Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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Der süße Willy

oder

Die Geschichte einer netten Erziehung.

Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind werden. Der weltgeschichtliche Augenblick seiner Geburt war auf eine Minute vor 12 Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit 8 Uhr morgens waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und der Amme sieben zukünftige Tanten und Basen gegenwärtig. Eine angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähnter, nicht genug zu empfehlender Süßigkeit schoben abwechselnd Tante Bella und Tante Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder sein langgezogenes Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen, ein Fräulein von 57, welcher nach unerforschlichem Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«.

Immer näher rückte der bedeutungsschwere Augenblick.

Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei aus; denn die Mutter des süßen Willy hieß Frau Helmerding.

– Bäh – – – bäh – – – bäh –

Das Unvermeidliche war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Der süße Willy war mit beiden Füßen in etwas getreten, was man Leben nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem die Welt zu rechnen hatte.

Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen letzten halben Stunde doch geflohen waren, kehrten in Prozession zurück.

Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt und heiter dahinfließen könne von Anbeginn, hatte man seit 8 Uhr ein Zuckerbeutelchen bereitgehalten. Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, als ihm Kusinchen Nelly mit dem Saugobjekt in den Mund fuhr. Willy lutschte schweigend am süßen Dasein.

Nachdem er gebadet worden war, ging er von Hand zu Hand. »Wie süüüß, wie rraitzend, wie hiiiimlisch, wie enttt– zückend!« und zum Schluß in siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie süüüüß!«

Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie nahm mit sachkundiger Miene das Knäbchen wie ein Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit der rechten das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne Schneidezähne das allerneueste Gassenhauerchen:

»Mitten in der Elbe
schwimmt ein Krokodil.«

Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte der junge Helmerding sein Fortbestehen.

Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm 40 000 Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein, die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung genießen, daß dich der –! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir haben es ja dazu.

Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht störe, in einem anderen Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha, eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief, erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.

Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten Hoffnungen für seine spätere Entwicklung erwecken mußte, brachte er es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch Haarwurzelfeinheit der Klangfarbe und durch warm beseelten Vortrag. Und in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein, sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert, das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich dieses, durch ein erhabenes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »toujours fidèle et sans souci!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet, war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen pflegen. Befolgte aber eine andere Amme den manchen Orts gelobten Grundsatz: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen.

Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon hier, und seinem strategischen Überblick entging kein Braten, kein Eingemachtes, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde nicht sofort erfüllt – an dem guten Willen der Eltern mangelte es gewiß nicht – so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern. Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.

Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die Spritzelchen herumflogen, oder wenn er den Finger in die Tunke tauchte, um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht roh genug, ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand richtiger.

»Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder! Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nicht darf. Muß nich wiedertun, hörs, mein Süßen?«

»Willy will aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf bedeuten sollte.

»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.

Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe.

»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter.

Jetzt bekam der Rumpf Arme.

»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter.

Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die Beine hinzu.

»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa mit lieblicher Dreistigkeit anlächelte.

Und die Eltern lachten in seliger Freude.

»Was doch der Junge für Einfälle hat!«

Und in überwallender Freude versetzte die Mutter dem süßen Bengelchen einige knallende Küsse.

Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich genährtes und mit den kräftigsten Nahrungsmitteln erzogenes Kind von Krankheiten verschont geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. Der arme Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen mit ihren Folgen durchmachen. Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter hervor; mit jeder Genesung nahm seine Willensstärke gewaltigere Ausdehnungen an. Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund war, nichts versagen, so war es dem genesenden, »noch halb kranken Zuckerchen« gegenüber das einfachste Gebot der Elternliebe, die wiedererwachende Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche des kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob es vielleicht dies wolle, oder ob es vielmehr das wünsche oder ob es nach jenem Verlangen trage, oder – ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei Dinge zu erhalten. Willy zog in der Regel dieses vor. Eine entzückend geniale Launenhaftigkeit veranlaßte ihn dabei, das, was er noch eben verlangt hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr begehrenswert zu finden und es der nächsten Bonne oder Wärterin an den Kopf zu werfen. Kindermädchen, Bonnen und Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer häufiger. Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit und alles Pflichtgefühl aus diesen Kreaturen geschwunden war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche Range« und ähnliche Lästerungen entblödeten diese Schamlosen sich nicht, in längeren Charakterschilderungen des kleinen Willy vor der Mutter anzuwenden, ja, eines der abgehenden Kindermädchen hatte dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche Daseinsberechtigung abgesprochen, indem es der Mutter mit beinahe wissenschaftlicher Bestimmtheit versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«.

Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt einen so glänzenden Mißerfolg zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzersonate« das Herz im Leib gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche Verordnungen konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy werde vielleicht beim Einnehmen der Arzenei die Zähne zusammenbeißen und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem ohnehin schon geschwächten Magen Enthaltung zumuten – einem fiebernden Kinde eiskalte Sturzbäder verordnen: das waren noch die harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit feinem Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger beschränkte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen Vortrage mit offenem Munde und einem äußerst geistreichen, entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Übrigens, hatte der Arzt in seiner verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Beschreibungen dieses Arztes auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen vorzuziehen ist.

Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen erforderte. Solche Berührungen pflegen trotz der Versicherungen der Ärzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das subjektive Urteil der Ärzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und es z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um einen ganz leichten und schmerzlosen Eingriff, ein Bein abgesägt wird. Immerhin aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend begründet, wenn Willy bei jedem Herannahen einer solchen Einspritzung eine Art Kannibalentanz ausführte und verschiedene Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem Einzigen für jede Behandlung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine Reichsmark verspreche. Und das tat er.

»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen gelernt.

Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln. Ein Blitzjunge!

»Na da, da liegt es!«

»Das sind ja nur zehn Pfennige!«

Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer Reichsmark heraus.

Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in jedem erreichbaren Zuckerbäcker-, Lebensmittel-, Spielwaren- und Tabakladen erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh den Wert des Geldes schätzen.

Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt.

»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter.

Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal.

»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.

Kein Gast konnte umhin, zu bestätigen, daß das in der Tat zu süß sei.

Willy setzte diese Vorführungen in seinen späteren Jahren mit wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase fielen. Doch bewahrte er immer die ehrerbietige Rücksicht, die er, wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere beglückte er mit seinen Gunstbezeugungen. Mit Vorliebe führte er seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die Überraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete. Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher Heldentat ins Haus glitt.

»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über Willy zu beschweren.

                      Höheres bildet
Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne.
Als die Mutter mit ihrem Sohn,«

wie sie dastanden: sie »ihr Kind« – das Wort »Kind« läßt sich mit so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen – ihr »Kind« verteidigend: »Das Kind? Das Kind? Oh – – –« und er hinter dem Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend.

Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher Rücksicht zurückhaltender, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit entschieden tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend, daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten und zartesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß festgestellt werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten, indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er mache ihnen Spaß ...

So? Ob er das wirklich tue ...

Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, ein Urteil, das sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Range heranzögen«.

Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing, zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt – er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche, und aus der Westentasche bezahlte er – hinwarf mit der Frage, wie sie sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen, da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern umgehen müsse.

Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem Sinn schlagen.

Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben Pfund Zuckerwerk ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums« zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern eine gleichmäßige Teilnahme, als er in allen an die Vertilgung seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte. Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der Berührung jeglicher Erkenntnis, und das »Noli me tangere« (zu deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller. Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif- und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere Zeit vorzüglich, bis – Willy mit nicht guten und endlich gar mit schlechten Zeugnissen nach Hause kam.

Jetzt hielt Herr Helmerding der Ältere den Augenblick für gekommen, da er dem Leiter der Schule in einer kraftvollen Ansprache die riesenhaften Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort beliebten erzieherischen Maßnahmen auseinandersetzen müsse. Er tat dies unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das Kind »wohlhabender,« »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der Schulleiter, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen, von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe. Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Berichte, in denen nur die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding verzeichnet ständen, in der Überzeugung, daß die Statistik eine vorzügliche Wissenschaft sei. Übrigens könne er Herrn Helmerding Vater schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man – oho! – erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man alsdann seinen Sohn bringen werde und die wohl die »Individualität der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu beurteilen verständen. Der Schulmann bemerkte darauf mit einem unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei und deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem Lehrpersonal zu beweinen.

Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Schulmann. Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger. »So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger Schulmeister!«

Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder Unparteiische mußte es anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne einen klaren Begriff davon zu geben, »wie er dem Herrn Direktor den Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen.«

Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal den Unbequemlichkeiten des grundlegenden Unterrichts zu unterziehen haben werde. Jetzt aber erschien Frau Helmerding im Amtszimmer des Schulleiters.

Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer niederträchtigen Ruhe begabte Leiter antwortete, ohne auf den Inhalt dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr lehrreichen und ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und Beleidigungssachen im besonderen, wobei er besonders Gewicht auf die Tatsache legte, daß solche Streitsachen bedauerlicherweise nicht immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe behandeln könne wie die entsprechenden Mütter? Worauf die beleidigte Mutter erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der ruhige und schweigende Schulbeherrscher sich deutlich von seinem Sessel erhob und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf Frau Helmerding und auf die Tür blickte.

Willy wurde einer Privatschule übergeben – selbstverständlich! – mit hohem Schulgeld – selbstverständlich! Der Vater betonte dem Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen solle; dafür wolle er schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten seine erzieherischen Grundsätze, in deren Geiste sein Lehrkörper wohl oder übel arbeiten müsse – er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse – eine Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche – daß die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die Individualität der Schüler berücksichtigen, wie die seine. Hier könne Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität – oh – es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige. Hier sei man auf der neuesten Höhe der Neuzeit; denn hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht, jeden Lehrsatz der Raumlehre erzeuge resp. beweise der Zögling nach seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele, den Lehrsatz nicht zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu ihm kommen; Gerechtigkeit sei seine Lebensregel.

Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen Einrichtung, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet wurde. Da die Eltern freilich ihre erzieherischen Anregungen von ihren Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des Schulorganismus. Der Zucht, die in dieser Anstalt herrschte, glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich sage, daß sie hervorragend gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.

Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten des Herrn Vorstehers im Wege. Er könnt' es nicht begreifen, wie ein geschulter Lehrer auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu befreien, wenn die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte.

»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den Knaben nicht auf zwei Tage loslassen, so fehlt er vier Tage ohne Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen Geschenke nicht einmal gerechnet! Sie geben sie mir nicht wieder. Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die schlechten Zeugnisse ihres Emil.«

»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.«

»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen alles viel zu streng! Wir sind doch keine Schule nach'm alten Stil! Das muß anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht so weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn Sie mir die Schule verderben, so bleibt mir andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu vermindern, seh'n Sie.«

»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen –«

»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse – aber das hilft uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen müssen sich bessern, sonst – Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist Mandelmilch gegen die!«

Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welchen Anteil er an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann eine bedenkliche Neigung zur wagerechten Lage zeigte, als man ihm eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.

»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu dem Zwecke zu uns gebracht wurde, daß er nicht sitzen bleibt? Willy Helmerding wird versetzt, muß versetzt werden, unter allen Umständen muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das Versprechen gegeben.«

»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe –«

»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt – wie gesagt – jetzt: auf keinen Fall

Aber ach! die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche Mann hatte die üble Gewohnheit, beharrlich durchzuhalten und die Nase zu hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein ungemein zwangloses Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste, der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen Berührung dieser Gegenstände.

Man kann sich denken, daß nachmittags 1 Uhr 15 Minuten ein Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte, als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen und kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar« geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem freiesten Gewissen kam. Also um nichts! nur um seiner bestialischen Roheit zu fröhnen –

Bestialische Roheit – Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor – das sei das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen verlange sie – das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles zu verlangen – daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das gemißhandelte Kind, Aut – aut. Fürstenblut für Ochsenblut.

»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater.

Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rednerische und sittliche Kraft dieser Worte unterhalten hatten (»Das sagst du ihm, das sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm nur!«) wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen Folterknecht« sprechen könne.

Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich seine Redefiguren verschwendete und der Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen konnte, nicht entschließen wollte, sein inniges Verhältnis zu diesem zu lösen, verlegte sich der gekränkte Vater aufs Handeln. Er wollte sich zufrieden geben, wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar Helmerding um Verzeihung bitte und deren Kinde das Zugeständnis mache, daß er sich geirrt und in Übereilung gehandelt habe.

Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen und klärte ihn über die Beschwerden und die Genugtuungsbedürfnisse des Vaters auf.

»Ich habe in Übereilung gehandelt, in der Tat,« begann der Lehrer. Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um 25 vom Hundert gekränkter.

»Ich bedaure das.« Die Züge des Herrn Helmerding wurden um weitere 25 vom Hundert härter.

»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan –«

Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck zeigte den Ausdruck entschlossenster Unerbittlichkeit.

