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10. Kapitel.
In der Verbannung

Wäre jener Fußtritt dem Gefallenen von einem Niedrigen, einem Schwachen gegeben worden, so hätte man es geduldig hinnehmen mögen; aber von einem Vertreter Englands, des Landes der allgemeinen Zuflucht: das schmerzte mich tief. – Aber fort mußte ich, und wenn ich mich hätte ins Meer werfen sollen. Und so entschloß ich mich auf den Rat einiger Freunde, die Meerenge zu passieren und in Afrika, nämlich bei Herrn Giovanni Battista Carpeneto, dem sardinischen Konsul in Tanger, Zuflucht zu suchen. Dieser nahm mich auf und gewährte mir mit meinen beiden Begleitern, den Offizieren Leggiero und Coccelli, 6 Monate hindurch in seinem Hause Gastfreundschaft. In Modigliana hatte ich einst einen Priester als Wohltäter gefunden; jetzt fand ich in Tanger einen hochherzigen und sehr ehrenwerten königlichen Konsul: beiden schulde ich die größte Dankbarkeit. Das beweist wiederum die Wahrheit des alten Sprichworts: »Der Anzug macht nicht den Mönch«, sowie, daß die Ausschließlichkeit, in der gewisse Leute sich gefallen, Wohl wiederum eine Anspielung auf die Einseitigkeit Mazzini's, der alles Gute nur bei der Republik finden wollte. ein Irrtum ist, während es sehr schwer hält, irgendwo in der menschlichen Familie schlechthin Vollkommenes zu finden. Bemühen wir uns also, gut zu sein, suchen wir, soviel uns immer möglich ist, den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Wahrheit bei der Menge Eingang zu verschaffen, und bekämpfen wir bis zum äußersten die Theokratie und die Tyrannei in jeder Form, weil diese Institutionen Vertreterinnen der Lüge und des Bösen sind; aber seien wir nachsichtig mit dieser unserer Tierart, D. h. der Menschheit. die unter den übrigen Ansprüchen auf Verdienstlichkeit auch den besitzt, die Hälfte derer, die sie aus sich erzeugt, als Kaiser, Könige, Schergen aller Art und Priester zu bilden. Das will sagen, als Personen, die recht eigentlich mit allen erlesenen Eigenschaften von Schindern ausgestattet zu sein scheinen – zur größeren Glorie und Wohltat für die andere Hälfte!

In Tanger verbrachte ich bei meinem hochherzigen Gastfreund Carpineto eine ruhige und glückliche Zeit, so weit das einem verbannten, von seinen Lieben und seinem Vaterlande getrennten Italiener möglich ist. Mindestens zweimal in der Woche gingen wir auf die Jagd, die sehr reichhaltig war. Sodann stellte der Freund eine kleine Barke zu meiner Verfügung, und auch Fischzüge wurden veranstaltet, da jene Küsten sehr fischreich sind. Auch die liebenswürdige Gastfreundschaft, die mir im Hause des Herrn Murray, des englischen Vizekonsuls, geboten wurde, zog mich zuweilen aus meiner einsamen und ungeselligen Stimmung. So verliefen 6 Monate eines Daseins, das mir um so beglückter erschien, je schrecklicher der vorhergehende Abschnitt meines Lebens gewesen war.

Ich war jedoch in meiner Verbannung von meinen italienischen Freunden nicht vergessen worden. Francesco Carpanetto, dem ich vom ersten Augenblick meiner Ankunft in Italien im Jahre 1848 an unzählige Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verdanke, war auf den Gedanken gekommen, mit Hilfe meiner und seiner Bekannten eine Geldsumme zusammenzubringen zur Beschaffung eines Schiffes, das ich führen sollte, um mir so den Lebensunterhalt zu verdienen. Dieses Vorhaben leuchtete mir ein. Da ich zur Ausführung meiner politischen Mission nichts tun konnte, so hätte ich wenigstens eine Beschäftigung gefunden, die mir im Dienste des Handels zu einem unabhängigen Dasein verhelfen konnte, so daß ich nicht mehr dem hochherzigen Mann, der mich aufgenommen hatte, zur Last zu fallen brauchte. Ich stimmte auf der Stelle dem Plan meines Freundes Francesco zu und bereitete mich vor, nach den Vereinigten Staaten abzureisen, wo der Kauf des Schiffes stattfinden sollte. – Gegen den Juni des Jahres 1850 schiffte ich mich nach Gibraltar ein, von dort ging es nach Liverpool und von Liverpool nach New-York. Auf der Überfahrt nach Amerika wurde ich von rheumatischen Schmerzen ergriffen, die mich während eines großen Teils der Reise peinigten, und schließlich wurde ich wie ein Stück Gepäck in Staten-Island, dem Hafen von New-York, aus dem Schiffe getragen. – Meine Schmerzen hielten noch ein paar Monate an, die ich teils in Staten-Island, teils in der Stadt New-York selbst zubrachte, nämlich im Hause meines lieben, werten Freundes Michele Pastacaldi, wo ich die liebenswürdige Gesellschaft des erlauchten Foresti, eines der Märtyrer vom Spielberg, Spielberg, bei Brünn in Mähren, die berüchtigte österreichische Festung, in der u. a. Silvio Pellico nebst zahlreichen anderen italienischen Patrioten schmachtete. genoß.

