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Allegro

Nach Milton

                  Hinweg, o Schwermut, wild und kraß,
Dem Cerberus von schwarzer Mitternacht geboren,
Phantom, im Tartarus verloren
Durch Graun und Angst, Wehklag und Groll und Menschenhaß!
Zur rohen Zelle nimm die Flucht,
Wo brütend Dunkelheit voll Argwohns streckt die Schwingen
Und Leichenton Nachtraben singen:
Dort tief im Schatten, der dem Forst der Felsenbucht
Wie dein verwildert Haar enthänget,
Wohn einsam, rings von Nacht Kimmeriens umdränget!

Komm, schöne Göttin, Freundliche!
Du, im Olymp Euphrosyne
Genannt, auf Erden heitre Freude:
Denn dich und deine Schwestern beide
Gebar zugleich, o Grazie,
Idalia, die lächelnde,
Dem Traubengott im Efeukranz,
Gesellt nach jugendlichem Tanz;
Wofern nicht, wie ein Weiser singt,
Der frohe Wind, der Frühling bringt,
Zephyr um Aurora scherzend,
Einst am ersten Mai sie herzend,
Auf Violen weich und blau,
Und Schlüsselblumen, feucht vom Tau,
Dich ihr geschenkt, ein schönes Kind,
So munter, rasch und gutgesinnt.
Als du zum Lichte drangst, durchfuhr
Ein süßes Schauern die Natur.
Es lachte jugendlich umher,
Im Frühlingsglanz, Luft, Erd und Meer;
Und voll befruchtendes Erbebens
Trieb aller Keim und Geist des Lebens:
Daß Tempes Grün, bunt übersät,
Anlockt' als Venus' Blumenbeet;
Daß Baum und Rosenbusch den Sproß
Schnell hub und Blüte niedergoß;
Daß gleich, vom segenschwangern Weste
Gefittichet, aus warmem Neste
Die Lerche sich zum Äther schwang,
Einstimmend in der Sphären Klang,
Und aus Peneos' jungem Rohr
Schneeweiße Schwänling' hell im Chor
Auf säuselten mit Melodien,
Und aus der Myrten jungem Grün
Der Philomela Kinder schon
Hell wirbelten im Jubelton.
Du, Frohe, lagst im Duft der Au,
Und nach dem schönen Himmelsblau
Die Händchen streckend, lachtest du.
Die Biene trug dir Honig zu;
Und Hebe bot, zur Pflege nah,
Der kleinen Lipp Ambrosia.
Die milden Götter sahn erfreut
Dich, Geberin der Seligkeit,
Sie sahn, und fühlten mehr sich Götter;
Auch Zeus erheiterte sein Wetter
In Klarheit, ließ den Donnerstrahl
Und stieg als Hirt in Tempes Tal.

Eil, o Nymph, und bring herbei
Jugendlust und Schäkerei,
Laun' und Poss' und lose Tücke,
Holdes Lächeln, Wink' und Nicke,
Was nur Hebes Wang umschwebt
Und gern in sanften Grübchen lebt;
Mutwill, düstre Sorg entfaltend,
Und Lachen, beide Seiten haltend.
Komm, und hüpfe leis im Gehn
Auf ätherisch leichten Zehn;
Und rechts dir wandle, stolz und hehr,
Freiheit, die edle Bergnymph, her.
Und wenn mein Dienst dir heilig war,
So nimm auch mich in deine Schar,
Mit euch zu leben frank und frei
In Wohlbehagen sonder Reu:
Zu hören, wie die Lerch erwacht,
Und singend scheucht die träge Nacht,
Zur höchsten Himmelswart entzückt,
Bis Grau und Rot den Morgen schmückt;
Wie dann die Schwalb, im Nest verborgen,
Mir beut vom Giebel guten Morgen
Und Fink, Stieglitz und Nachtigall
Vom Blütenhain am Wasserfall;
Und an der Wand, mit Glut bestrahlt,
Sich wankend Laub und Vogel malt,
Hier Aprikos und Lambertsnuß,
Dort Wein und gelber Cytisus;
Indes der Hahn helltönend weit
Der dünnen Dämmrung Zug zerstreut,
Die Flügel schlägt, um Futter trotzt
Und stolz vor seinen Weibern strotzt;
Oft lausch ich fern, wie Hund und Horn
Am Hügel tönt durch Busch und Dorn
Und Widerhall vom hohen Wald
Den süßen Morgenschlaf durchschallt.

