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11. Kapitel.
Rückkehr ins politische Leben

Im Februar 1859 wurde ich von dem Grafen Cavour durch Vermittlung von La Farina nach Turin berufen. Graf Camillo Cavour (1810–1861) stand seit 1852 an der Spitze des piemontesischen Ministeriums; zu seinen Vertrauten gehörte Giuseppe La Farina, ein patriotisch gesinnter Sizilianer (1815–1863). – Über die durchaus ungerechte Beurteilung Cavours durch Garibaldi vgl. die Einleitung. Es paßte der Politik des sardinischen Kabinetts, das damals in Verhandlungen mit Frankreich stand und entschlossen war, Österreich mit Krieg zu überziehen, dem italienischen Volke zu schmeicheln. Manin, Daniele Manin (1804–1857), der große venetianische Patriot; 1848–1849 Diktator seiner aufständischen Vaterstadt; Giorgio Pallavicino, mailändischer Patriot, lange Jahre österreichischer Staatsgefangener auf dem Spielberg, auch Verfasser wertvoller Memoiren. Pallavicino und andere hervorragende Italiener bemühten sich, die italienische Demokratie dem savoyischen Herrscherhause näher zu bringen, um mittels Heranziehung der in der Masse liegenden nationalen Kräfte die Einigung Italiens, die seit so vielen Jahrhunderten der Traum der erlesensten Geister der Halbinsel gewesen war, herbeizuführen. Da er glaubte, daß auch ich mir einigen Einfluß auf das Volk bewahrt habe, so rief Graf Cavour, der damals allmächtig war, mich nach der Hauptstadt und fand mich denn auch in der Tat seiner Idee zugänglich, den Erbfeind Italiens mit Krieg zu überziehen. Sein Bundesgenosse D. i. Frankreich und Kaiser Napoleon III. flößte mir allerdings kein Zutrauen ein, aber was sollte ich tun. Man mußte ihn sich gefallen lassen.

Auf Italien lastet wie ein Alp ein schreckliches Gefühl seiner Schwäche, sicherlich die Frucht seiner Zwietracht und der Priestererziehung, die auch noch heute, da ich das schreibe (letzte Tage des Jahres 1859), eine große Zahl der verweichlichten Söhne Ausoniens, besonders unter den an verfeinerten Lebensgenuß gewöhnten Klassen, unter ihrem Einfluß erhält. – Nur mit Erröten kann man es gestehen: nur in der Zuversicht auf Frankreichs Bundesgenossenschaft wagte man den Krieg, ohne diese Hilfe hätte man nicht im Traume daran gedacht. Das war die Ansicht der Mehrheit dieser entarteten Söhne des größten aller Völker. Und das alles, weil man von den zur Verfügung stehenden nationalen Elementen keinen Gebrauch machen konnte oder wollte, und weil die Sache unseres armen Landes stets von Übelwollenden oder Doktrinären gehandhabt wurde, die gewöhnt waren, des weiten und breiten über eine Sache hin- und herzureden, nicht aber sie energisch anzufassen und auszuführen. – Ein Volk, das entschlossen ist, vor dem Fremden das Knie nicht zu beugen, ist unüberwindlich, und wir brauchen nicht weit zu gehen, um Beispiele suchen, die das beweisen: Rom, in drei gewaltigen Schlachten geschlagen und seinen schrecklichen Besieger vor den Toren, ließ seine Legionen im Angesicht Hannibals ausmarschieren und sandte sie nach Spanien. Man finde ein Seitenstück hierzu in der Geschichte irgendeines Volkes der Welt!

Ist man aber geboren in dem Lande, das solche Wunder des Heldenmuts gesehen hat, dann kann man mit hocherhobener Stirn auf die Vermessenheit des Fremden herabsehen.

Von der Regierung sprach ich in Turin nur Cavour: der Gedanke, mit Piemont zusammen Österreich zu bekriegen, war mir nicht neu und auch daran war ich gewohnt, jegliche politische Überzeugung angesichts des Zieles der Schaffung Italiens, wie dies auch geschehe, schweigen zu lassen. Das Programm aber war das nämliche, das von uns bei unserer Abreise von Montevideo nach Italien angenommen worden war, und als die schöne Entschließung Manin's und Pallavicino's, das italienische Vaterland unter Viktor Emanuel zu einigen, mir in Caprera mitgeteilt wurde, fand mich diese Mitteilung auf dem nämlichen politischen Standpunkt. Und war nicht das auch schon der Gedanke Dante's, Macchiavelli's, Petrarca's und so vieler anderer unter unseren Großen? Ich kann mit Stolz bekennen: ich war und bin Republikaner, aber ich habe gleichwohl an das System der Volksherrschaft nie so ausschließlich geglaubt, um es der Mehrheit einer Nation gewaltsam auflegen zu wollen. Nur in einem freien Lande, wo die gesunde Mehrheit der Bevölkerung ohne Druck von außen die Republik wünscht, ist diese sicherlich die beste Regierungsform. Wenn ich mich daher in der Lage befinde, wie es 1849 in Rom der Fall war, meine Stimme abzugeben, so würde ich sie stets für die Republik abgeben und mich bemühen, die Menge zu meiner Ansicht zu bringen. Da aber, mindestens für jetzt (1859), die Republik nicht möglich ist, sei es infolge der Verderbnis, die die gegenwärtige Gesellschaft ergriffen hat, sei es wegen der Interessengemeinschaft, die die modernen Monarchien untereinander aufrechterhalten, und sich andererseits die Möglichkeit darbietet, die Einigung der Halbinsel durch Zusammenschluß der dynastischen mit den volkstümlichen Kräften zu erreichen, so habe ich mich dieser Kombination rückhaltslos angeschlossen.

Nach wenigen Tagen Aufenthalts in Turin, wo ich den italienischen Freiwilligen als Lockspeise dienen sollte, wurde ich bald gewahr, mit wem ich es zu tun hatte und was man von mir wollte. Garibaldi vermochte nicht einzusehen, daß er sich dem Ganzen des Cavour'schen Planes einfügen mußte. Ich betrübte mich; aber was sollte ich beginnen? Es galt das geringere Übel zu wählen und, da nicht alles zu erreichen war, das wenige erreichen, was für unser unglückliches Land möglich war. – Garibaldi sollte Verstecken spielen, er sollte da sein und nicht da sein; die Freiwilligen sollten erfahren, daß er in Turin sei, um sie um sich zu scharen; gleichzeitig aber bat man Garibaldi, im Hintergründe zu bleiben, um nicht der Diplomatie Anlaß zur Beschwerde zu geben. Welch eine Lage! Die Freiwilligen in möglichst großer Zahl zusammenzurufen, um dann eine möglichst geringe Zahl zu befehligen, und zwar diejenigen, die für den Kriegsdienst am wenigsten brauchbar waren! Die Freiwilligen strömten herbei, durften mich aber nicht sehen. Es wurden zwei Sammelpunkte, in Cuneo und in Savigliano eingerichtet, und ich wurde nach Rivoli, in der Richtung auf Susa, dirigiert? Savigliano 52 km, Cuneo 88 km südlich von Turin, Rivoli wenig westlich von dieser Stadt.

Die Leitung und Organisation der Korps wurde dem General Cialdini anvertraut. In Cuneo erhielt Cosenz, in Savigliano Medici Enrico Cialdini und Enrico Cosenz, piemontesische Offiziere. Giacomo Medici hatte schon 1849 unter Garibaldi in Rom gekämpft, s. o. den Oberbefehl, beides ausgezeichnete Offiziere, die dann das erste und zweite Regiment, die Grundlage und den Stolz der Alpenjäger, bildeten. Ein drittes Regiment wurde ebenfalls in Savigliano, unter Arduino, gebildet, aus den nämlichen Elementen, aber durch die Schuld seines Führers bewährte es sich nicht so wie die beiden anderen Regimenter. – Eine Aushebungkommission, die in Turin eingesetzt wurde, wählte die kräftigste und kriegsfähigste junge Mannschaft von 18 bis 26 Jahren für die Linie aus, wogegen die zu jungen, die zu alten oder nicht ganz gesunden Leute den Freiwilligen zugeteilt wurden. In betreff der Offiziere war man entgegenkommender und bewies so viel Verständnis, daß man die Mehrzahl der von mir vorgeschlagenen annahm. Nicht alle waren im Besitze höherer Bildung, aber fast alle zeigten sich, wie ich es erwartet hatte, der heiligen Sache wert, für die sie in den Kampf zogen. Ich bildete meinen Stab aus Carrano, Corte, Cenni und anderen. Wie ich schon gesagt habe, war die Organisation gänzlich Sache des Generals Cialdini.

Verschiedene Pläne wurden in diesen ersten Wochen seitens der Regierung entworfen. Der erste war, ich solle meine Operationen an der Grenze der Herzogtümer D. i. Modena und Parma. auf nehmen, was die bedeutendsten Ergebnisse versprach; aber der Plan wurde bald geändert – ohne Zweifel aus Furcht davor, mich in Berührung mit einer Bevölkerung zu bringen, die vielleicht die Scharen der Freiwilligen allzusehr verstärkt hätte. So zog man es vor, mich an den äußersten linken Flügel der Armeen zu senden. Lieb war mir der Gedanke, die Lombardei wieder zu erblicken mit ihrer herrlichen Bevölkerung, die unter der fremden Gewaltherrschaft so schändlich mißhandelt wurde. Man stellte mir anfangs die Zollwächtertruppe in Aussicht, vergaß aber, glaube ich, die Wächter der Galeerensträflinge. Auch wurden mir einige Bataillone Bersaglieri versprochen: doch wären das zuviel Leute gewesen, und ich bekam weder die einen noch die anderen; vielmehr berief man, als die Freiwilligen in großer Zahl herbeiströmten, in der Besorgnis, daß ich zu viele bekäme, den General Ulloa zur Formierung von »Apenninenjägern«, die zu mir stoßen sollten, die ich aber bis zum Ende des Krieges niemals zu sehen bekam. – Der Kriegsminister, General La Marmora, der stets gegen die Bildung von Freiwilligenkorps gewesen war, weigerte sich, die Grade meiner Offiziere anzuerkennen, so daß ich, um die Ernennung der von ihm Abgewiesenen zu gewährleisten, meine Zuflucht dazu nehmen mußte, vom Minister des Innern, und nicht von der Exzellenz des Krieges unterfertigte Patente zu erlassen. Nichtsdestoweniger nahm ich alles schweigend hin, handelte es sich doch darum, für Italien in den Krieg zu ziehen und die Unterdrücker unserer Brüder zu bekämpfen.

Die Politik wurde kritisch und das hochmütige Benehmen Österreichs führte den ersehnten Kriegsfall herbei. Am 23. April 1859 sandte Österreich ein unannehmbares Ultimatum nach Turin, das zu Cavours größter Genugtuung den Krieg unvermeidlich machte und Frankreich gemäß den Zusagen Napoleons zur Teilnahme verpflichtete. Dies beschleunigte einigermaßen die Bewaffnung der Freiwilligen, und General Cialdini betrieb ihre Organisation mit Nachdruck. Der Übertritt der Österreicher auf piemontesisches Gebiet fand uns dann zwar nicht fertig, aber doch bereit, überallhin zu eilen, wo es auch sein mochte. – Wir wurden auf das rechte Ufer des Po beordert, nach Brusasco, Brusasco zwischen Chivasso und Casale, etwa der Mündung der Dora Baltea gegenüber. auf den äußersten rechten Flügel der Division Cialdini, die bestimmt war, die Linie der Dora Baltea zu verteidigen, mit der Aufgabe, die Straße von Brusasco nach Turin zu decken. Das Ministerium hatte einige Kanonen nach dem alten Kastell von Varrene gesandt, um, wie es hieß, die Straße von Vercelli Vercelli jenseits des Po, nordöstlich von Turin auf der Straße über Novara nach Mailand. nach Turin zu beherrschen. Ich erhielt Befehl, diese Stellung einzunehmen und zu halten, was in dem Falle, daß der Feind vorwärts gegangen wäre, meine Bewegungen gelähmt hätte. Wie dem aber sei, wir waren für die Befreiung unseres Italien, den Traum meines ganzen Lebens, in Aktion getreten! Ich und meine jungen Gefährten sehnten die Stunde des Kampfes herbei, wie der Bräutigam die Stunde der Vereinigung mit der Angebeteten. Frei von jedem unlauteren Gedanken an Gold, Orden, Ehrenstellen stürmten wir vorwärts, entschlossen, Entbehrungen, Gefahren, Zurücksetzung, selbst Mißhandlung durch die Parteien zu ertragen, die uns aus Feindseligkeit oder Neid nachstellten und unseren Pfad mit Dornen bestreuten und selbst so weit gingen, den auf 100 Schlachtfeldern erworbenen ehrenvollen Namen anzugreifen. Ja, wir waren entschlossen, selbst Beschimpfung hinzunehmen, wenn man uns nur die Feinde unseres Idols bekämpfen ließe.

Wir brachten mehrere Tage in Brusasco, in Brozolo, in Pontestura D. h. der Marsch ging Po-abwärts nach Casale zu. zu. Diese ersten Märsche begannen die Truppen an den Kriegsdienst zu gewöhnen, und wir benutzten den Aufenthalt in den einzelnen Ortschaften, um sie zu üben, sie mit den verschiedenen Arten des Dienstes, als Vorposten, Patrouillen usw. vertraut zu machen. Als dann General Cialdini den Auftrag erhielt, Casale zu verteidigen, wurden wir ihm dazu unterstellt. Man machte einen Ausfall aus jener Festung, um zu rekognoszieren, und bei diesem Anlaß erblickten wir die Österreicher zum erstenmal. Bei einem Scheinangriff, den die Feinde auf die Außenwerke der Festung unternahmen, zeigte das zweite Regiment unter dem Kommando von Medici, was die Alpenjäger vermöchten, indem sie die Österreicher tapfer angriffen und vor sich her trieben. Besonders zeichneten sich in diesem Treffen der Hauptmann De Cristoforis und der Sergeant Guerzoni aus, der dann Unterleutnant wurde.