Mittlerweile ließ sich die Absicht Carpanetto's aus Mangel an Beitragenden nicht verwirklichen. Er hatte 3 Anteile zu je 10 000 Lire bei den Brüdern Camozzi in Bergamo und den Piazzoni zusammengebracht; aber wie ließ sich in Amerika für 30 000 Lire ein Schiff kaufen? Höchstens eine kleine Barke für die Küstenschiffahrt; aber da ich nicht amerikanischer Bürger war, so wäre ich genötigt gewesen, einen Kapitän aus jener Nation anzunehmen, was mir nicht zusagte.

Schließlich mußte ich indes irgendetwas unternehmen. Ein wackerer Mann, mein Freund Antonio Meucci aus Florenz, beschloß eine Lichterfabrik einzurichten und bot mir an, ihm dabei zur Hand zu gehen. Wie gesagt, so getan. An den Spekulationen konnte ich allerdings aus Mangel an Mitteln mich nicht beteiligen, denn jene 30 000 Lire waren, da sie zum Schiffskauf nicht ausgereicht hatten, in Italien geblieben. So wandte ich mich denn der Arbeit in der Fabrik zu, unter der Bedingung so viel zu leisten, wie ich vermöchte. – Ich arbeitete mehrere Monate bei Meucci, der mich nicht wie einen beliebigen Angestellten, sondern wie ein Mitglied seiner Familie mit großer Liebenswürdigkeit behandelte. Eines Tages jedoch ging ich, überdrüssig, Lichter zu machen, und wohl auch von meiner natürlichen, gewohnten Unruhe getrieben, aus dem Hause, in der Absicht einen anderen Beruf zu ergreifen. Ich erinnerte mich, Schiffer gewesen zu sein, konnte auch einige englische Worte, und so ging ich an das Gestade der Insel, wo ich einige Küstenfahrzeuge liegen sah, die beschäftigt waren, Waren ein- und auszuladen. Ich machte mich an das erste dieser Fahrzeuge heran und bat um Aufnahme als Matrose. Aber die Leute auf den Schiffen gaben mir kaum Antwort und fuhren in ihrer Arbeit fort. So näherte ich mich einem zweiten Schiffe und brachte das nämliche Anliegen vor – mit gleichem Erfolg. Endlich gehe ich an ein drittes heran, wo man mit dem Ausladen beschäftigt war, und frage, ob man mir erlauben wolle, bei den Arbeiten zu helfen; man antwortet, es sei kein Bedürfnis. »Aber ich will keinen Lohn«, dränge ich; keine Antwort. »Ich will arbeiten, um mich der Kälte zu erwehren« (es lag nämlich Schnee); nichts! Ich war nicht wenig gedemütigt.

So trat ich den Heimweg an, wobei meine Gedanken in die Zeiten zurückschweiften, da ich die Ehre hatte, die Flotte von Montevideo zu befehligen und nicht minder das kriegerische unsterbliche Heer! Wozu aber diente das alles? Was sollte mir das? Ich überwand endlich das Gefühl der Demütigung und wandte mich wieder der Beschäftigung mit dem Unschlitt zu. Ein Glück, daß ich meinen Entschluß nicht dem trefflichen Meucci offenbart hatte: so war die Scham, indem ich sie mit mir allein ausmachte, geringer. Überdies muß ich zugeben, daß es nicht das Verhalten meines braven Prinzipals gewesen war, das mich zu jener unzeitigen Entschließung geführt hatte. Er überhäufte mich mit Liebe und Freundschaft, wie auch Frau Ester, seine Gattin.