Auch wandr ich oft, nicht ungesehn,
Den Ulmenweg, geschlängt an Höhn,
Dorthin, wo durch des Ostens Tor
Die große Sonne prangt hervor,
Im Flammenschmuck, umwallt von Duft,
Voll Glanzgewölk die blaue Luft.
Wann der Pflüger rechter Hand
Pfeift durch schwarzgefurchtes Land,
Dort ein Trupp Milchmädchen singt,
Dort gewetzt die Sense klingt,
Dort im Schatten wilder Rosen
Hirt und Hirtin freundlich kosen.
Oh, ringsum lacht die Flur vergnügt,
Wohin mein trunknes Auge fliegt!
Anger grün und Brache falb,
Rings von Füllen, Lamm und Kalb
Überschwärmt und roten Kühn,
Die schwer mit vollem Euter ziehn;
Fern umbüschter Berge Kranz,
Bläulich hier, dort hell im Glanz;
Wiesen, gelb und rot bestreut,
Bach und Teiche, blank und weit,
Hier gefurcht von Ent und Schwan,
Dort vom kleinen Fischerkahn,
Wo ein Greis die Reusen hebt
Und am Schilf das Zuggarn schwebt;
Turm und Zinn und rot Gemäuer,
Halb in krauser Bäume Schleier,
Wo manche zarte Städterin
Mit mädchenhaftem Flattersinn
Halb wach im Flaumenlager säumt
Und Lustbarkeit und Siege träumt.

Doch laß (der Morgen ist so schön!)
Feldein zum Dorf im Tal mich gehn.
Dort raucht der grünbemooste Gipfel
Durch hingekrümmter Eichen Wipfel,
Wo die flinke Frau vom Haus
Kocht der Ernter Mittagsschmaus
Und, von Kinderchen umdrängt,
Mit Honig kalte Schale mengt;
Dann hinaus zum Acker eilet
Und des Bindens Arbeit teilet;
Doch wann Holunder blüht im Zaun,
Schwade Heus auf falben Aun
Singend mit der Harke kehrt,
Weil ihr Mann die Schober fährt.
Oft sammelt auch ein Feiertag
Das ganze Dorf zum Lustgelag,
Wo Wams und Halstuch festlich prunkt
Und goldgeblümt die Mütze funkt,
Wo weiße Füßchen, blank geschnallt,
Ein schön gesäumter Rock umwallt:
Wann zur Fiedel bald Trompete
Lärmt, bald Dudelsack und Flöte,
Und, wie Bräutigam und Braut,
Bursch und Jungfer sich vertraut
Im gefleckten Schatten schwingen
Und ein weltlich Stückchen singen,
Und jung und alt sich draußen freun
Am Feiertag – im Sonnenschein,
Bis hell der Abendstern nun schimmert,
Und Tau an jedem Gräschen flimmert.
Dann, zechend aus bemaltem Glas
Braun Doppelbier, erzählt man was:
Wie oft ein unterird'scher Zwerg
Ein Kind entführt in seinen Berg,
Den Wechselbalg dann unterschiebt,
Der weder Gott noch Menschen liebt.
Die klagt, wie manche liebe Nacht
Ein schwerer Alp sie stöhnen macht,
Wenn rückwärts nicht gestellet war
Mit Kreuzen ihr Pantoffelpaar.
Der meldet, wie er dort und da
Des Tückebolds Irrlichtchen sah,
Der, als ein Mönch in haarnem Tuch,
Am Moor die Blendlaterne trug;
Wie blau ein Schatz am Fuchsberg glomm,
Und schaufelnd rief der Schwarze: Komm!
Dann brüllend mit Gestank verschwand
Und sein Beschwörer Kohlen fand;
Wie treu der Kobold dient als Sklav,
Der hingesetzt den Milchnapf traf,
Die Stuben fegt, die Schüsseln wäscht
Und Korn mit dunklem Flegel dröscht,
Was zehn Arbeiter nicht vollendet;
Doch sonst die Leute neckt und schändet,
Mit Klößen wirft und schnarcht und knurrt
Und an der Wanduhr stellt und purrt;
Drauf, wann die Glut in Asche sank,
Die ihm gewärmt den Balg entlang,
Den Mädchen oft die Decke zupft,
Oft kalt und rauch ins Bette schlupft,
Bis Hahngeschrei und Morgenlicht
Durchs Schlüsselloch verscheucht den Wicht.
So geht die grause Mär herum,
Und näher rückend lauscht man stumm.
Noch plaudert man und schäkert viel,
Spielt Blindekuh und Pfänderspiel,
Erfreut mit manchem neuen Liedlein
Und Jugendschwank sein junges Mütlein
Und führt einander heim und lacht
Und wünscht sich lachend gute Nacht;
Kriecht dann ins Bett und schläft so schön
Und hört im Schlaf die Bäume wehn.

