Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Mein Interview bei Dr. E. H. Pistol, dem Theaterreferenten,

bearbeitet für die Redaktion der »Gerechtigkeit«.

Schließlich ist Dr. E. H. Pistol, bekanntlich Theaterreferent an der täglich dreimal erscheinenden hauptstädtischen Zeitung »Der Kodderige«, und Lektor für den Verlag »Hintenrum«, doch der einzige zeitgenössische Journalist und Schriftsteller, der mir imponiert. In ihm ist endlich einmal ein Mann erstanden, der den redlichen und ernstlichen Willen hat, nichts gelten zu lassen. Da ich ebenfalls ein unaufgeführtes Stück geschrieben habe, beschloß ich, ihn aufzusuchen und ihn mir womöglich warm zu stellen.

Dr. Pistol empfing mich mit einer Geringschätzung, als wäre ich der Verfasser von »Romeo und Julie«. Als ich aber erklärte, ich käme, um den Schöpfer einer neuen Kultur, den ich längst aus der Ferne angebetet hätte, nun auch persönlich kennenzulernen, lud er mich sofort zum Sitzen ein und fragte mich, wie mein Stück denn heiße.

»Madige Liebe,« antwortete ich.

»Endlich einmal ein großer Stoff!« rief er. »Wir beide müssen zusammenhalten. Schließlich sind wir beiden doch die einzigen Dramatiker, die ernst zu nehmen sind.«

Ich konnte dem nicht widersprechen. Das Gespräch entwickelte sich nun folgendermaßen weiter:

Ich: »Was halten Sie von unserm ›berühmten‹ Meyer?«

Er: »Meyer? Nun ja – als Kaffer sehr bedeutend. Entschieden eines der größten Rhinozerosse, die je Erfolg gehabt haben.«

Ich: »Sehr gut! Sehr scharf und sehr gut. Und was denken Sie über Schulze?«

Er: »Na, der gibt ihm nichts nach. Das glücklichste Rindvieh unter der Sonne.«

Ich: »Ganz meine Meinung. Und Müller?«

Er: »Ja, der übertrifft sie allerdings beide.«

Ich: »Das wollt' ich eben meinen. Und was halten Sie denn von Petersen?«

Er: »Na, wenn ich zu sagen hätte, wäre der arme Mensch längst in einer Idiotenanstalt untergebracht.«

Ich: »Aber Schneider?«

Er: »Ich bitte! Woll'n wir denn den ganzen zoologischen Garten durchgehen? Schneider hat ja eine gewisse Routine; er ist also meinetwegen ein routinierter Esel, und folglich hat er Erfolg. Erfolg haben sie ja überhaupt alle, diese Mikrocephalen. Jeder hat seine Clique, die ihn nicht sinken läßt und die besonders dafür sorgt, daß kein ernsthaftes Stück angenommen wird.«

Ich: »Haben Sie Ihr Stück denn schon einmal irgendeinem Theater eingesandt?« (Ich verschwieg schonender Weise, daß ich von 113 Ablehnungen wußte.)

Er (verbindlich lächelnd): »Nein! Wo denken Sie hin? Glauben Sie, ich werde meine Arbeit von Kretins und Gaunern beschnüffeln lassen?«

Ich: »Ja, was ist denn aber zu tun?«

Er: »Wir müssen eben kämpfen, kämpfen, mein Lieber, und nicht nachlassen, diese blödsinnige Schwindlerbande zu bekämpfen, bis wir einer wirklichen Dichtung Platz geschaffen haben.«

Ich: »Und wann denken Sie, daß für Ihr Stück Raum geschaffen sein wird?«

Er (verbindlich lächelnd): »In einem Jahre hoffe ich den einen oder andern Direktor zu der Einsicht zu bringen, daß es nicht richtig ist, die eigentlichen Dramatiker links liegen zu lassen. Vielleicht gründe ich auch inzwischen selbst ein Theater.«

Ich: »Haben Sie denn Geld?«

Er: »Wozu?«

Ich: »Ah pardon! Verzeihen Sie meine Indiskretion! – Was erwarten Sie von der morgigen Première?«

Er: »Einen kolossalen Durchfall.«

Ich: »Warum?«

Er: »Nun, das ist ja selbstverständlich. Der Verfasser hat mit dem ersten Stück Erfolg gehabt und dies ist sein zweites – – Verstehen Sie nicht?«

Ich: »Nein.« (Über sein Antlitz huschte so etwas wie »Hornochse«.)

Er: »Nun, mein Gott – – also das Publikum weiß doch so viel: Lauter schöne Sachen machen, das kann keiner. Das Publikum will außerdem Genugtuung dafür, daß es sich das erste Mal etwas hat gefallen lassen. Das zweite Stück ist immer schwächer, muß schwächer sein.«

Ich: »Könnte es nicht trotzdem einmal anders kommen und auch das zweite Mal einen Erfolg geben?«

Er: »Das ist nicht zu befürchten. Bedenken Sie auch die Unzahl der zurückgesetzten und beleidigten Talente, die bei einer solchen Première anwesend sind. Wenn es auch nicht lauter Weltdichter und Zentralgeister sind –«