An dem nämlichen Tage, als dieser Angriff erfolgte, etwas früher, war ich zum König in sein Hauptquartier in San Salvatore berufen worden. Er empfing mich gnädig, erteilte mir Instruktionen und ausgedehnte Vollmachten, um, sobald Gefahr von einem plötzlichen Angriff des Feindes drohen würde, herbeizueilen und die Hauptstadt zu decken. Wäre aber diese Gefahr beseitigt, so sollte ich mich in die rechte Flanke des österreichischen Heeres begeben und dieses belästigen. Ich kehrte also in der Richtung auf Turin bis Chivasso zurück. Dort fand ich den Befehl vor, mich mit meiner Brigade dem General Sonnaz Maurizio de Sonnaz, Brigadegeneral. zur Verfügung zu stellen. Ich hatte bei diesem Anlaß Gelegenheit, die Tapferkeit und Kaltblütigkeit jenes wackeren, alten Generals bei einer Rekognoszierung zu bewundern, die uns bis in die Nachbarschaft von Vercelli führte. Der Feind fiel in starker Anzahl aus dieser Stadt und unternahm Streifereien, raubte, was ihm vor die Augen kam, und versetzte die Bevölkerung der Umgegend in Schrecken und Verzweiflung.

In den schriftlichen Instruktionen, die mir vom Könige erteilt worden waren, befand sich auch die Weisung, alle an den Sammelstellen noch zurückgebliebenen Freiwilligen sowie das Regiment der Apenninenjäger, das aus jungen Leuten gebildet worden war, die aus verschiedenen Teilen des Landes herbeigeeilt waren, um unter meinen Fahnen zu dienen, an mich zu ziehen. Wegen der Herbeischaffung dieser Apenninenjäger schrieb ich nun an Cavour, aber meinen erwähnten Instruktionen zum Trotz brauchte man bald diesen, bald jenen Vorwand, um sie mir nicht zugehen zu lassen, so daß ich die Überzeugung gewann, man wolle die Zahl meiner Leute nicht vergrößern. Eine mir schon bekannte Praxis, die 1848 in Mailand von Sobrero begonnen, dann in Rom von Campello fortgesetzt wurde, als er verfügte, das von mir befehligte Korps dürfe die Zahl von 500 Leuten nicht überschreiten; und nun setzte auch Cavour sie fort, indem er die Zahl der Meinigen auf 3000 beschränkte. – Meine 3 Regimenter bestanden aus 6 Bataillonen, jedes zu 600 Mann, was einen Gesamtbestand von 3600 ergeben hätte; aber durch Abgaben an die Depots und infolge des Umstandes, daß meine jungen Streiter noch nicht an Märsche gewöhnt waren, war, noch ehe wir den Ticino überschritten, unsere Zahl auf 3000 gesunken.

Der König, der allerdings den Fehler hatte, dies zu sein, was ihn in mancherlei Schuld verwickelte, aber sicherlich nicht schlechter war als die, die ihn 1859 umgaben, schickte eine zweite Marschorder, wonach wir am Lago Maggiore in der rechten Flanke des österreichischen Heeres operieren sollten. Das behagte vielleicht der Kamarilla nicht, aber mir desto mehr, da ich mich fortan bei meinen Bewegungen ungehindert fand, was mir unendlich viel wert war. Ich verabschiedete mich also von meinem hochgemuten alten General, dem ich mich bereits aufrichtig zugetan fühlte, und marschierte auf Chivasso und von dort nach Biella. Nördlich von Turin beim Eintritt in das Gebirge, südwestlich vom Lago Maggiore. Die glänzende, wohlwollende Aufnahme, die die Biellesen meinen Leuten zuteil werden ließen, war ein gutes Vorzeichen; wir blieben in dieser werten Stadt 1 oder 2 Tage und setzten dann unseren Marsch nach Gattinara Östlich, in der Richtung nach dem See. fort. Als die Feinde von Novara aus wahrnahmen, daß ich mich in diese Gegend wandte, schickten sie etwa 20 Leute aus, um das Tau an der Fähre über die Sesia Gattinara liegt am rechten (westlichen) Ufer der dem Po von Norden her zuströmenden Sesia. zu zerschneiden; aber ein dort befindlicher Posten der Unsrigen verhinderte sie durch Flintenschüsse daran.

Hier ist der Ort, auf eine für uns Italiener recht beschämende Begebenheit hinzuweisen, die die Bevölkerung nicht hätte zulassen sollen, weil sie der Gegend, wo sie sich abgespielt hat, wenig Ehre macht. Allerdings hatte die von den Österreichern in Italien eingerichtete Schreckensherrschaft die Bewohner in hohem Grade eingeschüchtert, und Cavours Maßnahme, die Entwaffnung der Nationalgarden an den Grenzen anzubefehlen, war in keiner Weise zu rechtfertigen. Es war daher nicht zu verwundern, wenn man unsere Landsleute Taten der Schwäche und ihre Herren von jenseits der Berge Handlungen des Übermutes begehen sah, da sie so lange Zeit sich hatten Herren unserer Angelegenheiten, unseres Besitzes und unsrer selbst dünken können. Indem die Furcht, die sie zu verbreiten verstanden hatten, ihnen voranging, erpreßten die Zwingherren Italiens von den Einwohnern alles, was sie wollten, und das folgende Vorkommnis, das für uns so beschämend ist, beweist dies zur Genüge, befremdet aber um so mehr, als es sich bei der kräftigen Bevölkerung an den Abhängen der Alpen abgespielt hat, die reich ist an herrlichen kriegerischen Traditionen und seit langer Zeit ein ausgezeichnetes Heer besaß. – Jene 20 Österreicher, die ausgesandt waren, das Tau an der Fähre der Sesia zu kappen, kehrten, da ihnen das nicht gelang, nach Novara, von wo sie gekommen waren, zurück, requirierten aber, um nicht den Lohn ihrer Mühen gänzlich zu verlieren, eine Menge Lebensmittel und Wagen, um diese zu transportieren. Dann machten sie sich, vollständig betrunken, mit den Wagen auf und legten einen Weg von mindestens 15 Miglien in Feindesland zurück, wo die Wohnstätten enggedrängt und zahlreich sind und die Bevölkerung kräftig und so trefflich beschaffen ist, wie nur in den begünstigsten Ländern der Welt, ohne daß auch nur ein einziger Italiener sich das Herz faßte, einen Stein gegen die betrunkene Mannschaft aufzuheben. Das hätte in unserem Lande nicht geschehen dürfen, weil es allzu demütigend ist: und doch geschah es, weil der Priester die Bauern gelehrt hat, daß nicht die Österreicher die Feinde Italiens sind, sondern wir exkommunizierte Liberale. Und die Regierung »von Gottes Gnaden« beschützt die Priester. Zehn junge Leute aus der Gegend, die sich entschlossen hätten, jene Übermütigen mit Stöcken anzugreifen, hätten sie entwaffnen und niedermachen können. Soviel vermag Unterdrückung und Betrug, die, jener Bevölkerung eingepflanzt, die kräftigen, kriegerischen Leute entnervt haben. Das schließt allerdings nicht aus, daß die nämliche Bevölkerung hernach Soldaten liefert, die, gut geführt, es den ersten der Welt gleichtun.

Wir gingen über die Sesia und marschierten auf Borgomanero. Etwa halbwegs zwischen Gattinara und dem See. Als ich hier angelangt war, traf ich meine Maßnahmen, um den Ticino Der Ticino durchströmt bekanntlich den Lago Maggiore. Südlich davon bildet der Ticino die Grenze zwischen der Lombardei und Piemont. zu überschreiten. Schon in Biella hatte ich mit dem hochgemuten Hauptmann Francesco Simonetta mich über die Art, über den Fluß zu gelangen, besprochen und ihn mit einigen seiner Berittenen vorausgesandt, um die dafür erforderlichen Anordnungen zu treffen. Jener hochgemute, intelligente Offizier besaß in Varallo An der oberen Sesia. ein Gut Pombia, war also der Gegend am Ticino genau kundig und bei den Bewohnern sehr beliebt. So bereitete er mit einer wahrhaft bewunderungswürdigen Umsicht alles für den Übergang vor. Ich besprach mich noch mit einigen wenigen meiner besten Offiziere über meinen Vorsatz, so zwar, daß ich sie nicht im Zweifel ließ, daß ich entschlossen sei, das Unternehmen ohne Zaudern anzugreifen. Meine Furcht war, offen gesagt, zurückgerufen zu werden oder irgendwelchen Gegenbefehl zu erhalten. – Von Borgomanero aus ordnete ich an, daß Lebensmittel und Quartiere in Arona Am westlichen Ufer des Südendes des Sees. beschafft würden, da ich überzeugt war, es würde in jener Gegend nicht an österreichischen Spionen fehlen, die den Feind benachrichtigen würden.

Ich kam mit meiner Brigade bei Einbruch der Nacht in Arona an und betrat den Ort mit einigen Berittenen, indem ich die Miene annahm, dort Quartier nehmen zu wollen; was Quartiermacher, Kommissare und Furiere, die sich bei mir befanden, nur noch wahrscheinlicher machten. Im Geheimen aber befahl ich, es sollten an den verschiedenen Zugängen zu dem Ort alle Vorkehrungen getroffen werden, daß die Truppe nicht eintrete, die ich vielmehr nach Castelletto Am rechten Ticino-Ufer, südlich vom See. marschieren ließ. Als wir hier angekommen waren und unterhalb des Ortes die Boote vorgefunden hatten, ließ ich das zweite Regiment unter Medici hinübergehen, die übrigen blieben auf dem rechten Flußufer. Der Übergang vollzog sich in guter Ordnung, nur ließen sich die Boote, weil sie etwas schwer und sehr beladen waren, nicht leicht steuern, so daß nicht alle an dem gleichen Punkte ans Land stießen, vielmehr einige von dem Strome etwas abwärts getrieben wurden. Das verursachte eine geringe Verzögerung beim Zusammenziehen des Regiments auf dem lombardischen Ufer. Endlich aber trat man den Marsch auf Sesto Galende an; Sesto Calende liegt am linken (östlichen) Ufer des Ticino, da wo dieser den See verläßt. es wurden einige Vorposten und Gendarmen gefangen genommen und sofort eine Fähre eingerichtet, mittels deren der Rest der Brigade den Fluß überschritt. Das geschah, wenn ich mich nicht irre, am 17. Mai 1859. Wir waren also auf lombardischem Boden: im Anblick der gewaltigen Herrscherin, die seit 10 Jahren ihr siegreiches Heer, das sie für unüberwindlich hielt, vorbereitete, um zum Abschluß zu bringen, was ihr bei Novara noch entgangen war, und sich vielleicht in dem lieblichen Traume wiegte, die Krallen des Adlers über die ganze Halbinsel zu erstrecken! – Wir waren unser 3000, mit nur wenig Gepäck, da wir die Tornister der Mannschaften in Biella zurückgelassen hatten. Die Wagen hatten Befehl erhalten, auf piemontesischem Grund und Boden zu bleiben, außer einigen wenigen, auf denen Schießbedarf mitgeführt wurde. Einige Maultiere für letztere und für die Ambulanzen waren von dem trefflichen, unermüdlichen Oberarzt Bertani beschafft worden. – Von Sesto Calendo marschierte ich mit der Brigade nach Varese. Nordöstlich von Sesto Calende, westlich von Como. In der Nacht ging Bixio mit seinem Bataillon am Ufer des Lago Maggiore entlang nach Laveno mit dem Befehl, auf der Straße, die von dort nach Varese führt, Halt zu machen. – De Christoforis blieb mit seiner Kompagnie in Sesto, um uns die Verbindung mit Piemont offen zu halten. Dieser wackere Offizier war auch dieses Mal, wie vorher in Casale, der erste, der mit dem Feinde in Berührung kam. Die Österreicher nämlich sandten auf die Nachricht, daß wir in Sesto Calende seien, eine starke Abteilung zum Rekognoszieren aus und fanden dort De Christoforis mit seiner einzigen Kompagnie vor. Allein dieser Brave zählte die Feinde nicht; er nahm entschlossen den Kampf auf und zog sich nach ehrenvollem Widerstande auf das Detachement Bixio zurück. So war es vereinbart worden, weil ich sehr wohl erkannte, daß ich mit einer so geringen Macht die sehr wichtige Stellung von Sesto Calende nicht würde halten können. Aber mit der ihnen eigentümlichen Vorsicht besetzten auch die Österreicher den Ort nicht, sondern gingen auf Mailand zurück.

Mittlerweile rührte sich die Bevölkerung der Lombardei. Allerdings ließ sich von diesem wackeren Volke eine jener entscheidenden, ausschlaggebenden Erhebungen nicht erwarten. Zu zahlreich waren die Enttäuschungen, zu zahlreich die Leiden gewesen; die kräftigste junge Mannschaft aber befand sich teils bei dem österreichischen, teils bei unserem Heere, teils in der Verbannung. Dessen ungeachtet war ich mit der guten Aufnahme, die wir fanden, mit dem Eifer, mit dem man für unsere Bedürfnisse sorgte, uns Nachrichten von den Bewegungen der Feinde zu geben suchte und uns, wo es nötig war, Führer stellte, sowie vor allem mit der Pflege, die unsere Verwundeten bei den teuren lombardischen Frauen fanden, sehr zufrieden. Die Aufnahme, die uns in der Nacht nach dem Übergang über den Ticino in Varese zuteil wurde, ist schwer zu beschreiben. Obwohl ein heftiger Regenguß niederging, bin ich sicher, daß nicht ein einziger Einwohner, Mann, Frau oder Kind, bei unserem Empfang zu Hause blieb; es war ein ergreifendes Schauspiel, Bürger und Soldaten einander jubelnd umarmen zu sehen. Selbst die Frauen und Jungfrauen ließen ihre natürliche Zurückhaltung fahren und hingen in überschäumender Begeisterung am Halse der rauhen Krieger. Allerdings waren keineswegs alle meine Genossen ungebildet; viele gehörten zu den ersten Familien der Lombardei oder anderer italienischer Landschaften: aber alle fühlten sich als Italiener und der hehren Aufgabe der Befreiung des Vaterlandes geweiht. – Diese Zeichen der Zuneigung von Seiten der teuren Einwohner von Varese, die ersten, die uns in diesem Feldzuge zuteil wurden, waren um so erfreulicher, als man sicher sein konnte, daß erkaufte Personen nicht darunter waren, offizielle oder polizeiliche Kundgebungen dabei nicht in Frage kamen. Und was bedeuten Mühen, Entbehrungen und Gefahren, wenn sie so von der anhänglichen Dankbarkeit der Bevölkerung, die man befreit, wettgemacht werden! Mögen die kalten Egoisten und unersättlichen Verschacherer der Völker für einen Augenblick dieses Schauspiel betrachten, und wenn es sie nicht rührt, so mögen sie auf hören, der menschlichen Familie, deren sie unwürdig sind, anzugehören.