Meine Lage im Hause Meucci war also keine gedrückte, und es war eben nur ein Anfall von Schwermut gewesen, der mich bewogen hatte, das Haus zu verlassen, in dem ich so frei wie möglich war und nur zu arbeiten brauchte, wenn es mir gefiel. Und naturgemäß zog ich nützliche Arbeit jeder anderen Beschäftigung vor. Doch konnte ich zuweilen auch auf die Jagd gehen, und oft ging es zum Fischfang mit dem Prinzipal und mit verschiedenen anderen Freunden von Staten-Island und New-York, die uns häufig durch ihren Besuch erfreuten. Im Hause aber herrschte zwar kein Luxus, aber von den wesentlichen Bedürfnissen des Lebens fehlte nichts, sowohl was die Unterkunft, als was Speise und Trank anging.

Ich muß hier des Major Bovi gedenken – meines Waffenbruders in vielen Feldzügen, der bei der Verteidigung Roms verstümmelt worden war. Er war in Tanger im Hause des Herrn Carpeneto gegen Ende der Zeit, die ich an diesem Zufluchtsort verbrachte, zu mir gekommen, und als ich mich dann entschloß, nach Amerika zu gehen, ließ ich, da meine Mittel es mir nicht gestatteten, alle meine Begleiter mitzunehmen, Leggiero und Coccelli in Tanger zurück, nachdem ich sie mit Empfehlungen versehen hatte, und wählte zum Begleiter Bovi, der, der rechten Hand beraubt, arbeitsunfähig war.

Coccelli! Warum soll ich die Erinnerung an diesen meinen jungen, schönen und tapferen Begleiter nicht festhalten? Noch als Kind war Coccelli der Legion von Montevideo beigetreten. Da er sehr musikalisch war, so spielte er in dem prächtigen Musikkorps das Waldhorn, und in den ruhmvollen Kämpfen, durch die jene tapfere Schar den italienischen Namen in Amerika gefürchtet machte, die Kriegsdrommete. Coccelli folgte der Legion auf allen ihren Feldzügen und schloß sich dann auch im Jahre 1848 unserer Expedition nach Italien an. Wie Garibaldi oben (im 1. Kapitel dieses Teils) erwähnt, hatte Coccelli auf der Überfahrt ein vaterländisches Lied gedichtet und komponiert. Er nahm dort als Offizier an den Feldzügen in der Lombardei und dem römischen Unternehmen ehrenvollen Anteil und ging endlich, 1849 von der sardinischen Regierung des Landes verwiesen, mit mir nach Tanger. Bei meiner Abreise von Tanger nach Amerika überließ ich Coccelli mein Gewehr und alles übrige Jagdgerät. Er fand jung sein Ende in Afrika an den Folgen eines Sonnenstiches.

Auch Castor, meinen Jagdhund, war ich gezwungen in Tanger zu lassen, ich schenkte ihn meinem Freunde Murray; doch starb mein treuer Begleiter vor Schmerz.

Endlich kam mein Freund Francesco Carpanetto in New-York an. Er hatte von Genua aus eine Spekulation im großen auf Zentralamerika unternommen. Die San Giorgio, ein ihm gehörendes Schiff, war mit einem Teil der Ladung von Genua abgegangen, und er selbst war nach England gegangen, um das übrige zu beschaffen und nach Gibraltar zu senden, wo das Schiff es aufnehmen sollte. Es wurde beschlossen, daß ich ihn nach Zentralamerika begleiten solle, wir trafen sofort die Reisevorbereitungen. Im Jahre 1851 trat ich mit Carpanetto auf einem amerikanischen Dampfer, den Kapitän Johnson befehligte, die Reise nach Chagres an. Von Chagres ging es auf einer amerikanischen Jacht nach San Juan del Nord; Chagres an der Nordküste des Isthmus von Panama; San Juan del Nord, englisch Greytown, Hafenstadt an der Mündung des San Juan, in Nicaragua. dort nahmen wir einen Kahn und fuhren den Fluß San Juan bis zum See von Nicaragua aufwärts. Wir durchquerten den See und kamen endlich nach Granada, dem Haupthandelshafen des Sees. In Granada blieben wir mehrere Tage, freundlich aufgenommen von einigen dort etablierten Italienern, und hier begannen die Handelsoperationen des Freundes Carpanetto, wegen deren wir viele Teile von Zentralamerika besuchten und wiederholt die Meerenge von Panama kreuzten.

