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1. Buch

1. Kapitel.
Fahrt nach Italien

In jenen Tagen – etwa Anfang des Jahres 1848 – war die Nachricht von den Reformen des Papstes Pius IX., gewählt am 16. Juni 1846. Ihm boten Garibaldi und Anzani, einer seiner Genossen, durch einen an den Nuntius in Brasilien gerichteten Brief zuerst ihre Dienste an, erhielten aber keine Antwort. bis zu uns Eine größere Anzahl von Landsleuten, die ebenfalls von ihrem Vaterlande ausgestoßen worden waren, hatte sich in Amerika um Garibaldi gesammelt und als »italienische Legion« unter seinem Befehl an den dortigen Kämpfen teilgenommen. gedrungen; und daß die Abneigung der italienischen Nation gegen die Fremdherrschaft den Gipfel erreicht habe, ergab sich mit voller Deutlichkeit aus allen Briefen, die am La Plata einliefen. Der Gedanke der Rückkehr in das Vaterland und die Hoffnung, unseren Arm seiner Befreiung darbieten zu können, ließ seit geraumer Zeit unsere Herzen höher schlagen. Schmerzlich war es, das Land, das uns eine Zuflucht geboten hatte und unser Adoptivvaterland geworden war, und die Waffenbrüder verlassen zu sollen; aber die montevideanische Frage war lediglich eine Sache diplomatischer Verhandlung geworden, und uns blieb nichts als Überdruß und Demütigung, wenn nicht Schlimmeres, wie sich wohl annehmen ließ, da man es mit der französischen Regierung zu tun hatte, die unserer Nation stets feind gewesen ist.

In dieser Lage der Dinge faßten wir den Entschluß, eine Schar unsrer Besten zu versammeln, die Mittel der Überfahrt zu beschaffen und nach Italien unter Segel zu gehen.

Zu 63 verließen wir die Ufer des La Plata, um uns nach Italien zu begeben und den Befreiungskampf zu kämpfen. Denn es lagen nicht nur viele Anzeichen von aufständischen Bewegungen auf der Halbinsel vor, sondern wir waren auch, falls es sich anders herausstellen sollte, entschlossen, das Glück zu versuchen und Erhebungen hervorzurufen, indem wir an den waldigen Küsten Toskanas zu landen gedachten oder wo immer unsere Anwesenheit am meisten erwünscht oder nützlich sein möchte. So schifften wir uns also auf der Brigantine Speranza (Hoffnung) ein, die wir dank unserer eigenen Ersparnisse und der hochherzigen Vaterlandsliebe einiger unserer Landsleute zu mieten vermochten. Unter unsern Förderern aber ist besonders unser ausgezeichneter Freund Stefano Antonini zu nennen, der die Heuerung des Schiffes und die Beschaffung des notwendigen Unterhalts für die Reise größtenteils auf sich nahm. So gingen wir der Erfüllung unseres heißesten Verlangens, unseres Lebenswunsches entgegen und wir eilten, die zur Verteidigung unterdrückter fremder Länder glorreich geführten Waffen unserem ehrwürdigen Vaterlande darzubieten. O dieser Gedanke war übermäßige Belohnung für die Gefahren, Leiden und Entbehrungen, die wir in einem ganzen Lebenslauf von Leiden antreffen mochten! Unsere Herzen schlugen in hochgehender Erwartung. Wenn unsere schwielige Rechte in den Kämpfen des Auslands zur Verteidigung Fremder stark war, was würde sie nicht für Italien ausrichten! Vor uns öffnete sich das Eden unserer Einbildungskraft, und hätte nicht der Gedanke an das, was wir hinter uns zurückließen, unser Glücksgefühl ein wenig gedämpft, so wäre unsere Seligkeit vollständig gewesen. Hinter uns blieb das Volk zurück, das unsere Zuneigung sich erworben, dessen wenige Freuden und zahlreiche Schmerzen wir lange Jahre hindurch geteilt hatten. Und wir ließen es zurück, zwar weder besiegt noch auch mutlos, wohl aber in den Schlingen des böswilligsten aller irdischen Gebilde, der französischen Diplomatie. Wir verließen unsere Waffenbrüder noch vor der letzten Entscheidungsschlacht: das war uns tief schmerzlich, welches auch immer die Ursache war. Jenes Volk, das bei unserem Erscheinen gejubelt, das zuversichtlich und ruhig auf die Tapferkeit unserer Streiter vertraut, das uns bei jedem Anlaß unzweideutige Zeichen seiner Zuneigung und seiner Dankbarkeit gegeben hatte, und jenes Land, das wir wie dessen eigene Söhne liebten, und das die Gebeine so vieler unserer Landsleute und Mitstreiter barg! Am 15. April fand die Abreise statt. Mit günstiger Brise, wenngleich bei stürmischem Wetter aus dem Hafen von Montevideo ausfahrend, fanden wir uns des Abends zwischen der Küste von Maldonado und der Insel Lobos. Am folgenden Morgen zeichneten sich noch die Gipfel der Sierra de las Aninas in verschwimmender Ferne ab, dann verschwanden sie völlig, nur die unermeßliche Fläche des Ozeans bot sich unseren Augen dar, und vor uns lag die schönste und erhabenste Aufgabe, die Befreiung des Vaterlandes. 63 waren wir, alle noch jung, alle auf den Schlachtfeldern zu Männern geworden. 2 waren krank: Anzani, der in den Kämpfen für die heilige Sache des Volks seine Gesundheit zum Opfer gebracht hatte und in schmerzhaftem Siechtum sich verzehrte, und der am Knie schwer verwundete Sacchi, den es dank der brüderlichen Sorgfalt der Gefährten gelang, zwar nicht gesund, aber doch unversehrt auf das italische Gestade zu schaffen, während Anzani in Italien nur sein Grab an der Seite seiner Angehörigen finden sollte.