Varese hatte noch vor unserer Ankunft die österreichischen Abzeichen heruntergerissen und durch das nationale Banner ersetzt, auch einige Gendarmen und kaiserliche Vorposten entwaffnet. Wir befanden uns in einer befreundeten, der nationalen Sache begeistert hingegebenen Stadt, die wir, nachdem sie Österreichs Zorn auf sich geladen, zu schützen verpflichtet waren. Doch hätte man mit 3000 Mann angesichts des unermeßlichen österreichischen Heeres die Stadt nicht lange halten können. Außerdem hätten wir, wenn wir uns auf die Verteidigung einer Stadt eingelassen, unsere unbeschränkte, der Beobachtung entzogene Beweglichkeit eingebüßt, die für die Erfüllung der uns an der Flanke des Feindes zugewiesenen Aufgabe das wertvollste war. – Varese besitzt beherrschende Punkte, wie z. B. Biumo, und hätte mittels Befestigungen, die aber nicht vorhanden waren, gegen überlegene Streitkräfte verteidigt werden können. Man baute an den Hauptzugängen zur Stadt Barrikaden und begann einige Bürger mit den Waffen auszurüsten, die sie selbst den Feinden abgenommen hatten.

Der österreichische General, der die Aufgabe hatte, uns zu vernichten, war Urban. Die ersten Nachrichten, die ich von diesem furchtbaren Gegner erhielt, kamen mir aus der Gegend von Brescia zu und besagten nichts weniger, als daß er 40 000 Mann unter seinem Befehl habe. Feinde befanden sich ferner in Laveno, und ein Korps nahte von Mailand her, man konnte wahrlich das Gruseln bekommen. – Die Verpflichtung, Varese zu verteidigen, um die Stadt nicht der Bestrafung durch Urban, der unerbittlich sein sollte, auszusetzen, brachte mich in eine nicht geringe Verlegenheit. Im Besitz der Fähigkeit, mich frei nach allen Richtungen hin außerhalb der Stadt bewegen zu können, hätte ich die zahlreichen Feinde wenig gefürchtet; aber die Nötigung, diese an einem bestimmten Punkte, in einer Stadt, die nicht befestigt war, und ohne eine Kanone, also wenig oder gar nicht auf ernsthafte Verteidigung eingerichtet, erwarten zu müssen, war eine wenig vertrauenswürdige Sache. Allein es gab keinen Ausweg; aus vielen Rücksichten durfte Varese nicht verlassen werden, wir mußten, koste es was es wolle, uns entschließen, den Feind dort zu erwarten. Und da wir einmal unseren Entschluß gefaßt hatten, verschwand jede Zaghaftigkeit. Oberst Medici besetzte mit dem zweiten Regiment die Mündung der Straße von Como an unserer linken Flanke, Oberst Arduino das Zentrum mit dem dritten, und Oberst Cosenz mit dem ersten Regiment die rechte Flanke, nämlich die von Mailand kommende Straße. Ich befand mich mit den Reserven auf den Höhen von Biumo.

Wir hörten nur, daß Urban in Como angekommen sei, und erfuhren die Bewegungen von anderen Truppen aus der Gegend von Mailand her, die zweifellos zum Zusammenwirken mit den Operationen jenes bestimmt waren.

Medici, der mit einer über jede Probe erhabenen Tapferkeit eine große Umsicht im Kriegswesen verband, hatte seinen Flügel durch so viele Schanzen gedeckt, als sich in jenen wenigen Tagen hatten aufwerfen lassen, und sie kamen ihm sehr zugute, da jene Stellung gerade den Punkt abgab, gegen den sich Urban nunmehr mit seiner ganzen Macht zu wenden anschickte.

In der Frühe des 25. Mai, da eben der Tag anbrach, wurden wir der feindlichen Heeressäule gewahr, die von der Corner Straße her gegen Varese anrückte. Kapitän Nicolò Suzini, der mit seiner Kompagnie etwa eine Miglie von der Stadt in einer die Straße beherrschenden Farm in den Hinterhalt gelegt worden war, bestand den Feind zuerst und mit großer Tapferkeit. Nachdem er ihn eine Zeitlang aus geringer Entfernung beschossen hatte, zog er sich auf unseren rechten Flügel zurück.

Nach Überwindung dieses ersten Hindernisses formierte Urban seine Angriffskolonne auf der Landstraße und wandte sie, unter Voraussendung einer Reihe Tiralleure, gegen unsere Linke. Diese aber empfing ihn von ihren befestigten Stellungen aus mit der Kaltblütigkeit von ergrauten Kriegern. Ich unterstützte den angegriffenen Flügel mit 2 Kompagnien des Bataillons Marrocchetti vom ersten Regiment. – Der Kampf dauerte kurze Zeit. Nachdem sie den Feinden eins auf den Pelz gebrannt hatten, brachen die hochgemuten Jäger des zweiten Regiments aus ihren befestigten Stellungen hervor und warfen mit den Bajonetten die österreichischen Soldaten zurück, die den Weg, den sie gekommen waren, nunmehr schneller in umgekehrter Richtung zurücklegten.

Ich hatte erwartet, daß der Feind sich nicht auf einen Frontangriff auf unsere Linke beschränken würde; nach allen Regeln hätte man, um eine Stellung wie die von Varese anzugreifen, auf der Hauptstraße zur Linken nur einen Scheinangriff unternehmen dürfen, die Hauptmacht aber von rückwärts her oder nördlich von Biumo, von wo das Terrain sich erhebt, heranführen müssen. Allein Urban ergriff den Stier bei den Hörnern, was uns sehr zugute kam, denn bei unserer geringen Anzahl war es für uns wesentlich, daß wir nicht durch einen kombinierten feindlichen Angriff an verschiedenen Punkten, und außerdem noch von Mailand her, wo beträchtliche feindliche Massen vorhanden waren, zu Teilungen genötigt wurden.

Von der Höhe von Biumo aus, wo ich mein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, da die Lage dort eine beherrschende und für den Überblick über ein Schlachtfeld sehr geeignet ist, nahm ich jede Bewegung des Feindes und der Unsrigen wahr; die Gegend hinter mir aber, nämlich nordwärts, die ich nicht überblicken konnte, ließ ich von dem Hauptmann Simonetta mit seinen Führern auskundschaften, auf die ich mich völlig verlassen konnte. – Nachdem ich die Gewißheit erlangt hatte, daß es sich um nichts anderes handelte als um einen Frontangriff auf unsere Linke, stieg ich von Biumo herab und ließ die Verfolgung des Feindes aufnehmen, indem ich dem Rest der Brigade befahl, in guter Ordnung nachzurücken. Die Feinde, mit 2 Geschützen, deren sie sich bei dem Angriff auf Varese bedient hatten, und einer Reiterabteilung, die die Geschütze geleitete, machten zwar an jedem geeigneten Punkte Halt, setzten aber, sobald die Unsrigen sich zeigten, den Rückzug fort, so wenig wir auch, ohne Geschütze und Reiterei, einen Feind, der über alle 3 Waffengattungen verfügte, zu verfolgen imstande waren. – Einzig in der Stellung von San Salvatore hinter Malnate Malnate liegt etwas südöstlich von Varese auf der Straße nach Como. hielten die Österreicher Stand. Hier kam es zu einem erbitterten Kampf mit der Schußwaffe, in dem sich die hochgemuten genuesischen Carabinieri auszeichneten; die Feinde standen auf der einen Seite einer tiefen Senkung, die die Straße durchsetzte, wir auf der anderen. Wir hatten in diesem Kampfe mehr Verwundete als in dem ersten Treffen, da der Feind sich in beherrschender Stellung befand und durch dichtes Gebüsch gedeckt war. Durch diesen Vorteil, den sie ihren Kanonen und ihren den unsrigen überlegenen Gewehren verdankten, übermütig gemacht, ließen die Feinde nunmehr auf unserem linken Flügel eine Abteilung Infanterie vorgehen, die diesen nachhaltig beschoß und eine Strecke zurückzuweichen zwang. Aber nachdem die Unseren eine Farm eingenommen hatten, die diesen Teil des Schlachtfeldes beherrschte, und sich auch von Reserven, die ihnen zu Hilfe eilten, unterstützt sahen, beschossen sie ihrerseits den Feind mit so großem Nachdruck, daß er sich in die Tiefe der Senkung flüchtete, aus der wir ihn nicht wieder auftauchen sahen.

Die von den Österreichern auf der anderen Seite der Senkung eingenommene Stellung war furchtbar und beherrschte die Straße. Sie in der Front anzugreifen, wäre tollkühn gewesen, und ich überlegte mir, wie man sie umgehen möchte – was nicht unmöglich war, da wir ungestört im Begriff jener Farm geblieben waren; diese nämlich, die unsere Linke sicherte und uns fast völlig deckte, gestattete uns, den oberen Teil der Senkung zu überschreiten und dem Feinde in seine rechte Flanke zu kommen, ohne daß er uns daran hindern konnte. Ich war entschlossen, mich dieses Auswegs zu bedienen, als mir wie der Blitz die Meldung zukam, eine starke feindliche Kolonne marschiere auf unserer Linken gegen Varese. Ich fühlte mich wahrhaft beschämt und sagte zu mir: sollte es möglich sein, daß die Flucht Urbans nur eine Kriegslist gewesen sei? Ich war überaus verstimmt und schickte sofort dem Oberst Cosenz, der die Reserve bildete, den Befehl, auf Varese zu marschieren, es militärisch zu besetzen und bis zum Äußersten zu halten. Ich selbst unternahm mit der Brigade einen Flankenmarsch über die Höhen zur Linken, um den Feind zu täuschen, der nicht wissen konnte, ob nicht die Absicht war, ihn auf diese Weise zu umgehen. Als ich aber im Schutz des Berges angekommen war, schwenkte ich und schlug einen Pfad nach links ein, der nach Malnate führte. Hier vereinigte sich unsere Mannschaft, um dann ohne Zeitverlust nach Varese zu marschieren. Die Nachricht von jener feindlichen Kolonne, die auf Varese marschieren sollte, bestätigte sich aber nicht, was mich nicht wenig überraschte: war doch die Abteilung nicht nur von Bauern und gemeinen Soldaten, sondern auch von höheren Offizieren gesehen worden. Schließlich kamen wir also nach Varese und es war nicht mehr davon die Rede: unter den Jubelrufen jener braven Bevölkerung verschwand die Vorstellung der Gefahr, sie erschien wie eine schwarze Wolke, die durch die Begeisterung der Bürger verscheucht worden war! – Ich aber denke mir, daß eine solche Kolonne in Wirklichkeit existiert hat, und erkläre mir den Hergang in folgender Weise: Als Urban mit der Hauptmasse seiner Truppen unseren linken Flügel in Varese angriff, muß er jene Abteilung, die gesehen worden war und von der man mir in San Salvatore Meldung machte, ausgesandt haben, um uns in kombiniertem Angriff mit der Hauptmacht zu umgehen. Dieser Kombination aber erging es dann wie so vielen bei Tage entworfenen Plänen bei Nacht, oder solchen, die ohne Kenntnis des Terrains aufgestellt sind: sie kam nämlich nur sehr unvollkommen zur Ausführung. Ein kombinierter nächtlicher Angriff mit verschiedenen Abteilungen braucht, um zu gelingen, viele günstige Begleitumstände und eine genaue Kenntnis des Terrains nebst guten Führern, insbesondere auch eine vollkommene Übersicht des Führers der Abteilungen, auch eine Mannschaft, die schon einigermaßen geübt ist, endlich aber eine Bodenbeschaffenheit, die weniger Hemmnisse darbietet als das Terrain zwischen Varese und Como oder zwischen Varese und den Alpen; denn wenn man dort sich nur ein wenig von den Hauptstraßen entfernt, so gerät man auf höchst schwierige Wege. Das also ist, glaube ich, die Erklärung für das Erscheinen jener seltsamen Kolonne, die nichts anderes war als eine verirrte Abteilung, die bestimmt gewesen war, uns in der linken Flanke zu umgehen und die, als sie in ihr unbekannte Hohlwege geraten war, versucht hatte, indem sie hierhin und dorthin sich wandte, herauszukommen, endlich aber ermattet in irgendein entlegenes Tal abgebogen war, um sich zu erholen. Diesen Schluß zog ich aus den verschiedenen Rapporten, die mir über jene feindliche Macht zugegangen waren, und, wären unsere Leute nicht müde gewesen, so hätte ich sicherlich die Verfolgung der Verirrten aufnehmen lassen und sie mit großer Wahrscheinlichkeit gefangen genommen. – Solche Sachen ereignen sich in unserem Vaterlande, wo die Priester die Bauern lehren, ihr Vaterland sei der Himmel, nicht aber Italien, das sie sie hassen lehren, während sie ihnen beibringen, die Liberalen als Ketzer zu verfluchen und die »Chauvins" oder Österreicher als Befreier zu segnen! Und ich sage mit verbittertem Gemüt: Auch heute noch könnte sich Gleiches ereignen, weil der Priester auch heute noch seine Pflicht verabsäumt und heute wie immer den Fremden lieben und Italien hassen lehrt. Hätte jene österreichische Abteilung sich in einem Lande befunden, wo man den Bauern sein Vaterland lieben lehrt, das ihn reich macht, so wäre sie sicherlich vernichtet und entwaffnet worden.