Hinweg der großen Stadt Gewühl,
Ihr starres Mahl, ihr stummes Spiel,
Ball, Maskerad und Gaukelei
Und Prunk und Staat und Höferei!
Wir, fast wie Landvolk, ländlich hier,
Gleich weit von Unzier und von Zier,
Ganz anders wissen wir zu feiern,
So oft sich Jahresfest' erneuern,
Ein Hochzeitstag nach altem Brauch
Und mancherlei Geburtstag auch;
Wenn Weib und Kindlein rot und frisch
Sitzen um den vollen Tisch
Und, die Hände klatschend, juchen
Um den ungeheuren Kuchen,
Rauh von Nam und Jahreszahl,
Und den läutenden Pokal,
Der mit Glückwunsch und Gesang
Ringsum trägt den Feiertrank;
Oder wenn am kleinen See
Wir die ersten Güldenklee
Und den ersten Strauß Violen
Beim Gesang der Lerche holen!
Wenn Vergißmeinnicht gereiht
Blaue Kränz in Schalen beut;
Oder wenn ein Lieblingsbaum
Gelb und bräunlich Kirsch und Pflaum,
Äpfel, groß und rotgestreift,
Nuß und goldne Birne reift,
Alles kreischt und alles nascht
Und den goldnen Regen hascht.
Auch wann der Herbst den Wald entblättert,
Und Regenguß und Schloße schmettert;
Wir schließen nur das Fenster zu
Und lauschen dem Getös in Ruh.
Bald tönt ein Lied zu Saitenklang,
Wie Reichardt oder Schulz es sang;
Der Kleinste horcht und lallet mit
Und unterbricht den Steckenritt.
Bald höher schwingt ihr Psalm und Chor
Die frohbewegte Seel empor;
Wann Lieb und Andacht sanftes Flehn
Einmischt harmonischem Getön,
Dann Wonnentzückung lauten Dank
Anstimmt in hellem Saitenklang
Dem Gott, der Sturmwind schafft und Wetter
Und Frühlingshauch, dem Gott der Götter;
Daß Gottes Gnad und Allgewalt
In vollem Jubel lang aushallt.
Auch schwatzt in holder Dämmerung
Vertraulich die Erinnerung;
Mitunter wohl von Kindereien,
Nicht nur von alten, auch von neuen,
Weil unsre Hauslust manches trieb,
Was kaum und kaum in Schranken blieb.
Doch unvermutet kommt herbei
Mit keckem Schritt Planmacherei
Und zeigt den Ort im Garten an,
Wo noch ein Bäumchen stehen kann;
Indem des Ofens Flamme knittert,
Und trüber Schein am Boden zittert,
Und Spinnrad oder Haspel surrt,
Und Mieschen unterm Lehnstuhl schnurrt.
Dann zaubert Welten uns voll Glanz
Ein Weiser Roms und Griechenlands,
Wo Kraft und Schöne, reif durch Freiheit,
Fortglänzt in nie verjährter Neuheit,
Wo frei der Bürgersinn auch strebt
Und Bürgertat zu Göttern hebt.
Auch reizt uns Vaterlandsgesang,
Der lieblich weiser Freud erklang;
Dein süßes Lied, Altvater Gleim,
Süß wie Hymettus' Honigseim;
Und deins, o Geßner, Tempes Hirt,
Der sich ins Zürchertal verirrt;
Auch, Lessing, deins, der deutsche Art
Mit Griechheit, unerkannt, gepaart;
Deins, Goethe, freudiger Apoll;
Und Schiller, edles Taumels voll;
Und, o Melpomene, warum
Mein Gerstenberg so frühe stumm?
Deins, blinder Pfeffel, der geklärt
Im Geist, Phäaken Weisheit lehrt;
Auch Nicolai, der am Strand
Des Nordens sanft die Laute spannt;
Auch deins, Jacobi, deins, o Kleist;
Und eures, voll von Flaccus' Geist:
O Hagedorn, der sanften Klang
Zuerst dem rohen Spiel entzwang;
Uz, männlich froh; und Ramlers Schwung
In tönender Begeisterung;
Und Klopstock-Bragar, hoch zum Äther
Mit Palm und Eichenschmuck erhöhter;
Und wer, euch nach, zu edlem Lob
Der Urbegeistrung Fittich hob,
Ihr Freunde, die mein Herz mir nennt,
Durch Tod und Trennung ungetrennt,
Die, wie vordem das Tal der Leine,
All einst Elysium vereine!
Doch schweig, Erinnrung, schweig davon!
Denn, horch im hellen Lautenton
Der attischen Musarion
Tönt Oberon, tönt Oberon:
Womit die Grazie beginnt
Und endiget und lächelnd sinnt,
Und wenn ein Gott voll Eifers fragt,
Mit froher Stimme: »Wieland!« sagt.


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