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Einunddreißigstes Kapitel.
Der ehrenhafte Deacon.

Mit Ausnahme der wenigen Flaschen, welche als Anteil auf die Kajüte gefallen waren, gab es nun keine Spirituosen mehr auf der Brigg. Ich war hiervon jedoch so lange noch nicht ganz fest überzeugt, als bis einige Mann unter Blunts Führung jeden zugänglichen Teil des Schiffes durchstöbert hatten.

Es lag in dieser Gewißheit viel mehr, mich zu erfreuen, als auf den ersten Blick verständlich erscheinen mag. Ich spreche nicht davon, daß es den Leuten nun nicht mehr möglich war, sich zu berauschen, nein, der große Gewinn für mich lag darin, daß sie, alles Getränkes beraubt, jetzt Sehnsucht empfinden würden, die Reise möglichst schnell zu beenden. Dies aber mußte meine Autorität vermehren und meinem Willen, sie von Miß Franklin fernzuhalten, Nachdruck verschaffen.

Wenige Bewohner des festen Landes können sich den Zauber vorstellen, den das Trinken für die meisten Seeleute besitzt. Schlaue Kapitäne versöhnen die Mannschaft mit den schwersten Arbeiten durch Erteilung eines Extraschluckes am Tage. Dieses Genusses beraubt, hält der Seemann das Leben für eine Last. Er wird ein Schmuggler und manchmal sogar Pirat, um seinen geliebten Branntwein, Rum oder das Feuerwasser zu erlangen, welches die Chinesen fabrizieren.

Der starke Wind aus Süden blieb uns eine ganze Woche treu. Als wir die Breiten und Längen in gleicher Geschwindigkeit zurückließen, wurden die Wogen länger und schwerer und der Wind kälter. Nach Lootsenjacken, Seestiefeln und Winterhandschuhen war jetzt große Nachfrage, und die Wache auf Deck suchte die warme Luft der Küche auf.

Die obersten Segel aufgebend, hielt ich doch standhaft an allen übrigen Segeln fest und machte einige wundervolle Fahrten, wenn auch mit solcher Abnutzung von Spieren und Tauwerk, wie es kein Reeder gutgeheißen haben würde.

Es war ein großartiger Anblick, wenn man in dunklen Nächten, in der Nähe des Rades stehend, das Schiff beobachtete und sah, wie sich der Vordersteven bis zum Galion in den brausenden Fluten begrub und der scharfe Kiel, die Wogen flüchtig durchschneidend, den breiten Streifen des rauschenden Kielwassers zog. Der mächtige Eindruck, den dies machte, wurde noch erhöht durch einen Blick nach oben, wo unter dem Firmament die vom Wind der oberen Regionen zerrissenen Wolken, durchflimmert von den frostig flackernden Sternen, sich jagten, und das südliche Kreuz in blendender Pracht auf die unter ihm rollenden, mit weißem Schaum gekrönten Wogen strahlte und die Häupter derselben wie Juwele erglänzen ließ. Und inmitten dieser Erhabenheit, die das Herz mit heiliger Scheu erfüllt, stöhnen und ächzen die Balken und Spieren, streckt und reckt sich seufzend das Tauwerk, heult der Wind in den Segeln und stehen, von der Dunkelheit umhüllt, die kraftvollen, wetterfesten Gestalten der Männer am Rade, mit fester Hand und starrem Blick vorwärts die Fahrt des Schiffes leitend.

Ich war in dieser Zeit so viel auf Deck, als wenn ich der, für eine spezielle Fahrt engagierte, rechtmäßige Kommandant der Brigg gewesen wäre und im Interesse der von mir gestellten hohen Kaution aufpassen müßte, daß keine Spiere und kein Segel durch unachtsame Behandlung verloren ginge.

Die Leute schienen mit mir vollkommen zufrieden und lachten behaglich, wenn sie über die Schiffsseite oder hinauf ins Takelwerk blickten. Deutliche Anzeichen in ihrem Benehmen verrieten mir ihren Wunsch, diesen Teil der Reise möglichst bald überwunden zu haben. Wenn ich den am Rade stehenden Mann manchmal vorsichtig aushorchte, fühlte ich heraus, daß ihrer gesetzwidrigen That allmählich die Reaktion folgte und sie eine gewisse Besorgnis zu empfinden begannen. Sie hatten, sagten sie sich, – denn nach ihrem Begriffsvermögen war die Absicht so gut wie die That – den Kapitän und den Maat ermordet. Der Besitz der Brigg, die Unklarheit, was sie mit derselben beginnen sollten, und die Unklarheit ihrer Zukunft, das war es, was sie jetzt zu beunruhigen anfing.

Hierin sympathisierte ich allerdings mit ihnen, nur mit dem Unterschied, daß meine Gedanken in einer ganz anderen Richtung liefen.

Meine Zukunft war so ungewiß wie die ihre, jedoch war ich nicht ganz ohne Pläne, die ich immer gerade so, wie sie mir einfielen, Miß Franklin anvertraute.

