Otto Ernst
Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
Otto Ernst

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13. Kapitel.

August und das hohe C.

»Ich hoffe,« sagte Schellenbarth, »daß ich Sie in Ihren Gedanken nicht unterbrochen habe, meine Herren. Ich möchte um keinen Preis stören. Wenn ich recht gehört habe, so pflogen die Herren eines Kunstgesprächs. Kann man davon profitieren?«

»Dscha, wir sprachen von unsern Theatern,« versetzte August, »daß da nix mehr mit los ist. Was sind das alles für Stücke, die sie da spielen. Und was sind das für Kräfte. Das is ja allens nix mehr gegen früher. Diese Tenöre jetzt, was sind das allens für Kerls. Ich war da neulich mal im Troubadour, ein gewisser Herr Sternheim als Manrico. Kerl sang total unrein!«

»Das hören Sie sofort, nicht wahr?« fragte Schellenbarth mit kindlicher Bewunderung. »Wie beneide ich Sie darum!«

»Naja, das 's doch schließlich keine Kunst,« rief August mit lächelnder Überlegenheit, »wenn der Mann Schleim in der Kehle hat und kratzig singt, das muß man doch hören!«

»Ja ja,« machte Schellenbarth, und seine Augen glänzten.

»Ich geh' auch gar nich mehr hin!« fuhr August fort. »Ja, wenn Caruso wiederkommt! Das laß ich mir gefallen! Das is 'n Kerl, Donnerwetter noch 'n mal. Da is mir kein Preis zu hoch. Das letzte Mal hab' ich an der Börse für vier Plätze 500 Mark bezahlt! Das is denn aber auch was! Da sind die andern ja alle Nachtwächter gegen! Die können sich ja man alle begraben lassen, so wie sie da sind. Heiliges Kanonenrohr, wenn der Caruso als Bajazzo das hohe C herausschmettert, Junge, Junge, das is 'n Staat is das!«

»Sie haben das absolute Gehör, nicht wahr?« fragte der Professor ehrerbietig.

»Was?« machte Gutbier. Was sollte er haben?

»Ich meine, Sie haben ein Ohr, das die absolute Tonhöhe mit Sicherheit feststellt, nicht nur die relative.«

August hielt einen Augenblick den Mund offen. »Das weiß ich nich,« sagte er dann. »Aber wenn einer das hohe C singt, das kann man doch hören!«

»Ohne Zweifel,« machte der Professor, und seine Augen leuchteten. »Aber kommt es denn im Bajazzo eigentlich zum hohen C? Ich müßte mich merkwürdig irren, wenn die Rolle des Canio nicht mit dem B abschnitte.«

»Sooo?« machte August mißtrauisch. Dann besann er sich plötzlich. »Och Gott, ich mein' ja gar nich den Bajazzo! Ich mein' ja ›Aida!‹ In ›Aida‹ als – als – wie heißt er man noch –«

»Als Rhadames.«

»Jaja, richtig, als Ramades – wenn er da das hohe C hinlegt – Donnerschlag –!«

»Ja, bin ich denn heute ganz verwirrt?« hauchte Schellenbarth lächelnd und liebevoll. »Ich mein' immer, der Rhadames bringt es auch nur bis zum B

»Nee,« erklärte August frech, »das is C!« Als er aber dem Professor in das funkelnde Auge sah, wurde er unsicher und meinte: »Na, das is ja nu auch ganz einerlei. Übrigens, da haben sie jetz im Gesangverein ›Arion‹, da haben sie 'n Tenor, 'n Chauffeur, der singt noch höher als Caruso; das is 'n Phänomen, der Kerl.«

Für August war, wie für die meisten Kunstkenner, die Kunst des Gesanges ein Stangenklettern; wer am höchsten hinaufkommt, erhält den Preis.

»Den Mann genn ich ooch,« erklärte Bemmefett, »der singt aber bloß bis A

»Nanu!« rief Gutbier. »Nu reden Sie mir doch keine Löcher in 'n Kopp! Ich hab' den Mann doch gehört –«

»Nu, ich ooch?!«

»Den sein Tenor klingt doch viel höher als Caruso seiner?«

»Glingt, glingt, glingt! Was heeßt ›glingt‹? Das is der Dängber (Timbre), das verwechseln Se! Die Stimme glingt äben heller und dinner; aber deshalb is se doch nich heeher!«

»Na ja, das wissen Sie als Sachverständiger ja besser –«

»Weeß ich ooch.«

»Aber 'ne Stimme hat der Kerl – heiliger Bimbam! Wie 'n Ochse! Ich hab ihn mal zu mir eingeladen – meine Damen sind ja auch sehr kunstliebend – für fünf Mark un frei Bier singt er Ihnen den ganzen Abend was vor – Gott bewahre, hat das Viech 'ne Stimme! Die Fenster haben geklirrt – ungelogen – und die Vase, die auf 'm Klavier steht – wenn ich die nich festgehalten hätte, wär' sie runtergefallen!«

