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11. Kapitel.
In der Meerenge von Messina

Da wir nun die Meerenge erreicht hatten, mußten wir sie auch überschreiten. Sicherlich war es ein herrliches Ergebnis, Sizilien der großen italienischen Familie wieder angegliedert zu haben. Aber wie? Sollten wir der Diplomatie zu Gefallen unser Vaterland unfertig, verstümmelt belassen? Und Calabrien und Neapel, die uns mit offenen Armen erwarteten? Und der Rest Italiens, der noch in der Sklaverei des Fremden oder des Priesters verharrte? Es war also notwendig, der regsten Wachsamkeit der Bourbonischen und ihrer Helfer zum Trotz, die Meerenge zu überschreiten.

Eines Tages gelang es mit Hilfe eines Calabresen, der zu unseren Parteigängern gehörte, mit einigen Offizieren der Besatzung des Forts Alta Fiumara, eines sehr wichtigen Punktes am östlichen Ufer der Meerenge, in Verbindung zu treten. Ich beauftragte die Obersten Missori und Musolino, mit 200 Leuten nächtlicherweile die Meerenge zu überschreiten und sich jenes Forts zu bemächtigen. Allein dies Unternehmen führte – sei es wegen nicht genauer Verabredung oder infolge der Furcht des Führers oder aus einem anderen Grunde – nicht zum Ziel. Die Leute fanden sich beim Landen einer feindlichen Patrouille gegenüber, die zwar überwältigt wurde, aber doch Lärm machte, so daß die Unsrigen gezwungen wurden, sich in die Berge zu flüchten. – Dieses Vorspiel der Unternehmung war also nicht glücklich abgelaufen, und wir mußten den Plan, die Meerenge bei Faro zu überschreiten, fallen lassen und versuchen, den Übergang an einem anderen Punkte zu bewerkstelligen.

In jenen Tagen langte aus Genua der Doktor Bertani an und teilte mir mit, daß sich im Golfo degli Aranci auf der Ostküste Sardiniens etwa 5000 der Unsrigen, die er in Genua zusammengebracht und vor seiner Abreise dorthin dirigiert habe, versammeln würden. Dieser Plan, jene Mannschaft bei den Aranci zu organisieren, ging von Leuten aus, die, wie Mazzini, Bertani, Nicotera usw., ohne unsere Expedition nach Süditalien zu mißbilligen, doch meinten, man müsse zugleich Diversionen nach dem Kirchenstaat oder nach Neapel ins Werk setzen, vielleicht auch abgeneigt waren, sich der Diktatur zu unterwerfen. – Um nun nicht den strategischen Plan jener Männer gänzlich zu kreuzen, kam ich auf den Gedanken, selbst mich mit jenen 5000 Mann zusammenzutun und mit ihnen einen Handstreich auf Neapel zu versuchen. Ich schiffte mich also mit Agostino Bertani auf der »Washington« ein und fuhr nach dem Golfo degli Aranci. In jenem Hafen angekommen fanden wir aber nur einen Teil des Expeditionskorps noch vor, da der größere Teil schon nach Palermo unterwegs war. Dieser Umstand veranlaßte mich, den geplanten Anschlag gegen Neapel aufzugeben. Wir nahmen einen Teil der Mannschaft der Bequemlichkeit wegen auf der »Washington« an Bord, fuhren nach Maddalena, um Kohlen einzunehmen, weiter nach Cagliari, Palermo, Milazzo und kehrten nach Punta di Faro zurück, wo General Sirtori schon zwei unserer Dampfer, die Torino und die Franklin, hergerichtet hatte, um rund um Sizilien von Norden über die West- und Südküste bis nach Taormina An der Ostküste, etwa 40 km südlich von Messina, ungefähr in der Mitte zwischen letzterer Stadt und Catania. zu fahren.

Das war ein verständiger und glücklicher Plan. Die beiden Dampfer gelangten nach Giardini, dem Hafenort von Taormina, wo sie die Division Bixio an Bord nahmen und sie glücklich auf kalabrischem Boden in Melito Im äußersten Südwesten von Calabrien. ans Land setzten. – Da die Abfahrt der beiden Dampfer mit der Division Bixio von Giardini nach Calabrien genau an dem Tage erfolgen sollte, an dem ich bei Faro wieder eintraf, so schiffte ich mich nach Messina ein, nahm dort einen Wagen und kam noch rechtzeitig an, um auf dem Franklin an Bord zu gehen und die Überfahrt nach Calabrien mitzumachen.

Hier muß ich einen bemerkenswerten Zwischenfall berichten, der sich in Giardini vor unserer Abfahrt nach Calabrien zutrug. Ich fand, als ich an jenem Punkte der Ostküste anlangte, den General Bixio beschäftigt, einen Teil seiner Mannschaft sowie die Brigade Eberhard auf den beiden Dampfern Torino und Franklin einzuschiffen. Das prächtige Schiff »Torino« hatte schon viele Leute an Bord und befand sich in bester Verfassung. Die Franklin andrerseits drohte zu sinken, war fast voll von Wasser, und der Maschinist erklärte, das Schiff könne in einem solchen Zustand nicht fahren. Das verdroß Bixio sehr und er schickte sich an, mit der Torino allein abzufahren. Als ich jedoch an Bord der Franklin kam, befahl ich den sämtlichen Offizieren, die ich dort vorfand, sich ins Meer zu stürzen, zu tauchen und zu suchen, ob sie das Leck im Schiffe finden könnten. Zugleich schickte ich ans Land und ließ Mist von pflanzenfressenden Tieren beschaffen, um damit das Leck zu verstopfen. Auf diese Weise gelang es uns, das Schiff einigermaßen flott zu machen; der Maschinist ließ sich begütigen, und da man sah, daß ich selbst auf der Franklin fahren würde, so ließ sich der Rest der Mannschaft dort einschiffen, und gegen 10 Uhr abends traten wir die Fahrt nach der kalabrischen Küste an, die wir ohne Unfall erreichten.


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