Wir nahmen sämtliche Verwundete, die unsrigen und die österreichischen, auf und schafften sie nach Varese. Die Gefangenen, die billigerweise mit ihrem Blute dasjenige unserer teuren, von den Österreichern ermordeten Genossen Ciceruacchio, Ugo Bassi und so vieler anderen hätten büßen sollen, wurden statt dessen vielleicht noch sorgfältiger verpflegt als unsere eigenen Leute. Das schadet nichts: Italien tut gut daran, gegen seine Henker menschlich zu sein. Die Verzeihung ist das Vorrecht der Großen, und unser herrliches Vaterland wird groß sein, wenn es von der schwarzen skrophulösen Bande der Jesuiten und der Jesuitenfreunde befreit sein wird. – Wir führten also die ganze Brigade nach Varese zurück, um die Mannschaft, die dringend der Erholung bedurfte, sich ausruhen zu lassen. Dies war für unsere Alpenjäger das erste Treffen gewesen und sie hatten dabei eine Tapferkeit entfaltet, die jegliche Erwartung übertraf. Junge und überwiegend noch im Kriege unerprobte Soldaten hatten mit regulären Truppen gefochten, die gewohnt waren, die Italiener zu verachten, und hatte sie bei diesem Zusammenstoß in die Flucht getrieben. Ich durfte nach diesem ersten Siege für die Zukunft das Beste hoffen. – Unsere Verluste waren verhältnismäßig unbedeutend gewesen, was die Zahl angeht, aber sehr bedeutsam und empfindlich, wenn man die Qualität derer, die wir verloren, ins Auge faßt; denn der größte Teil der Leute, die unter mir dienten, waren nicht nur Jünglinge aus gebildeten, vornehmen Familien – was noch nicht so viel sagen will, da Gebildete und Vornehme ebenso wie Proletarier verpflichtet sind, dem Vaterlande ihren Tribut zu entrichten – sondern es fanden sich in unseren Reihen als gemeine Soldaten auch die ausgezeichnetsten, berühmtesten Künstler. Schöne und teure Jugend, Hoffnung Italiens, die du bei deiner bevorstehenden ruhmvollen Wiedererhebung die Männer abgeben solltest, die die Taten von Calatafimi, Monterotondo und Dijon D. i. die späteren Kämpfe unter Garibaldi. vollführten!

Bei den Verwundeten vernahm man keine Klage, und wenn unter dem Messer des Operateurs ein Ruf laut wurde, so war es der: »Hoch lebe Italien!" Wenn ein Volk bis zu diesem Punkte gelangt, so mögen die Priestermützen, die übermütigen Fremden und die Gewaltherren im Innern ihr Bündel schnüren.

Unter den Toten befand sich auch ein Sohn – und zwar der erste, den sie hergab – der Frau, im Hinblick auf die der Nachwelt diese Zeit des Elends glorreicher als die Tage von Sparta und Rom erscheinen wird: ein Sohn der unvergleichlichen Mutter der Cairoli, Über Adelaide Cairoli und ihre heldenmütigen Söhne vgl. in dem schon angeführten Werke der Gräfin Martinengo »Italienische Patrioten« den Abschnitt »Die Cairoli« (deutsche Bearbeitung. S. 302ff.). der Matrone von Pavia. Ernesto, der jüngste der drei, die sie in den Krieg gesandt, fiel kämpfend, von österreichischem Blei in die Brust getroffen, auf den Leichnam eines feindlichen Tambours, den er mit dem Bajonett getötet hatte. Ich empfand in meinem Innern den ganzen Schmerz jener so braven, für ihre Kinder und für jeden, der das Glück hatte, ihr nahe zu stehen, so liebevollen Mutter. Mein Blick begegnete sich an dem nämlichen Tage mit dem Blick des älteren Bruders, Benedetto, eines tapferen und bescheidenen Offiziers, der mir lieb war wie jene ganze teure Familie: seine Augen bohrten sich in die meinigen, aber keiner vermochte ein Wort zu sprechen. Doch las ich in seinem traurigen Blick die Worte: »Meine Mutter!" und auch ich dachte trauernd an die ganze Größe der Schmerzen, die jener Edlen bevorstanden. Und wie viele andere noch, deren Mütter ich nicht kannte, lagen auf jenem Leidensfeld tot oder verstümmelt und sterbend mit dem brennenden Verlangen, noch einmal die trostlose Mutter zu sehen. Arme Jünglinge – oder vielmehr glückliche Jünglinge, deren Blut Italien aus langer Knechtschaft für alle Zeiten befreit hat! ...

Ich bin zweifelhaft, ob das Gefecht von Varese am 25. oder 26. Mai stattfand, sicher aber scheint mir, daß wir am 27. den Marsch nach Como antraten. – Ich wußte, wie wichtig es ist, einen Feind, der durch eine erste Schlappe erschüttert worden ist, anzugreifen, so stark er auch sein mag, und wollte somit die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. Wir traten also am Morgen des 27. Mai auf der Straße von Cavallasca den Marsch nach Como an und erreichten ersteren Ort am Nachmittag. Meine Leute waren wacker marschiert und infolgedessen müde. Aber die Stunde war günstig: beim Herannahen der Nacht kann man auch eine überlegene Streitmacht mit geringer Gefahr angreifen, namentlich in gebirgiger Gegend wie derjenigen, die unseren Unternehmungen als Schauplatz dienen sollte, wo die Reiterei und Artillerie des Feindes wenig zur Geltung kommen konnte. So ließ ich denn meine Leute sich ausruhen und begann alle möglichen Erkundigungen über die vom Feinde eingenommenen Stellungen, seine Stärke usw. einzuziehen. Und nachdem ich so in Erfahrung gebracht hatte, daß er die starke Stellung von San Salvador, die ich sogleich als den Schlüssel zu allen anderen erkannte, mit bedeutenden Streitkräften besetzt hielt, gab ich einigen Kompagnien unter der Führung des wackeren Hauptmanns Cenni den Befehl, jene Stellung rechts zu umgehen. Das zweite Regiment aber sollte in der Front angreifen, sobald die für den Flankenmarsch bestimmten Kompagnien Zeit gehabt hätten, in die Flanke des Feindes zu gelangen. Als die dafür bestimmte Zeit verstrichen war, ließ Oberst Medici mit gewohnter Tapferkeit die feindliche Stellung in der Front angreifen, während Cenni mit seinen Kompagnien seitwärts angriff. – Aber der Feind hielt unseren Angriff unerschüttert aus und schlug sich mit Ausdauer und Tapferkeit. Seine Stellung war von Natur stark, beherrschend und sehr gedeckt, so daß der Kampf mit großer Erbitterung etwa eine Stunde dauerte. Endlich aber begannen die Österreicher, von allen Seiten umfaßt, zu weichen, zu fliehen und zum Teil sich gefangen zu geben.

Dieser erste bedeutsame Erfolg machte uns zu Herren aller beherrschenden Punkte, was von um so größerer Wichtigkeit war, als die Österreicher nunmehr mit ihrem Gros von Camerlata Wenig südlich von Como. und von Como her ihren auf die Höhen detachierten Vortruppen zu Hilfe kamen. Allein Medici zur Rechten und Cosenz zur Linken warfen, unterstützt von einigen Kompagnien des dritten Regiments unter den hochgemuten Majoren Bixio und Quintini, den Feind auf allen Punkten zurück. – Viel trug zu dem glücklichen Erfolg dieses Schlachttages das Feuer der braven genuesischen Carabinieri mit ihren trefflichen Flinten, die sie mit großer Sicherheit handhabten, bei. Die Feinde waren zahlreich und unsere tapferen Jäger hatten einzig die Überlegenheit des Terrains für sich, das sie durch ihren ersten Ansturm gewonnen hatten. Die Österreicher wurden also zurückgeworfen, fanden jedoch in einem bergigen Terrain, wie dasjenige war, auf dem der Kampf stattfand, stets neue Stellungen, die sie zu halten und von denen aus sie zuweilen unsere Soldaten, wenn sie ihnen zu nahe kamen, zurückzudrängen vermochten. Die nämliche Beschaffenheit der Gegend hinderte uns, auf der anderen Seite einen größeren Teil des Schauplatzes der Schlacht zu übersehen, und oft verriet uns nur der Schall der Flintenschüsse, wo sich ein Einzelgefecht entsponnen hatte. Von der Höhe aus erblickten wir die starken Reserven des Feindes, die auf der Ebene unten in Reihe und Glied aufgestellt waren, sowie seine Artillerie, 12 Kanonen, die ihm nichts nützten.

Nach den geschilderten Kämpfen ließ ich mir, als die Nacht hereinbrach, angelegen sein, unsere infolge der Unebenheiten des Terrains und der Mannigfaltigkeit der Gefechte, die hier und dort sich entsponnen hatten, weit zerstreuten Truppen wieder zusammenzuziehen. Als dann die Brigade beisammen war, traten wir sofort den Marsch nach Como auf der im Zickzack abwärts führenden Hauptstraße an, und der Feind wich, während wir vorgingen, zurück. In der Vorstadt San Vito machten wir Halt, um Erkundigungen einzuziehen, aber es war schwer, Einwohner aufzutreiben, da diese sich aus Furcht vor Mißhandlungen versteckt hatten. Endlich beschlossen wir, in die Stadt einzurücken. – Die Einwohnerschaft hielt sich anfangs, da sie wegen der schon hereingebrochenen nächtlichen Dunkelheit nicht wußte, wer da eindringe, eingeschüchtert in den Häusern hinter geschlossenen Türen und Fenstern, und nicht eine einzige Person war sichtbar. Als sie jedoch an unserer Sprache erkannte, daß wir Italiener, daß wir Brüder seien, da spielten sich Auftritte ab, die sich nicht beschreiben lassen und die verdient hätten, von der Sonne beschienen zu werden. Es war wie das Aufgehen einer Pulvermine: mit blitzartiger Geschwindigkeit war die Stadt erleuchtet, die Fenster besetzt, die Straßen von der Menge angefüllt. Alle Glocken läuteten Sturm und das trug, glaube ich, nicht wenig dazu bei, die fliehenden Feinde zu schrecken. – Wer kann die ergreifenden Auftritte beschreiben, die sich in jener Nacht in Como abspielten, und wer kann sich ohne Rührung ihrer erinnern? Die Bevölkerung war vor Freude außer Rand und Band. Männer, Frauen, Kinder hatten sich meiner Krieger bemächtigt, Umarmungen, Tränenergüsse, Evvivarufe, Torheiten aller Art spielten sich da ab. Die wenigen Berittenen, die mit mir an der Spitze der Truppen einherzogen, mußten alle Kräfte anwenden, um nicht von den Pferden gestürzt und an den Beinen heruntergezogen zu werden, besonders von den jungen Mädchen, deren Schönheit ihnen die Befugnis zu geben schien, die Bürgerbefreier unter ihren besonderen Schutz zu nehmen.

Von den Feinden wußte man nichts Sicheres. Der eine sagte, sie lägen hier, der andere, sie lägen dort; einige behaupteten auch, sie seien im Anmarsch gegen Camerlata. Tatsache ist, daß, während wir in das eine Tor einrückten, sie durch das gegenüberliegende abzogen und, da sie sich auch bei Camerlata nicht sicher fühlten, ihren Marsch in Auflösung gegen Mailand fortsetzten, wobei sie in den Depots von Camerlata viele Lebensmittel und Waffen zurückließen.

Die armen, tapferen Alpenjäger biwakierten in den Straßen und auf den Plätzen Comos und hatten vollauf Anlaß, müde zu sein. Den Morgen waren sie von Varese aufgebrochen, waren den ganzen Tag marschiert, hatten dann gekämpft und waren endlich wiederum die halbe Nacht hindurch marschiert. Und das war eine bewunderungswürdige Sache für junge Leute, die für die Mühen des Fußmarsches nicht erzogen waren. Nur die hehre Liebe zum Vaterland hielt jene prächtige Jugend Italiens aufrecht. Ich selbst freilich ertrug die Strapazen als altgedienter Krieger. Ich ließ noch an der Mündung der Straße nach Camerlata einige Barrikaden errichten und nahm, nachdem ich noch bewegten Herzens meine auf den Straßen und Plätzen gelagerten müden Gefährten betrachtet hatte, endlich für eine kurze Weile die mir gebotene Unterkunft, ich glaube im Hause Rovelli, an.

