Victor Hugo
Victor Hugo's sämmtliche poetische Werke. Zweiter Band
Victor Hugo

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Die Freiheit

Christus nos liberavit.

Sechste Ode.

I.

Ward von unreiner Hand entweiht der Ort, der reine,
Den Tempel, öd und kahl, flieht dann des Volkes Schaar.
Der treue Priester nur kniet betend aus dem Steine,
Streut Weihrauch mehr als sonst, und beugt im Dämmerscheine
Die Stirn noch tiefer vor'm geschändeten Altar.

II.

Nein, schöne Pilgerin an unsrem öden Strande,
O Freiheit, Morgenroth, das unter Stürmen tagt,
Kind Gottes, Schwester du der Fürsten, oft verkannte,
  Nie hab' ich dir Lebwohl gesagt!

Selbst unberufen wagt die Muse zu erscheinen,
  Sie weint mit denen, die da weinen,
  Und beut der Tugend warm die Hand.
Des Fechters Kette trägt am Fuße nicht, des feilen,
Mein Hymnus, nein, ihr seht in die Arena eilen.
  Ihn froh im Märtyrergewand. Die Märtyrer, welche verurtheilt wurden, mit wilden Thieren zu kämpfen, stiegen mit einer blauen Tunica bekleidet in den Circus hinunter.

In jungen Tagen, wo des Herzens edle Blüten
Aufspringen, wo man wagt, dem Schicksal Trotz zu bieten,
Und lächelt, wenn es droht, mit stolzem Selbstgefühl,
Vor jener Stunde, die verscheucht der Hoffnung Strahlen,
  Und wo die Seele, müd der Qualen,
Vom frischen Morgen steigt zum Mittag, heiß und schwül;

Da sprach ich: »Sei gegrüßt, du Liebliche, du Strenge!
O Freiheit, Huldigung bringt gern die Welt dir dar.
Sie liebt wie eine Braut dich heiß, der Ehren Menge
  Zollt sie der Ahne grauem Haar.
Heil dir, du sprengst das Band gedrückter Sklavenseelen,
  Und lieber weilst du, als in Sälen
  Der Zwingherrn, beim gefangnen Mann.
Am Kidron rauscht dein Lied, wie an Permessus' Wellen,
Verheißung, Kraft und Trost, die deinem Mund entquellen,
  Wehn noch im Tod den Helden an.« -

So sprach ich. – Siehe da, die Weisen dieser Erde,
Zum Trunknen sprachen sie mit lächelnder Geberde:
»Die Freiheit! Ja, nun wird kein Auge mehr durchnäßt!
Kein Blut mehr! Alles Volk schmückt sich zu ihrer Feier,
Sie naht, die Göttliche, komm, du, ihr junger Freier!« ...
Ich kam und Palmen bracht' und Blumen ich zum Fest!

III.

Gott, ihre Freiheit war ein scheußlich Ungeheuer!
Sie nannte Wahrheit sich: – sie war ein nacktes Bild!
Sie schrie und stammelte in fiebertollem Feuer,
  Das Laster war sie, frech und wild.
Ein Scheusal, hochgereckt, so war sie anzuschauen,
Mit gräßlichen Harpyenklauen,
  Ein hundertarm'ger Riesensohn.
   Roms Beute hängte man dem Götzen um zur Feier,
Auf seinem Kapitol saß statt des Aars der Geier,
  Die Hölle war sein Pantheon .

Und Beil und Folter, stets dienstwillige Schergen beide,
Sie führten Sterbende ihm vor zur Augenweide,
Ein ganzes Volk zertrat, der wüste Höllenbrand;
Und Weise, salbungsvoll im Lügen, wenn er trunken
Von Blut, durch Staub und Schutt oft taumelt', halbgesunken,
Sie reichten hülfreich ihm die Hand.