Ich begleitete meinen Freund auf diesen Ausflügen mehr als Reisebegleiter denn als Gehilfe in den Handelsoperationen, worin ich durchaus Neuling war. Anders freilich Carpanetto, und ich bewunderte die Tatkraft und das Verständnis, mit denen er jedes Geschäft, das Vorteil bringen konnte, betrieb. Ich reiste damals unter dem Namen Giuseppe Pane, den ich auch schon im Jahre 1839 angenommen hatte, um der Neugier und den Belästigungen der Polizei zu entgehen. Den Handelsoperationen Carpanetto's sollte die Ankunft des Schiffes San Giorgio in Lima als Grundlage dienen; er hatte die Absicht, sich dorthin zu begeben, um das Schiff zu erwarten. So kehrten wir nach San Juan del Nord zurück, passierten wiederum Chagres und fuhren von dort den Fluß Gruz aufwärts, um nach Panama zu gelangen. Auf dieser letzteren Reise wurde ich von dem schrecklichen Fieber ergriffen, das in jenem Klima und besonders in jenem sumpfigen Landstrich einheimisch ist. Die Anfälle kamen blitzartig und warfen mich nieder, und nie hat dieses Übel mich in dem Maße angegriffen wie damals. Hätte ich nicht das Glück gehabt, in Panama vortrefflichen Italienern zu begegnen, unter anderen den zwei Brüdern Monti, und mehreren braven Amerikanern, so wäre ich, glaube ich, die Krankheit überhaupt nicht wieder losgeworden. Mein teurer Carpanetto aber ließ mir in dieser gefährlichen Sachlage wahrhaft brüderliche Sorgfalt angedeihen.

Nachdem ich dann aber in Panama den englischen Dampfer bestiegen hatte, der uns nach Lima führen sollte, erwies sich die Meeresluft für mich als ein Balsam, der mich in hohem Maße erfrischte. Auf der Fahrt kamen wir bei Guayaquil vorüber, von wo ich vergebens den fast stets von Wolken verdeckten Gipfel des Chimborazo suchte. In Païta Payta, eine der nördlichsten Küstenstädte von Peru. stiegen wir ans Land und hielten uns einen Tag auf. Ich wurde im Hause einer hochherzigen, einheimischen Dame aufgenommen, die seit mehreren Jahren infolge Lähmung der Beine bettlägerig war. Einen Teil jenes Tages verbrachte ich am Bett der Dame auf einem Sofa liegend, denn, wenn sich auch mein Befinden einigermaßen gebessert hatte, so war ich doch immer noch genötigt, zu liegen, ohne mich bewegen zu können. Donna Manuelita de Saenz war die liebenswürdigste und anmutigste Matrone, der ich je begegnet bin. Sie war mit Bolivar befreundet gewesen und kannte die genauesten Umstände im Leben des großen Befreiers von Mittelamerika, dessen ausschließlich der Befreiung seines Vaterlandes gewidmetes Dasein nebst den glänzendsten Tugenden, die ihn schmückten, ihn gleichwohl nicht dem Gift des Neides und des Jesuitismus entziehen konnten, die seine letzten Tage verbitterten. Der Creole Bolivar aus Caracas war der Anführer von Neugranada und Peru in dem 1814 begonnenen, erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien. Durch Undank und Verkennung der Befreiten bekümmert legte Bolivar 1829 die Präsidentschaft nieder und starb Ende 1830. Bekanntlich trägt Ober-Peru, in eine selbständige Republik umgewandelt, des Befreiers Namen (Bolivia). Es ist immer wieder die Geschichte des Sokrates, Christus, Columbus! Und die Welt fällt stets den elenden Nullen zur Beute, die sie zu täuschen verstehen. – Nach jenem Tage, den ich, verglichen mit so vielen angstvollen, einen genußreichen nennen darf, da ich ihn in der Gesellschaft der interessanten Leidenden verbrachte, verließ ich letztere bewegten Herzens. Unser beider Augen waren feucht, da wir ohne Zweifel fühlten, daß dies für uns das letzte Lebewohl auf dieser Erde sein werde. Ich bestieg wieder den Dampfer und kam, an der herrlichen Küste des Stillen Ozeans entlang fahrend, nach Lima.