Die Vorkehrungen, die ich für ihre Sicherheit getroffen hatte, waren genau überlegt und der Raum, den ich unter Umständen zu verteidigen hatte, war nur klein. Jeden Abend schloß ich sie sicher in ihre Kajüte ein. Ein geladener Revolver, den ich in einer Schieblade des Kapitäns gefunden hatte, steckte bei Tage immer in meiner Tasche und lag, wenn ich schlief, unter meinem Kopfkissen. Ich war entschlossen, mit dieser Waffe jedem den Kopf zu zerschmettern, der ihre Thür zu öffnen oder ihr seine Gesellschaft aufzudrängen versuchen sollte. Von dieser Absicht hatte ich ihr natürlich nichts gesagt, denn, weiß Gott, das arme Kind litt schon genug unter schrecklichen Bildern und Vorstellungen, um in einer beständigen Aufregung zu leben.

Außerdem trug ich Sorge, daß niemand als ich in ihre Nähe kam, nur ich allein bediente sie und brachte ihr die Mahlzeiten; sie war wahrhaftig beinahe so verborgen und begraben wie nur irgend eine Haremsdame.

Zu Banyard hatte ich Vertrauen, Deacon aber mißtraute ich. Er hatte sich angewöhnt, nach Miß Franklin zu fragen, und einmal redete er mir zu, sie doch mit uns am Tische sitzen zu lassen, der Anblick ihres hübschen Gesichts, meinte er, würde die Reise jedenfalls verkürzen und angenehmer machen und dann, dächte er, müsse es doch auch für sie langweilig und traurig sein, wenn ich sie stets eingeschlossen hielte wie eine Gefangene.

Er sagte das mit einem ganz eigenartigen Ausdruck und einem so sonderbaren Blick in seinen Augen, daß mir der Gedanke kam, er führe irgend etwas im Schilde und ich müßte ihm aufpassen.

Ich antwortete ihm daher sehr kurz und er wurde still, wie es seine Art war, wenn ich unfreundlich zu ihm sprach. Sein mir unheimliches Verhalten ließ mich jetzt den Vorsatz fassen, ihn wieder in seinen heimatlichen Boden, das Vorderkastell, zurück zu verpflanzen, sobald ich nur einen schicklichen Vorwand dafür finden könnte. Ich hielt ihn ja ohnedem für nicht ganz richtig im Kopf. Verschiedene Anzeichen davon glaubte ich in seinen Augen, in seiner Art zu lachen und in seinem mitunter so lächerlich aufgeblasenen, selbstbewußten Wesen erkannt zu haben.

Ich war eigentlich schon halb entschlossen, der Mannschaft meine Anschauung auszusprechen, daß er als Seemann nicht tüchtig genug wäre, um ihm ohne Sorge die Sicherheit der Brigg anvertrauen zu können, und ich es ihr deshalb anheimstellen müsse, an seiner Stelle einen andern Maat zu wählen. Ich mußte mich aber doch auch sehr in acht nehmen, übereilt zu handeln. Er stand nämlich hoch in Gunst bei seinen Maats, dieser Erzverschwörer, den sie als den Pionier ihres Glücks ansahen, auch hatte er stets von seiner Dankbarkeit für mich gesprochen wegen seiner Lebensrettung, kurz, ich würde wahnsinnig gehandelt haben, wenn ich, aus Mangel an sorgfältiger Ueberlegung, ihn mir zum Feinde gemacht hätte.

Nach dem achten Tage ließ der günstige Wind, welcher uns die herrliche Fahrt von 1628 Meilen hatte machen lassen, langsam nach. Um zehn Uhr morgens fing er an abzunehmen, und um fünf Uhr nachmittags war die See so glatt wie Seide und kein Lüftchen kräuselte ihre Oberfläche.

Windstillen dauern in diesen Gewässern in der Regel nur so kurze Zeit, daß die See nicht Zeit hat, ruhig zu werden. Wir lagen deshalb schlingernd auf einer glasigen Dünung, welche um den ganzen Horizont Berge auftürmte; das Schiff gehorchte weder Steuer noch Segeln; es war nicht möglich, auch nur einen Schritt aufrecht zu gehen, ohne sich anzuhalten. Wie eine Schaukel wurde die Brigg von einer Seite auf die andere geworfen, so daß bald auf Steuerbord, bald auf Backbord die unteren Raanocken beinahe in die See tauchten und das Wasser bis in Höhe der oberen Schanzkleidung spülte. Ueber uns wölbte sich ein stahlfarbiger Himmel und im Süden lag eine unbewegliche Nebelbank fest und niedrig auf dem Wasser.

Da ich fand, daß der Barometer fiel, und ich der Windstille so mißtraute wie einer zum Sprung geduckten Tigerkatze, ließ ich alle Segel einnehmen bis auf das einfach gereffte Briggsegel. Ich hatte Ursache, mir zu meiner Vorsicht zu gratulieren, denn kurz vor acht Uhr begann es von Nordwesten her zu blasen und in unglaublich kurzer Zeit wuchs die mäßige Brise zu einem heftigen Sturm an, in welchem die Brigg schwer arbeitete.

