Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Von Lotterienummern.

I.

Der Herr Pfarrer in Himmendorf hatte schwer zu kämpfen mit dem Aberglauben in seiner Gemeinde. So eiferte er denn auch eines Sonntags gegen den unter seinen Pfarrkindern recht verbreiteten Nummern-Aberglauben im Lotteriespiel:

»Da träumen sie vielleicht in einer Nacht von der Nummer 87, und dann gehen sie hin und setzen ins Lotto auf Nummer 87; oder sie sehen an einem auffallenden Hause die Nummer 54, so gehen sie hin und setzen auf 54. Liebe Schwestern und Brüder, ich kann Euch nur ernstlich ermahnen: Laßt ab von all solchem sündhaften Aberglauben; er streitet wider den rechten Christenglauben und sollte in einem wahrhaft gläubigen Herzen nicht zu finden sein.«

»Welke Nummern hett 'e seggt?« fragte Mutter Möllersch flüsternd ihren Mann.

»Söbenunachzig un veerunföftig,« erwiderte Clas Möller.

»Söbenunachzig un veerunföftig – söbenunachzig un veerunföftig,« murmelte Mutter Möllersch, »dat dörft wi nich vergeten!«

II.

Eines Tages gewann Jörgen Brockmann von Himmendorf das große Los. Er lächelte, daß alle seine großen Zähne sichtbar wurden, die Weisheitszähne mitgerechnet. Staunend umstanden ihn seine Mitbauern im Kreise und fragten alle durcheinander, wie er zu der Nummer 56 gekommen sei. Jörgen hatte nämlich das große Los auf Nr. 56 gewonnen.

»Jäää,« sagte Jörgen, indem er jenes überlegene Lächeln wiederholte, »jäää, dat hevv ick n' bitten slau anfungen! Süh mol: Ick hevv also in de Nacht drömt, ick tell (zählte) de Appelböm in minen Gor'n (Garten). Un wie ick so tell'n deh (tat), do wör'n dor söß Reegen (sechs Reihen), un in jede Reeg' dor stunn'n negen (neun) Appelböm. Na, nu war de Sak jo klar, hähähä; söß mal negen sünd sößunföftig – also, dor hevv ick notürli opp sößunföftig sett, hähähä.«

 


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