Ich habe, indem ich von der amerikanischen Westküste von Panama bis Lima sprach, sie »herrlich« genannt, ich hätte sie aber eher malerisch nennen sollen, da diese Küste, abgesehen von den Orten Panama, Guayaquil, Païta und Lima, in ihrer ganzen Ausdehnung größtenteils Strecken aufweist, die den afrikanischen Wüstenstrichen gleichen. Allein der bewachsene Teil gleicht den Oasen und, was sehr merkwürdig ist, in jenem Lande, wo es selten und nur geringfügig regnet, sickert schon in nächster Nähe des Ozeans süßes Wasser heraus, und überall genügt es, wenige Zoll tief zu graben, um es in reicher Fülle zu finden. Die Anden, wahre Erdriesen, die von der Küste nicht weit entfernt sind, bilden das Reservoir dieses klaren Wassers, des Schatzes dieses Landes, das vielleicht noch kostbarer ist als die reichen Metalle, die sich dort so vielfach finden. – Ich erwartete, an den Abhängen der großen amerikanischen Bergkette eine regere Vegetation zu finden, nicht aber die trostlosen Sandwüsten – kurz, daß das Land am Fuße der hohen Cordilleren schöner sei. Selbst am Fuße der Alpen geboren, suchte ich vom Meere aus vergebens ein Tal, das ich an Lieblichkeit dem meines schönen Nizza vergleichen könnte. Gleichwohl ist jene interessante Küste sehr malerisch, und wenn sie nicht überall schön ist, so hat sie doch sehr schöne Strecken, wie Lima und das »Tal des Paradieses", Valparaiso.

In Lima, wo sich die San Giorgio schon vorfand, bereitete mir die reiche und hochherzige italienische Kolonie eine festliche Aufnahme, besonders die Familien Sciutto, Denegri und Malagrida. Herr Pietro Denegri aber übertrug mir den Befehl über die Carmen, eine Barke von 400 Tonnen, mit der ich mich zu einer Reise nach China anschickte. – Mein alter Freund Carpanetto reiste auf der San Giorgio von Lima ab, um sich wieder nach Mittelamerika zu begeben, um dort die von ihm zusammengebrachte Ladung zu vertreiben. Ich sollte den meinem Herzen teuren Mann, dem ich für soviel Liebe und Güte verbunden war, ja dem ich vielleicht das Leben verdankte, niemals wiedersehen. Er starb einige Jahre später an der Cholera, ohne die Operationen, die er mit großen Erwartungen und so umsichtig begonnen hatte und die ihm dann nichts einbrachten als herbe Enttäuschungen und den Tod in so weit von seinem angebeteten Italien entlegenen Landen, zum Ziele führen zu können.