Der Feind hatte einen starken Schlag erlitten. In Anbetracht der Beschaffenheit des Terrains, der an verschiedenen Stellen stattgehabten Kämpfe sowie der hereingebrochenen Dunkelheit war zu erwarten, daß er zahlreiche Versprengte haben und daher demoralisiert sein würde. So war es in der Tat, gleichwohl hatte ich, da ich wußte, daß der Feind etwa 9000 Mann zählte, 12 Geschütze und ansehnliche Reiterei besaß, während wir weniger als 3000 Mann stark waren, nur wenige Berittene und kein einziges Geschütz besaßen, und da ich die Lage Comos erwog, das in der Tiefe liegt und auf allen Seiten von gewaltigen Erhebungen umgeben ist, vollauf Recht, mir schwere Gedanken über das zu machen, was am nächsten Tage geschehen könnte, wenn wir es mit einem unternehmungslustigen Feinde zu tun hätten. Diese Erwägungen beeinträchtigten meine sehr kurze Ruhe, und der Tagesanbruch fand mich schon zu Pferde in der Richtung auf Camerlata, um Erkundigungen vom Feinde einzuziehen. Er hatte auch diesen wichtigen Punkt geräumt; das war das Ergebnis der von mir gesammelten Nachrichten, und ich war recht froh darüber, denn meine wackeren Krieger waren in dem Grade ermattet, daß man ihnen für diesen Tag einen Kampf nicht hätte wünschen mögen. Wir ergriffen also Besitz von Camerlata und besetzten es militärisch; die Jäger konnten den ganzen Tag zu ihrer sehr großen Zufriedenheit Rast machen. Der Sieg war freilich mit einigen sehr empfindlichen Verlusten erkauft worden. Der Verwundeten und Toten auf unserer Seite waren nicht viele, aber sie galten viel. Der hochgemute Hauptmann De Cristoforis hatte die Unerschrockenheit und das großherzige Ungestüm mit dem Leben bezahlt, mit denen er seine Kompagnie zum Frontangriff auf die feindliche Stellung von San Fermo herangeführt hatte, und dies war ein überaus empfindlicher Verlust für uns. Jung, schön, bescheiden wie ein Mädchen, besaß er alle Gaben, die die Helden und großen Anführer ausmachen. De Cristoforis stammte aus dem Lande der Anzani, der Daverio und der Manara; D. i. die Lombardei. wie sie unter dem Joch geboren, hatte er wie sie empfunden, daß ein Volk, das Männer von solchem Schlage hervorgebracht, niemandes Sklave sein soll. Wie bei jenen, hatten auch bei ihm Tapferkeit und persönlicher Mut wenig zu sagen im Vergleich zu den erlesenen Gaben des Geistes, die ihn schmückten. Das Vaterland der Scipionen und der Gracchen, die Nation, die in ihrer Geschichte die Vesper und Legnano D. i. die Befreiung Siziliens von den Franzosen durch die sogenannte Sizilianische Vesper (1281) und der Sieg der lombardischen Städte gegen Kaiser Friedrich I. Barbarossa bei Legnano zwischen Como und Mailand (1176). verzeichnet, kann für einen Augenblick abirren und darniederliegen, für einen Augenblick von der Übermacht des Fremden unterjocht oder von dem verderblichen Gift der Betrüger entnervt werden, aber es wird ihr nie an Söhnen fehlen, die durch ihre Taten die Welt in Staunen setzen. – Und Pedotti? Er hatte nicht die mächtige Körpergestalt des De Cristoforis, da er klein war, aber er besaß die gleiche Tapferkeit, und auch er bezahlte nun dem Vaterlande seinen Tribut und lag entseelt zwischen den Wackeren, die den Frontangriff unternommen hatten. Auch Pedotti hatte der erlesenen Schar lombardischer Jünglinge aus den ersten Familien des Landes angehört, die gleich anfangs, als die Freiwilligen organisiert wurden, herbeigeeilt waren, um in deren Reihen einzutreten. Er hatte sein eigenes Geld für den Ankauf von Waffen hergegeben und ließ nun sein Leben für das Vaterland. – Cartellieri, hochgemut unter den ersten jener nämlichen Schar, hatte sich ebenfalls seit 1848 stets da eingestellt, wo man für Italien stritt. – Mutvolle Jünglinge! Eure Gebeine werden für immer als Piedestal für die Aufrichtung des Vaterlandes dienen, das ihr liebtet und verehrtet, und die Frauen der künftigen Generationen Italiens werden ihre Kinder eure Ruhmestaten lehren und sie gewöhnen, eure Namen zu segnen!

Ich erinnere mich nicht mehr der Namen vieler anderen meiner Waffenbrüder, die in jener wahrhaft großartigen Aktion gefallen sind, wo wenige und unerfahrene Jünglinge mit dem unwiderstehlichen Antrieb ihrer Vaterlandsliebe die viel zahlreicheren Schlachtreihen des grimmen Urban erschütterten, der bis Monza floh, ohne sich nur umzuwenden, um zu schauen, wer ihn besiegt hatte! –

Der Besitz von Como verbesserte unsere Lage in sehr bedeutsamer Weise, versah uns mit Mitteln jeder Art, hob unser Ansehen und führte uns Verstärkungen an Mannschaft und Waffen zu. Die Dampfschiffe standen, dank der guten Gesinnung ihrer Verwaltung und ihrer Kapitäne, zu unserer Verfügung, und somit waren wir Herren des Verbano. Lacus Verbanus ist der antike Name für den Lago Maggiore. Mir scheint aber, daß Garibaldi vielmehr den Comer See im Auge hat, auf den die nachfolgende Erwähnung des Valtellin und Lecco hinweist. Alle am See liegenden Ortschaften, das Valtellin, Lecco und andere sprachen sich für uns aus, und überall verlangte man Waffen, um sich an dem vaterländischen Unternehmen zu beteiligen. Es herrschte aber bei uns Mangel an Waffen und besonders an Munition, die in den voraufgegangenen Kämpfen verbraucht worden war, und wir waren nicht nur von unserer Operationsbasis, Piemont, weit entfernt, sondern die Verbindungen dorthin waren so gut wie gänzlich unterbrochen. Zwar stellte der Patriotismus einiger Bürger verschiedene Male die Verbindung mit Piemont soweit her, um Nachrichten zu vermitteln – aber Waffen und Munition von dort zu beziehen, erwies sich als schwierig, ja unmöglich. Das brachte mich auf den Gedanken, mich wieder dem Lago Maggiore zu nähern und gleichzeitig einen Handstreich auf Laveno Laveno ist der Punkt am Ostufer des Lago Maggiore, wo die Straße von Como über Varese diesen erreicht. zu versuchen. So erschienen denn die Alpenjäger wiederum auf der Straße von Como nach Varese. Den Major Bixio, einen ausgezeichneten und energischen Offizier aus der Zahl derer, denen, wie auch Cosenz und Medici, in der Gewißheit, daß sie ihre Pflicht tun werden, die Leitung jeder militärischen Unternehmung anvertraut werden kann, ersah ich dazu, vorzugehen und Laveno zu beobachten. Doch fiel dann ihm die Aufgabe nicht zu, den geplanten Angriff auszuführen; denn als ich mich jenem Punkte näherte, kam mir die Eingebung, daß die Unternehmung vom See aus unterstützt werden könne, und zur Ausführung eines solchen Angriffes vom Wasser her war Bixio der geeignetste, weil er nicht nur ein braver Soldat, sondern auch ein erfahrener Seekapitän war.

In Varese wurde ein kurzer Halt gemacht, dann marschierten wir nach Gavirate, Halbwegs zwischen Varese und Laveno. worauf die Brigade aufgelöst von Gavirate nach Laveno vorging. Ich hätte mit der ganzen Brigade spät in der Nacht einen Angriff auf Laveno versuchen können, allein ich hatte die Nachricht erhalten, daß Urban, sehr verstärkt, uns auf den Fersen sei, und war deshalb entschlossen, bei der Nähe eines so furchtbaren Feindes nicht meine ganze Macht einzusetzen. So begnügte ich mich, einen kleineren Handstreich ins Werk zu setzen, womit ich 2 Kompagnien des ersten Regiments unter dem Befehl der Hauptleute Bronzetti und Landi beauftragte: Major Marrocchetti mit dem Rest des Bataillons sollte ihnen als Rückhalt dienen und weiterhin auch Oberst Cosenz mit dem Rest des Regiments. Inzwischen hatte mir der hochgemute Hauptmann Griziotti kleine Berghaubitzen und 2 kleine Kanonen mit einiger Munition zugeführt.

Der Anschlag auf Laveno schlug fehl. Kapitän Landi, der zuerst angriff, drang gegen 1 Uhr morgens mit etwa 20 Mann in die Zitadelle ein, aber da der Rest der Kompagnie ihm nicht folgte, so war er gezwungen, sie wieder zu räumen, um so mehr, da er selbst schwer verwundet worden war. Kapitän Bronzetti aber wurde durch seine Führer in die Irre geführt und kam nicht zeitig genug an, um an dem Angriff teilzunehmen, so daß die Unsrigen zurückgeworfen wurden und sich gezwungen sahen, ungedeckte Stellungen einzunehmen; infolgedessen war es den Feinden ein leichtes, aus dem sicheren Schutz ihrer Verschanzungen heraus einige der Unsrigen zu verwunden. Wenn dagegen mit dem Hauptmann Landi der Rest der Kompagnie eingedrungen und die zweite Kompagnie, Bronzetti, nachgefolgt wäre, so wäre die von etwa 80 Feinden besetzte Zitadelle ohne Zweifel in unseren Händen geblieben. Im Besitz dieser festen Position aber, die alle übrigen beherrschte, und mit den Dampfern, die zu meiner Verfügung standen, hätte ich Laveno ohne Schwierigkeit einnehmen und mir dadurch die Verbindung mit Piemont offenhalten können. – Außer dem Angriff auf die Zitadelle schlug auch der Angriff vom See her mit Hilfe der Dampfer fehl, da es Major Bixio nicht gelungen war, die Zollboote des piemontesischen Ufers dazu zu vermögen, sich ihm anzuschließen. Man mußte daher an den Rückzug denken, als beim Morgengrauen der Feind wahrnahm, daß unser Angriff mißglückt war, und nunmehr ein entsetzliches Feuer gegen die zurückgehenden Kompagnien und deren Reserven eröffnete. Die Forts und die Dampfer feuerten wie die Verzweifelten, als hätten sie sich für den Schrecken, der ihnen in der Nacht durch uns eingejagt worden war, rächen wollen. Sie ließen auch Raketen, ein Lieblingsspielzeug der Österreicher, in unglaublich großer Anzahl aufsteigen – ein wahres Spielzeug, dieweil ich nie gesehen habe, daß Mensch oder Tier durch dieses Schreckmittel verwundet worden wäre. Da aber Österreich mit Hilfe des Schreckens in Italien herrschen wollte, hat es sich mit großer Vorliebe der erwähnten Raketen bedient, die erschreckten, ohne zu verletzen, sowie der Brände, die erschreckten und verletzten. Mögen unsere Mitbürger das im Gedächtnis bewahren. Ich hoffe, daß die Volksteile, die zu ihrem Unglück das österreichische Joch noch auf dem Nacken haben, es bald abschütteln und fernerhin nicht mehr jene Raketen und Brände erblicken werden. Wenn aber unglücklicherweise die Sache mißlingen sollte, so laßt uns der Raketen, der Brände und der Mordtaten eingedenk bleiben!

Südlich von Laveno liegt ein von Wäldern gekrönter Hügel, von dem aus die Stellungen von Laveno und der Hafen vollständig beherrscht werden. Ich hatte dorthin unsere kleine Artillerie gesandt; sie diente dazu, die Dampfer einigermaßen fernzuhalten, so daß sich der Rückzug in leidlich guter Ordnung vollzog. – Hauptmann Landi hatte sich bei dieser Affäre glänzend bewährt, da er die Spitze seiner Kompagnie bis in die Festung geführt hatte; vielleicht war nur die nächtliche Dunkelheit daran schuld, daß die übrigen vom Wege abgekommen waren; er selbst hatte schwere Verwundungen erhalten. Wenn Bronzetti, der ebenfalls ein sehr wackerer Offizier war, vom Glück begünstigt worden wäre, so wäre der Angriff zweifellos gelungen. Auch die Leutnants Spegazzini und Sparvieri wurden tapfer kämpfend verwundet.

Am Abend des nämlichen Tages erhielt ich die Nachricht, daß Urban in Varese eingedrungen sei. Das verdroß mich gewaltig; ich war damit von Como abgeschnitten und hatte keine Zeit zu verlieren. Ich stürzte mich mit der Brigade in das Tal von Cuvia, kreuzte das Tal von Gana, stieg angesichts Vareses von den Bergen und gelangte mit der Vorhut bis unterhalb des hochgelegenen Biumo. Die Nacht brach herein, so daß man den Feind mit geringer Gefahr angreifen konnte und, wenn man Unglück hatte, der Rückzug in die starke Stellung des Tals Gana sicher war. – Von den Höhen aus, die Varese im Norden überragen, hatte ich alle vom Feinde eingenommenen Stellungen genau beobachtet und nach dem, was ich wahrnahm, erschien er mir zahlreich, obgleich nicht in dem Grade, wie die Einwohner behaupteten, immerhin mochte er 12-15 000 Mann zählen. Ich sah auch die Artillerie und bemerkte nicht minder, daß die beherrschenden Punkte, wie zu erwarten stand, besetzt waren. – Mein Wunsch, Urban anzugreifen und Varese zu befreien, war groß; denn ich wußte, daß der österreichische General den Wunsch hatte, sich an den armen Einwohnern für seine Niederlagen zu rächen, und ich wußte nicht minder, daß er die Macht besaß, das auch auszuführen. Alles wohl erwogen, unterließ ich jedoch den Angriff und beschloß, die Brigade nach Como zurückzuführen.

In Malnate befand sich ebenfalls eine österreichische Abteilung, und ich konnte deshalb die Hauptstraße, die von Varese nach Como führt, nicht benutzen. Ich war also genötigt, Bergpfade einzuschlagen, die wir auch, dank den guten Führern, die mir der Vorsteher von Arcisate gab, trotz eines wolkenbruchähnlichen Regens, der, ohne eine Minute auszusetzen, den ganzen Marsch über andauerte, zurücklegen konnten. Hier konnten meine jungen Gefährten eine neue Probe von Standhaftigkeit und Mut ablegen. Wir zogen in geringer Entfernung von Malnate vorüber, aber während eines derartigen Unwetters, daß keine Gefahr bestand, österreichischen Kundschaftern zu begegnen. Die Marschlinie war sehr in die Länge gezogen, und einmal versuchte ich, die Spitze Halt machen zu lassen; doch erwies sich das als unmöglich; nur in der Bewegung konnte man dem Unwetter und der Kälte, die die armen Soldaten belästigten, Widerpart halten. Es war das ein langer, mühseliger Marsch; mehrere Flüßchen und Bäche, die angeschwollen waren, machten uns, hauptsächlich der Nachhut und den Wagen, beim Überschreiten viele Mühe. Endlich erreichten wir Como, und als dessen brave Bewohner die Alpenjäger mit der gewohnten Herzlichkeit aufnahmen, waren die voraufgegangenen Gefahren und Mühseligkeiten schnell vergessen. Unsere Rückkehr nach Como aber erfolgte sehr zur Zeit, weil das Land bereits wegen unserer Abwesenheit sich zu beunruhigen begann. Die Österreicher und deren Freunde, die lügnerischen Priester, hatten bereits allerhand Unwahrheiten erfunden, indem sie namentlich ein großes Talent bekundeten, an jedem Punkte und in jeder Richtung feindliche Scharen und Abteilungen erscheinen zu lassen. – Die Obrigkeiten hatten sich auf den See zurückgezogen und einige Kompagnien, die ich vor dem Abmarsch nach Laveno dort gelassen hatte, waren ebenfalls zurückgegangen. Auch die Verwundeten wurden – was sehr unzweckmäßig war – nach Menaggio Am Westufer des Comer Sees. gebracht. Alles dies hatte die Bevölkerung erschreckt, und wäre in der kurzen Zeit unserer Abwesenheit eine feindliche Schar, so klein sie auch sein mochte, bei Como erschienen, so wäre alles wieder zu den Österreichern übergegangen. Wer mich von allen diesen Dingen unterrichtet hatte, war ein schönes und mutiges Mädchen gewesen, die auf der Straße zwischen Rubarolo und Varese in einem Wagen bei mir erschienen war, einer Vision gleich, während ich mit der Brigade auf die letztgenannte Stadt zumarschierte, um Urban anzugreifen. Jenes schöne Mädchen hatte sich von Como aufgemacht, um mich über den bedauerlichen Zustand der Stadt aufzuklären und meine Rückkehr dorthin zu heischen.

