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Wie Walter eines Tages mit Leufried in das Gemach der Jungfrau Angliana ging und ein Schachbrett auf dem Tisch liegen fand und wie er mit der Jungfrau im Schach zog in der Gegenwart des Grafen.

In großen Freuden lebten die zwei Liebhabenden lange Zeit, auch gewann der Graf Leufried so lieb, als wenn er sein leiblicher Sohn gewesen wäre. Da der Leu ihn noch immer unaufhörlich begleitete, schöpfte der Graf allerlei wunderliche Gedanken darum, bedachte oft des Jünglings seltsame Geburt und zweifelte nicht, daß er noch einst eines großen Namens werden würde. Nun war Leufried schon von Angliana beschieden, er möge zuzeiten in das Frauenzimmer kommen. Und es begab sich eines Tages, daß er mit Walter in der Jungfrauen Gemach trat, als Angliana kurz zuvor mit ihrer Gespielin im Schach gezogen hatte; das Brett stand mit den Steinen noch auf dem Tisch. Walter, der des Spiels ein besonderer Meister war, sprach, da er das Schachbrett sah:

»O Bruder, jetzt erquickt sich mein Herz und Gemüt, da ich dieses reiche Schachspiel sehe, ach, wäre ich nur einmal so glücklich, daß ich einmal genug dieses Spiel ziehen und meinen Kurzweil damit haben dürfte.«

Angliana hatte diese Worte gehört, und da sie glaubte, es könne ihr niemand im Schachspiel obsiegen, sagte sie freudig:

»Walter, mein lieber Freund, seid Ihr des Spiels berichtet, kundig. so ziehen wir eins oder zwei für die Langeweile, um was Ihr wollt.«

»Gnädige Jungfrau«, sagte Walter, »ich bin ein Schüler des Spiels, darum will mir nicht gebühren, um einen Gewinn zu ziehen; denn ich sorge, Euer Gnad wird mir zu geschickt sein.«

»Das laßt bleiben«, sagte Angliana, »laßt uns eine Zeitlang kurzweilen.«

So setzten sie sich an das Spiel. Angliana brauchte alle ihre Kunst, aber Walter war ein kluger Jüngling, er nahm fleißig alle die Vorteile wahr, welche die Jungfrau gebrauchte. Das erste, andere und dritte Spiel ließ er sie gewinnen.

»Gnädige Jungfrau«, sprach sodann Walter, »ich bemerke jetzt, wenn nicht Gewinn oder Verlust auf diesem Spiele steht, so werde ich es nimmermehr lernen, darum soll es hinfort um etwas gelten.«

»Das bin ich sehr wohl zufrieden«, sagte die Jungfrau, »es gelte, was Ihr wollt.« Walter hatte an seinem Finger ein gar schönes Ringlein, das zog er herab und sprach:

»Gnädige Jungfrau, dieses Ringlein steht zu Gewinn, so es Euer Gnad gewinnt, so sollt Ihr es haben, wenn Ihr aber verliert, sollt Ihr es selbst schätzen und mir dessen Wert ersetzen.«

Angliana war das sehr wohl zufrieden. Sobald sie nun in das Spiel kamen, gebrauchte Walter alle seine Geschwindigkeit und Kunst, die er je erlernt hatte, und ehe Angliana ihr Spiel nur in Ordnung hatte, war sie Schach und matt, so daß sie keinen Stein mehr anrühren konnte, worüber sie dann ganz schamrot dasaß.

Währenddem kommt der Graf in seiner Tochter Gemach, findet die beiden Jünglinge darin und Walter, des Kaufmanns Sohn, Leufrieds geschworenen Bruder, mit Angliana, seiner Tochter, im Schach ziehen. Die Jünglinge erschraken beide gar sehr, daß es der Graf bald wahrgenommen hatte.

Er sprach deshalb mit lachendem Mund zu den beiden Jünglingen:

»Ihr Gesellen, die Sache gefällt mir ja übel von euch, ich sehe wohl, daß ihr meiner Tochter Angliana zu stark im Schachspiel seid; denn zwei wissen leicht mehr als einer. Auch sehe ich, Angliana hat sich in diesem Spiel gar sehr verzogen, ihr Spiel steht auf allen Wegen Schach und matt. Liebe Tochter, gib dieses Spiel auf und fange ein neues an, so will ich dir mit meinem Rat beistehen und Gewinn und Verlust mit dir teilen.«

Nun hob Angliana das Spiel auf und zog von neuem mit Walter, der sich nun noch mehr befliß, um den Grafen mitsamt Angliana zu besiegen, und so zogen sie auch nicht lange, daß Walter dem Grafen und seiner Tochter Schach bot. Der Graf konnte sich über die geschwinden Züge Walters nicht genug verwundern, begann das zweite Spiel und verdoppelte den Gewinn. Walter aber blieb ganz unerschrocken und gewann dem Grafen alle Spiele ab. Da der Graf nun ersah, daß er nichts gegen ihn vermochte, standen sie auf und beurlaubten sich von Angliana. Da es aber Zeit zum Nachtmahl war, nahm sie der Graf mit zu Tisch. In großen Freuden verzehrten sie das Nachtmahl. Die anderen Diener des Grafen durften ihre Mißgunst über Leufried nicht merken lassen; denn sie hatten wohl zu Lissabon, als der König Leufried zu seinem Diener verlangte, vernommen, wie sehr ihn der Graf liebte, und so schwiegen sie dann zur Sache, bis zur Zeit, da das Glück Leufried gar scheel ansah, wie wir hernach vernehmen werden.


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