Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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37. Kapitel.

Eine Schlußabrechnung mit poetischer Gerechtigkeit.

Wie viele Kaufleute des deutschen Nordens hatte August einen beträchtlichen Teil seiner jüngeren Jahre in den Tropen zugebracht und, wie die meisten, hatte auch er dabei viel Geld und einen beschädigten Verdauungsapparat davongetragen. Er hatte dieses Übel aber von jeher männlich bekämpft. »Och was,« pflegte er zu sagen, »man muß sich nich immer nachgeben! Man muß nich so weich gegen sich sein! Da muß man gegen angehen!« und hatte dann große Bohnen mit fettem Speck gegessen, um dagegen anzugehen. Magen und Darm hatten sich das unter gelegentlichen feierlichen Protesten bisher noch gefallen lassen. Seitdem aber Line Gutbier die Ausfuhr von Lebensmitteln verboten hatte und weil alle Schuld sich auf Erden rächt, begannen die nicht immer meisterhaft gekochten Dörrgemüse der Feldküche ihre Wirkung zu üben. Die Folge war eine heftige Verdauungsstörung, die durch ein schweres Artilleriegefecht in Augustens Umgebung noch wesentlich gesteigert wurde. Sie wurde so schlimm, daß er sich keine Mühe zum Simulieren zu geben brauchte; jeder Mann erkannte, was ihm fehlte, und so kam er denn ins Lazarett. Es sollte ihm nicht beschieden sein, von dort wieder ins Feld zurückzukehren. Als sein Befinden sich endlich besserte, begannen die Waffenstillstandsverhandlungen, und als er leidlich wieder hergestellt war, erhielt er einen längeren Erholungsurlaub.

Den ersten Teil dieses Urlaubs verbrachte er vorsichtshalber bei einer Tante auf dem Lande, und als er sich endlich entschloß, zu den Seinen zurückzukehren, war es Friede.

»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit,
Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten
Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch!«

wenn anders man das, was Karoline bei seinem Einzug blies, als einen sanften Friedensmarsch bezeichnen darf.

Mit dem Kriege sollten überhaupt die Prüfungen unseres Helden noch lange nicht ihren Abschluß erreicht haben. Zunächst war es das Gericht, das Verschiedenes in und um August zu prüfen wünschte.

Der voreilige Leser hat vielleicht hämisch gelacht, wenn August vor seiner Einberufung immer und immer wieder beteuerte, er könne sein Geschäft nicht anderen überlassen, er sei unabkömmlich. Der Mann hatte vollkommen recht gehabt. Denn kaum war er einige Wochen entfernt, so kam es ans Licht, daß er ungeheure Mengen feinsten türkischen Rauchtabaks verkauft hatte, wogegen an und für sich nichts einzuwenden gewesen wäre, wenn der Tabak nicht vorwiegend aus Pferdedünger bestanden hätte. Diese Importen des Importeurs Gutbier nahm das Gericht nicht für vollwertig. Der Anwalt hielt eine glänzende Verteidigungsrede, »ein Meisterwerk forensischer Beredsamkeit«: alle zehn attischen Redner zusammengenommen haben nicht so gesprochen wie der Mann. Er forderte gebieterisch Freisprechung, weil der Tabak nicht gesundheitsschädlich sei, und beschwor die Richter, keinen Justizmord zu begehen. Von einer gesundheitsschädlichen Moral war dem Rechtsanwalt nichts bekannt. Deutsche Richter können aber sehr streng sein, und in diesem Falle verurteilten sie den Angeklagten zu 500 Mark Geldstrafe. Hiernach ergibt sich folgende Aufstellung:

Gewinn des Angeklagten aus
  seinem Tabakshandel
M.  427 658.––
Geldstrafe M.  500.––
Gerichtskosten M. 287.15
Honorar des Anwalts  M. 1000.––
—————
M. 1787.15
Von obiger Summe abgezogen M. 1 787.15
——————
Reingewinn M. 425 870.85

Da die Zeitungen nur von einem bestraften Kaufmann »A. G.« berichteten, einige sogar nur von einem »Kaufmann«, so war die Ehre unseres August kaum nennenswert beschädigt. Es ist gleichwohl zu verstehen, daß er das Urteil des Gerichts als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit empfand und dieserhalb wie auf Grund seiner militärischen Laufbahn für den ganzen Rest seines Lebens zur schärfsten politischen Opposition überging.

»Sozialdemokrat?« pflegte er zu sagen, »Sozialdemokrat? das is gar nix! Anarchist muß man sein, Anarchist!«

Auch sonst wurde August ungerecht behandelt. Er konnte doch wahrhaftig von Rechts wegen verlangen, daß Line sich scheiden lasse. Er hatte doch von seiner Seite alles getan, was in seinen Kräften stand. Aber diese Frau war unversöhnlich. Sie blieb ihm treu. Gewiß: Im Interesse der öffentlichen »Zucht und Zitte« – jetzt sagte August übrigens wieder »Sucht und Sitte« – war die Vermeidung eines Skandals ja mit Dank zu begrüßen; aber zu diesem Gewinn stand das Opfer denn doch in keinem Verhältnis.

