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Die erneute Menschheit

(1794)

            Stille herrsch, Andacht und der Seel Erhebung
Ringsumher! Fern sei, was befleckt von Sünd ist,
Was dem Staub anhaftet, zu klein der Menschheit
            Höherem Aufschwung!

Dem die Weltkreis all in den Sonnenhimmeln
Staub sind; dem Weltjahre wie Augenblicke;
Dem, gesamt aufstrebend, der Geister Tiefsinn
            Nur ein Gedank ist;

Dessen Macht kein Maß der Erschaffnen ausmißt;
Dessen fernhin dämmerndes Licht Begeistrung
Kaum erreicht, hochfliegend: den Geist der Geister!
            Betet ihn an! Gott!

Nicht der Lipp Anbetung ist wert der Gottheit,
Nicht Gepräng abbüßendes Tempeldienstes,
Nicht Gelübd und Faste; nur Tat geklärter
            Menschlichkeit ehrt ihn!

Dich allein, Abglanz von der Gottheit Urlicht,
Menschlichkeit! dich sah der entzückte Denker,
Bebt' in Wollust, rang, wie zur Braut der Jüngling,
            Ach! und umschloß dich!

Flog mit dir aufwärts und vernahm in Demut
Näher Gott! – »Allvater, erbarm dich unser!«
Fleht' er auf: »Allvater, unendlich groß,
            unendlicher Güte!«

Flehn auch wir: »Allvater, erbarm dich ihrer,
(Ach sie tun's unkundig!) die: ›Gott der Heerschar!
Uns nur Gott!‹ aufrufen, der Rache Zorn dir
            Löschend in Sühnblut!«

Gott, sie nahn lobsingend, vom Blut der Brüder
Wild, die fromm dir dienten den Dienst der Heimat,
Anders nur dich, Größester, Engeln selbst Viel-
            namiger! nennend!

Höchstes Gut allstets und des Guten Geber!
Ihm, der Raubwild jagt in der Eichelwaldung;
Ihm, der Feind' abwehrt mit Geschoß und Harnisch,
            Froh des Gemeinwohls:

Oder ihm, des Seel, in das All sich schwingend,
Mit der Grundursachen Gewicht und Maße,
Harmonie wahrnimmt, aus Verblühn Erschaffung,
            Leben aus Tode!

Ob wie tot auch starre der Geist der Menschheit
Durch der Willkür Zwang und gebotnen Wahnsinn;
Doch erringt siegreich auch der Geist der Menschheit
            Neue Belebung.

Zwar er schlief Jahrhunderte, dumpf in Fesseln,
Todesschlaf, seit himmelempor die Freiheit
Vor den Zwingherrn floh und des Götzenpriesters
            Laurendem Bannstrahl.

Luther kam; auf schauert' im Schlaf der Geist ihm,
Blickt' umher, schloß wieder das Aug in Ohnmacht
Und vernahm leis ahnend den Laut aus Trümmern
            Attischer Weisheit.

Bald, wie Glut fortglimmt in der Asch, am Windhauch
Fünkchen hellt, rot wird und in Feuerflammen
Licht und Wärm ausgießt: so erhub der Menschheit
            Schlummernder Geist sich,

Lebensfroh! Hin sank die verjährte Fessel,
Sank der Bannaltar und die Burg des Zwingherrn;
Rege Kraft, Schönheit und des Volks Gemeinsinn
            Blühten mit Heil auf!


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