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Vaterlandsliebe

        Ein edler Geist klebt nicht am Staube;
Er raget über Zeit und Stand:
Ihn engt nicht Volksgebrauch noch Glaube,
Ihn nicht Geschlecht noch Vaterland.
Die Sonne steig und tauche nieder;
Sie sah und sieht ringsum nur Brüder:
Der Kelt und Griech und Hottentott
Verehren kindlich einen Gott.

Doch ob der Geist den Blick erhebet
Bis zu der Sterne Brüderschar,
Ihn säumt der träge Leib und klebet
Am Erdenkloß, der ihn gebar.
Umsonst von seines Staubes Hügel
Blickt auf der Geist und wägt die Flügel;
Des Fluges Sehnsucht wird ihm Stand,
Sein All ein süßes Vaterland.

Er liebt die traute Vaterhütte,
Den Ahorntisch, des Hofes Baum,
Die Nachbarn und des Völkleins Sitte,
Des heimischen Gefildes Raum.
Er liebt die treuen Schulgenossen,
Der Jugendspiel harmlose Possen,
Das angestaunte Bilderbuch,
Der Mutter Lied und Sittenspruch.

O du, in Fremdlingsflur Verbannter,
Wie warst du Freud und Wehmut ganz,
Begrüßte dich ein Unbekannter
Im holden Laut des Vaterlands!
Du kehrst in schroffes Eisgefilde
Mit Lust aus reicher Sonnenmilde
Und weinst, auf deiner Väter Höhn
Von fern den blauen Rauch zu sehn.

Schafft Freiheit jegliches Gewerbes
Gemeingeist und gemeines Wohl;
Baut jeder, sorglos seines Erbes,
Hier Wissenschaft, dort Korn und Kohl;
Entzieht kein Vorrecht sich der Bürde;
Erteilt Verdienst, nicht Anspruch, Würde:
Dann lieber arm im Vaterland
Als fern in Sklavenprunk verbannt!

Glückselig, wem Geschick und Tugend
Der Erstlingspflege Dank vergönnt,
Wen Greis und Mann daheim der Jugend
Zum Beispiel guten Bürger nennt.
Nicht eigensüchtig wirbt er Seines;
Sein Herz, entbrannt für Allgemeines,
Verschwendet Kraft und Fleiß und Gut
Und, gilt es Wohlfahrt, gern das Blut.


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