Der Verfasser dieser Geschichte freilich kann sich nicht verhehlen, daß ihm Line Gutbier mit ihrer Treue einen großen Gefallen tut. In jedem Kunstwerk muß doch poetische Gerechtigkeit herrschen, nicht wahr? Jede Schuld muß ihre Sühne finden, nicht wahr? Nun, August Gutbier ist gewiß ein guter Kerl – ich habe mich wenigstens bemüht, ihn so zu zeichnen – aber: wie das auch dem Edelsten und Besten begegnet, eine tragische Schuld hat er doch auf sich geladen. Die Oberlehrer, die diese Geschichte in der Schule behandeln, werden sie schon herausfinden. Und nun haben sie die vollkommenste Sühne daneben und müssen mich loben. Jedesmal, wenn ich Line Gutbier sah, ist es mir von neuem aufgefallen, daß sie eine auffallende Ähnlichkeit mit der poetischen Gerechtigkeit hat.

An den Stammtisch durfte August hinfort nur einmal in der Woche gehen, und dann nur bis zehn Uhr abends. Natürlich sprach man dann oft von Krieg und Tapferkeit. Und wenn von des Krieges Gefahren und Schrecknissen die Rede war, dann pflegte August nur zu sagen:

»Och, Kinder, ihr habt ja keine Ahnung – – ! Ihr macht euch ja keinen Begriff – – ! Wer das nich selbs miterlebt hat – – – !«

Er sprach dann nur in Vordersätzen.

Und wenn dann Bemmefett seine ehrliche Entrüstung darüber aussprach, daß solch ein Mann ohne Auszeichnung und Beförderung heimkehren mußte, ein Mann, der soviel Todesmut und Selbstverleugnung – –

Dann lachte August bitter auf: »Jahaha, wenn es danach ginge – !«

»Jaja, das Pferd, das den Hafer verdient, kriegt ihn nicht,« sagte dann wohl mit wehmütigem Kopfnicken der biedere Merseburg.

Aber an Pferde mochte August nicht gern erinnert sein.

* * *

Jeder anständige Leser kann von einer anständigen Geschichte verlangen, daß er über das weitere Schicksal der handelnden Personen erschöpfenden Bericht erhalte. Als anständiger Erzähler will ich mich dieser Forderung nicht verschließen.

Aloisius Gselchwampner mußte erleben, daß eine seiner Töchter sich in einen Preußen verliebte, der niemals »ja« sagte, sondern immer nur: »Na jewiß doch!«, auch bei der Trauung. Aloisius kriegte jedesmal Herzkrämpfe, wenn er dies »Na jewiß doch!« hörte; aber alles Abraten half nichts: die Mesalliance kam zustande. Und als das Verhältnis zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn sich nach und nach vertraulicher gestaltete, kam es eines Tages zu einem Wortwechsel, in dessen Verlaufe der Schwiegersohn seinen Schwiegervater einen »Saubayern« nannte. Von Stund an, da Aloisius erkennen mußte, daß man das Wort »Sau« ebensogut mit »Bayer« wie mit »Preuß« zusammensetzen könne, war er ein gebrochener Mann. Er verbrachte den Rest seines Lebens in Sprachlosigkeit und dumpfem Hinbrüten über dem Maßkrug.

Unsern Melchior Bopserle traf der harte Schlag, daß Mecklenburg eine Verfassung erhielt, die genau so »frei« war wie die württembergische. Des Bewußtseins beraubt, ein Sohn des freiesten Volkes zu sein, litt es ihn nicht mehr im Vaterlande; er wanderte aus nach dem demokratischen Amerika, wurde dort binnen dreier Jahre der reichste aller Milliardäre und damit der einzige freie Mann in den Vereinigten Staaten.

Gegen den guten Anton Bemmefett benahm sich das Schicksal besonders ungerecht. Es kam ein Gesetz heraus, wonach der Musikalienverleger jedem Tondichter von dem Erlös jedes Abdrucks seiner Werke einen bestimmten Anteil abgeben mußte. Einem Komponisten z. B. einen Lohengrin für 300 Mark oder ein altes Klavier ein für allemal, »mit allen Rechten« abzukaufen, wurde verboten. Bemmefetts Reichtum wuchs freilich auch jetzt noch beträchtlich; aber was wollte das bedeuten, wenn der Urheber der Tondichtung auch etwas bekam? Dieses widernatürliche Verhältnis konnte keine reine Freude mehr bei ihm aufkommen lassen; es schlug ihm auf Leber und Galle, und er siechte elend dahin.