»Ja,« sagte der Professor und wiegte träumerisch das Haupt, »es ist etwas Herrliches, wenn ein Mensch so laut singen kann. Es ist gerade wie im Zirkus, wenn so ein Emil Naucke Gewichte stemmt, immer noch schwerere und immer noch schwerere. Man meint, nun ginge es nicht weiter, nun müßten Sehnen und Muskeln reißen; aber es geht immer noch!«

»Ja, ja, so is es auch!« rief August glücklich. Er war ganz ein Kind seiner Zeit, die Opern schrieb nach dem Grundsatz: »Siebzig gegen Einen! Auf in den Kampf mit Blech und Holz und Kälberfell und Schafsgedärm gegen das menschliche Stimmband! Es müßte ja mit dem Deibel zugehen, wenn das kleine zarte Ding nicht totzukriegen wäre! Was hat es denn zu geben? Seele! Nu wenn schon!« Es ist eine Stillosigkeit, daß man Anfang und Schluß solcher Opern nicht durch je drei Kanonenschläge anzeigt, wie es bei Feuerwerken seit langem üblich ist.

Aber es gibt Sänger, die auf keine Weise unterzukriegen sind – seltene, gottbegnadete Erscheinungen –, das sind dann die richtigen Künstler.

»Wie denken Sie über Bach?« fragte Schellenbarth sanft, und von jedem seiner Augen sprühten sieben Millionen Funken ins Unendliche.

»Djä, ich weiß nich, welchen Sie meinen,« versetzte Gutbier, »wir haben hier zwei Schauspieler, die so heißen.«

»Ich meine keinen Schauspieler, ich meine den Tondichter.«

»Och, das is der, der so – Kirchenmusik schreibt –«

»Jetzt nicht mehr,« versetzte Schellenbarth mit immer gleicher Sanftmut.

»Djä, da muß ich nu leider gestehn: in Kirchenkonzerte geh ich grundsätzlich nich, das 's mir zu langweilig – hähähä – davon versteh ich nix; ich bin ja auch man 'n ganz einfacher, bescheidener Laie, nöch? Ich geh' mal in 'ne nette, hübsche Operette, un denn hab' ich zu Hause mein Grammophon, das is ja nu mein Hauptspaß. Da hab' ich immer die neusten und besten Platten, sämtliche Caruso-Platten – jaa, da spielt mir das Geld keine Rolle, das weiß hier mein Freund Bemmefett, der besorgt mir sie immer. Och, da muß ich Ihnen übrigens sagen« – hier wandte sich Gutbier zu dem Musikalienhändler –, »das letzte Dings, was meine Adrienne da bei Ihnen gekauft hat, das is ja ganz gottvoll, das is ja zum Piepen, das Dings. Wie heißt es man noch:

›Emil, mach mir mal die Bluse zu!‹

Och, das is ja zu reizend. Das muß sie mir jeden Tag vorspielen!«

»Chja, das hat großen Anglang gefunden,« erwiderte Bemmefett. »Se wer'n mer'sch nich glau'm, meine Herren; aber von dem Ding sin in vier Wochen ieber hunderttausend Schtick abgesetzt wor'n.«

»Hunderttausend Stück,« wiederholte der Professor mild und versonnen. »Und da heißt es immer, die Deutschen hätten keinen Kunstsinn. Da hat gewiß auch der Verfasser ein glänzendes Geschäft gemacht?«

»Wie?« fragte Bemmefett mit jäher Kopfwendung. »Nu chja, chja – nadierlich – nu freilich.«

»Pflegt nun der Verfasser an dem Absatz teilzunehmen, oder erhält er eine einmalige Abfindungssumme?« fragte der Gelehrte.

»Nu nadierlich, das wird ein- für allemal abgemacht,« erklärte Bemmefett. »Auf lange Abrechnungen gennen mer uns da nich einlassen; wo gämen mer da hin!?«

»So so,« machte Schellenbarth. »Was hat nun zum Beispiel der Schöpfer dieses ›Emil, mach mir mal die Bluse zu‹ für sein Werk bekommen?«

»Chja – das gann ich Ihnen so aus'm Goppe nich sag'n,« meinte Bemmefett, »da mißt' ich erscht meine Biecher nachschlag' – aber es war chjedenfalls bedrächtlich.«

Bemmefett war nämlich nicht ganz ohne Schamgefühl, und er sah während der folgenden Viertelstunde den Professor achtmal von der Seite an, wie man immer wieder nach einem Fenster guckt, durch das Zugluft zu dringen scheint.

 


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