Ich: »O bitte! bitte!«

Er: »– immerhin haben die Leute ein Recht zur unerbittlichsten Kritik, und natürlich machen sie Gebrauch davon. Im Augenblick der höchsten Spannung macht z. B. einer »Hatschi!«, daß das ganze Theater lacht – das kann Paul Strangel besonders gut –; Fritz von Gumpelstiel macht bei pathetischen Stellen »Huhu!«, was auch selten seinen Zweck verfehlt; andere husten die ganze Exposition nieder, wieder andere lassen von Zeit zu Zeit einen schweren Gegenstand fallen; Karl Panke prustet bei den tragischsten Stellen auf die wundervollste Weise los, und Emil Krapulinski kolportiert regelmäßig vor der Première einen Kalauer über das Stück, der so oder so die Stimmung verdirbt.«

Ich: »Ausgezeichnet! Wenn wir in dieser Weise zusammenhalten, muß schließlich die gerechte Sache siegen.«

Er: »Und zuguterletzt – wenn alle Stränge reißen, ist ja noch die Kritik da.«

Ich: »Haben Sie die Ihre schon fertig?«

Er: »Beinahe, ich habe schon Verschiedenes über das Machwerk gehört –«

Ich: »Nun, das schadet ja nichts.«

Er: »Na – es beeinträchtigt doch immer die Unbefangenheit.«

Ich: »Ach bitte – darf ich nicht hören?«

Er: »Wenn Sie es wünschen?«

Ich: »Ich bin ganz Schadenfreude.«

Er (lesend): »Herr Reimers hatte mit seinem ersten Stück viel Geld verdient. Böse Zungen sprachen sogar von 100 000 Mark. Herr Reimers wollte nochmals 100 000 Mark verdienen. Die Ästhetik des Herrn Reimers lehrte ihn ganz richtig, daß 100 000 und 100 000 = 200000 sind. Herr Reimers hatte aber gehört, daß jetzt das Naturalistische sehr beliebt sei. Du mußt also naturalistisch sein, sagte sich Herr Reimers. Herr Reimers hatte aber auch einen gesunden Geschäftsinstinkt, und dieser sagte ihm, daß die Marlitt jedenfalls sicherer sei als der Naturalismus. Herr Reimers kam zu dem Schluß: Machen wir naturalistische Marlitteratur. Wir müssen gestehen, daß Herr Reimers seine Aufgabe glänzend gelöst hat. Leider ist aber selbst der beschränkteste Teil unseres Publikums Herrn Reimers in der Entwickelung um vieles voraus; es ist allmählich hinter die Schliche der von Herrn Reimers vertretenen Branche gekommen. »Post festum« heißt die 5aktige Ohnmacht des Herrn Reimers. Das Publikum fand diesen Titel sehr richtig, und so trug es denn bei der gestrigen Aufführung die verspätete Tragödie (oder war es ein Lustspiel?) des Herrn Reimers ohne Sang und Klang zu Grabe.«

Ich: »Aber das können Sie doch nicht wissen!«

Er: »Warum nicht?«

Ich: »Wenn nun doch geklatscht wird?«

Er: »Mein Lieber!! Seien Sie versichert: Wenn ich morgen schreibe, daß das Stück durchgefallen ist, dann will keiner geklatscht haben. Hören Sie weiter: »In dem Stück treten drei (vielleicht auch mehr) Personen auf: die eine hat braunes Haar, Sommersprossen und Gefühle, die zweite hat blondes Haar, Idealismus und einen Bräutigam, die dritte hat eine Schleppe, Brillanten und eine Vergangenheit!« – Weiter bin ich noch nicht.«

Ich: »Famos! Brillant! Das macht Ihnen keiner nach. An welchem Theater sähen Sie Ihr Stück am liebsten aufgeführt?«

Er: »Am Odeon-Theater.«

Ich: »Warum nicht am Shakespeare-Theater?«

Er: »Nun einfach darum, weil das Odeon-Theater 2000 Menschen faßt und 10% Tantieme gibt, während das Shakespeare-Theater bei 1200 Plätzen nur 8% zahlt.«

Ich: »Da ist allerdings kein Zweifel möglich. Und würden Sie also –«

Er: »Verlassen Sie sich darauf: sobald mein Stück angenommen ist, trete ich auch für das Ihrige ein.«

Ich: »Herzlichen Dank.«

Um ganz sicher zu gehen, legte ich bei diesen Worten mit der Hand, die ich auf dem Rücken hielt, einen 50 Mark-Schein hinter mir auf den Tisch.

»Danke!« sagte er.

»Welche Beobachtungsgabe!« rief ich erstaunt.

»Übung! Übung!« meinte er leichthin. Übrigens, warum geben Sie mir den 50 Mark-Schein nicht einfach in die Hand. Vom Verdienst müssen wir doch alle leben; warum soll man das nicht offen eingestehen?«

»Na – wenn es in die Öffentlichkeit dringt – es ist doch immerhin nicht angenehm.«

»Wieso?! Wozu hätte man denn schreiben gelernt, wenn man sich nicht mal gegen infame Verleumdungen verteidigen könnte! – Sie haben doch die 50 Mark als Honorar für meine Vorlesung gemeint?« rief er plötzlich angstvoll. »Sie wollten mich doch nur als Lektor bezahlen? Oder sollten Sie – – eine Bestechung – –?« In seinen Worten und Mienen lag etwas Unheimlich-Drohendes.

»Aber ich bitte Sie – wie können Sie –« stammelte ich, nach der Tür tastend. Ich schätzte mich glücklich, als ich draußen war. –

Dies, hochlöbliche Redaktion, ist mein Interview beim Dr. E. H. Pistol. Sollten Sie keine Verwendung dafür haben, so können Sie sicher darauf rechnen, daß ich im »Kodderigen« eine unbefangene Kritik über Ihr Blatt veröffentlichen werde.

 


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