In Como traf ich Sorge, alle beherrschenden und wichtigen Punkte der Umgebung einigermaßen in Verteidigungszustand zu setzen, und die Bürgerschaft unterzog sich freudig dieser Arbeit. Aber die Schlacht von Magenta, die in diesen Tagen stattfand, Magenta zwischen Novara und Mailand. Hier griff Napoleon am 4. Juni die Österreicher an und besiegte sie nach heftigem Widerstande. Damit war den verbündeten Franzosen und Piemontesen der Weg nach Mailand eröffnet, wo sie am 8. Juni einzogen. veränderte die Sachlage. Dieser Sieg hob, wie zu erwarten war, mit einem Schlage die allgemeine Stimmung und verbesserte unsere Lage, während die unseres Gegners Urban in Varese sehr kritisch wurde, so daß es nicht schwer gewesen wäre, ihn zur Niederlegung der Waffen zu zwingen, wenn wir nur einige tausend Mann mehr gehabt hätten. Da ich aber erwog, daß meine Brigade nur noch etwa 2000 Kombattanten zählte, so konnte ich mich nicht der Gefahr aussetzen, vernichtet zu werden, wenn ich es wagte, auf der Straße Aufstellung zu nehmen, die der so überlegene Feind ziehen mußte. Nichtsdestoweniger hatte ich eines Morgens den Entschluß gefaßt, mich auf die Straßen zu werfen, die Urban marschieren mußte, um nach Monza zurückzugelangen; aber ich wurde dann durch verschiedene Erwägungen davon abgebracht – hauptsächlich durch die Erwägung, daß Urban, wenn er erfuhr, daß wir auf der Straße von Monza ständen, die Straße von Como, die für uns wichtiger und in jeder Hinsicht sicherer war, besetzen würde.

Auf dem Comer See aber waren wir mittels der Dampfschiffe die Herren, und es gab bald keinen einzigen Ort am See mehr, der nicht das verabscheute österreichische Wappen herunterriß und die Trikolore aufzog. Die wichtige Stadt Lecco öffnete uns ferner die große Straße des Valtellin und des östlichen, auf Bergamo und Brescia zuführenden Tals, mit dem unser hochgemuter Gabriele Camozzi bereits in Beziehung getreten war. Gabriele Camozzi ist eine jener schönen Gestalten, an denen Italien im Zeitalter seiner Wiedererstehung so reich war – Gestalten, denen zu begegnen immer ein Glück ist und die gerade in geweihter Stunde uns in bedeutsamer Weise entgegentreten. Ich hatte ihn zuerst in Bergamo gesehen und der sympathische, zugleich bescheidene und entschlossene Ausdruck seiner Züge hatte meine Liebe gewonnen. Die Sympathie aber, die ich empfand, wurde von seiner Seite erwidert, denn in der Stunde der Not fand ich 10 000 Lire Camozzi's, die meiner Bedürftigkeit aufhelfen sollten. – Um die Zeit der Schlacht von Novara finden wir Camozzi, wie er um Bergamo 3–400 Gefährten zusammenzieht, darunter viele seiner Bauern, um Brescia zu Hilfe zu kommen, der heroischen Stadt, deren Bürger bis aufs Messer mit den zahlreichen und kriegsgewohnten österreichischen Soldaten kämpften und mehrere Tage lang sich hielten als ein leuchtendes Beispiel, das, wenn es von allen italienischen Städten befolgt worden wäre, den hochmütigen Nachbarn gezeigt hätte, daß Italien nicht mehr die Erholungsstätte für sie ist und daß es keine Macht auf Erden gibt, die fähig wäre, eine Nation zu unterdrücken, die solche Söhne hat. Brescia hatte in dem Unglücksjahre 1849 als letzte aller lombardischen Städte den Widerstand gegen die Österreicher fortgesetzt, die die Stadt erst nach einem zweitägigen blutigen Straßenkampf (31. März und 1. April) einnahmen und dann grausam mißhandelten. Ja, Camozzi allein zog mit seinen Leuten den tapferen Brescianern zu Hilfe, und herrlich war diese Tat begeisterten Heldenmutes, die kämpfenden, gefährdeten Brüder zu verstärken und zu verteidigen oder ihr unseliges Los zu teilen. Ich weilte in der Ferne, als ich diese Taten Camozzi's erfuhr, die mich zur Bewunderung und Verehrung für ihn hinrissen. – Heute (1872) braucht Italien fremde Einfälle nicht mehr zu besorgen. Wer könnte auch wohl eine Nation unterdrücken, die mehr als 2 Millionen Bürger zu bewaffnen vermag! Nichtsdestoweniger erfreut es, des Beispiels zu gedenken, das die hochgemuten Brescianer gegeben haben. – Gabriele Camozzi stand, wie ich schon erwähnte, mit Bergamo und den umliegenden Ortschaften in Verbindung; ich brauche daher nicht zu sagen, wie wertvoll mir die Mitwirkung des erlesenen Gefährten war.

Schon oben habe ich der Gründe gedacht, die mich davon zurückhielten, mich auf Urban's Rückzugslinie zu werfen. Da ich also diesen Plan aufgegeben hatte, aber doch nicht müßig bleiben wollte, so beschloß ich, Lecco, Bergamo und Brescia zu Zielpunkten meiner Operationen zu nehmen, was der Art unserer Kriegführung und der geringfügigen Stärke, zu der die Brigade herabgesunken war, besser zu entsprechen schien. Wir fuhren auf diese Weise fort, Städte und andere wichtige Plätze zum Abfall zu bringen, indem wir dabei aber stets unsere Aktionsfreiheit bewahrten. Nachdem ich mich zu dieser Art des Vorgehens entschlossen hatte, begann ich einen Teil der Brigade für das Unternehmen auf Lecco Lecco liegt bekanntlich am Südende des östlichen Armes des Comer Sees, entsprechend der Lage Comos am westlichen Arme. auf Dampfern einzuschiffen. In diesem Augenblick erhielt ich eine Botschaft von General Fanti, Einer der höheren Offiziere der regulären piemontesischen Armee. der bei mir anfragte, ob es mir möglich scheine, in Verbindung mit den von ihm befehligten Truppen gegen Urban zu operieren. Ich weiß nicht, von wem diese Botschaft überbracht wurde, aber da ich weder den Boten zu Gesicht bekam noch um eine Antwort ersucht wurde, so setzte ich meine Bewegung gegen Bergamo fort und überließ den Verbündeten die Sorge, Urban zu verfolgen, der damals auf Monza und die Adda zurückging. Von Lecco aus setzten wir den Marsch gegen Bergamo fort, wo sich noch die Österreicher befanden. Unterwegs wurde ein feindlicher Offizier zum Gefangenen gemacht, der die Umgegend heimsuchte, um eine Beisteuer von 12 000 Zwanzigern Zwanziger = ehemalige österreichische Silbermünze im Werte von 20 Kreuzern oder ⅓ Gulden, etwa 0,70 Mk. im Werte. zu erheben, indem er drohte, im Weigerungsfalle den betreffenden Ort zu zerstören: übliche Höflichkeiten jener liebenswürdigen Herren, die nur allzusehr gewohnt waren, ihre Drohungen in die Tat umzusetzen. Dieses Mal wurden sie freilich mit der Münze bezahlt, mit der Camillus in Rom die Gallier bezahlte, nämlich mit dem Schwerte!

Als wir morgens in der Frühe uns Bergamo näherten, erfuhren wir von den Einwohnern, daß die Feinde im Begriff waren, die Stadt zu räumen, und so sehr wir dann auch unseren Marsch beschleunigten, so vermochten wir sie nicht mehr einzuholen. Wir besetzten also Bergamo, wo wir Kanonen und große Mengen Munition fanden, obschon der Feind bemüht gewesen war, alles zu zerstören.

In Bergamo ereignete sich ein merkwürdiger Fall. Bei Beginn unserer Besetzung kam uns von dem Bahnhof die Nachricht zu, eine Abteilung von 1000 Mann verlasse Mailand, um der Besatzung der Stadt zu Hilfe zu kommen. Ich zog meine Brigade am Bahnhof zusammen, indem ich sie in Gräben und Häusern und anderen für die Besetzung geeigneten Punkten verbarg. Tatsache war dann, daß ein Zug mit jener österreichischen Abteilung herankam; aber ein Hausierer österreichischer Nationalität, der sich in Seriate, etwa 2 Miglien von Bergamo befand, benachrichtigte den Feind von unserer Anwesenheit in Bergamo, und die Österreicher wagten nun nicht weiter vorzugehen, sondern machten in Seriate Halt, unschlüssig, was sie tun sollten. Hauptmann Bronzetti aber, der mit seiner Kompagnie zu Rekognoszierungszwecken nach jener Richtung ausgesandt worden war, begann, obwohl der Feind zehnmal stärker war, ihn dennoch entschlossen anzugreifen und trieb ihn in die Flucht. Als ich mit einigen Truppen erschien, um Bronzetti zu unterstützen, war der Feind schon verschwunden. Das möge unseren Mitbürgern zum Beweise dienen, daß derartige Herren wahrlich nicht verdienten, uns zu Sklaven zu haben; zugleich möge man daraus ersehen, bis zu welchem Grade von Demoralisation die Mörder von Ugo Bassi und Ciceruacchio gekommen waren. – Wir hatten in jenem wahrhaft seltsamen Treffen einige Verwundete, darunter den tapferen Leutnant Gualdo, der eine böse Wunde an einem Bein davontrug, das ihm abgenommen werden mußte.

Wir machten in Bergamo nur kurzen Aufenthalt; denn da wir erfuhren, daß der Feind den Dörfern der Ebene Schatzungen auferlegte, so marschierten wir mit der Brigade dorthin und bewahrten die armen Landbewohner vor Plünderung. Dann wandten wir uns gegen Palazzolo, Im Südosten von Bergamo, auf der Straße nach Brescia. wohin ich Cosenz mit seinem Regiment vorausgesandt hatte. Nachdem wir Palazzolo erreicht und dort erfahren hatten, daß der Feind auf der Straße von Brescia stehe, beschloß ich, den Marsch nach jener herrlichen Stadt zu beschleunigen, die geräumt worden war, aber das Wiedererscheinen der nahen Feinde fürchtete; es waren Boten gekommen, die mich von allem in Kenntnis setzten und mich im Namen der Brescianer herbeiriefen. – Meine armen Jäger waren infolge der Gewaltmärsche sehr ermüdet in Palazzolo angekommen; aber ich verließ mich auf die Begeisterung der hochgemuten Jugend, die mich begleitete, und ich täuschte mich nicht. Ich ließ sie von den Abteilungskommandanten sondieren, um zu sehen, ob sie sich fähig fühlten, in der nämlichen Nacht noch den Marsch nach Brescia fortzusetzen, und nur eine Stimme wurde unter diesen tapferen Kämpen Italiens laut: »Nach Brescia, nach Brescia!« So brachen wir denn um 11 Uhr nachts dorthin auf, froh und unbekümmert wie immer, ohne einen Gedanken an Beschwerden und Ermüdung. Alpenjäger, teure Jünglinge, tapfere Gefährten! In dem Augenblick, da ich von Euren Taten erzähle (das einzige Unterpfand meiner Liebe zu Euch, das ich Euch zurzeit darbringen kann), werdet Ihr von dem kleinlichen Neide derer verfolgt, die nichts oder wenig für Italien taten, während Ihr alles leistetet, was nur ein wahrer Patriot für sein Land tun kann. In diesem Augenblick sind Eure hochgemuten Offiziere durch die Thersiten der italienischen Iliade ersetzt, die schwelgen und prassen, und der größte Teil der Unsrigen, die Besten, sind verworfen worden, als wären es Feinde, und irren Almosen heischend durch die nämlichen Landschaften, wo sie mit Euch die Räuber unserer Länder zu Boden warfen. Wohlauf, ihr Alpenjäger, meine armen, hochherzigen Waffenbrüder: unser Land wird Euch seinen Beifall für die vielen Mühen, die Ihr ruhmvoll ertragen, nicht versagen können und es hofft, daß in der Stunde der Gefahr Ihr, obschon zurückgewiesen, mißhandelt von den Übelwollenden, dennoch mit der nämlichen unwiderstehlichen Begeisterung und der nämlichen Freudigkeit Euch wieder einstellen werdet, um seine Feinde zu bekämpfen. Diejenigen, die sich so beflissen zeigen, Euch herabzusetzen und den Ruhmesglanz, der sie blendet und der Euch in Varese, in Como, in Senate umstrahlte, verdunkeln möchten, können Euch gleichwohl nicht das Gefühl der Bewunderung für Eure Taten versagen, sowie für die Standhaftigkeit, mit der Ihr die Beschwerden und Mühen der Gewaltmärsche von Varese nach Como, von Palazzolo nach Brescia ertrüget!