Ich hatte in Lima, ehe ich meine Reise antrat, eine unerfreuliche Begegnung. Ich wohnte zu Anfang meines Aufenthalts in jener Stadt im Hause Malagrida's, wo ich, noch Rekonvaleszent nach jenen Fiebern, von ihm und seiner liebenswürdigen Gattin wahrhaft aufopfernde Pflege und Sorgfalt genoß. Einstmals kam nun in das nämliche Haus einer jener, von Chauvinismus verblendeten Franzosen. Ich, der ich von Natur wenig entgegenkommend bin und wahrnahm, daß der Mensch sehr geneigt war zu schwatzen, vermied soviel wie möglich, mich mit ihm ins Gespräch einzulassen. Eines Tages jedoch wußte er mich zu fassen und brachte mich wider Willen auf das Thema der von dem Heere Bonaparte's unternommenen römischen Expedition. Dieser Gegenstand war mir natürlicherweise sehr peinlich, und ich bemühte mich, ihn davon abzubringen; aber der Franzose verharrte nicht nur dabei, sondern erging sich auch in Ausdrücken, die für die Italiener wenig schmeichelhaft waren. Ich antwortete etwas spitz, hielt mich aber in den Grenzen des Anstands mit Rücksicht auf das Haus, in dem ich wohnte, und so endete der Zwischenfall. Wenige Tage später aber, da ich mich in Callao, dem Hafen von Lima, an Bord der Carmen befand, mit den Vorbereitungen zu meiner Reise beschäftigt, kam mir eine Zeitung von Lima zu, in der jener Chauvin mich beleidigte. Ich sagte kein Wort, aber an dem Samstag abend, an dem ich meine Arbeiten beendigte, ging ich nach Lima und suchte den Franzosen in seinem Hause, einem großen Magazin, auf. Ich trat ein, fragte ihn, ob er mich kenne, und da er das bejahte, so versetzte ich ihm mit einem leichten Rohrstock, den ich gewöhnlich trug, 4 Schläge. Wie ich nun in der Hitze der Leidenschaft nicht darauf geachtet hatte, ob mein Widersacher allein oder in Gesellschaft sei, so stellte sich nun heraus, daß ich es mit 2 Gegnern zu tun hatte, die stärker waren als ich. Als der neu Hinzukommende mich mit seinem Gefährten handgemein sah, schlug er mich von hinten dermaßen auf den Kopf, daß mir das Blut über das Gesicht strömte, und gleichzeitig suchte er mich mit seinem Dolch im Rücken zu treffen. Betäubt wankte ich einen Augenblick und war im Begriff zu fallen; wäre ich aber gefallen, so hätten jene mich getötet und wären im Recht gewesen, da ich sie ja im eigenen Hause angefallen hatte. Zu meinem Glück aber fiel ich nicht zu Boden, vielmehr, erhitzt durch mein Blut, das mir über das Gesicht strömte, wurde ich von wilder Leidenschaft gepackt, und es gelang mir, einen von den beiden, meinen stärksten Widersacher, zu entwaffnen, der andere aber flüchtete ins Innere des Hauses, sicherlich mehr erschreckt durch meine Leidenschaft als durch meine Stärke, und der erste folgte ihm sogleich nach. Ich blieb also Herr des Schlachtfeldes in einem ausgedehnten Warenlager, das mir nicht gehörte, so daß ich mich dann auch zurückzog. Der Erwähnung wert ist die Liebe, die meine Landsleute mir bei diesem Anlaß bewiesen. Die Polizei von Lima wollte, aufgehetzt durch einen leidenschaftlichen französischen Konsul, mich gewaltsam in Haft nehmen, aber das Verhalten der Italiener benahm ihr die Lust dazu. Sie betrugen sich würdig, aber alle hielten zusammen, und Lima zählte ihrer Tausende, alles kräftige Leute in guten Verhältnissen. Sie stellten sich sämtlich als Bürgen und ersuchten den Polizeikommissar in geziemender Weise, von meiner Verhaftung Abstand zu nehmen. Der Kommissar redete ein langes und breites, aber er nahm mich nicht in Haft, da er mich inmitten jener Menge zwar ruhiger, aber entschlossener Menschen erblickte. Der französische Konsul aber verlangte vom Anfang an Genugtuung von der peruanischen Regierung, und zwar nichts geringeres als eine Geldstrafe und Abbitte von meiner Seite. Der sardinische Konsul aber machte den Vermittler in dieser Angelegenheit und verfehlte nicht, sich meiner anzunehmen. Schließlich wurde die Sache ohne Buße und Abbitte beigelegt.

Wenn ich an unsere italienischen Kolonien in Mittelamerika denke, könnte ich wirklich stolz werden: unsere Landsleute dort auf dem freien Boden jener Republiken scheinen mir viel mehr wert zu sein als die im Mutterlande. Auch unter jenem gesegneten Himmel schleicht der Priester als giftiges Reptil umher, wie überall, aber über die Unsrigen hat er keine Gewalt und über die Söhne jenes bevorzugten Landes eine nur geringe. Die Regierungen sind dort nicht immer gut, aber da es in ihrem Interesse liegt, die fremde Einwanderung zu fördern, so sind sie ihr günstig, namentlich der der Italiener, die der iberischen Rasse so nahe verwandt sind. In Mittelamerika ist der Italiener durchweg arbeitsam und ehrlich; wenn irgendein Unwürdiger sich einstellt, so behalten die Unsrigen ihn im Auge, und wenn er sich etwas zuschulden kommen läßt, so beruhigen sie sich nicht eher, als bis er aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen wird. Auch die seemännischen Elemente in diesen unsern Kolonien bestehen, wennschon man wenig von ihnen weiß und zumal die italienische Regierung keine Ahnung von ihnen hat, aus den tatkräftigsten Teilen der ungemein ausgedehnten seemännischen Bevölkerung Italiens, zumal Liguriens, deren unsere Regierung sich bisher nie zu bedienen verstanden hat; und doch ist sie allezeit der Handels- und Kriegsmarine unserer Nachbarn durchaus ebenbürtig gewesen.