Wir kämpften mühsam unter dem dicht gerefften Brigg- und Fock-Segel, mehr Leinwand hätte die Brigg nicht zu tragen vermocht. Schwere Wolken trieb der Sturm herauf, die uns abwechselnd mit Hagel- und Regenschauern überschütteten; dann und wann zuckten heftige Blitze. Doch die Gewalt des Sturmes gewann die Herrschaft über die südliche Dünung und die großen nordwestlichen Roller traten in ihr Recht. Dies gab uns wieder sicheren Halt und gute Fahrt. Ich hatte keinen Grund, zu klagen.

Um elf Uhr ging die Mannschaft nach unten, um die Kleider zu wechseln, und die Freiwache gleichzeitig, um zu schlafen. Zwei Mann waren auf dem Ausguck, Banyard hatte die Aufsicht. In gewissem Sinn war mir dies schlechte Wetter günstig; es hielt nicht nur die Leute ruhig, sondern gab ihnen auch immer mehr Verständnis für meine Unentbehrlichkeit. Hätte ich mich geweigert, die Brigg zu führen, so war kein Mann an Bord, der zwölf Stunden nach Niederlegung meines Amtes gewußt hätte, ob die Brigg den richtigen Kurs steuere.

Müde und total durchnäßt, verließ auch ich nunmehr das Deck; ich freute mich auf einen Schluck Brandy. Im Vorbeigehen an Miß Franklins Kajüte sah ich nach der Thür, die ich noch nicht verschlossen hatte, weil ich von Deck nicht hatte abkommen können; dabei bemerkte ich, daß die Thür nur angelehnt war und je nach der Bewegung des Schiffes, ohne Geräusch zu machen, hin- und herschaukelte.

Dies fiel mir auf und zwar umsomehr, als es in der Kajüte dunkel war. Ich war im Begriff, die Thür zu schließen, zündete aber, weil mich auf einmal ein Gefühl der Unruhe beschlich, erst die Lampe an, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei, ehe ich den Schlüssel umdrehte. Ihre Schlummerstätte war mir ein geheiligter Ort, und nur die mich überwältigende Angst, daß irgend eine Gefahr in ihrer Nähe lauem könnte, besiegte meinen Skrupel, in ihr Gemach hineinzusehen. Die Lampe hochhaltend, trat ich in die geöffnete Thür und rief leise ihren Namen. Sie antwortete nicht. Noch einen Schritt vortretend, sah ich sie fest eingeschlafen, ihr holdes Gesicht im Traume lächelnd, ihr starkes dunkles Haar teilweise aufgesteckt teilweise lose vom Kopfkissen herabhängend.

Es lag etwas unendlich Rührendes in ihrem friedlichen Schlaf. Mir war, als ob ihre geschlossenen Augen und ihr unbewußtes, sanftes Lächeln sagen wollten, daß sie unter meinem Schutz ja ruhig schlafen könne. In tiefem Schlummer lag sie da, während alles Holzwerk unter den heftigen Bewegungen des Schiffes ächzte und knarrte und der Anprall der mächtigen Wogen dicht unter und neben ihr donnerte.

Ich erhob die Lampe über meinen Kopf, erblickte einen Schatten hinter dem Armstuhl in der Ecke der Kajüte, der mir dunkler erschien, als der Stuhl ihn werfen konnte, schlich näher und in der nächsten Sekunde faßte meine rechte Hand nach Deacons Kehle.

Sein Anblick an diesem Ort verlieh meinem Arm die Kraft eines Riesen. Nur einen erstickten Ton ließ er hören, als ich ihn heraus schleppte, sprechen konnte er nicht, denn wie ein Schraubstock lag sein Hals zwischen meinen Fingern. Ich sah nach Miß Franklin, – sie rührte sich nicht. Die große Kajüte betretend, schleifte ich meine Last erst bis zum Tisch, um die Lampe aus der Hand setzen zu können, dann wieder zurück bis zur Thür der Kapitäns-Kajüte, und nun erst, nachdem ich diese verlassen hatte, ließ ich den Schuft los. Er fiel glatt auf den Boden zu meinen Füßen.

Ich zitterte am ganzen Leibe. Der Zorn machte mich beinahe wahnsinnig. Meine Wut war so groß, daß, hätte sich der Kerl gerührt, ich ihn noch einmal gewürgt und nicht los gelassen haben würde, bis er eine Leiche gewesen wäre.

Mit Kistenschnüren, die ich mir schnell aus meiner Kajüte geholt hatte, band ich ihm nun Arme und Beine. Darauf trug ich den leblosen Körper in seine eigene Koje und goß ihm einen halben Eimer Wasser über das Gesicht. So ließ ich ihn liegen, verschloß die Thür und ging, um Banyard zuzurufen:

»Ich werde heute nacht für Deacon Wache halten. Wecken Sie mich, wenn es an der Zeit ist.«

Er stellte keine Frage. Noch einmal ging ich an Miß Franklins Thür, um mich zu überzeugen, daß sie fest verschlossen sei; dann untersuchte ich meinen Revolver, ehe ich ihn unter mein Kopfkissen schob, warf mich auf mein Lager und schlief vor Ueberanstrengung und Ermüdung bald ein.


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