Unsere Reise war kurz und vom Glück begünstigt. Die durch die Fahrt uns gewährte Muße verkürzten wir uns in nützlichen Gesprächen. Die weniger Gebildeten wurden von den besser Unterrichteten belehrt; auch körperliche Übungen wurden nicht vernachlässigt. Ein Hymnus an das Vaterland, der von unserem Genossen Coccelli gedichtet und in Musik gesetzt war, bildete unser tägliches Abendgebet. Coccelli stimmte an und ein Chorus von 60 Stimmen fiel begleitend und wiederholend ein.

So durchmaßen wir den Ozean. Über das Schicksal Italiens waren wir noch ganz im unklaren; wir wußten nur von den Reformen, die Pius IX. versprochen hatte. Der Punkt, an dem wir ans Land zu gehen planten, war Toskana; dort wollten wir landen, welches auch immer die politische Sachlage sei, mochten wir nun Freunde antreffen oder Feinden begegnen, die wir bekämpfen müßten. Aber ein Anlegen bei Santa Pola an der spanischen Küste D. i. die kleine Insel Palos bei Cartagena. veranlaßte uns, unsere Absichten zu ändern und Nizza als Ziel der Fahrt anzusetzen. Die Krankheit Anzani's nämlich hatte sich verschlimmert, und unser geringer Vorrat an Lebensmitteln war aufgebraucht; wir mußten ans Land gehen, um neue Vorräte einzunehmen. So kamen wir also nach Santa Pola, und der Kommandeur der Speranza, Kapitän Gazzolo, ging ans Land, kam aber schnell wieder an Bord mit Nachrichten, die geeignet gewesen wären, auch weniger begeisterungsfähige Menschen als uns vor Freude närrisch zu machen: Palermo, Mailand, Venedig und die 100 Schwesterstädte Man spricht von den »100 Städten« (»le cento città«) Italiens, womit eben ganz Italien gemeint ist, in dem ja bekanntlich das städtische Element stets von hervorragender Bedeutung gewesen ist. hatten die wunderbarste Umwälzung bewirkt; die österreichische Armee war geschlagen und wurde von der piemontesischen verfolgt; Die Anfänge des Krieges Piemonts gegen Österreich waren günstig; die Piemontesen siegten in den Gefechten bei Goito, Valeggio und Monzambano am Mincio (8.-10. April 1848) und begannen die Belagerung der Festung Peschiera am Garda-See. ganz Italien entsprach wie ein Mann dem Ruf zu den Waffen und sandte seine stolzen Söhne in den heiligen Kampf! Ich überlasse den Lesern, sich die Wirkung auszumalen, die solche Nachrichten bei uns hervorriefen: wir liefen auf dem Deck der Speranza umher, umarmten einander und vergossen Freudentränen. Selbst Anzani erhob sich und vergaß sein schreckliches Leiden; Sacchi aber wollte um jeden Preis vom Lager gehoben und auf das Deck gebracht werden.

Die Segel auf, die Segel auf! war der Ruf aller, und wäre dem nicht auf der Stelle entsprochen worden, so hätte es Empörung an Bord gegeben. Ehe man es sich versah, waren die Anker gelichtet und die Brigantine unter Segel. Selbst der Wind schien unserem Sehnen, unserer Ungeduld günstig zu sein. In wenigen Tagen führte uns die Fahrt, an den Küsten Spaniens und Frankreichs entlang, in Sicht des Landes der Verheißung, Italiens! Und wir kamen nicht mehr als Geächtete, nicht mehr gezwungen, uns die Landung auf der vaterländischen Erde zu erkämpfen. So ließen wir also die Absicht fallen, in Toskana ans Land zu gehen, und wählten Nizza, den ersten italienischen Hafen, den wir erreichten. Dort landeten wir am 23. Juni 1848.