Wenig später ging ich auf der Carmen unter Segel nach der Cincia-Insel südlich von Lima, wo Guano geladen wurde, der nach China bestimmt war, und kehrte dann nach Callao zurück, um die letzten Vorbereitungen zu der weiten Reise zu treffen. Am 10. Januar 1852 stach ich von Callao nach Canton in See. Die Reise, die stets vom Winde begünstigt war, dauerte 93 Tage. Wir kamen in Sicht der Sandwich-Inseln und fuhren zwischen Luzon und Formosa in der Gruppe der Philippinen in das Chinesische Meer ein. Nachdem ich nach Canton gelangt war, schickte derjenige, dem ich die Ladung zu übergeben hatte, mich nach Amoy, da letztere in Canton nicht zu verkaufen war. Von Amoy kam ich dann nach Canton zurück, und da die Rückfracht noch nicht bereit war, nahm ich verschiedene Waren nach Manila ein. Von dort ging es wieder nach Canton zurück, wo die schadhaft befundenen Masten der Carmen sowie der Kupferbeschlag erneut werden mußten. Dann verließen wir, nachdem die Ladung an Bord geschafft war, Canton und fuhren nach Lima zurück.

Auf Grund meiner Studien über die Winde, die auf den beiden nach Lima führenden Wegen – dem nördlichen und dem um Australien herumgehenden südlichen – vorherrschen, wählte ich den letzteren. In der heißen Zone, die 46 Grade und 56 Minuten, mit dem Äquator in der Mitte, umfaßt, insgemein aber zu 60 Grad gerechnet wird, da die Tropenwinde zusammen eine Breite von 30 Grad auf jeder Seite bestreichen: in dieser heißen Zone würde wegen der genannten Winde, die mit unabänderlicher Beständigkeit von Osten nach Westen wehen, derjenige, der direkt von Canton nach Lima segeln wollte, seine Reise nicht zu Ende führen, auch wenn er sein Schiff mit Lebensmitteln vollgestopft hätte, denn er hätte Wind und Strömung stets wider sich. Entfernt man sich dagegen von jener Zone gegen die Pole, so hat man fast die Gewißheit, dort veränderliche Winde anzutreffen, hauptsächlich wenn man über den 50. Breitengrad in der einen oder anderen Erdhälfte hinausgeht. Wir nahmen also die Richtung gegen den Indischen Ozean und verließen den indischen Archipelagus, in dessen Engen wir, da wir den Südwest-Monsun noch in Wirksamkeit trafen, mit einigen Schwierigkeiten lavierten, durch die Straße von Lombok. Außerhalb der Straße von Lombok, im Indischen Ozean, kamen wir, nach Zurücklegung weniger Breitengrade, in den Bereich anhaltender Ostwinde. Wir nahmen dementsprechend unsere Richtung, so daß wir den Wind von links empfingen. So ging es bis gegen den 40. Grad südlicher Breite, wo wir Westwinde antrafen. Nun fuhren wir durch die Baß-Straße zwischen Australien und Vandiemensland hindurch. An dieser Straße legten wir auf Hunter, einer jener Inseln, an, um Wasser einzunehmen. Wir fanden dort eine Niederlassung vor, die kurz zuvor ein Engländer mit seiner Gattin verlassen hatte, weil ihm dort sein Gefährte gestorben war, eine Nachricht, die uns eine auf dem Grabe des letzteren errichtete Tafel lehrte, auf der in Kürze die Geschichte der Niederlassung geschildert war. »Das Ehepaar", besagte die Aufschrift, »von Furcht ergriffen in dem Gedanken, sich allein auf der einsamen Insel zu finden, hat sie verlassen, um nach Vandiemensland zu gehen."

