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13. Kapitel.
Angriff auf Reggio

Der Angriff auf Reggio erfolgte von der Hügelseite, nämlich von Osten, wo wir geringen Widerstand fanden, da man uns von dieser Seite her nicht erwartet hatte. Die bourbonischen Truppen schlossen sich in die Forts ein, nachdem sie uns beschossen hatten, wobei General Bixio, Oberst Plutino und einige wenige andere Offiziere und Soldaten verwundet wurden. Die feindlichen Vorposten wurden von uns abgeschnitten und teilweis gefangen genommen.

In jener Nacht spielte sich einer jener Vorgänge ab, die den jungen Mannschaften zur Warnung dienen können und die man unter allen Umständen vermeiden sollte. Ich empfehle bei den nächtlichen Angriffen stets, nicht zu feuern, und ich versäumte auch in jener Nacht nicht, diese Weisung vor Antritt des Marsches und während dessen wiederholt zu erteilen. Aber als nun meine jungen Gefährten auf dem Hauptplatz von Reggio aufmarschiert waren, nachdem sie den Feind in die Forts gescheucht hatten, gab ein einzelner Schuß, der, sei es aus den Reihen, sei es – nach Angabe einiger – von einem Fenster aus fiel, trotz meiner Warnungen den Anlaß, daß in der ganzen Kolonne, die ungefähr 2000 Menschen zählte, vielleicht halb unwillkürlich die Gewehre losgingen, ohne daß ein einziger Feind sichtbar war. Ich, der ich mich zu Pferde in Mitte des gefährdeten Vierecks befand – die Aufstellung war nämlich im Viereck, entsprechend der Gestalt des Platzes – sprang schnell ab, so daß ich den Kugeln entging, von denen nur eine meinen Hut streifte. Es war nicht das erstemal, daß ich Zeuge solcher Unregelmäßigkeit ward, die in der Tat für Truppen beschämend ist, da diese mit dem Mute stets Kaltblütigkeit zu verbinden wissen sollen. Im übrigen läßt sich diesen Unregelmäßigkeiten, wenn sie nicht in Flucht ausarten, immerhin abhelfen, wie es auch bei dem geschilderten Vorfall geschah; aber wenn die Panik zur Flucht wird und, wie es wohl geschieht, Feiglinge die Parole »Rette sich, wer kann!« ausgeben, dann wird die Sache wahrhaft schimpflich, und die Schuldigen verdienen nicht die Strafe des Erschießens, sondern Prügel und Fußtritte! »Reiterei, Reiterei!« – diesen Ruf habe ich von derartigem Gesindel ausstoßen gehört und gesehen, wie der Ruf die Flucht junger noch unerfahrener Mannschaften zur Folge hatte, die dann oft die Geübteren mit sich ziehen. Leute aber, denen so Schimpfliches begegnet, müssen naturgemäß wünschen, daß ihre Feigheit durch nächtliche Finsternis verhüllt werde, weil sie bei Tage sich dem Spott und der Verachtung selbst seitens feiler Dirnen aussetzen würden. Aber wie töricht handeln sie doch! Wenn wirklich Kavallerie sich nahte, was meistens in diesen Ausbrüchen panischen Schreckens, den in der Regel ganz nichtige Anlässe hervorrufen, gar nicht der Fall ist – wäre es dann nicht besser, ihr mit gefälltem Bajonett entgegenzutreten, als ihr den Rücken zu zeigen, da die Reiterei doch in Wahrheit nur für Fliehende furchtbar ist? Ich begreife, daß bei einer Kavallerieattacke durch die Straßen oder Plätze einer Stadt 20 Leute zu Pferde nach Tausenden zählende Massen in Unordnung bringen können; aber der einzelne Fußsoldat mit seinem Gewehr stellt sich seitwärts der Straße oder des Platzes unter ein Portal oder hinter einen Pfeiler, nimmt irgendeinen der Reiter aufs Korn und schießt ihm die Nasenspitze fort, falls er nicht die Absicht hat, ihn vom Pferde zu schießen. In jedem Falle sind die Ausbrüche von Panik, denen besonders die Südländer sich zugänglich zeigen, für jedwede Art von Soldaten schimpflich, und das einzige und beste Mittel dagegen besteht darin, die Leute nicht feuern zu lassen, das heißt am Tage wenig und in der Nacht noch weniger.

