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7. Kapitel.
Angriff auf Monterotondo

Dieser Angriff zeigt deutlich, welcher Geist die von mir befehligten Truppen beseelte, ehe die Propaganda der Mazzinisten einsetzte, die die Freiwilligen aufforderte, nach Hause zu gehen und die Republik auszurufen.

Wir verbrachten, wie schon gesagt, den 24. Oktober damit, Monterotondo einzuschließen sowie Faschinen und Schwefel zu beschaffen, um das Tor von San Rocco in Brand zu setzen, und alle möglichen Maßnahmen für den Angriff zu treffen. Die 3 Kolonnen, die unter dem Befehle von Salomone Caldesi, Valsania und Menotti standen, hatten sich, einige wenige Beobachtungsposten auf der Straße von Rom, von wo dem Feinde Unterstützung zukommen konnte, abgerechnet, zum entscheidenden Angriff auf das Tor von San Rocco zusammengezogen. Gleichzeitig sollte Frigezy die Stadt von Osten angreifen und, wenn er vermöchte, dort ebenfalls das Tor des Kastells in Brand setzen. Der Angriff war auf 4 Uhr morgens am 25. Oktober angesetzt worden. Unsere armen, schlecht bekleideten und in ihrer dürftigen Kleidung durchnäßten, ausgehungerten Freiwilligen hatten sich am Rande der Straßen ausgestreckt, die durch die Regengüsse der letzten Tage in dichten Kot verwandelt und fast unpassierbar gemacht worden waren. Aber, von Müdigkeit übermannt, bereiteten sich jene braven Jünglinge auch im Straßenkot ihr Lager. Ich gestehe, ich verzweifelte fast daran, die Ärmsten zur Stunde des Angriffs wecken zu können, wollte aber ihr klägliches Los mit ihnen teilen, setzte mich unter sie und verblieb so bis 3 Uhr morgens.

Um diese Stunde baten mich die Freunde, die um mich waren, einen Augenblick in das Kloster von Santa Maria, das nur wenige Schritte entfernt lag, einzutreten, um mich einen Augenblick ins Trockne zu setzen, und brachten mich in einen Beichtstuhl, die einzige vorhandene Sitzgelegenheit, wo ich einige Minuten verweilte. Kaum aber hatte ich dort Platz genommen und meine von dem langen Stehen schmerzenden Schultern ein wenig aufgestützt, als ein Geräusch wie Sturmesrauschen, der einhellige Kriegsruf der Unsrigen, die sich gegen das brennende Tor stürzten, mich emporfahren ließ. So schnell ich konnte, eilte ich zur Stätte des Kampfes und stimmte ebenfalls in den Ruf »Vorwärts!« ein. Das Tor, von den winzigen, fast wie Ferngläser aussehenden Geschützen, die wir hatten, beschossen, brannte lichterloh und erschien nur noch wie ein brennender Trümmerhaufen, dessen völliger Einsturz jeden Augenblick erwartet werden konnte. Doch versuchten die Feinde den dergestalt eröffneten Zugang zur Stadt aufs neue zu verbarrikadieren und begannen Wagen, Bretter und anderes herbeizuschleppen. Das aber war nicht nach dem Sinne der Unsrigen, denen es nur nach unsäglichen Mühen und unter großer Gefahr gelungen war, das Tor in Brand zu setzen. Der erste Gegenstand, der sich, von den Zuaven herbeigeholt, am Tor darbot, war ein Wagen; doch hatten jene nicht die Zeit, ihn an Ort und Stelle zu bringen. Wie ein elektrischer Funke ging es durch die Reihen der heldenmütigen Patrioten, und wie die Rasenden stürzten sie sich mit Blitzesschnelle gegen die brennende Pforte. Vergessen waren Müdigkeit, Hunger, Strapazen. Hatte ich nicht auch sonst schon diese italienische Jugend Wunder tun sehn? An ihnen zweifeln war ein Verbrechen, das nur ein gebrechlicher Greis begehen konnte!