Das wichtigste auf dieser Niederlassung war ein zwar einfaches, aber bequemes, mit Geschick erbautes einstöckiges Häuschen, wo sich Tische, Betten, Stühle u. dgl. m. vorfanden, alles zwar nicht verschwenderisch eingerichtet, aber von jener behäbigen Art, die dem Engländer so natürlich ist. Auch ein Garten befand sich am Hause, für uns die nützlichste Entdeckung, weil wir dort frische Kartoffeln und andere Gartenfrüchte fanden, mit denen wir uns reichlich verproviantierten. – O du einsame Hunter-Insel, wie oft hast du meine Einbildungskraft lockend beschäftigt, wenn ich, dieser von Priestern und Polizisten so trefflich zugestutzten bürgerlichen Gesellschaft müde, mich in Gedanken nach deiner lieblichen Reede versetzte, wo ich gleich bei der Landung von einem Schwarm prächtiger Rebhühner empfangen wurde und wo zwischen hundertjährigen hochragenden Bäumen das klarste, romantischste Bächlein murmelte, an dem wir in erfreulichster Weise unseren Durst löschten und dem wir reichlichen Wasservorrat für die Reise entnahmen.

Von der Baß-Straße aus segelten wir zwischen Neuseeland und Lord Aukland-Land hindurch und verfolgten dann den 52. Breitengrad unter starken Westwinden, gegen die Westküste von Amerika hin. Als wir nach vielen Tagen glücklicher Fahrt in die Nähe dieser Küste kamen, nahmen wir unseren Kurs schräg nach links gegen die heiße Zone, um die Hauptwinde aufzusuchen, die dort beständig von Südost wehen und die uns dann nach einer Fahrt von annähernd 100 Tagen nach Lima brachten. In den letzten Tagen wurden uns die Lebensmittel knapp, so daß die Bemannung aus Vorsicht auf verminderte Rationen gesetzt werden mußte. In Lima wurde die Ladung gelöscht und dann mit Ballast nach Valparaiso gefahren, wo die Carmen zu einer Reise von Chili nach Boston mit Kupfer vermietet wurde. Wir berührten mehrere Häfen der Küste von Chili: Coquimbo, Guasco, Hervadura, und in Islay in Peru Hafen von Arequipa im südlichen Peru. wurde die Ladung außer dem Kupfer noch durch Wolle vervollständigt. Von Islay aus segelten wir südwärts um das Kap Horn und erreichten Boston nach einer recht stürmischen Fahrt in den hohen Breiten. Von Boston aus erhielt ich die Weisung, nach New-York zu gehen. Bei meiner Ankunft dort empfing ich einen Brief des Eigentümers der Carmen mit Vorwürfen, die mir unverdient schienen, so daß ich den Befehl über das Schiff niederlegte. Ich muß aber, was den Besitzer der Carmen, Don Petro Denegri, angeht, hinzufügen, daß ich die ganze Zeit über, da ich das Glück hatte, ihm zu dienen, von ihm mit großer Güte behandelt wurde. Allein einem schmarotzenden Thersites, der sich in sein Haus eingeschlichen hatte, war es gelungen, mich bei meinem Prinzipal zu verdächtigen.

Ich blieb noch einige Tage in New-York, in denen ich mich der werten Gesellschaft meiner trefflichen Freunde Foresti, Avazzana und Pastacaldi zu erfreuen hatte. Mittlerweile kam Kapitän Figari in der Absicht, sich ein Schiff zu kaufen, in jenem Hafen an und machte mir den Vorschlag, das Kommando dieses Schiffes zu übernehmen und es nach Europa zu bringen. Ich nahm an und ging mit Figari nach Baltimore, wo er das Schiff Commonwealth kaufte. Nachdem es mit Mehl und Getreide beladen war, führte ich es nach London, wo ich im Februar 1854 ankam. Von London ging ich nach Newcastle, wo wir Kohle für Genua an Bord nahmen; hier kamen wir am 10. Mai des nämlichen Jahres an.

An Rheumatismus erkrankt, wurde ich in Genua in das Haus meines Freundes, des Kapitäns G. Paolo Augier, gebracht, wo ich 14 Tage lang die liebenswürdigste Gastfreundschaft genoß. Dann ging ich nach Nizza, wo ich endlich das Glück hatte, nach fünfjähriger Verbannung meine Kinder an mein Herz zu drücken.

Der Abschnitt meines Lebens von der Ankunft in Genua im Mai 1854 bis zu meiner Abreise von Caprera im Februar 1859 bietet kein Interesse. Ich verbrachte diese Jahre teils auf der See, teils mit dem Anbau eines kleinen Besitztums, daß ich auf der Insel Caprera erworben hatte. Die kleine Insel Caprera, auf der Garibaldi sich niederließ und anbaute, liegt nördlich von Sardinien, der früher genannten Insel Maddalena gegenüber.


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