In Besitze der Stadt sagte ich bei Tagesanbruch zu General Bixio: »Ich steige auf die Höhen, um die Gegend auszukundschaften, und lasse Euch hier.« Ich hatte zwei Gründe zu diesem Entschluß: erstens, zu beobachten ob außerhalb Reggios noch feindliche Kräfte seien, und zweitens zu sehen, ob die Kolonne anrücke, die zurückgeblieben war und am Morgen ankommen sollte. – Kaum auf den Höhen oberhalb Reggios angelangt, wurde ich einer feindlichen Abteilung von etwa 2000 Mann gewahr, die von Norden herankam und gegen die Höhen heranmarschierte, auf denen ich mich befand. Als ich Reggio verlassen, hatte ich eine schwache Kompagnie Infanterie mit mir genommen; auch begleiteten mich meine drei Adjutanten Bezzi, Basso und Canzio, die an jenem Tage alle gezwungen waren, sich gleichsam zu vervielfältigen angesichts der Geringfügigkeit unserer Zahl im Vergleich zu der Stärke des Feindes. Meine kleine Macht hatte ich auf der höchsten Spitze jener Hügel aufgestellt, wo sich das Haus eines Bauern befand, den ich sich zu entfernen veranlaßte, da ich ein Gefecht voraussah. Meine Voraussicht war denn auch keine irrige: die Abteilung des Generals Ghio, des Höchstkommandierenden der Streitmacht von Reggio, war tatsächlich im Anzuge und befand sich schon in unserer Nähe. Ich setzte die erwähnte Kompagnie in Verteidigungszustand und schickte nach der Stadt um Verstärkung. – Die Lage war kritisch: der Feinde waren viele, der Meinigen wenige, und wären die Bourbonischen, statt ihrer Lieblingsmethode gemäß im Anmarsch zu feuern, meinen wenigen Leuten geradezu auf den Leib gerückt, so hätten diese ihnen unmöglich widerstehen können, und der Ausgang des Zusammenstoßes wäre sehr zweifelhaft gewesen; denn während die Stadt Reggio selbst unmittelbar am Meere liegt, wird sie von den umgebenden Hügeln auf allen Seiten – ausgenommen auf der Seite der Meerenge – beherrscht, und wenn die Bourbonischen im Besitz dieser beherrschenden Höhen geblieben wären, während sich auch die Forts noch in ihrer Gewalt befanden, so hätte die Sache leicht eine sehr ungünstige Wendung für uns nehmen können. Aber auch dieses Mal lächelte uns der Sieg! Als nämlich die von dem General Bixio gesandten Verstärkungen, zwar gering an Zahl, aber unverzüglich angekommen waren, vermochten wir die anfangs eingenommenen hochgelegenen Punkte zu behaupten, und als wir uns in genügender Anzahl sahen, stürzten wir uns auf den Feind, der das Schlachtfeld räumte und den Rückzug nach Norden antrat.

Die Ergebnisse der Kämpfe von Reggio waren von größter Bedeutung. Die Forts ergaben sich nach schwacher Gegenwehr, und wir kamen in den Besitz eines ungeheuren Kriegsmaterials sowie reichlicher Lebensmittel und erwarben einen als Basis für die Operationen auf dem Festlande höchst wichtigen Platz.

Am Morgen wurde die Verfolgung des Korps Ghio aufgenommen, das einen Tag später kapitulierte und viele Kleinwaffen sowie einige Feldbatterien in unseren Händen ließ. Ferner ergaben sich sämtliche Forts, die die Straße von Messina beherrschen, darunter auch die Festung Scilla, in deren Nähe die Division Cosenz gelandet war, die in Vereinigung mit der Division Bixio zu der Kapitulation Ghio's beigetragen hatte. – Hier muß ich eines für die Demokratie der ganzen Erde höchst schmerzlichen Verlustes gedenken, nämlich Deflotte's, der zur Zeit der französischen Republik Vertreter der Einwohner von Paris gewesen und sich, von Bonaparte geächtet, nunmehr den Tausend von Sizilien angeschlossen und mit der Division Cosenz die Meerenge überschritten hatte. Die Bourbonischen waren auf die Nachricht von der Landung der genannten Division nach der Küste marschiert, um sie anzugreifen, hatten sich dann aber begnügt, mit ihnen zu scharmützeln. In einem dieser Kämpfe wurde Deflotte, der sich dabei durch bewunderungswürdige Unerschrockenheit hervortat, durch eine feindliche Kugel tödlich verwundet.

Unser Marsch durch Calabrien gestaltete sich zu einem wahrhaften, glänzenden Triumphzug, indem wir zwischen kriegerischen, begeisterten Einwohnerscharen eilends einherzogen, von denen ein großer Teil bereits die Waffen gegen den bourbonischen Unterdrücker erhob.

In Soveria In der Provinz Catanzaro. legte die Division Vial, die gegen 8000 Mann zählte, die Waffen nieder und überlieferte mir ein unermeßliches Material an Kanonen, Flinten und Munition. Die Brigade Caldarelli kapitulierte mit der calabresischen Abteilung Morelli in Cosenza. Endlich nach einer schnellen Fahrt von wenigen Tagen erreichte ich, meinen marschierenden Truppen stets voran, die trotz Gewaltmärschen mich nicht einholen konnten, die schöne Partenope. D. i. Neapel.


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