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5. Kapitel.
Auf römischem Gebiet

Der kurze Feldzug von 1867 auf römischem Gebiet wurde von mir bei Gelegenheit einer Exkursion auf das Festland Italiens und nach der Schweiz vorbereitet, wo ich dem Kongreß der Friedens- und Freiheitsliga beiwohnte. Ich übernehme daher den wesentlichen Teil der Verantwortung für das Unternehmen.

Als General der römischen Republik, von ihrer Regierung, der legitimsten, die es je gegeben hat, mit ausgedehnten Vollmachten versehen, kam ich, während ich in einer Muße verharrte, die ich, solange noch so viel für das Vaterland zu tun übrig bleibt, stets für schuldvoll gehalten habe, mit gutem Grunde zu der Ansicht, die Zeit sei gekommen, um die Ruine der weltlichen Herrschaft des Papstes umzustürzen und Italien seine erlauchte Hauptstadt zu gewinnen. – Die Initiative dessen, »den es anging«, abwarten hätte geheißen, eine Hoffnung hegen gleich der, die an dem Eingangstore zur Hölle geschrieben steht. Anspielung auf den Eingang des ersten Gesangs des »Inferno« in Dante's Göttlicher Komödie: »Laßt alle Hoffnung fahren, Ihr, die Ihr hier eintretet.« Die Soldaten Bonaparte's waren nicht mehr in Rom Die französische Besatzung war aus Rom zurückgezogen worden infolge eines Vertrages zwischen Frankreich und dem Königreich Italien, laut dessen letzteres die Unabhängigkeit des Kirchenstaates garantierte (15. September 1864)., und wenige Tausend Söldner, der Auswurf aller Kloaken Europas, sollten eine große Nation in Schach halten und sie hindern, von ihren geheiligtsten Rechten Gebrauch zu machen?

Ich also rüstete den Kreuzzug, zuerst im Venetianischen, dann in unseren übrigen, Rom nähergelegenen Provinzen. Die beiden Regierungen von Paris und von Florenz waren mit ihren Spürhunden hinter mir her, wie nicht anders zu erwarten, und wenn der Guten, die mich bei meinem Vorhaben unterstützten, nicht wenige waren, so suchten andererseits manche letzteres zu hintertreiben, hauptsächlich die Mazzinisten, die sehr mit Unrecht »Partei der Aktion« genannt werden und die nicht dulden, daß irgend ein Anderer die Initiative zur Befreiung ergreift.

Nachdem ich aber Italien durchstreift hatte, hielt ich bei meiner Rückkehr aus der Schweiz dafür, daß ich nicht länger säumen dürfe, und entschloß mich gegen den September des Jahres zur Tat. – Während ich im Norden die erforderlichen Vorbereitungen ins Werk setzte, forderte ich gleichzeitig die Freunde im Süden Italiens auf, sich entsprechend gegen Rom in Bewegung zu setzen. Allein ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und eines schönen Abends, als ich nach Sinalunga An der Route Siena-Chiusi, unweit Montepulciano. Die Gefangennahme fand am 24. September 1867 statt. kam, wo man mich freundlich aufnahm und bewirtete, wurde ich auf Befehl der italienischen Regierung verhaftet und in die Zitadelle Alessandria gebracht. Von Alessandria, wo ich mehrere Tage festgehalten wurde, führte man mich nach Genua und von dort nach Caprera und legte Kriegsschiffe rings um die Insel. So war ich also Gefangener im eigenen Hause, aus nächster Nähe von Panzerschiffen sowie einigen kleinen Dampfern und Handelsschiffen, die die Regierung zu diesem Zwecke gemietet hatte, überwacht.

