Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

1001

Uralzew und der Kredit

Herr Uralzew hat jetzt in seinem dresdner Prozeß zum soundsovielten Male geschildert, wie er die fromme Raiffeisen-Bank um zahlreiche Millionen geschwächt hat. Obgleich wir den technischen Hergang schon zur Genüge kennen, so ist uns der psychologische noch immer nicht ganz klar. Noch immer liegt die Frage im Dunklen, wie sich ein großes Bankunternehmen mit einem Abenteurer einlassen konnte, der nichts aufzuweisen hatte, als einen romanhaften Namen und eine unkontrollierbare russische Vergangenheit. Aber das führt schon zu der weitern Frage, wie überhaupt solche Figuren, die aus dem Habenichts kommen und denen ihr Industrierittertum auf den leeren Taschen geschrieben steht, immer wieder unter den betont seriösen und nüchternen Geschäftsleuten ihre Gläubigen finden, die dann schnell zu Gläubigern avancieren. Neben Uralzew sitzt auf der Anklagebank Herr Bedenk, ein abgerissener Offizier und kleiner Partitenmacher, wiederholt wegen allerhand Betrügereien vorbestraft. Und dieser notorische Herr Bedenk macht jetzt dem Gericht den großartigen Vorschlag, den Prozeß durch Zahlung der 600 000 Mark, um die sich alles dreht, einfach abzukaufen; den Geldmann habe er schon dafür. Renommisterei eines Megalomanen, der sich aus einer ihm selbst fühlbar werdenden unrühmlichen Situation einen tönenden Abgang schaffen möchte? Nein, nein. Nur wer das törichte Menschenhirn nicht kennt, wird zweifeln, daß Herr Bedenk die Wahrheit spricht. Er hat seinen Mann ebenso gefunden, wie Uralzew die Raiffeisen-Direktoren Lange und Krause gefunden hat.

Als der dresdner Fabrikant, dem Uralzew seinerzeit diese 600 000 Mark abgeknöpft hatte, es mit der Angst bekam, wurde er von ihm den beiden großen Herren von Raiffeisen vorgestellt. Herr Lange meinte etwas hochnäsig, der Dresdner brauche sich »wegen der paar Mark« nicht zu beunruhigen, während Herr Krause beschwörend rief: »Was glauben Sie wohl, was Herr Uralzew bei uns für einen Kredit genießt!« Da kam sich der stolze Fabrikant aus Dresden wie ein kleiner, häßlicher Pinscher vor und zog beschämt ab.

Das hört sich etwas phantastisch an, und man kann zur Erläuterung nur sagen, diese beiden Direktoren wären eben Schwachköpfe gewesen und hätten außerdem einem jener unbezwinglichen Hochstapler gegenübergestanden, die in Blick und Wort den Magneten tragen, der Gold an sich zieht. Ach, wenn das so leicht wäre! Sie, verehrter Leser, sind ganz gewiß ein Mann, der aufzutreten weiß – aber, seien Sie aufrichtig, haben Sie schon mal einen Bankier fasciniert? Es ist eben ein Irrtum, anzunehmen, diese gegen alle Hinterhalte und Falltüren des Gefühls gefeiten, diese eisenfesten Geldmenschen, wären im Grunde unintelligent und ständen unter Suggestion, wenn sie zweifelhaften Kantonisten Millionen zuwerfen, deren bescheidensten Bruchteil sie tausend anständigen Kaufleuten versagen. Suggestion ist wohl dabei, aber nicht die Geschäftstüchtigkeit ist es, die sich benebeln läßt. Die Herren wissen, mit wem sie es zu tun haben, und deshalb geben sie so reichlich. Sie wissen, daß kein Kredit sich schneller und reicher verzinst als der einem betrügerischen Spekulanten gewährte. Ihnen fehlt der Mut, es selbst zu tun, und deshalb hängen sie sich so leicht an einen Fremden, der nicht nach Skrupeln duftet. Bei Raiffeisen hatte man gewiß Maximen aus bestem evangelischen Gesundheitsflanell, seine Konsistorialräte und Provinznotablen sind in den Korintherbriefen bewanderter als in Pfandbriefen. Und nun steht plötzlich, wie aus der Kanone geschossen, Uralzew aus Riga vor ihnen, entwickelt Projekte, zeigt ein mysteriöses Juwelenkästchen vor und trägt bald Riesensummen nach Haus.

Womit Uralzew aus Riga diese soliden Herren klein kriegt, das ist nicht die raffinierte Aufmachung etwas degoutanter Projekte, sondern der grade nackte Appell an die Gewinnsucht der Geldgeber, an das zweite, weniger sittlich gepflegte Ich in jedem Menschen. Womit Uralzew siegt, das ist nicht das bißchen kaufmännische Getue in seinem Vortrag, sondern die Art, wie er den Herren dabei steif in die Augen blickt, denn dieser Blick besagt: »Warum tut ihr es nicht? Es ist doch so leicht, und Spitzbuben sind wir alle!« So wie ein perfekter Don Juan sich bei einer tugendhaften Pute nicht mit einer langen und leicht in Gewissensbisse führenden erotischen Propädeutik aufhält, sondern einem einzigen schamlosen Griff vertraut, der Wäsche und Prinzipien in Fetzen reißt. Hätte Uralzew nur auf einem eignen Konto für seine mehr oder weniger hellen Geschäfte bestanden, er wäre wahrscheinlich abgeblitzt, aber er bot noch ein andres Konto, ein Geheimkonto Lange-Krause, und mehr Magie brauchte der Versucher nicht anzuwenden. Er hielt den braven Leuten, die er zu scheren gedachte, zunächst einen fetten Köder hin und machte sie dann zu Mitschuldigen. Wenn die Herren Direktoren am Ende doch die Dupierten geblieben sind, so liegt es daran, daß ihnen die psychologische Sicherheit, die harte erpresserische Hand fehlte, ihren Goldmacher bei der Partie zu halten. Von Uralzew wird immer nur ein zweiter Uralzew profitieren. Das haben die Herren von dem keuschen Raiffeisen-Institut gründlich übersehen.

Der Hochstapler und der Kredit, das ist ein altes Stück, zu dessen großen und kleinen Szenen der Vorhang immer wieder neu aufgezogen wird. Mag der Staatsanwalt die tiefsten Register der Entrüstung greifen, diese Glücksjäger und Industrieritter, die fremde Millionen heiter balanzieren, durchbrechen auf ihre Weise das kapitalistische Gesetz von dem vorher bestimmten Kreislauf des Geldes, und wenn sie es auch nicht in die richtigen Taschen leiten, so doch wenigstens einmal in andre. Deshalb kein moralischer Ostrazismus über Uralzew und seine Gilde. Sie haben ihr Mandat direkt von Fortuna, und sie rächen alle ehrlichen und saubern Menschen, die sich an der eiskalten und harten Legitimität der seriösen Bankherren vergeblich die Stirne blutig gestoßen haben. Kennen Sie diesen skeptischen Blick der Herren Bankiers? Er heißt: »Ein anständiger Kerl – daran läßt sich nichts verdienen ...« Der große Betrüger wendet sich an ganz andre Instinkte, und das öffnet ihm die dicksten Tresors. Denn er weiß, die Welt will nicht nur betrogen sein, sie will auch mit betrügen helfen.

Die Weltbühne, 9. Juni 1931


 << zurück weiter >>