Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Die Neunte in Klütenbüttel.

In Klütenbüttel sollte Beethovens neunte Symphonie aufgeführt werden, und zwar mit dem Chor an die Freude. Das war gewiß ein Ereignis; aber es war klein im Vergleich zu dem Ereignis, daß der Chor »unter freundlicher Mitwirkung von Damen und Herren der Gesellschaft« gesungen werden sollte! Ganz Klütenbüttel war »künstlerisch empfindend« geworden. Sonst war Klütenbüttel gar nicht so. Die größten und angesehensten Künstler umgingen es auf ihren Reisen in weitem Bogen, nachdem sie einmal versucht hatten, in dieser friedsamen Stadt aufzutreten, und in der Kasse sieben Mark und dreißig vorgefunden hatten. Jetzt aber schaute ganz Klütenbüttel mit einem einzigen Blick der Verachtung auf jenes mit Recht so versunkene Geschlecht hinab, das mit einem Beethoven zusammengelebt und ihn und seine »Neunte« nicht begriffen und nicht gewürdigt hatte.

»Ach, dieses D-moll-Thema!« stöhnte Frau ›Senater‹ Burfeind, und dann summte sie etwas in E-Dur.

»Ist das nicht ›La Paloma?‹« fragte Frau Dreesen freundlich.

»Ach ja, richtig, das ist ja ›La Paloma‹,« rief die Frau Senater.

Beethovens Rache sollte nicht auf sich warten lassen.

Frau Senater Burfeind war die alleraufgeregteste. Sie hatte soviel Stimme und soviel Gehör, daß sie, wenn hundert Leute mitsangen, allenfalls unbemerkt mit durchschlüpfen konnte.

Der große Tag der Aufführung war erschienen. Frau Senater hatte sich zu allen Proben sehr wohlhabend angezogen; aber heute, zum Konzert, hatte sie ein geradezu märchenhaftes Directoire-Kostüm gewählt und sämtliche Brillanten angelegt, die ihre Schmuckkästen hergeben wollten. Da Burfeinds ungeheuer vermögend waren, so war das nicht wenig. Und da Burfeinds ungeheuer vermögend waren, hatte die umfangreiche Frau Senater ihren Platz in der vordersten Reihe. Wer malt ihr Erstaunen, ihre Entrüstung, ihr Entsetzen, als sie ihren Platz durch die Frau eines ganz gewöhnlichen Rektors besetzt fand.

»Entschuldigen Sie, Frau Rektor,« sagte sie, »aber das ist doch wohl mein Platz, nich?«

»Sooo?« machte die Frau Rektor. »Gott, ich dachte, das wär' einerlei.«

»Ja, das ist es doch wohl nicht,« versetzte die Senaterin, und ihre fleischige Mundpartie machte einen vergeblichen Versuch, spitz zu werden.

Hochmut kommt vor dem Fall. Zwar die Frau Rektor, die nicht viel mehr besaß als eine schöne Stimme, mußte in den Hintergrund tauchen; aber die Frau Senater hätte später viel darum gegeben, wenn sie nicht im Vordergrund gesessen hätte.

Vorläufig dehnte sie sich wohlig in der Sonne der allgemeinen Beachtung. Sie erregte Aufmerksamkeit; sie sah Operngläser auf sich gerichtet; ihr Kostüm wurde gemustert und wie sie wohl merkte, von mehreren »Damen der Gesellschaft« mit wohltuendem Neide besprochen.

Frau Senater als Künstlerin! Natürlich nicht dauernd – igitt igitt! – aber so mal für einen Abend, das war doch sehr nett. Das war so, als wenn man beim Maskenfest als Frau von Pompadour oder so was erschien.

Die Symphonie begann. Zu dem Anfangsthema, das auf die wühlenden Triolen herniederblitzt wie durch Wolken zuckendes Geisterlicht auf das gärende Chaos einer werdenden Welt, wiegte Frau Senater lächelnd und im Takte das Haupt wie zu einer Melodie aus dem »Bettelstudenten«. Den Leuten da unten war das ja neu; ihr war das ganz was Altes. Nach und nach freilich wurde das Tönegewirr weniger übersichtlich, und nun begann Frau Senater Burfeinds eigentliche Andacht.

›Was hat sich denn die Professor'n angezogen,‹ dachte sie; ›die spielt ja 'n komischen Zwickel. Mit halblangen Ärmeln? – Und die Helmerdings auf'm ersten Platz? Die brauchen wohl Kredit? – Und da – nein, wie is es bloß möglich! Die Olga Wittkopp! Die hat ja woll aller Scham und Schande 'n Kopf abgebissen! Und noch dazu mit'm Mann.‹

›Sieh da, Kleekamps!‹ dachte sie und nickte liebenswürdig zum Gruß, und Kleekamps winkten lächelnd zurück.