Allein der Antrieb, den ich der Bewegung auf dem Festlande bereits gegeben, hatte, obschon ich nunmehr aus dem angegebenen Grunde nicht selbst Hand ans Werk legen konnte, sich bereits auf unsere Freunde fortgepflanzt, und sie ließen sich auch durch meine Gefangensetzung nicht entmutigen. General Fabrizi, mein Generalstabschef, bildete mit anderen hochherzigen Männern in Florenz einen Ausschuß für die Beschaffung der Kriegsmittel. General Acerbi drang mit einer Schar Freiwilliger in das Gebiet von Viterbo ein; auch Menotti betrat mit einer anderen Abteilung über Corese das Gebiet des Kirchenstaates, und der heldenmütige Enrico Cairoli fuhr mit seinem Bruder Giovanni und etwa 70 mutigen Jünglingen den Tiber abwärts und brachte den Römern Waffen, an denen sie Mangel hatten. Auch im Inneren Roms suchte der hochgemute Major Cucchi, der mit einer Handvoll Tapferer unter großer Lebensgefahr dort eingedrungen war, die Revolution zu entfesseln, um, im Zusammenwirken mit den Angreifern von draußen, endlich diese ungeheuerliche Papstherrschaft, die wie ein Krebs im Herzen unseres unglücklichen Vaterlandes saß, zu Fall zu bringen. Ich war in meiner Gefangenschaft zu Caprera nicht über jede Einzelheit genau unterrichtet, vermochte mir aber doch nach dem Stande, in dem ich die Dinge zurückgelassen hatte, ein Bild von ihrer weiteren Entwicklung zu machen und erfuhr dann aus den Zeitungen und dem allgemeinen Gerede mancherlei, so daß ich die Gewißheit gewann, daß meine Söhne und meine Freunde bereits auf römischem Gebiete im Kampfe mit den Söldnern des Priestertums standen.

Ich überlasse es dem Leser, zu erwägen, ob ich müßig bleiben konnte, während meine Teuren, durch mich veranlaßt, im Kampfe für die Befreiung Roms, des strahlenden Ideals meines ganzen Lebens, standen. Groß war die Wachsamkeit derer, die die Aufgabe hatten, mich zu bewachen, und zahlreich die Schiffe und die Mittel, über die sie verfügten; aber noch größer war meine Sehnsucht, meine Pflicht zu tun und zu den Mutigen zu stoßen, die für die Freiheit Italiens stritten.

So verließ ich denn am 14. Oktober 1867 um 6 Uhr abends mein Haus und schlug den Weg zur nördlichen Küste von Caprera ein. Ich kam an das Meer und fand dort die »Schnepfe«, ein kleines, am Arno gekauftes Boot, das nur 2 Personen tragen konnte. Die »Schnepfe« lag zufällig nur wenige Meter von der Küste und östlich von einem kleinen Magazin, wo die Waren, die eingeschifft werden sollten, unter Dach und Fach lagern konnten. Ebendort stand ein Mastixbaum, der das winzige Boot fast gänzlich verdeckte, so daß meine Wärter es nicht wahrnehmen konnten.

Giovanni, ein junger Sardinier, Wärter einer im Hafen des Stagnatello vor Anker liegenden Golette, die ein hochherziges Geschenk meiner englischen Freunde war, erwartete mich an der Küste. Mit seiner Hilfe brachte ich die »Schnepfe« ins Wasser und stieg ein, während er trällernd mit dem Beiboot der Golette abfuhr. Ich fuhr links an der Küste von Caprera entlang, lautloser als eine Ente, und weiter am Kap Arcaccio vorbei, wo Froscianti, ein anderer meiner Vertrauten, und Barberini, ein capresischer Ingenieur, das Terrain erkundet hatten, damit ich gegen jeden Hinterhalt gesichert wäre, ins offene Meer hinaus.