Weder der quer vorgestellte Wagen, noch die auf der Torschwelle aufgehäuften brennenden Trümmer, noch der Hagel von Flintenschüssen, der sich von allen Seiten gegen sie ergoß, vermochten sie aufzuhalten. Sie kamen mir vor wie ein Strom, der, die Schleusen und Dämme durchbrechend, sich über das flache Land ergießt. In wenigen Minuten war die Stadt von den Unsrigen besetzt und die Garnison im Kastell eingeschlossen. Der Angriff auf dieses begann um 6 Uhr vormittags, als die Unsrigen bereits die Ausgänge aller dorthin führenden Straßen behaupteten. Sie verrammelten sie sämtlich und legten mit Hilfe von Faschinen, Stroh, Wagen und allen brennbaren Stoffen, deren sie habhaft wurden, das Feuer an die Stätte. Um 10 Uhr vormittags trieben sie durch wenige Salven etwa 2000 Mann zurück, die sich den Eingeschlossenen zu Hilfe von Rom her näherten. Endlich um 11 zog die Garnison, die durch den Rauch belästigt wurde und besorgte, wenn das Feuer die Pulverkammer erreiche, in die Luft zu fliegen, die weiße Fahne auf und ergab sich bedingungslos. – Der hochgemute Major Testori hatte, kurz ehe die Ergebung der Feinde erfolgte, den Entschluß gefaßt, aus der Deckung hervorzukommen, um durch Erhebung einer weißen Fahne jenen die Aufforderung zur Ergebung zu übermitteln. Allein jene Söldner überschütteten ihn unter Verletzung alles Völkerrechts mit Schüssen und streckten ihn tot zu Boden. Ich hatte die denkbar größte Mühe, nach derartigen barbarischen Schandtaten jener Schergen der Inquisition ihr Leben zu retten, da die Unsrigen von leidenschaftlicher Wut wider sie erfüllt waren. Ich selbst mußte sie aus Monterotondo führen und dann von 40 Leuten unter Major Marrani nach dem Paß von Corese geleiten lassen.

In Monterotondo aber ereignete sich das, was in einer erstürmten Stadt zu geschehen pflegt, die durch ihre Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit, ja selbst Abneigung gegen uns eine wenig freundliche Gesinnung bei uns hervorgerufen hatte: ich kann nicht leugnen, daß mancherlei Unregelmäßigkeiten vorkamen. Diese Ausschreitungen erwiesen sich aber auch der regelrechten Organisierung unserer Truppe hinderlich, und es ließ sich nach dieser Richtung hin in den wenigen Tagen, während deren wir dort verweilten, nicht viel ausrichten. – In der Hoffnung, die Leute draußen und in der Bewegung besser organisieren zu können, den Unregelmäßigkeiten ein Ende zu machen und näher an Rom heranzukommen, verließen wir Monterotondo am 28. Oktober und besetzten die Hügel von Santa Columba. Frigezy, der die Vorhut führte, besetzte Marcigliana und schob seine Vorposten bis Castel Giubileo Villa Spada 8 km von der Porta Salara, dem nördlichsten Tor von Rom, Castel Giubileo auf einem Hügel hart am Tiber, an Stelle des alten Fidena. und Villa Spada vor.