Das romantisch lockende Thema des ersten Hornes lächelte Frau Senator wieder verständnisinnig gewiegten Hauptes mit.

Der erste Satz der Symphonie war zu Ende. ›Na endlich,‹ dachten die Klütenbütteler und klatschten begeistert Beifall. Sie hatten lange stillhalten müssen, daher räusperten sie sich nun auch gründlich und andauernd und eröffneten eine äußerst lebhafte Unterhaltung.

»Sehr hübsch, nich?« sagte Herr Gutentag.

»Ja, sehr nett,« versetzte Frau Butenschön.

Es war ihnen gar nicht recht, daß der Kapellmeister schon wieder scharf aufklopfte und die Unterhaltung abschnitt. Das heißt: ein paar Mundvoll konnte man ruhig noch reden, so eilig war's wohl nicht. Da drehte sich wahrhaftig der Dirigent wieder um und sah hartnäckig auf Herrn Gutentag und Frau Butenschön.

Was 'n unverschämter Mensch.

Aber nun wurde es nett.

Noten

beginnt der zweite Satz in mächtigem Fortissimo und molto vivace, und das Motiv wiederholt sich zweimal nach ganztaktigen Pausen, das drittemal aber ohne Pause mit einem mordsmäßigen Paukenknall. Der klingt, als wenn ein Riesenkerl mit einem Riesenhammer in ein Riesenfaß den Zapfen hineinhaut und der Hammer von der Wucht des Schlages noch zweimal aufhüpft.

Die Klütenbüttler lachten, besonders die ganz jungen Mädchen. Sie stießen einander mit den Ellenbogen an und kicherten und dachten: »Nun wird's endlich lustig.«

Frau Senater aber schleuderte einen strafenden Blick ins Publikum.

Das war hier doch nicht zum Lachen?! Das war ein Gottesdienst, hatte der Kapellmeister gesagt. Und sie wiegte wiederum das Haupt zu dem neckischen Fugato. Das ist eine entzückende Musik; immer wieder aus anderen Winkeln hüpft das federleichte Motiv hervor, wie wenn aus tausend und abertausend Waldwinkeln immer neue Elfchen hervorspringen zum Tanz, und immer lustiger und lustiger wird ihr Tanz, immer höher schwingen sie sich auf wie trillernde Lerchen in den Sommerhimmel, und alles ist sehr schön; aber es ist zu lang, würde Polonius sagen, und Frau Senater würde dasselbe sagen, wenn sie nicht heute künstlerisch empfindend wäre, und Hamlet würde beiden antworten: »Es soll mit Eurem Barte zum Balbier.«

Frau Senater, wie gesagt, sagte nichts; aber – war es der Rotspon, den sie zum Diner genossen hatte, war es das viele Licht im Saal, war es die Hitze, oder waren es Beethovens Elfen und Lerchen – genug, Frau Senater riß plötzlich weit die Augen auf, weil sie sie vorher etwas fest und andauernd geschlossen hatte. Geschlafen? Ach bewahre, das sollte sich doch niemand einbilden, daß sie geschlafen hätte! Sie wiegte ja den Kopf zur Musik; freilich erwischte sie diesmal einen falschen Rhythmus. Der Satz wollte trotz allen vivace und presto nicht enden. Frau Senater starrte mit weit offenen Augen ins Publikum, und nach und nach vermengte sich Olga Wittkopp mit den halblangen Ärmeln der Professorin und mit Helmerdings Kredit und mit der Anmaßung der Rektorsfrau und mit Kleekamps und Butenschöns und mit Beethovens Lerchen-Elfen, und dann betrachtete sie wieder ihr Inneres...

Und nun sollte sich Beethovens ganze Bosheit zeigen. Wenn man glaubt, daß es jetzt endlich zum Ende gehe, und wenn er recht pianissimo tut, dann fängt er plötzlich den Satz wieder ganz von vorn an. Aber diesmal kamen die Paukenschläge viel zu früh!

Noten

machten die Streicher mit erschreckender Gewalt, und

Rum – bum – bum! kam es gleich hinterher. Es war aber gar nicht die Pauke, es war Frau Senater Burfeind. Sie hatte sich mit der vollen Breitseite aufs Podium gesetzt. Sie zog sich wegen Unwohlseins zurück.

Der Satz wurde unter allgemeiner, aber heiterer Unruhe zu Ende gespielt. Gleichwohl stand in einer auswärtigen Zeitung, es sei alles sehr schön gewesen, nur die Stelle

»Ihr stürzt nieder, Millionen!«

sei durch die Schuld einer mitwirkenden Künstlerin etwas zu früh gekommen. – – –

 


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