Auf der Mitte zwischen Palazzolo und Brescia, an einem Orte, dessen Name mir entfallen ist, befand sich der Feind. Wir durften ihn nicht angreifen, sondern mußten ihn umgehen, weil die Unternehmung sonst verzögert worden wäre, außerdem aber die Wahrscheinlichkeit gering war, daß wir beim Angriff auf den überlegenen Feind Erfolg haben würden. Wir bogen daher links ab und schlugen eine leidlich gute Straße ein, die nicht zu weit umführte. Die Brescianer, die benachrichtigt waren, sandten uns eine Anzahl Wagen für die Müden entgegen, und so gelangten wir am folgenden Morgen nach Brescia, wo die ganze Bevölkerung sich versammelt hatte, um uns zu empfangen, wie es ähnlich auch in Bergamo geschehen war; nur war hier die Begeisterung noch größer, so daß man sie brescianisch, das heißt einzig, hätte benennen mögen!

Palermo, Genua, Mailand, Brescia, Messina, Bologna, Casale: wenn die italienischen Städte sämtlich entschlossen sein werden, dem Feinde unseres Landes so zu begegnen wie Ihr, dann wird unser Boden nicht mehr Herren und Sklaven, sondern nur noch ein freies, von allen geachtetes Volk tragen.

In der Zitadelle von Brescia fanden sich, wie in der von Bergamo, viele Geschütze und reichliche Munition vor. Wir blieben in der erstgenannten Stadt mehrere Tage, um die Leute sich ausruhen zu lassen; dann ging es gegen Rezzate und nach dem Chiese, Der Chiese entspringt zwischen Iseo- und Gardasee und strömt südwärts dem Oglio zu. Rezzate liegt wenig östlich von Brescia, zwischen dieser Stadt und dem Chiese, das gleich erwähnte Castenedolo etwas südlich davon, also ebenfalls noch am westlichen Ufer des Flusses; Ponte San Marco scheint der Punkt zu sein, wo die von Brescia kommende Straße den Chiese überbrückt. den, wie angenommen wurde, der Feind auf seinem Rückzüge passieren mußte. Jedoch befand er sich noch mit ansehnlicher Macht in Castenedolo, wie wir aus dem Erscheinen zahlreicher feindlicher Patrouillen in der Nähe der Hauptstraße von Brescia nach Ponte San Marco, auf der wir einherzogen, abnahmen.

Als ich mich in Rezzate befand, erhielt ich vom königlichen Hauptquartier den Befehl, Lonato Jenseits des Chiese in der Richtung auf den Gardasee. einzunehmen, nebst der Anzeige, man würde zur Mitwirkung hierbei 2 Regimenter Reiterei und 1 Batterie unter den Befehlen des Generals Sambuy entsenden. – Da der Feind mit starker Macht in Castenedolo stand, so konnte ich unmöglich den Chiese bei Ponte San Marco überschreiten und zog daher Erkundigungen ein, ob ich weiter oberhalb über den Fluß gehen könne. Auf Grund der mir zugegangenen Nachrichten beschloß ich dann, die von den Österreichern vor wenigen Tagen zerstörte Brücke von Bettoletto wiederherstellen zu lassen. – Der Befehl des Königs, den ich anfangs mit Freude entgegengenommen hatte, setzte mich dann doch in Verlegenheit wegen der Reiterregimenter und der Artillerie, die zu uns stoßen und mit uns operieren sollten. Wenn ich mit der ganzen Brigade zum Chiese marschierte, so ließ ich die Hauptstraße ungedeckt, auf der die Artillerie und Kavallerie ohne Unterstützung durch uns sicherlich gefährdet gewesen wäre. Ich entschloß mich also, das erste und das zweite Regiment in kleine Abteilungen aufgelöst auf der Hauptstraße zu belassen, mit der Front nach dem in Castenedolo befindlichen Feinde, um ihn zu beobachten, selbst aber mit einem Teil des dritten Regiments, den Genueser Schützenkompagnien, den 4 Geschützen und den Führern am Chiese Stellung zu nehmen und die Brücke bei Bettoletto aufbauen zu lassen. Die Brücke war fast vollendet, als mich die Nachricht ereilte, der Feind habe die beiden auf der Hauptstraße zurückgelassenen Regimenter angegriffen. Ich ließ die Brückenarbeiten im Stich und stürmte im Galopp auf das Schlachtfeld.

Das erste Regiment unter den hochgemuten Obersten Cosenz und Türr hatte, da es vom Feinde angegriffen wurde, ihn mit vieler Tapferkeit auf sein Gros in Castenedolo zurückgeworfen, war dann aber genötigt worden, vor der Überzahl zurückzuweichen, und so traf ich das Regiment, als ich auf dem Schlachtfeld ankam, nicht in bester Ordnung an. Oberst Türr, der sich auf dem linken Flügel befand, von wo ich ankam, war verwundet und aus dem Getümmel fortgebracht worden. Ich und meine wackeren Adjutanten Cenni, Trecchi, Meryweather ordneten, so gut es ging, unsere tapferen Jäger wieder. Diese faßten abermals Fuß, wurden dann aber doch aufs neue gezwungen, vor der gewaltigen Überlegenheit der feindlichen Streitkräfte zurückzuweichen, die sie nicht nur von vorneher bedrängten, sondern auch versuchten, uns zu umgehen und einzuschließen. Übrigens vollzog sich unser Rückzug in guter Ordnung unter der Deckung durch das zweite Regiment, das Major Carrano, der Chef meines Stabes, herangeholt hatte. – Unter den in diesem Treffen gefallenen hochgemuten Offizieren hatten wir den Verlust des Majors Bronzetti zu beklagen, der sich in allen unseren Kämpfen den Ehrennamen des Bravsten der Braven verdient hatte. Er wurde, von 3 Kugeln durchbohrt, vom Schlachtfelde getragen und starb wenige Tage darauf. – Gradenigo ferner, ein Sproß des berühmten venetianischen Patriziergeschlechts und ein tapferer Offizier von bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit, war an der Spitze seiner Mannschaft beim Angriff auf den Feind gefallen. Aporti, mein alter Gefährte von Rom und der Lombardei her, so wacker vor dem Feind wie liebenswürdig im gewöhnlichen Leben, war inmitten der Feinde zu Boden gesunken und mußte auf dem Rückzuge, da ihm ein Bein zerschmettert war und er sich nicht bewegen konnte, zurückgelassen werden; bald darauf wurde ihm das Bein amputiert. – Ich weiß nicht, ob ich später noch die Namen vieler anderer meiner als Märtyrer für Italien gefallenen Waffenbrüder, deren ich mich jetzt nicht entsinne, werde mitteilen können, die an jenem für die Alpenjäger so denkwürdigen Tage auf dem Schlachtfeld ruhmvoll stritten und fielen.

Dieses Treffen, das nach Treponti benannt wird, war für die Unsrigen vom ersten Regiment, die die Ehre des Tages hatten, das hartnäckigste und verlustvollste. Auch das zweite Regiment bewährte den Ruhm, den es in den früheren Kämpfen erworben, und die von dem wackeren Major Croce befehligten Kompagnien des dritten Regiments zeigten, daß sie wert waren, an der Seite ihrer tapferen Kameraden zu streiten. Leutnant Specchi wurde an einem Arm verwundet, während er, tapfer wie immer, den Rückzug leitete. Eine Abteilung der genuesischen Schützenkompagnie, die ich vom Chiese herbeiführte, kam noch zur Zeit, um den Unseren einen Rückhalt zu bieten und die Bravheit dieser erlesenen Truppe in ein helles Licht zu setzen. Stallo, Burlando, Canzio Canzio heiratete später Garibaldi's Tochter Teresita., Mosto, Rosaguti, Ligari zeichneten sich wie immer aus.

Endlich stellten die Österreicher ihren Vormarsch ein, und diejenigen Abteilungen der Alpenjäger, die an dem Kampfe teilgenommen hatten, zogen sich auf der Hauptstraße bei Treponti zusammen und lasen, wennschon ermattet durch den Marsch und die Schlacht, die Verwundeten auf.

Dieses Treffen fand deshalb unter so ungünstigen Umständen statt, weil wir die Ehre gehabt hatten, den unmittelbaren Befehlen des großen Hauptquartiers unterstellt zu werden, das uns gezwungen hatte, die Brigade zu teilen und 2 Drittel von ihr zum Schutz der Reiterei und Artillerie, die herankommen sollten, aber uns niemals vor Augen gekommen sind, zurückzulassen. Dieses erste Mal, das ich während des Feldzugs mich in Zusammenhang mit dem königlichen Hauptquartier befand, hatte ich wahrlich keinen Grund, darüber erfreut zu sein. Wußte man oder wußte man nicht, daß das Hauptquartier des Kaisers von Österreich sich in Lonato befand, das den Mittelpunkt eines Heeres von 200 000 Mann bildete? Wenn man es aber wußte, weshalb sandte man mich mit 1800 Mann gegen Lonato? Die Annahme aber, man hätte das nicht gewußt, wäre für den Generalstab des Königs von Sardinien wenig schmeichelhaft gewesen, der, wenn er im übrigen Fehler begehen mochte, jedenfalls an Kundschaftern es nicht fehlen ließ. Und warum versprach man mir 2 Regimenter Reiterei und 1 Batterie Artillerie zu senden, um derenwillen meine Brigade in Gefahr geriet, gänzlich aufgerieben zu werden, wenn man sie nicht nur nicht sandte, sondern auch niemals wieder irgend etwas über jene Truppen zu meiner Kenntnis gelangen ließ? War es also eine Falle, die man mir stellte, um eine Handvoll Tapfere zu verderben, die gewissen gewaltigen Meistern des Krieges auf die Nerven fielen? Ich gewann schließlich die Überzeugung, das königliche Hauptquartier habe sich einen Scherz mit uns gemacht, freilich einen recht tragisch auslaufenden Scherz, aus dem ich mir die Lehre zog, daß nicht im Ernste daran zu denken sei, Lonato nehmen zu wollen, und daß es sich empfehle, daß ich unserer Obliegenheiten warte, ohne die höheren Orakel zu erwarten. Um so mehr, da, als ich am Abend dem General Cialdini die Ereignisse des Tages mitteilen ließ, er mir folgende Antwort erteilte: »Ihr seid schön dumm, wenn Ihr Euch auf solche Leute verlaßt!« Ich mußte also für die weiteren Anordnungen auf mich und meine Gefährten zählen, um nicht dem feindlichen Heere, das noch ungebrochen war und sich in geringer Entfernung befand, wie die Ereignisse in der Nachbarschaft erwiesen, in die Klauen zu geraten.

Während des oben beschriebenen Kampfes nämlich bemerkte ich, daß der Feind auf unserer Rechten vorwärts ging, und schloß daraus mit gutem Grund, daß er die Absicht habe, unsere Streitkräfte, die sich noch am Chiese befanden, abzuschneiden. Ich sandte deshalb dem Obersten Arduino Befehl, die neuerbaute Brücke im Stich zu lassen und sich in die Berge in der Gegend von Novolento zurückzuziehen. Der Oberst aber gab meinen Befehlen eine allzu weitgehende Auslegung und zog sich nicht nur auf Novolento zurück, sondern sandte die Artillerie über Gavardo nach Brescia und schlug selbst mit der Infanterie den Bergpfad ein, um in der gleichen Richtung zurückzugehen. Nachdem ich den Obersten Cosenz und Medici meine Dispositionen für die Zusammenziehung der Truppen an bestimmte Punkte übermittelt hatte, sprengte ich zu Arduino, um am Fuße der Berge, wo sich Stellungen vorfanden, die die Möglichkeit boten, sich gegen überlegene Streitkräfte zu halten, seine Verbindung mit den übrigen Abteilungen herzustellen. Ohne Adjutanten, weil Cenni das Pferd getötet worden war und die übrigen entweder ermattete Pferde hatten oder von mir anderswohin ausgesandt waren, ritt ich allein vorwärts, indem ich von einem jeden, der mir begegnete, Nachrichten einzog; es waren aber nur sehr wenige Einwohner, die nicht geflohen waren oder sich versteckt hielten, um der Belästigung und Plünderung durch befreundete oder feindliche Soldaten zu entgehen – abgesehen davon, daß die »ruhmvollen Schlachten« für die Unbeteiligten naturgemäß wenig Interesse haben – und wenigstens das Landvolk ist bis jetzt den italienischen Kämpfen gegenüber stets unbeteiligt geblieben, wofern es sich nicht gar uns feindlich erwiesen hat. Jede Nachricht aber, die ich einzog, bestätigte mir, daß die Truppe, die ich suchte, sich weit entfernt hatte, so daß ich es nur der Ausdauer meines Pferdes, das den ganzen Tag über im Galopp verblieb, zu danken hatte, daß ich sie schließlich doch noch erreichen konnte: ohne diese Ausdauer des Tieres wäre ich gezwungen gewesen, noch am nächsten Tage jenen Teil meiner Brigade in den Bergen gegen Brescia hin oder in Brescia selbst zu meiner nicht geringen Beschämung zu suchen.

