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4. Kapitel.
1871. Rückzug. Bordeaux, Caprera

Die Nachrichten, die uns zuerst von dem Waffenstillstand, dann von der Kapitulation von Paris und endlich von dem Übertritt Bourbaky's nach der Schweiz zugingen, veränderten den Stand der Dinge, und ein jäher Schrecken und lähmende Unsicherheit bemächtigten sich der Bevölkerung, die infolge der von uns errungenen Vorteile auf eine günstige Wendung der Lage Frankreichs gehofft hatte. Doch war die Wirkung jener Ereignisse auf die meisten günstig, weil man jetzt ein nahes Ende des entsetzlichen Krieges absah.

Ähnlich wie es mir stets in Italien ergangen war, zeigte auch jetzt, als das Ende herannahte, die Regierung der nationalen Verteidigung sich gegen uns verschwenderisch in Beschaffung von Mitteln jeder Art und Verstärkung der Streitkräfte aller Waffengattungen. Unser kleines Heer belief sich mit Zurechnung von etwa 15 000 Mobilgarden unter General Pellissier jetzt auf etwa 40 000 Mann. Allein der Feind, der der Hauptstadt und der nach der Schweiz übergetretenen Ostarmee entledigt war, begann gegen uns überlegene Massen anzuhäufen und würde uns trotz aller von uns errichteten Verteidigungswerke und trotz unsrer numerischen Verstärkung schließlich doch eingeschlossen und vernichtet haben, wie es ihm mit den französischen Heeren in Metz, Sedan und Paris geglückt war. Die Preußen konnten mit ihren großartigen Erfolgen ihr Übergewicht zur Geltung bringen, so daß der Waffenstillstand, der in Paris und in ganz Frankreich Platz gegriffen hatte, für uns nicht galt. Überdies bildete die Demarkationslinie, die, wie es hieß, Burgund durchquerte, eine neutrale Zone zwischen den feindlichen Linien und den unsrigen in einer für uns äußerst ungünstigen Weise und vertrieb uns aus Dijon und allen bisher eingenommenen Stellungen, indem sie uns gegen Südosten schob.

Indem er, wie schon gesagt, sein Übergewicht zur Geltung brachte, zeigte sich der Feind, je mehr er sich verstärkte – und täglich gingen ihm ansehnliche Verstärkungen zu – desto hochfahrender. Unter dem einen oder dem anderen Vorwande versuchte er wiederholt unsere Vorposten einzuschließen und gefangen zu nehmen, was ihm freilich nicht gelang, da er es mit Leuten zu tun hatte, die ihm nicht trauten.

Auf Befehl der Regierung von Bordeaux mußte mit den Preußen wegen Waffenstillstands, Demarkationslinie usw. unterhandelt werden, und General Bordone, mein Stabschef, begab sich zu diesem Behufe mehrere Male ins feindliche Lager; aber, wie schon gesagt, das Ergebnis seiner Sendung bestand darin, daß für uns kein Waffenstillstand galt. – Vom 23. Januar bis zum 1. Februar behaupteten wir uns, so gut es gehen wollte, in der Hauptstadt von Burgund und in allen unseren Stellungen wider den immer lästiger werdenden Gegner. Diesen hatten die Lektionen, die wir ihm in den dreitägigen Kämpfen gegeben, gelehrt, daß geringe Streitkräfte nicht ausreichten, um unsere Stellung zu erschüttern, und so häufte er denn, wennschon unvermerkt, so gewaltige Streitkräfte an, daß gegen Ende des Januars seine Kolonnen unsere Front überflügelten und sich darüber hinaus auszudehnen begannen, um uns an den Flanken aufzurollen. Ferner aber rückte das Heer Manteuffels, unserer Ostarmee ledig, rhôneabwärts heran und bedrohte unsere Rückzugslinie.

Am 31. Januar morgens begann der Kampf auf unsrer Linken und dauerte bis tief in die Nacht. Der Feind scharmützelte mit uns an verschiedenen Punkten, indem er sich außerhalb Dijons Stellungen für einen allgemeinen Angriff auswählte. Einige preußische Abteilungen zeigten sich im Tal der Saone und drohten uns von rechts her in den Rücken zu fallen. Da war keine Zeit zu verlieren. Wir waren der letzte Bissen, den das große Heer, das Frankreich besiegt hatte, noch zu schlucken gierig begehrte, indem es uns zweifellos für die Verwegenheit züchtigen wollte, ihm für einen Augenblick siegreichen Widerstand geleistet zu haben. – Ich ordnete den Rückzug in 3 Kolonnen an: die 1. Brigade, nach dem Tode des Generals Bossack von Canzio befehligt, der die 5. beigegeben wurde, sollte parallel zur Lyoner Eisenbahn marschieren als Deckung für die schwere Artillerie und unser ganzes Kriegsmaterial, das in Eisenbahnwagen verladen war. Die 3. Brigade mit Menotti marschierte durch das Ouchetal gegen Autun. Die 4. nahm die Route von Saint-Jean de Losne am rechten Ufer der Saone auf Verdun. Das Hauptquartier benutzte die Eisenbahn; seine Bestimmung war Chagny, der Zentralvereinigungspunkt des Heeres, und auch verschiedene andere Abteilungen und Kompagnien Franktireurs, die sich von den Brigaden getrennt hatten, wandten sich gegen die neue Operationsbasis. Alles wurde, dank der Tätigkeit des Chefs des Generalstabs, des obersten Kommandierenden der Artillerie, Oberst Olivier, und der Abteilungsführer insgemein, in denkbar bester Ordnung ausgeführt, ohne daß wir vom Feinde belästigt wurden, mit weniger Verwirrung, als man von jungen Truppen bei einem nächtlichen Rückzug hätte erwarten sollen. Der Rückzug fand in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar statt, und der Feind besetzte Dijon gegen 8 Uhr vormittags am 1. Februar.

Von Chagny wurde das Hauptquartier nach Châlons-sur-Saone verlegt, dann nach Courcelles, in ein Schloß nahe der Stadt. Da mittlerweile die Kapitulation von Paris zur Tatsache und aus dem Waffenstillstand Friedenspräliminarien geworden waren, so beschloß ich, zum Deputierten für die Versammlung von Bordeaux erwählt, am 8. Februar mich nach jener Stadt zu begeben, lediglich von der Absicht geleitet, meine Stimme für die unglückliche Republik abzugeben, und beließ vorläufig Menotti an der Spitze des Heeres.

Alle wissen, in welcher Weise ich von der Mehrheit der Deputierten der Versammlung empfangen wurde, Die streng republikanische Partei in der Nationalversammlung von Bordeaux nahm Garibaldi, der für Algier zum Deputierten gewählt worden war, begeistert auf; aber die überwiegende Friedenspartei in der Versammlung wollte von ihm nichts wissen und ließ ihn nicht zu Worte kommen. Garibaldi verzichtete daraufhin auf die Wahl und beeilte sich, Frankreich zu verlassen. so daß ich nicht mehr imstande war, irgend etwas für das unselige Land zu tun, dem in seinem Unglück zu dienen ich gekommen war. So beschloß ich denn, nach Marseille zu gehen und von dort nach Caprera, wo ich am 16. Februar 1871 wieder eintraf.

Das Vogesenheer, das, aus allzu republikanischen Elementen zusammengesetzt, naturgemäß sich der Abneigung der Regierung des Herrn Thiers erfreuen mußte, wurde aufgelöst.

 

Ende.

 


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