Inmitten der Abenteuer, durch die mich mein stürmischer Lebenslauf geführt, hatte mich stets die Hoffnung auf bessere Tage aufrecht erhalten. Dort in Nizza nun ergoß sich eine Fülle des Glücks auf mich, wie es sich schöner nicht erdenken ließ. Wahrlich, zu groß war dies Glück, und ich hatte das Vorgefühl nahen Unheils. Meine Anita und die Kinder Zu dem im ersten Teil der Memoiren erwähnten Menotti waren noch zwei Kinder, Ricciotti und Teresa, gekommen., die Amerika einige Monate früher verlassen hatten, waren dort bei meiner bejahrten Mutter, die ich inbrünstig liebte, seit 14 Jahren aber nicht gesehen hatte. Den Vater traf Garibaldi nicht mehr am Leben; er war während der Verbannungsjahre des Sohnes gestorben. Teuere Verwandte und werte Jugendfreunde umarmten mich wieder und bezeugten ihre Freude, mich wiederzusehen, zumal unter so glücklichen Umständen. Jene meine trefflichen Mitbürger, von den glückverheißenden Zeichen, die am italienischen Himmel aufgegangen waren, in Begeisterung versetzt, waren stolz auf das wenige, das ich in der Neuen Welt vollbracht hatte. Meine Lage war damals sicherlich beneidenswert, und in leiser Wehmut rufe ich mir diese holden Erinnerungen zurück, die so schnell und so schmerzlich enden sollten!

Noch waren wir nicht an den Eingang zum Hafen gelangt, als ich bereits meiner teuren Lebensgefährtin ansichtig ward, die freudestrahlend in einer kleinen Barke sich unserem Schiffe näherte. Am Ufer aber zeigte sich eine unübersehbare Anzahl von Menschen; von allen Seiten strömten sie zur Bewillkommnung der tapferen kleinen Schar herbei, die, Entfernung und Gefahren für nichts achtend, den Ozean gekreuzt hatte, um ihr Blut dem Vaterlande darzubringen. Ihr tapferen, wackeren Genossen! Wie vielen von Euch war es beschieden, auf der heimischen Erde zu fallen mit Verzweiflung im Herzen, da Ihr sie noch nicht frei sahet. Prächtig waren an Mannhaftigkeit, an Tapferkeit, an rühmlichen Taten meine jungen Gefährten. Und daß sie der Aufgabe würdig waren, die sie auf sich genommen, das bewiesen sie auf den vaterländischen Schlachtfeldern, wo ihre Knochen bleichen, vielfach ohne Grab und ohne einen Stein, der der heutigen, durch sie von der Fremdherrschaft befreiten Generation von so großer Tapferkeit und so großen Opfern Zeugnis ablege! Montaldi, Ramorino, Peralta, Minuto, Carbone, an der Stelle, wo Ihr mit Euren Ruhmesgenossen gefallen seid, hat der Priester den Schergen des Bonaparte, die zuerst vor Euch flohen, dann aber mit ihrer Übermacht unter den Segenswünschen der Verräter Italiens Euch erdrückten, ein Denkmal aufgerichtet!

In Nizza hätten wegen der Quarantäne noch einige Förmlichkeiten durchgemacht werden müssen, aber davon wurde, da das Volk, das damals seiner Allmacht sich bewußt war, es so wollte, abgesehen. Um aber einen Begriff von dem Zustand unserer Finanzen zu geben, erwähne ich, daß wir nicht imstande waren, den Lotsen zu bezahlen, der uns in den Hafen brachte. Nachdem dann die Brigantine verankert war, wurden erst Anzani und Sacchi ans Land geschafft, dann folgten wir anderen, alle begierig, unseren Fuß auf italienische Erde zu setzen. Ich eilte, meine Kinder zu umarmen und die Mutter ans Herz zu drücken, der ich mit meinem abenteuerlichen Leben so viele Schmerzen verursacht hatte. Arme Mutter: der heißeste meiner Wünsche war sicherlich der, deine letzten Tage zu verschönern, und dein heißester Wunsch war es, mich friedlich an deiner Seite zu sehen. Aber wie ließen sich in diesem Lande der Priester und Räuber ruhige Zeitläufte und ein ungestörtes Verweilen zu deinem Trost in deinem beschwerlichen Greisenalter erwarten!