Hier das Gesetz Lykurgs, ein Sodom gleich daneben!
Unheil bringt jeder Tag, ein neues Bubenstück.
Durch's Nichts der Seele soll zum Gott der Mensch sich heben, –
  Das alte Chaos kehrt zurück.
Nach Königskronen schlägt das Schwert, und Haupt und Krone,
  Sie fallen unter lautem Hohne,
  Und wilde Stürme brüllen drein.
Ein Restchen Ewigkeit läßt man, als wie zum Spiele,
Noch Gott, er mag die Welt im himmlischen Erile
  Vergessen, – und vergessen sein!

IV.

Die Weisen sprachen: »Heil! Es kommt, wie wir gesprochen:
Athen und Rom, dein Tag ist wieder angebrochen!
Ihr Völker, reißt den Zaum des Königthums entzwei!
Freiheit, die höchste Macht hast du uns selbst gegeben,
Und Keiner soll als Herr sich über uns erheben,
  O souveränes Volk, sei glücklich und sei frei!« –

Tyrannen schmeicheln? Pfui! Wie lügen um die Wette! –
Sultane Afrika's und Asiens, grausam nennt
Man euch? – Wie herrscht ihr mild, wie leicht ist eure Kette
  Für den, der diese Henker kennt!
Preist, ihr Verworfnen, die kaum ihren Pascha's fluchen,
  Die äthiopischen Eunuchen,
  Verstümmelt nicht durch eigne Wahl!
Preist jene Stummen, die gebückt durch's Harem schleichen,
Die Sklaven, die dem Herrn still ihren Nacken reichen,
  Und fallen ohne Lärm und Qual.

In Jaspis und Porphyr erglänzt des Sultans Halle,
Er tritt Purpur und Gold und Ambra und Koralle
Mit Füßen, hundert Frau'n entlocken kaum einmal
Ein Lächeln ihm. Dem Volk mit kümmerlichen Zügen
  Verkündet seines Herrn Vergnügen
Am Thore des Serails der blut'gen Köpfe Zahl.

Glücksel'ges Volk! – Zwar tobt oft wild und ungezügelt
Der Janitschar und wirft Brandfackeln ihm ins Haus,
Fort rast die Feuersbrunst, vom Wind der Nacht beflügelt,
  Und schlägt nach allen Seiten aus.
Glücksel'ges Volk! – Zwar ist ein Spielball nur sein Leben
  Für den Vezier, Giftdünste schweben
  Und hauchen Tod ihm ins Gesicht.
Es bückt erschrocken sich tief unterm Joch von Eisen ...
Dreimal gesegnet Volk! – Die Freiheit unsrer Weisen,
  Die vielgerühmte, kennt es nicht!

V.

Frankreich! In dieser Zeit der Schrecken floh von hinnen
Die Freiheit und mit ihr der Tugend hoher Muth.
Soll wieder dieser Stern den Lauf für uns beginnen,
Dann muß der Volksstrom hell in seinem Bette rinnen,
Im Schatten eines Throns, der auf Gesetzen ruht.

Ein Gott nahm von der Welt des Bösen Joch, das schwere;
Von Anfang stand er in der Unterdrückten Reihn.
O Kön'ge! – Bruderlieb' ist seine hohe Lehre!
  Volk! – Niedrig war er, arm und klein.
Die Freiheit lächelt, wo nur edle Opfer sinken,
  Wo patriot'sche Herzen winken,
  Hingebung und Begeistrung ganz.
Die Freiheit achtet gleich Vendée und Thermopylen,
Codrus und Malesherbe krönt sie, die werth vor Vielen
  Ihr sind, mit Einem Lorbeerkranz!

IV.

Ward von unreiner Hand entweiht der Ort, der reine,
Den Tempel, öd und kahl, flieht dann des Volkes Schaar.
Der treue Priester nur kniet betend auf dem Steine,
Streut Weihrauch mehr als sonst, und beugt im Dämmerscheine
Die Stirn noch tiefer vor'm geschändeten Altar.

Juli, 1823.


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