Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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35. Kapitel.

Laura Rietensplieth braucht einen Hut.

Nun ist aber im Kriege bekanntlich nicht alles freiwillig; mitunter muß man. Und so hatte es sich beim besten Willen nicht vermeiden lassen, daß August eines Tages in eine metallische Auseinandersetzung mit dem Feinde verwickelt wurde. Der Vorstoß war wieder ganz sinnlos: aber was kann der einsichtsvolle Einzelne gegen die stupide Masse – »Unsinn, du siegst, und ich muß untergehn,« sagt Talbot. Und August ging auch unter in den Wogen des Kampfes, diesmal aber freiwillig. Wenn ich falle, sagte er sich, dann sieht es aus, als wenn ich gefallen wäre. Freilich: ich werde nachher keine Wunde aufweisen können. Aber ich kann ja auch ohnmächtig werden. Soll mir mal einer beweisen, daß ich nicht ohnmächtig war! Im selben Augenblicke wurde August ohnmächtig und stürzte vornüber in den Sand.

Die Gelehrten, die diese Erzählung in die Literaturgeschichte einzuordnen haben, werden bei dieser Stelle selbstverständlich anmerken, daß Gutbier und ich diesen Einfall und Umfall von Sir John Fallstaff hätten. Die Literaturforscher gehen nämlich bei all ihren Untersuchungen von der ihnen geläufigen Auffassung aus, daß ein Mensch unmöglich von selbst auf einen Gedanken verfallen könne. Wenn zum Beispiel ein Dichter schreibt »Es regnet,« so weisen sie nach, daß dieser Gedanke auf das 1. Buch Mosis, Kap. 7, Vers 11 zurückgehe, wo es auch regnet. Alles geht bei ihnen zurück. Nun kann ich natürlich nicht mit Bestimmtheit feststellen, ob August jemals Heinrich den Vierten auf der Bühne gesehen habe oder nicht; aber daß er niemals in seinem Leben Shakespeare gelesen hat, dafür lege ich die rechte Hand ins Feuer, mit der ich doch meine Bücher schreibe. Ganz abgesehen von dem allem aber war August Gutbier ohne Zweifel begabt genug, um auch ohne die Anregung Shakespeares zurückzubleiben und hinzufallen, wenn die Luft weiter vorn und oben ihm nicht zuträglich war.

Ebenso war er begabt genug, so lange ruhig liegen zu bleiben, bis er sicher sein konnte, daß das Gefecht sich hinreichend vorwärts entwickelt hatte. Dann hob er mit der Langsamkeit, die wir an ihm schätzen gelernt haben, millimeterweise Stirn, Nase, Mund und Kinn vom Boden, suchte sorgfältigst den westlichen Horizont ab, blickte ebenso sorgfältig nach rechts und ebenso sorgfältig nach links, stützte hierauf langsam die Arme auf, drehte sich um und setzte sich. Die Luft war rein, und er selbst, wie er der Vorsicht halber nochmals feststellte, noch immer unverwundet. Er überlegte, ob er sich nicht selbst einen Schuß beibringen solle. Aber dann ließ sich vielleicht feststellen, daß er von einem deutschen Geschoß herrühre. Nun, es konnte ja die verirrte Kugel aus dem Gewehr eines Kameraden sein: dergleichen kam ja vor. Aber er ließ den Gedanken dennoch fallen. Man weiß nie, was aus so einer Wunde werden kann. Es sind schon Menschen an einem Mückenstich gestorben. Er entschloß sich anders. Er wollte sich zielbewußt so weit wie möglich nach Osten verirren und dann bei guter Zeit als »Versprengter« wieder zu seiner Truppe stoßen. Er hatte sich eben behutsam aufgesammelt, seinen Helm aufgesetzt, seine Knarre aufgenommen, seine Uniform ohne Übereilung abgeputzt und zurechtgezogen und sich vorsichtig auf den Weg gemacht, als er, um eine Hecke auf einen schmalen Landweg biegend, einen Mann vor sich sah – den Teufel hätte er sich eher vermutet und vielleicht auch lieber gesehen als diesen Mann. Der Mann war ein Hauptmann; er mochte ein hoher Dreißiger sein, hatte ein tiefgebräuntes Angesicht, und seiner tatkräftigen Nase sah man an, daß viel Wind um sie herumgeweht war. Auf seinen Zügen zeigte sich heiteres Erstaunen, was von den Zügen des Herrn Gutbier nur ein abgefeimter Lügner hätte behaupten können, so weit es die Heiterkeit anbelangt.

»Sie hier, Herr Gutbier?« sagte freundlich schmunzelnd der wohlbekannte Fremde.

»Zu Befehl, Herr Hauptmann,« versetzte August, indem er körperlich und seelisch die Knie durchdrückte. Er hatte nämlich alsbald in dem Offizier jenen Dr. Töpfer erkannt, jenen unvorschriftsmäßig gesinnten Oberlehrer, den er, August, als treusorgender Vater und mannhafter Patriot aus dem Schuldienst vertrieben hatte.