Am Abend des 29., als ich mich in Castel Giubileo befand, kam ein Bote aus Rom zu mir, der Verwandte in unserer Truppe hatte und daher bekannt war; dieser versicherte mich, die Römer seien entschlossen, in der folgenden Nacht den Versuch einer Erhebung zu machen. Das setzte mich einigermaßen in Verlegenheit, da ich meine Streitkräfte nicht alle zur Hand hatte. Gleichwohl beschloß ich, bei Tagesanbruch am 30. in Person mit 2 Bataillonen genuesischer Schützen bis zum Casino dei Pazzi, 2 Flintenschüsse von der Porta Nomentana, vorzugehen. Porta Nomentana, wenig östlich von der Porta Salara (die Via Nomentana führt in nordöstlicher Richtung nach Palombara). – Einer unserer Führer und ein Offizier, die noch vor mir bei dem Kasino ankamen, trafen dort ein feindliches Pikett an und wechselten mit ihm einige Revolverschüsse. Der Führer wurde leicht an der Brust verwundet, und da sich die Feinde in überlegener Anzahl befanden, so zogen die Unsrigen sich zurück, indem sie mittels fernerer Schüsse mich auf die Gegenwart der Feinde aufmerksam machten. Doch vollführten sie alles mit Kaltblütigkeit und Tapferkeit – Wir gingen von diesem Punkte aus zurück, den beiden Bataillonen, die auf dem Marsche waren, entgegen, und sobald diese herangekommen waren, besetzten wir das Casino dei Pazzi, die Häuser vor Cecchina, eine Viehhalterei, die einen weiten Büchsenschuß nördlich von dem Kasino liegt, und die Straße längs einer Trockenmauer, die vom Kasino nach den Häusern führt. In dieser Stellung verblieben wir während des ganzen 30. Oktober, indem wir darauf warteten, von einem Aufstand in Rom zu hören oder eine Nachricht von den Freunden drinnen zu erhalten – aber vergebens!

Gegen 10 Uhr abends kamen 2 feindliche Abteilungen zum Rekognoszieren heraus, eine vom Ponte Nomentano her und die andere etwas später vom Ponte Mammolo. An der Straße nach Tivoli. Die Söldner des Papstes zu unserer Rechten gingen in Schützenschwärmen bis auf Büchsenschußweite vor und feuerten den ganzen Tag über auf uns; aber die Unsrigen erwiderten, dem erhaltenen Befehl gemäß, das Feuer nicht, da dies mit unseren sehr schlechten Flinten nichts genützt hätte, da die Genuesen ohne ihre guten Karabiner waren. Nur als die Zuaven, kühn gemacht und gereizt durch unsere Unbeweglichkeit, sich näher heran wagten, töteten die Unsrigen, die im Casino dei Pazzi im Versteck lagen, 4 von ihnen und verwundeten verschiedene. – Unsere Stellung so nahe bei Rom, wo das ganze päpstliche Heer zusammengezogen war, war gefährlich, so daß, als ich die beiden Abteilungen ausziehen sah, deren Stärke wir nicht näher festzustellen vermochten, ich Menotti, der sich hinter mir befand, ersuchte, uns einige Bataillone zu Hilfe kommen zu lassen, die er denn auch sofort heranführte.

Nachdem ich mich hatte überzeugen müssen, daß in Rom nichts geschah und daß, wenn erst die Franzosen, deren Ankunft schon angekündigt, ja sogar erfolgt war, herangekommen sein würden, noch weit weniger geschehen würde, so ordnete ich den Rückzug auf Monterotondo an, ließ aber, um den Feind zu täuschen, in allen von uns eingenommenen Stellungen zahlreiche Feuer brennen. Hier nahm nun der Mazzinistische Anhang Anlaß, die Stirne zu runzeln und unter die Freiwilligen Unzufriedenheit zu säen. »Wenn es nicht nach Rom geht,« sagten sie, »dann ist es besser, nach Hause zurückzukehren.« Und sicherlich! zu Hause ißt man gut, trinkt man noch besser, schläft man warm, und endlich ist dort auch die Haut sicherer!

Die von uns eingenommenen Stellungen, Castel dei Pazzi, Cecchina, Lastei Giubileo usw. waren allzu nahe bei Rom und gegen überlegene Streitkräfte nicht haltbar; wir mußten daher stärkere und weiter gelegene Stellungen suchen. Diese Vorteile bot uns Monterotondo, außerdem war es dort leichter, den Lebensunterhalt zu finden.


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