Nicht viel anders erging es unserm Geheimrat Raymond Merswinsky. Früher hatte die Kritik die Kunst immer in zwei Abteilungen eingeteilt, in die höhere und die niedere Kunst, und danach hatte sie die niedere möglichst wohlwollend und die höhere möglichst ruppig behandelt. Die Lichtspiele für Ewigblinde, die Operette für Blödsinnige, die Posse für Schwachsinnige und das Kabarett für Doppelsinnige waren immer mit mütterlicher Milde, die Kunst der großen Schauspiel- und Opernhäuser aber mit sadistischer Strenge behandelt worden. Das Publikum hatte daraus den naheliegenden Schluß gezogen, daß die hohe Kunst ein Dreck und die niedere der reine Zucker sei. Das wurde plötzlich anders: die Presse entschloß sich, ganz einfach das Gute gut und das Schlechte schlecht zu nennen, einerlei, woher es komme. Für das Ammoniaktheater unseres Geheimrats hatte dieser Umschwung die Bedeutung eines furchtbaren Kurssturzes. Der Besuch nahm reißend ab, und Raymond war schließlich froh, als er seinen Musentempel noch gegen bares Geld los wurde. Er ließ die Musen laufen und versuchte es mit dem Tempeln. Dabei verlor er mehr, als er hatte, und es fehlte nicht viel, daß er auf seine alten Tage noch mit dem Ärmel an die Arbeit gestreift hätte.

Einen geradezu tragischen Ausgang nahm das Leben des Uabäaliners Friedrich Wilhelm Strippecke. Bald nach Friedensschluß wurde die deutsche Reichs- und preußische Staatsregierung nach Treuenbrietzen verlegt und dieses zur Reichshauptstadt erhoben. Als Strippecke eines Tages in einer Theaterkritik des Treuenbrietzener Tageblattes den Satz las:

»Mit solchen Stücken sollte man unsere hauptstädtische Bevölkerung verschonen. Dergleichen mag für Provinzstädte wie München, Dresden, Hamburg, Berlin usw. genügen ...«

da kam er nicht weiter. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht.

Dagegen war unserm wundermilden Wirte Richard Merseburg als Dichter noch ein großer Erfolg vorbehalten. Er trank seine eigene Weinkarte so lange von oben bis unten und von unten bis oben hinunter und hinauf und unterbrach sich in dieser Beschäftigung durch so viele Hennessys und Meukows, daß er eines Tages erklärte, in seinem Lokal seien weiße Mäuse und an seiner Hose liefen immer Maikäfer hinauf, die er dann mit dem Finger wegknipste. In solch visionärer Stimmung schrieb er die folgenden Verse:

»Es räuspert ein Klosett. Ich sehe Mäuse.
Triangel. Weiße Mäuse. Bunteres Beet verflickt.
Ausstrahlt Hemd Maikäfer. Mäuse. Herbstbruchsieb.
Ein Mäusezwilling Labyrinth-Zahn pickt.«

Er ließ das Werk drucken und erhielt dafür den »Sturm«-Preis für 1920. Ein Dichter Namens Johann Becher beschuldigte ihn später des Plagiats, indem er auf eigene Verse hinwies, die also lauteten:

»Es räuspert ein Klosett. Der Wärter stiebt.
Triangel. Ellenbogens. Bunteres Beet verflickt.
Ausstrahlt Hemd Haarbrust. Fladen. Herbstbruchsieb.
Ein Fingerzwilling Labyrinth-Zahn pickt.«

aber Merseburg war bereits in einem Sanatorium seinem Talent erlegen.

Und unser August? Er hatte sich seit seiner Verurteilung gegen sein geliebtes Vaterland gewandt, und »die Geschichte liebt die Coriolane nicht«.

Der deutsche Reichstag beschloß ein Gesetz, nach dem die Kriegsgewinner nicht nur 25, auch nicht 50, sondern 75 Prozent ihres Gewinnes an die Allgemeinheit zurückgeben sollten. Die Steuerbehörde untersuchte Augustens Umsätze sehr genau und stellte dabei noch eine vieljährige und kraftvolle Steuerhinterziehung fest. An dem Tage, da August alles bezahlt hatte, kam er schwermütig nach Hause. Als er sich eben in die Sofaecke werfen wollte, spielte im Nebenzimmer sein herrliches Grammophon die melancholiche Weise:

»Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat.
Muß scheiden –«

Da stürzte August ins Nebenzimmer und schlug mit der Faust so gewaltig in das Kunstinstitut hinein, daß es in Trümmer ging, er selbst sich aber eine Verletzung zuzog, die, da eine Blutvergiftung hinzutrat, binnen 24 Stunden zum Tode führte. Auf diese Weise ersparte er sich viel Ärger.

Jetzt ist nur noch der Professor Leonhard Schellenbarth übrig.

Da nach dem Kriege – aber erst nach dem Kriege – in Deutschland der Grundsatz galt:

»Freie Bahn dem Tüchtigen«,

so wurde Schellenbarth Deutscher Reichskanzler ...

Was sagtest du da soeben, mein verehrter Leser?

Nun soll ich aber aufhören mit Lügen?

Gut. Dann sprech' ich kein Wort mehr.

 


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