Die Brigade befand sich am Abend aufgelöst von Rezzate bis Nuvolera, Nuvolenta usw., während die Hauptarmee auf der Straße von Brescia vorging. General Cialdini, der mir persönlich befreundet war, hatte auf die Nachricht von unserem Renkontre bei Treponti sein mögliches getan, um vorwärts zu kommen: er bildete nämlich die Vorhut der Hauptarmee. Er erklärte, er habe einige seiner leichten Truppen zu unserer Unterstützung entsandt; freilich kamen sie uns nicht zugute, weil sie, durch die langen Märsche ermattet, uns erst nach der Beendigung des Kampfes erreichten. – Wir blieben einige Tage hindurch in den geschilderten Stellungen. Unsere Gegenwart und die Fortschritte des Hauptheeres bewirkten, daß die Bewohner von Gavardo, Salò Salò auf dem Westufer des Gardasees, Gavardo zwischen Brescia und Salò am Chiese. usw. sich uns in jeder Weise willfährig zeigten. Und da überdies die von Gavardo die dortige Brücke über den Chiese, die die Österreicher ebenfalls zerstört hatten, wieder herstellten, beschloß ich, diese Brücke zu überschreiten und gegen Salò vorzudringen. Ich zog also meine ganze Macht in Gavardo zusammen, und wir überschritten nächtlicherweile den Chiese und wandten uns nach Salò. Major Bixio erhielt den Befehl, diese am Gardasee belegene Stadt mit seinem Bataillon in der Nacht zu nehmen, und die Brigade verblieb für diese Nacht auf den die Straße beherrschenden Höhen im Norden und zog am folgenden Morgen in Salò ein. – Indem ich aber beschloß, zum Gardasee zu marschieren, hatte ich gleichzeitig von den Seen von Como und Iseo her einige Boote beschaffen lassen, die nun mit uns in Salò eintrafen. Ich hatte jene Boote besorgt, weil ich natürlich annahm, daß der Feind bei Aufgabe des westlichen Ufers des Sees seine Boote zurückgezogen oder zerstört haben werde. Aber sie waren weder zurückgezogen noch zerstört worden. – Wir besetzten Salò für einige Tage, und das wichtigste Ereignis während unserer Anwesenheit dort war die Zerstörung eines feindlichen Dampfers. Solange wir nämlich in Salò waren, kam täglich ein österreichischer Dampfer heran, um uns zu beobachten, und zu diesem Zwecke drang er bis in das Innere des Hafens ein, indem er rückwärts lief, das Hinterteil dem Eingang des Hafens zugewandt, um im Notfall schnell entkommen zu können. Nachdem ich dieses täglich wiederkehrende Manöver beobachtet hatte, bat ich den Befehlshaber einer starken Abteilung des regulären Heeres, die sich in Gavardo befand, um eine halbe Feldbatterie mit 2 Haubitzen. Als die Halbbatterie eingetroffen war, ließ ich sie am Eingang des Hafens zur rechten Seite der Einfahrtrichtung aufstellen, in einer Stellung, die nicht zweckmäßiger hätte sein können, wenn man sie eigens hierfür geschaffen hätte. Die Stücke standen unmittelbar am See, waren aber dergestalt von Gebüsch verdeckt, daß sie von außen her den Blicken völlig entzogen waren, während sie gleichwohl den See nach allen Richtungen hin bestrichen. Links von der Einfahrt hatte ich die genuesischen Schützen unter ihrem Hauptmann Paggi in einem Hinterhalt aufgestellt, durch das dort befindliche Gebüsch ebenfalls unsichtbar. Der Dampfer kam in den Hafen wieder, wie immer, rückwärts laufend. Sobald er aber in den Bereich der Schützen kam, begannen diese ihn mit ihren Präzisionskarabinern zu beschießen. Das Feuer der Schützen bewirkte, daß der Dampfer sich von ihnen entfernte und der anderen Seite nahe kam, wo die Halbbatterie versteckt lag. Nach nur wenigen Schüssen dieser braven Artilleristen entstand Feuer an Bord des Dampfers, das sich nicht wieder löschen ließ. Er versuchte nun, mit Entfaltung seiner ganzen Schnelligkeit, das gegenüberliegende Seeufer zu gewinnen, aber das gelang ihm nicht mehr – er ging in geringer Entfernung davon unter. Zu meinem Leidwesen erinnere ich mich nicht mehr des Namens des wackeren Artillerieoffiziers, der die Kanonen gerichtet hatte; es freut mich aber, hier ein lobendes Wort über unsere italienische Artillerie aussprechen zu können, die sicherlich keiner anderen der Welt nachsteht.

General Cialdini, dessen Befehlen ich vom König unterstellt worden war, trug mir jetzt auf, mit der Brigade ins Valtellin Das Tal der oberen Adda mit den Hauptorten Sandrio und Bormio. zu marschieren. Ich sandte den Obersten Medici dorthin voraus, und er zog alle unsere Abteilungen zusammen, die sich in jener Richtung befanden, und drängte die Österreicher gegen das Stilfser Joch zurück. Ich folgte mit der Brigade in das Valtellin, nachdem ich den Comer See von Lecco bis Colico Colico am Ostufer des Sees, an der Mündung der Adda in diesen. auf Dampfern durchfahren hatte. Wir besetzten das Tal bis Bormio hin, von wo aus Medici gegen Stilfs vordrang und die Feinde zwang, vom lombardischen Boden zu weichen. Unsere jungen Alpenjäger aber legten unter der Führung von Medici, Bixio, Sacchi und anderen abermals Proben von Tapferkeit und Ausdauer in dieser für sie neuen Art der Kriegführung zwischen den Schluchten und Felswänden der von ewigem Schnee bedeckten Alpen ab, wo die Feinde, die fast alle Tiroler waren, die genaue Kenntnis des Terrains und die Gewöhnung an das Klima vor ihnen voraus hatten. – So waren wir also Herren des Valtellin, und General Cialdini besetzte mit der vierten Division der Hauptarmee Val Camonica und Val Trompia Val Camonica ist das Tal des oberen Oglio, der dem Iseosee zuströmt, Val Trompia das Tal des Flüßchens Mella, östlich vom Oglio. bis zum Gardasee hin. Oberst Brignone von der nämlichen Division besetzte Val Comonica. – Ich halte es nicht für überflüssig, hier ein Wort über die Schicksale der vierten Division zu sagen, die, von sehr ausgezeichneten Offizieren befehligt, ohne Zweifel eine der besten des italienischen Heeres war. War sie aus dem Verbände des Hauptheeres abgelöst worden, weil man wirklich das Erscheinen eines starken österreichischen Korps von jener Seite, von Tirol her erwartete? Oder sollte unser Hauptheer vermindert werden und daher in der entscheidenden Schlacht, die unfehlbar am Mincio angeboten werden mußte, weniger stattlich auftreten? Oder sollte sie das Korps der Alpenjäger überwachen, das in jenen Tagen in besorgniserregender Weise zunahm, und ihm seine Unabhängigkeit entziehen, die zwar den Wünschen des Königs entsprach, aber gewissen hochgestellten Personen nicht behagte? Dem Fuchs Bonaparte wäre, meine ich, jene erste Auslegung wohl zuzutrauen gewesen, und es wäre also die Entfernung jener Division vom Heere, das so eines tapferen Führers und einer vortrefflichen Division beraubt wurde, ein bloßer Vorwand gewesen. Ferner aber hatte nicht ausbleiben können, daß die Alpenjäger, die von 1800 Mann, auf welche Zahl sie nach der Affäre von Treponti herabgesunken waren, sich in wenig mehr als einem Monat wie durch Zauber bis auf 12 000 vermehrt hatten, den Leuten mit dem Strohzopfe, die laut verkündet hatten, die Freischaren taugten nichts, lästig wurden, da sie die Schwäche hatten, ihre Furcht zu erregen. Jene schuldbeladenen Leute haben Furcht vor uns und wissen auch wohl, weshalb. Man nennt uns Revolutionäre; diese Bezeichnung ehrt uns, und wir werden auf diesen ehrenvollen Titel nicht verzichten, solange noch Nichtswürdige auf der Erde sind, die, um im Überfluß schwelgen zu können, den besten Teil der Nation in der Knechtschaft und im Elend belassen. Aber jene törichte Art des Vorgehens konnte auch dem ränkevollen Geist des dritten Napoleon entsprungen sein und von dort aus ihren Weg in die Seele des Königs und seiner elenden Höflinge genommen haben. Tatsache ist, daß, als die Schlacht von San Martino stattfand, Die Schlacht wird gewöhnlich nach Solferino genannt, wo die Franzosen kämpften; die Piemontesen dagegen kämpften bei San Martino (24. Juni 1859). dem italienischen Heer, das im ganzen 5 Divisionen zählte, die vierte abging, die den übrigen trefflich hätte an die Hand gehen und ihnen die Schwere des Kampfes, den sie zu bestehen hatten, erleichtern können. Jene Furcht vor österreichischen Korps, die von Tirol herabkämen, sei sie wirklich oder erdichtet gewesen, trat mir von meiner Ankunft in Lecco an entgegen, wo ich ein Detachement der französischen Genietruppen mit einem höheren Offizier beschäftigt fand, die Hauptstraße, die von Lecco ins Valtellin führt, zu unterminieren. Allerdings hatte dieser Offizier den Befehl, sich mit mir über das, was zu geschehen habe, zu verständigen, und ich bat ihn dann, da ich keinerlei Kunde von der Annäherung feindlicher Korps von dieser Seite hatte, von seinem Zerstörungswerk abzustehen. Ich glaube, daß auch General Cialdini den zweifellos aus der nämlichen Quelle stammenden Befehl hatte, in den höher gelegenen Tälern ebenfalls Straßen und Brücken zu zerstören, und entsprechende Befehle gelangten an Oberst Brignone, der Val Camonica besetzte, und an mich im Valtellin. – Der Oberst ließ widerwillig einige Zerstörungen vornehmen, und ich ließ von Ingenieuren die Punkte erforschen, die sich im Notfalle am besten dazu eigneten, zerstört zu werden, ließ aber nichts zerstören, da es mir als eine Handlung unzeitiger Furcht erschien, Straßen und Brücken zu zerstören, die für die armen Talbewohner schlechterdings unentbehrlich waren, ohne daß Nachrichten von Feinden, wenigstens von größeren Massen, vorlagen. Mittlerweile hatten die großen Schlachten von Solferino und San Martino stattgefunden, und dann kam es zu dem Frieden von Villafranca, Schon am 8. Juli kam es zum Waffenstillstand und am 11. zum Präliminarfrieden von Villafranca (südlich von Verona, an der Bahn nach Mantua). den viele für ein Unglück, ich aber für ein großes Glück hielten.

Zur Zeit des Waffenstillstandes und dann des Friedens von Villafranca bildeten die 12 000 Mann zählenden Alpenjäger 5 Regimenter und hielten die 4 Täler Valtellina, Camonica, Sabbia und Trompia bis zur Tiroler Grenze besetzt. General Cialdini war mit seiner Division auf Brescia zurückgegangen. Als Verstärkung für die 5 Regimenter Alpenjäger war endlich das Regiment Jäger der Apenninen eingetroffen, dessen Sendung an uns Cavour gegen die schon im Anfang des Feldzuges ergangene Weisung des Königs unter verschiedenen Vorwänden bis zur Beendigung des Feldzuges hingehalten hatte. Mit den Jägern der Apenninen kam auch Oberst Malenchini zu uns, der nämliche, der zu der Zeit, als die Jugend aus ganz Italien herbeizuströmen begann, um sich in das piemontesische Heer einzureihen, mit 900 jungen Leuten aus Toskana gekommen war. Malenchini war für mich eine sehr erfreuliche Erwerbung, sowohl wegen der Verehrung, die er bei seinen Soldaten genoß, wie auch wegen der herzlichen Freundschaft, die er mir entgegenbrachte. – Wenig später kam auch Montanelli, dem ich von dem Augenblick an, da ich ihn im Jahre 1848 in Florenz kennen gelernt hatte, zugetan war und der wegen seiner wahrhaft vorbildlichen Selbstverleugnung die Achtung aller verdiente. Er diente als gemeiner Soldat im Korps der Jäger der Apenninen. Montanelli, Filopanti und Massimo d'Azeglio sind 3 Männer, die mir wegen ihres Mutes und ihrer überlegenen Intelligenz stets eine wahrhafte Verehrung eingeflößt haben. In ihnen verehre ich das Ideal des großen Staatsbürgers. Zwei von ihnen haben für einen Augenblick Doktrinäre sein können, aber am Tage der Gefahr bezahlten sie mit ihrer Person. Bei Curtatone und bei Vicenza wurden jene beiden erlauchten Regierungsmänner verwundet, als sie als gemeine Soldaten an der Seite der italienischen Patrioten fochten. Filopanti, den großen Astronomen, den unerschrockenen Abgeordneten in der römischen konstituierenden Versammlung, sah ich mit seiner Flinte für die Verteidigung Roms kämpfen. Italien darf wohl stolz sein, so große Männer erzeugt zu haben. Montanelli inmitten der toskanischen Jugend bei Curtatone, und Massimo in den Reihen der Kämpfenden bei Vicenza sind gigantische Gestalten, und ihre ehrenvollen, auf den Schlachtfeldern erworbenen Narben umleuchtet der Glanz ewigen Ruhmes. Als Malenchini mit der jungen Mannschaft von Toskana nach Piemont zog, hatte er den Posten des Kriegsministers in Florenz aufgegeben, den die damals allmächtige öffentliche Meinung ihm mit Fug und Recht verliehen hatte. Da aber die Stunde der Schlachten in der Lombardei herannahte, ließ er das Ministerium im Stich und eilte dahin, wo es zu kämpfen galt. Diese Selbstverleugnung der bescheidenen, verdienstvollen Patrioten ist freilich oft zu weit getrieben worden, weil die von ihnen hochherzig aufgegebenen hohen Stellungen gewöhnlich Intriganten zufallen, die zum Unglück des Landes beitragen.

Der Waffenstillstand von Villafranca, in dem alle sogleich den Vorboten des Friedens erkannten, versetzte die Alpenjäger in eine Lage, die ihrem Wesen wenig zusagte. Diese hochherzigen jungen Männer, die ihren Beruf und die Annehmlichkeiten des Lebens verlassen hatten, um dahin zu eilen, wo für Italien gestritten wurde, waren für das friedliche Leben in der Garnison, für die Einförmigkeit des Daseins in den Quartieren und zumal für die übertriebene Disziplin, die in Friedenszeiten die königliche Armee regiert, wenig geeignet. Vom Beginn des Waffenstillstandes an sah ich daher wohl ein, daß die Alpenjäger inmitten des piemontesischen Heeres und unter der gleichförmigen und unerfreulichen Verwaltung des Ministeriums La Marmora Cavour trat nach dem Frieden von Villafranca, der Österreich im Besitz von Venetien ließ, zurück. als eine exotische Pflanze dastehen würden. Andererseits erweckten die Nachrichten aus Mittelitalien die Hoffnung auf kriegerische Betätigung. Man sagte, der Herzog von Modena stehe im Begriff, in das Herzogtum einzufallen, und die Schweizer des Papstes seien begierig, nach der Zerstörung von Perugia sich auf die Romagna zu werfen.


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