochter oder Seminaristin gewesen, die für die Schule das »Cricket on the Hearth« oder so etwas paukte. Aber fragt die Begeisterung nach näheren Umständen? Die Begeisterung hatte denn auch auf eine gegenübersitzende Fischfrau, einen Kontorboten, einen deutschen Tuchfabrikanten und eine Hebamme übergegriffen und sich in steigender Entrüstung Luft gemacht. »Eine Frechheit ist das!« hatte man gemeint. »Eine Unverschämtheit!« »Man sollte ihr das Buch aus der Hand schlagen!« »Man sollte den Wagen halten lassen und die Person hinaussetzen lassen!« Schließlich hatte denn auch die Landesverräterin in schrecklicher Verwirrung, über und über rot, das Buch eingesteckt, sich erhoben und den Ausgang gesucht; aber die biedere Fischfrau hatte noch schnell den Fuß vorgestreckt, daß sie darüber stolpern mußte, und darüber hatte sich ja nun Line Gutbier, die sonst eigentlich nicht viel Sinn für Humor hatte, halb totgelacht. Und als sie gestolpert war, hatte die Deern »Pardon!« gesagt. »Pardon!« Auch noch französisch! Ihr Glück, daß sie draußen war.

Dies war der erste Schlag gegen England; Line Gutbier, die Fischfrau, der Kontorbote, der Tuchfabrikant und die Hebamme hatten auf der ganzen Linie gesiegt, und Charles Dickens war endgültig durch Line Gutbier verdrängt worden.

Als August diesen Kulturkampf im Straßenbahnwagen in homerischer Breite zu Ende gesungen hatte, fragte Schellenbarth mit gebührender Bescheidenheit:

»Darf ich Sie um eine Belehrung bitten?«

»Bitte?!« machte August entgegenkommend.

»Sie sagten kürzlich: ›Tüchtig Englisch und Französisch! Das ist das Allererste, alles andere ist Nebensache. Wenn einer perfekt Französisch und Englisch kann, das ist bares Geld.‹ So sagten Sie wörtlich; ich höre immer mit besonderer Aufmerksamkeit auf Ihre Worte, weil alles, was Sie sagen, für mich Wert hat. Nun scheint mir zwischen Ihrer heutigen Stellung zu den fremden Sprachen und Ihren damaligen Worten ein Gegensatz zu bestehen. Natürlich ist das nur ein scheinbarer Widerspruch, und Sie werden mich sicherlich ohne Mühe dahin belehren, daß diese scheinbare Inkonsequenz nur meiner mangelhaften Auffassungsgabe zuzuschreiben ist. Sie sind doch noch immer vom Wert der Kenntnis fremder Sprachen überzeugt, nicht wahr?«

»Im Geschäfff??!!« rief August feurig. »Aber selbstverständlich! Natürlich! Ich hab 'n Im- und Exportgeschäft; denken Sie mal an, wo ich da hinkäm' ohne fremde Sprachen! In mein'm Büro wird nich bloß Englisch un Französisch, da wird Spanisch und Portugiesisch un Italienisch un Schwedisch un Norwegisch un Russisch un Gott weiß was korrespondiert. Dascha»dascha« = das ist ja selbstverständlich! Aber dascha auch ganz was anders, nich? Das muß sein! Aber so 'n Deern braucht doch nich engelsche Romane zu schmökern, nich?«

»Jaja, soso!« machte Schellenbarth. »Nun verstehe ich. Haben Sie besten Dank!«

»Bitte, bitte,« machte August.

»Ja nu sagen Se aber mal, Verehrtester,« begann Strippecke, »verjelten denn nu Ihre Jeschäftsfreunde Ihnen diese Liebenswürdigkeit, indem Se Ihnen deutsch zurückschreiben?«

»Nee,« sagte August.

»Na, denn find' ick diesen Austausch internationaler Höflichkeiten doch 'n bißchen einseitig. Denn würd' ick doch an Ihrer Stelle ooch deutsch schreiben!«

»Ja, un keine Geschäfte machen, nich? Was hab' ich denn davon? Denn kommt das Geschäff nich zustande, nich? Un was Hab' ich denn? Die versteht ja doch meistens kein Deutsch, die Bande, die is ja viel zu ungebildet! Die Hauptsache is doch, daß das Geschäff gemacht wird, nich?«

»Sehr richtig,« sagte Professor Schellenbarth. »Sie müssen vor allen Dingen Geschäfte machen, damit das Vaterland wirtschaftlich erstarkt.«

»So is es!!!« schrie August; ja, er schrie es. Er war ja so freudevoll überrascht! Nun wußte er's endlich, warum er so gern importierte und exportierte! Die »wirtschaftliche Erstarkung des Vaterlandes« war es, die er im Auge hatte. Es war ihm doch immer so gewesen, als verfolge er bei seinen Handelsgeschäften ein ideales Ziel; er hatte nur nicht darauf kommen können – nun kannte er's! Von nun an hatte der Professor einen Stein bei ihm im Brett; von nun an sah er den Professor mit schier zärtlichen Blicken an.

 


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