»Jaja, so sieht man sich wieder!« lachte der Doktor. »Ich habe inzwischen in Brasilien mein Heil gesucht und gefunden. Aber als der Krieg kam, bin ich natürlich herübergeschwommen. Sie haben sich natürlich auch freiwillig gestellt?«

»Das – äh – ja, ich wollt' es natürlich immer – aber mein Geschäft ließ mich nich los –«

»Soso. Und wohin wollten Sie jetzt?«

»Ich?? – Ich – ich suche meine Kompagnie. Ich bin versprengt, ich war ohnmächtig geworden, un – un als ich wieder aufwachte – da war sie weg.«

»Ja, darauf kann die Kompagnie nicht warten. Da drüben steht sie im Feuer. Kommen Sie mit; ich habe denselben Weg.«

Wie liebenswürdig! August dachte in einem fort: Jetzt wird er gleich sagen: »Wissen Sie noch – – –?« Aber wie eigentümlich: dieser Doktor Töpfer dachte gar nicht so wie August Gutbier! Er berührte das Vorgefallene mit keiner Silbe, erkundigte sich nur immer wieder, wie es in der Heimat aussehe, wie August die Heimat verlassen habe, wie die Menschen daheim den Krieg ertrügen usf., und anstatt auch nur die kleinste Rache zu nehmen, erwies er seinem ehemaligen Verfolger den Liebesdienst, ihn sicher in den Donner der Karthaunen zurückzuführen.

In diesem Gefecht wurde August nicht mehr verwundet; dagegen erlebte er am folgenden Tage einen heftigen Unfall. Er erhielt nämlich von seiner Line einen Brief. Schon mehrere Tage hatte er vergeblich auf ein Fettpaket gewartet; nun erhielt er sein Fett, erhielt es reichlich, obwohl nur in einem Brief. Line Gutbier geborene Bohlen drohte ihm mit Scheidung.

Hilf Himmel, wie war das gekommen? Nun, sehr einfach, Laura Rietensplieth hatte notwendig einen neuen Hut gebraucht. Wir wissen längst, daß August ein leidenschaftlicher Jäger war, daß er aber den Freuden der Jagd nicht bei der Artemis, sondern bei Laura Rietensplieth frönte. Da Artemis die Beschützerin der Keuschheit ist, so nahm sie es August sehr übel, daß er ihren Namen mißbrauchte, und rächte sich. Sie erregte in der ziemlich schönen, jedenfalls sehr üppigen Laura eine heftige Begierde nach einem neuen Hut mit den kostbarsten Reiherfedern, und da Laura die dazu nötigen Drachmen nicht besaß, so schrieb sie einen glutvollen Brief an August. Die furchtbare Göttin – wir kennen sie ja von der armen Niobe her – tat aber ein Mehreres; sie verwirrte die Sinne des zuständigen Feldpostbeamten, daß er auf den Brief schrieb: »Adressat gefallen« und ihn mit anderen für August bestimmten Briefen zurückgehen ließ. Und da nun Laura auch im Briefschreiben nicht sehr ordentlich war – die Damen sind darin überhaupt fürchterlich: sie schreiben ohne Datum, ohne Angabe ihrer Adresse und lassen den Empfänger kaltblütig im Zweifel, ob sie Frau oder Jungfrau sind, ob sie Julia oder Jochen heißen – also: da Laura auf dem Umschlag keinen Absender vermerkt hatte, so geriet alles in die Hände der redlichen Hüterin des Hauses Gutbier. Lines Schreck über den Heldentod ihres Mannes war groß, aber erträglich; größer war schon der Schreck über seine Untreue; aber am grauenvollsten war der Schreck über den Hutpreis. Da flog das Geld in blauen Lappen hinaus, und sie trug Hüte zu 15 Mark! Ihren Scheidebrief an August wage ich nicht hierherzusetzen; ich halte es nicht für meine Aufgabe, das Herz des Lesers zu zerreißen. Er übertraf an zermalmender Wucht die Flüche des wahnsinnigen Lear.

August war gerade zum siebenten Male um Urlaub in die Heimat eingekommen; er zog sein Gesuch zurück. August, unser August in der Enge zwischen Skylla und Charybdis! Die Skylla lauerte bekanntlich im Osten und war ein furchtbares Ungetüm mit bellender Stimme und sechs Köpfen mit drei Reihen gräßlicher Zähne; die Charybdis war ein schrecklicher Strudel im Westen. Es soll nicht behauptet werden, daß Line sechs Köpfe hatte; aber wenn sie haderte, so hatte man den Eindruck. Man hatte den Eindruck von sechs Sprechorganen, die einander ablösten. Dies Bild von der Skylla und Charybdis stimmt eigentlich nur, wenn das Schrecknis auf beiden Seiten gleich groß ist; Augustens Sympathien aber neigten jetzt mehr nach dem Westen. Hier lag doch nur die Möglichkeit des Erschossenwerdens vor; zuhause war er schon erschossen, erschossen für immer und bei lebendigem Leibe. Denn er wagte nicht zu hoffen daß Line ihre Scheidedrohung wahrmachen werde.

 


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