»– insofern, als ich ihm nicht genug gegeben habe, zumal er, wie ich sehe, nicht davor zurückscheut, seine Eltern mit hervorragender Dreistigkeit zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, kann das Versäumte noch nachgeholt werden.«

Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer Mundöffnung zu bestehen.

Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Herr Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte Versicherung »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem Zweifel darüber zurückließ, was er ihnen zeigen werde.

Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon seine Gattin wie erleuchtet vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen – mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben, im Zeitalter der Humanität gegen geknechtete Milliardäre, Hetzapostel und Bankräuber.

Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein Vertrauen schenken konnte) mit sieghafter Miene, es sei ihm soeben gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Dienstaufsichtsbehörden nie so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur augenblickliche, Störung im Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.

Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine verlockende Aussicht, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen Anstalten, deren sich ehemalige Schüler noch nach vielen Jahrzehnten in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen und die dem schnöden, nüchternen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von solchen Ausdehnungen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau Vorsteherin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenvorbilder mußten stets um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines der vorhandenen Muster mit Sicherheit zu schließen gestatteten. Übrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem Stundenplan erteilt. Der Grundsatz der Anschauung, auf dem bekanntlich die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Gerissenheit verfolgt. Dem Unterricht in der Erdkunde dienten nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte, erfreute sich Österreich noch der Lombardei; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten Erinnerungen erfüllen mußte. Um den naturkundlichen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Klappen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, die Glasglocke sitze nach viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Äußerte dennoch ein unerschrockener Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Überlieferung, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit kräftig an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch des naturgeschichtlichen Museums gedenken, das jahraus jahrein auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Aufgabe zu erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte.

Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern abschließen. Übrigens wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten unterbrochen, die alle in dem Merkmal übereinstimmten, daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.

Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar wie dieses rücksichtsvoll genug, nie wieder ein Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen mußte. Zeitigte doch auch seine Entwickelung auf anderen Gebieten die anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als três-chic bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene anmutige Beugung des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder anmutige Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark betonende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Übung erzielt. Dieser Übungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung des Billardkellners, der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Wirtshaus, der auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen und sie mit einem Stimmaufwand zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Witzwort sorgfältig erforscht wurden, nicht die leiseste Spur von Beifall. Ja es kam sogar vor, daß einzelne Gäste mit unverhohlenem Ärger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz Reuter-Gesicht sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen Leute unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu zertrümmern. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und einen polizeilichen Strafbefehl ein. Papa Helmerding bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der Westentasche.

Kennzeichnete jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht 95 vom Hundert unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen sie ihm nicht während des Selbstgesprächs »Sein oder nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, sofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife, die den Byronischen Don Juan mit giftigem Neide erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben vollendeten Gentleman in vollkommen wagerechter Richtung den Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und ein duftiger Spitzensonnenschirm kreiste über dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diesen Ritterdienst mit der Überreichung einer kostbaren Bonbonschachtel, die der Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch. Jene Vorverhandlungen würden nun zweifellos zu einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an Mimi gerichtetes Liebesbriefchen, in dem die Regeln der Wortlehre, der Rechtschreibung und der Schönschrift mit unparteiischer Nichtachtung gestraft wurden, geriet in die Hände des Ehepaars Petersen, und dieses vereitelte einen weiteren Verkehr, da es fest entschlossen war, seine Tochter in dieser Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue entente cordiale. Natürlich machte er innerhalb der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« – Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Entrüstung erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen Corona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havana in die Abendluft blies und über die des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Schönheiten Heerschau hielt.

»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!«

»Ach die, – na – das war einmal,« warf Willy hin, mit unaussprechlicher Lässigkeit die Asche von seiner Regalia knipsend.

»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«

»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Thieme sehen! Acht Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel begeistert auf.

»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!«

»Pah – wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist nur ja nichts dran gelegen, sonst – mit'n Stück Cremeschokolade krieg ich sie 'rum.«

»Na? Ich weiß nicht so recht –«

»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie kennt, kenn' ich sie.«

Willy blickte im Kreise umher – allgemeine Zustimmung.

»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?«

»Ja, wetten!«

»Um was?«

»Um zwanzig Zigaretten – aber ›King‹!«

»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«

In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« – Alles machte Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit den anmutigsten Kußhändchen von der Welt beantworteten.

»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!«

»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint...«

Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die Reinheit der Hautfarbe. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von 5000 Mark zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Hauptstadt genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands folgende Anzeige:

»Willy!

Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!«

Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei. Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich mittels Draht von Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der 5000 Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, sofern er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte.

Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste Tat kindlicher Ehrerbietung gepriesen und in unsterblichen Romanen verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die von den Berliner Vergnügungen mindestens die Rückreise erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab sie dabei zu erkennen, daß ein kleines Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht auf die Dauer befriedigen könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in ähnlichen Angelegenheiten vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht hatte, das man ganz dieselben Ziele mit weniger Kosten erreichen könne.

Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Zubehör der Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können. Selbst die »Presse« des Dr. Wuppdich, eine Unterrichtsanstalt, die in einem halben Jahre eine ganze einjährige Bildung erzeugte, hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck zurückgewirkt hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Ablegung der schriftlichen Prüfung nicht ungünstig: denn seine stilistischen und seine Übersetzungsarbeiten hatten den Prüfungsausschuß in jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren diesen jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger Entscheidung die Eignung für eine dreijährige Übung nicht absprechen konnte.

Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder der beißende Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen« ja, um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seinem Wesen nicht in Widerspruch gestanden hätte. Um so freudiger war die Überraschung, daß die Aushebungsbehörde, die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.

Unter solchen vielverheißenden Vorzeichen trat Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Übung gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall 600 000 Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy! Seit 25 Jahren waren das große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele, viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser, weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als den Wert der Häuser mit zwei »malzunehmen« und sich dann über das Ergebnis zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das war Baisse.

Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an der er seit seinem 26. Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich – ja – aber nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund genug für Willy in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei sie und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Genossen durch.

Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine düstere Schwermut umschattete sein Antlitz; dann wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!« Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener inbrünstigen Sammlung auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, wenn er es überhaupt als ein Geschäft betrachtete.

Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem Tage 4 Uhr 20 Minuten nachmittags zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen:

»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! – Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht, jaa, un viel Glück auch, mein Willy!«

Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer lebenbejahenden Tänzerin vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte.

Erst jetzt erkannten die Aktionäre einstimmig die Vorteilhaftigkeit des Ankaufs.

Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die gleiche Verlobungsanzeige:

»Zwei Millionen
Willy Helmerding
Verlobte.«

Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender Myrtenkranz das Ganze.

»Meine Herr'n – entschuldigen Sie – meine Damen und Herr'n, wollte ich sagen,« begann auf dem Verlobungsessen der Stadtrat Kneesen, »also: meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, zu dieser feierlichen Gelegenheit einige schlichte Worte, wie sie aus'm einfachen Freundesherzen kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, mm, an Ihnen zu richten, mir erlauben werde. Mein alter Freund Helmerding, mit dem ich manchen Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: 'n bessern Kerl – ich bin immer 'n bischen grade weg, meine Herrschaften – kann man gar nich, un wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, gar nich gefunden werden. Er is allgemein geachtet un geliebt un hat was für die Stadt getan un hat 'n Herz für die Armen – ja, ja, das has du, Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was die alte Mama Helmerding is, die hab' ich auch immer lieb gehabt – ja, das heißt alles in Ehr'n, meine Herrschaften, alles in Ehr'n – hähähähähä – – Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will mich kurz fassen, meine Herrschaften. Unser verehrtes Brautpaar hat uns die Freude gemacht, die große Freude gemacht – mm – sich in den heiligen Stand der Ehe – begeben zu wollen. Un wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam betrachte, da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre – un Freude – un – ja, das tut er, un kann ich nur hinzufügen, was ich so halb offisiell weiß, daß er wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird, na, ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch viele dazu, das soll'n Sie mal sehen. Denn solche Männer, ich meine, die brauchen wir, die durch Fleiß un Intelligenz un was sonst noch – sich emporgewickelt – äh – wollt' ich sagen: entwickelt haben, gehören an die Spitze!! Un wenn ich nu zu der lieben Braut übergehe – djä – was soll ich da anders sagen, als – er hat sich 'ne Frau ausgesucht – die zu ihm paßt! Praktisch is sie – un – un – wir haben sie alle gern, un hat uns alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, als sie ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren hat. Aber – ich meine – unser Willy, der wird sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie, mit mir anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch – un noch 'n mal: hoch! – un zum drittenmal: hoch!«

»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar nich mit mir angestoßen!« rief die entzückte Frau Helmerding.

Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in einem vollen Klange, und im Auge der Mutter schimmerte eine Träne.

 


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