Groß war die Zahl meiner Wärter. Sie hielten die kleinen Inseln am Hafen von Stagnatello besetzt, wo sie ein größeres Kriegsschiff und mehrere kleinere liegen hatten, und patrouillierten die ganze Nacht hindurch nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, die ich gewählt hatte, um ihren Fängen zu entkommen. – Es war Vollmond, ein Umstand, der mein Unternehmen wesentlich erschwerte, und nach meiner Berechnung mußte der Mond etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang hinter dem Teggiolone, dem über Caprera aufragenden Berge, aufsteigen. Ich mußte also diese Stunde für meine Überfahrt nach Maddalena benutzen, durfte weder früher noch später fahren, denn früher hätte mich die Sonne und später der Mond verraten. Ein unvorhergesehener Umstand, der mir sehr zustatten kam, war der folgende. Mein Gehilfe Maurizio war an jenem Tage nach Maddalena gefahren und kehrte nun nach Caprera zurück. Etwas angeheitert, wie er war, achtete er wohl nicht auf das »Wer da?« von den Kriegsschiffen, die zahlreich in dem Maddalena von Caprera trennenden Kanal La Moneta kreuzten, was dann zur Folge hatte, daß von diesen Schiffen aus mit Flinten auf ihn geschossen wurde, glücklicherweise ohne ihn zu treffen. Durch ein glückliches Ungefähr ereignete sich dies gerade, als ich meine Überfahrt bewirkte, die außerdem noch durch den Südwest begünstigt wurde, indem die von dem Winde aufgeworfenen kleinen Wellen aufs beste dazu dienten, die »Schnepfe« unsichtbar zu machen, die kaum eine Handbreit über der Oberfläche des Meeres hervorragte. Ferner kam mir meine auf den amerikanischen Flüssen erworbene Geschicklichkeit in der Führung der indianischen Kanoes, die nur mit einem Ruder gelenkt werden, in hohem Maße zustatten. Ich hatte ein Ruder oder eine Stange von etwa 1 Meter Länge, womit ich mit so wenig Geräusch, wie die Wassertiere hervorbringen, mich fortzubewegen vermochte.

Während sich also der größere Teil meiner Wärter auf Maurizio stürzte, durchfuhr ich unbehindert die Enge der Moneta und landete auf einer kleinen Insel, die von Maddalena nur durch einen schmalen, seichten Kanal getrennt ist. Ich kam von Osten her auf die Insel zu und landete dort zwischen den zahlreichen Felsen, die sie umgeben, als eben die Mondscheibe auf der Spitze des Teggiolone erschien. Ich zog die »Schnepfe« auf das Land und verbarg sie im Ufergestrüpp; dann wandte ich mich südwärts, um den seichten Kanal zu durchwaten und mich nach dem Hause der Frau Collins zu wenden.

In dem erwähnten Kanal (La Moneta) hatten Major Basso und mein Freund Hauptmann Cuneo auf mich gewartet, in der Vermutung, daß ich dort überfahren würde. Aber der Zwischenfall mit Maurizio und die zahlreichen Flintenschüsse, die, wie sie glaubten, gegen mich gerichtet wären, brachten sie zu dem Glauben, daß die Angelegenheit verfehlt und ich tot oder wenigstens gefangen sei. So entschlossen sie sich, nach Maddalena zurückzukehren. Die Jahre und die Leiden hatten mich geschwächt, und meine Behendigkeit versagte zwischen den Klippen und dem Gestrüpp der Insel Maddalena. Glücklicherweise leuchtete mir der Mond; auf dem Meere hätte ich ihn gefürchtet, aber auf meinem gegenwärtigen schwierigen Gange segnete ich ihn. Der Marsch wurde mir aber um so beschwerlicher, als ich jenen seichten Kanal hatte durchschreiten müssen, ohne die Schuhe ausziehen zu können, da der Meeresgrund mit spitzen Felsen besetzt war; so hatte ich die Stiefel voll Wasser und watete also mit meinen Füßen im Nassen, was beim Wandern sehr unangenehm war. In diesem Zustand erreichte ich unter Beobachtung aller möglichen Vorsicht endlich das Haus der Frau Collins und wurde dort hochherzig aufgenommen.


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