Die wenigen Tage des Aufenthalts in Nizza vergingen uns in ununterbrochenem Festesjubel. Aber man schlug sich am Mincio, und es war für uns ein Verbrechen, die Hände in den Schoß zu legen, während unsere Brüder gegen den Fremden stritten. So reisten wir nach Genua, dessen brave Bevölkerung es kaum abwarten konnte, uns freudig willkommen zu heißen. Man schickte uns einen Dampfer entgegen, um unsere Ankunft zu beschleunigen, der uns aber nicht mehr in Nizza fand und uns dann auch an der Küste von Ligurien vergebens suchte. Wir waren nämlich von der Strömung und ungünstiger Windrichtung gegen Korsika abgetrieben worden; doch gelangten wir endlich nach Genua, um einige junge Nizzarden verstärkt, die sich uns angeschlossen hatten, getrieben von der Begeisterung ihres Alters und der lebendigen Flamme, die damals in den Herzen der ganzen tapferen Bevölkerung der Halbinsel brannte. Die Bevölkerung von Genua empfing uns mit Freudenausbrüchen, die Behörden mit der Kälte eines seiner nicht sicheren Gewissens; es war das Vorspiel zu der langen Reihe von Zurückhaltungen und Dämpfungen, auf die wir während unseres Zuges durch das Land überall da stießen, wo die Idee des Vermittelns vorherrschte und die Autoritäten mehr aus Furcht vor dem Volke als aus innerster Überzeugung und Anhänglichkeit an den Fortschritt des Menschengeschlechts sich einer liberalen Haltung befleißigten.

Ich hatte Anzani bei dem Aufbruch aus Nizza bei meiner Mutter zurückgelassen; aber ungeduldig und von seinem Feuergeist getrieben schiffte er sich ungeachtet seiner durch die Todeskrankheit herbeigeführten Schwäche auf jenem Dampfer ein.

An dieser Stelle setzt meine Verdammung durch die Freunde Mazzini's ein, die heute – im Jahre 1872 – noch nicht aufgehoben ist; ihr Grund oder Vorwand ist zweifellos der Umstand, daß ich mich entschloß, mit meinen Genossen auf das Schlachtfeld am Mincio und nach Tirol zu marschieren, indem nämlich das Heer, das dort mit den Österreichern kämpfte, ein königliches war. Giuseppe Mazzini (1807–1872) hatte das Verdienst, in den trüben Zeiten der Reaktion nach 1830 im italienischen Volke durch seine Schriften die Anhänglichkeit an das gemeinsame, große Vaterland und die Idee seiner Befreiung von der Fremdherrschaft wach und lebendig zu erhalten. Auf der andern Seite blieb der von ihm gestiftete Geheimbund des »Jungen Italien«, der beinahe für Garibaldi verhängnisvoll geworden wäre, für die Fortentwicklung der Dinge ohne Ergebnis. Später hat Mazzini durch seinen verstockten Doktrinarismus oder Republikanismus dem Vollzug der Einigung Italiens unter Piemont nur Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Übrigens hielt Mazzini, im Gegensatz zu Garibaldi, der jederzeit bereit war, seine Haut zu Markte zu tragen, seine eigene Person stets in guter Sicherheit – abgesehen von seinem Erscheinen in Rom 1849, wo er aber, als die Krisis erfolgte, beizeiten für sein eigenes Heil sorgte, was ihm dann Garibaldi nicht ganz mit Unrecht zum Vorwurf machte. Die Mazzini'schen Häupter aber, die damals den armen sterbenden Anzani plagten, indem sie in ihn drangen, mich zu warnen, sind die nämlichen, die heute die Phalanx der untertänigsten Sklaven der Monarchie bilden! - Daß ich dann von meinem geliebten Waffenbruder in so vielen ruhmvollen Schlachten die Mahnung hören mußte, »die Sache des Volks nicht zu verlassen" und »mich offen für die Republik zu erklären", erfüllte mich mit Bitterkeit. Wenige Tage später hauchte jener wahrhaft große Italiener im Hause meines Freundes Gaetano Gallino seine Seele aus, ein Ereignis, wegen dessen ganz Italien hätte Trauer anlegen sollen; denn wäre Anzani uns erhalten geblieben und an die Spitze unseres Heeres getreten, so würde Italien längst von jeder Fremdherrschaft befreit sein. Ich habe sicherlich niemals jemanden gekannt, der vollkommener, ehrenwerter und kriegskundiger gewesen wäre als Anzani. Der Sarg des erlauchten Kriegers aber wurde in bescheidenem Aufzug durch Ligurien und die Lombardei geschafft, um in der Gruft seiner Väter, in seinem Geburtsort Alzate Im Comesischen, zwischen Lecco und Como. beigesetzt zu werden.


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